E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Andersen Drunter und Drüber
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96215-330-4
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-96215-330-4
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
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1
Als J.D. Carver einen Tag früher als geplant in Star Lake, Washington, ankam, war der Tank seines uralten Ford Mustang laut Anzeige leer. Aber das war er immer – die Nadel klemmte, seit der Wagen 1993 von ihm erstanden worden war. Der Kofferraum war mit ein paar seiner Lieblingselektrohandwerksgeräte, einer Werkzeugkiste und einem gut bestückten Zimmermannsgürtel beladen, auf dem Rücksitz lagen zwei Tischsägen, in seiner Hosentasche steckte eine antike goldene Uhr, und eine alte Leinentasche enthielt alles, was er sonst noch auf der Welt besaß. Außerdem war er befrachtet mit einem Sammelsurium unguter Gefühle, das ihm wie ein Felsbrocken im Magen lag.
Sein Leben in Seattle war vollkommen verpfuscht, und es half ihm nichts zu wissen, dass die Schuld daran allein er selber trug. An seinen Kumpel Butch, an Bob Lankovich, den Mann, in dessen Unternehmen er vom kleinen Auszubildenden zum Vorarbeiter aufgestiegen war, und der inzwischen im Knast saß, oder dessen schwachsinnigem Sohn Robbie wollte er momentan nicht einmal denken.
Er hatte von dem ganzen Durcheinander – von seinem Pariah-Dasein und den ständigen Drohungen, die gegen ihn ausgestoßen wurden – schlicht die Nase voll. Himmel, er war ein Ausgestoßener in Rat City. Wie konnte jemand etwas tun, das derart schlimm war, dass er selbst in einer Gegend mit einem solchen Namen ein Aussätziger war? Das unerwartete Erbe von Edwina Lawrence kam genau zur rechten Zeit. Der perfekte Zeitpunkt, um einer Stadt den Rücken zuzukehren, in der ihn nichts mehr hielt.
Er lachte verbittert auf. Natürlich war auch in seiner Beziehung zu Edwina mehr als ein Wurm drin gewesen. Verdammt, vielleicht sollte er anfangen zu angeln. Köder besaß er in Gestalt der Würmer, die in seinen Beziehungen zu eigentlich allen Menschen steckten, schließlich mehr als genug.
J.D. rieb sich den steifen Nacken. Dies war so ziemlich seine letzte Chance. Seine Einzimmerwohnung hatte er gekündigt, die Werkzeuge, die nicht in den Wagen gepasst hatten, hatte er verhökert und sein Bankkonto geleert. Es war ihm also nichts geblieben in der Stadt, in der er aufgewachsen war, und falls die Sache schief ging, wüsste er ganz einfach nicht wohin. Also würde er dafür sorgen, dass die Sache klappte, egal, was geschah.
Er parkte seinen Wagen vor dem Sandstein-Holz-Gebäude, dessen hälftiger Eigentümer er urplötzlich war, blieb ein paar Minuten sitzen und atmete den würzigen Duft des klaren Seewassers und der Nadelbäume ein. Dann griff er in die Tasche seiner Jeans und strich mit einem Finger über die goldene Uhr von Edwinas Vater, die ihm zusammen mit dem Anteil an dem Hotel von ihr hinterlassen worden war.
Obwohl sie ihn einmal des Diebstahls ebendieser Uhr bezichtigt hatte.
Dieser uralte Verrat machte ihm stärker zu schaffen als die Drohungen, die Robbie gegen ihn ausstieß, oder die Enttäuschung, weil er – wie nicht anders zu erwarten – von Butch zur Begleichung einer alten Schuld aufgefordert worden war.
Er schnaubte leise. Die Feststellung, dieser Verrat mache ihm zu schaffen, war eine höfliche Untertreibung.
Wie immer zogen sich auch jetzt seine Eingeweide bei der Erinnerung an die alte Geschichte elendig zusammen, doch das durfte nicht passieren, und so stieg er aus dem Wagen, schulterte seine Leinentasche und starrte auf die imposante mit Schindeln gedeckte Sandsteinveranda, die entlang der gesamten Vorderfront des Haupthauses verlief.
War es nicht schon schlimm genug, dass ein in der Kindheit erlittenes Unrecht sein ganzes bisheriges Leben hatte trüben können? Weshalb störte die Erinnerung daran ihn ausgerechnet jetzt in seiner Konzentration?
Denn – jede Wette – sicher finge in spätestens zwei Minuten der gnadenlose Kampf mit Edwinas Verwandten um den ihm von ihr vererbten Anteil an dem bisher familieneigenen Unternehmen an.
Dru dankte der Angestellten am Empfang und legte den Hörer des Telefons mit einem leisen Seufzer auf. O Gott, er war da. Mit leicht beschleunigtem Herzschlag straffte sie die Schultern. J.D. Carver stand draußen im Foyer. Dabei hätte er erst morgen kommen sollen.
Sie hatte sich eingebildet, sie hätte sich bereits völlig an die neue Situation gewöhnt. Hatte ehrlich gedacht, sie wäre bereit, Edwinas Erben mit offenen Armen sowohl in ihrem Betrieb als auch im Kreis der Familie zu empfangen. Doch dem plötzlichen Rasen ihres Pulses zufolge hatte sie sich darin offenbar getäuscht.
Sie stand auf, sah nach, ob ihr ärmelloses weißes Polohemd mit dem diskreten Logo des Hotels ordentlich in ihrer kurzen Hose steckte, strich mit beiden Händen über den frisch gestärkten dunkelgrünen Stoff, atmete tief ein und langsam wieder aus. Okay, sie war bereit. Sie wünschte sich nur, er wäre nicht früher als erwartet angekommen. Dadurch würde ihr Plan, ihn als Familie zu begrüßen, natürlich durchkreuzt.
Dru richtete sich zu ihrer ganzen Größe auf. Egal, jetzt müsste sie die Sache halt allein durchstehen. Seit ihrem sechzehnten Lebensjahr hatte sie beruflich täglich Dutzende von Fremden im Hotel empfangen, und außerdem waren Tante Soph und Onkel Ben nicht weit von ihr entfernt drüben in der für Carver reservierten Hütte, um sie möglichst einladend für ihn zu gestalten, und kämen bald zurück. Nicht dass sie sie bräuchte. Sie machte sich auf den Weg in Richtung des Foyers. Sieh ihn einfach als lang verreisten Vetter von dir an.
Was leichter gesagt als getan war, dachte Dru, als sie wenige Minuten später den vor dem mächtigen steinernen Kamin hockenden Hünen sah. Selbst von hinten betrachtet entsprach er keineswegs ihrer Vorstellung von einem Cousin.
Von der Stelle, an der seine dunklen Haare in seinen sonnengebräunten Nacken fielen, bis hin zu den mit Arbeitsstiefeln bekleideten Füßen, schien er ein einziges energiegeladenes Muskelpaket zu sein. Ein strahlend weißes T-Shirt spannte sich über seine breiten Schultern und seinen sich nach unten verjüngenden Rücken, bis es im Bund einer eng um seine muskulösen Schenkel und seinen straffen Hintern liegenden abgewetzten Jeanshose verschwand. Für den Bruchteil einer Sekunde setzte Drus Herzschlag aus für sie unerfindlichen Gründen aus.
Sie räusperte sich leise. »Mr. Carver?«
Er blickte über seine Schulter. Seine dunklen Brauen stießen über der Nase zusammen und er schien ebenfalls kurz den Atem anzuhalten. Doch das hatte sie sich vermutlich nur eingebildet, denn er sagte mit neutraler Stimme: »Nennen Sie mich nicht Mister. Mein Name ist J.D.«, und stand mit einer geschmeidigen, kraftvollen Bewegung auf.
Bei voller Größe sah er regelrecht furchteinflößend aus. Sein T-Shirt lag eng um seine Brust und seinen flachen Waschbrettbauch und schien über den Muskeln seiner Oberarme beinahe zu zerreißen. Er verströmte eine solche Energie, dass Dru aus einem Reflex heraus einen Schritt zurücktrat.
Dann jedoch riss sie sich zusammen und reichte ihm die Hand. »Also gut, J.D. Ich bin Dru Lawrence, die Hotelmanagerin.« Sie sah ihm in die Augen und merkte, dass das, was sie anfänglich für Braun gehalten hatte, ein von einem dunkelgrünen Ring umgebenes leuchtendes Grünbraun war. »Willkommen in der Star Lake Lodge.«
Ihre Finger begannen zu prickeln, als er sie kraftvoll mit seiner schwieligen Hand ergriff, und am liebsten hätte sie sie ihm ruckartig entrissen. Was war nur mit ihr los? Himmel, er war nicht der erste gut gebaute Mann, den sie in ihrem Leben traf – und es war völlig untypisch für sie, zu reagieren wie ein junges Mädchen, das sich plötzlich dem Sport-Ass ihrer Schule gegenübersah. Als er sie endlich losließ, widerstand sie dem Verlangen, sich die Hand an ihrer Hose abzureiben. Um die verbleibende Hitze loszuwerden, sagte sie sich erneut, denk an ihn als den lange verschollenen Cousin, und zwang sich zu einem Lächeln.
Ohne sich die Mühe zu machen, ihr Lächeln zu erwidern, nickte er mit dem Kopf in Richtung des Kamins. »Der Feuerbock ist gerissen. Er muss rausgezogen und wieder zusammengeschweißt werden.«
Himmel, der Kerl hatte wirklich Nerven – er war noch keine zehn Minuten da und fing schon an zu kritisieren. Dru bekam vor Zorn leuchtend rote Wangen und dachte, »Leck mich doch am Arsch«, sagte jedoch mit ruhiger Stimme: »Ich werde es notieren«, und fragte mit einem neuerlichen, noch gezwungeneren Lächeln: »Ist das hier Ihr Gepäck?«
Sie hatte sich bereits nach der Tasche gebückt, als seine Hand nach vorn schoss und sie ihr unter der Nase wegriss. Also stopfte sie die Hände in die Hosentaschen und richtete sich auf. Ihm eine Ohrfeige zu geben wäre sicher nicht der allerbeste Anfang für ihre Partnerschaft. »Sicher wollen Sie sich nach der langen Fahrt ein wenig frisch machen. Ich zeige Ihnen Ihre Hütte.«
»Dru!« Sally Jensen, das Mädchen vom Empfang, kam angeschossen, bedachte J.D. mit einem entschuldigenden Lächeln, starrte ein paar Sekunden reglos auf seine Brust und zwang sich, wieder ihre Vorgesetzte anzusehen.
Zum ersten Mal, seit sie ihrem neuen Partner gegenübergetreten war, verzog Dru den Mund zu einem echten Lächeln. Wow. Einen Augenblick lang hatte sie sich wirklich eingebildet, der Kerl würde ihr vielleicht gefährlich, aber J.D. Carver war anscheinend einer dieser Typen, auf die die Frauen flogen – wahrscheinlich hätte sie sich also eher Gedanken machen sollen, hätte sie seinen Adoniskörper nicht ebenfalls bemerkt. »J.D., das ist Sally Jensen, unsere Empfangschefin. Sally, J.D. Carver, der neue Miteigentümer unseres Hotels.«
J.D. runzelte die Stirn, aber Sally kam bereits auf ihr Anliegen zu sprechen. »Brian Kebler hat eben angerufen und gesagt, er wäre krank.«
»Hätte er nicht heute eine Gruppe Wasserskifahrer mit rausnehmen...




