E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Andeck Das Schneeflockenmädchen
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-641-32779-8
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-641-32779-8
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rothenburg ob der Tauber, Dezember 1925. Marie zieht als Märchenerzählerin mit einem Pferdewagen von Weihnachtsmarkt zu Weihnachtsmarkt. Sie besitzt nur wenig, doch sie gibt viel: Den Bauersleuten, die ihr Kost und Logis gewähren, und den Kindern in den Dörfern schenkt sie mit ihren Geschichten Mut und Hoffnung. Ist das Zauberei? Haben die uralten Märchen heilende Kräfte? Der junge Zuckerwatteverkäufer Carl will mehr über Marie herausfinden. Er folgt ihr durch die tief verschneite Winterlandschaft – und verliert schon bald sein Herz an sie ...
Ein wunderbarer Wohlfühlroman über die Magie des gesprochenen Wortes und die Macht der Liebe
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 2
In Momenten wie diesem liebte Carl das Leben. Er hatte sein Motorrad neben dem Georgsbrunnen geparkt, die Verkaufstheke ausgeklappt und die Zuckerwattemaschine montiert. Nun wartete er auf die ersten Kunden.
Feine Schneeflocken rieselten wie Feenstaub vom Himmel herab. Die bunten Häuser rund um den Rothenburger Marktplatz erinnerten ihn an Miniaturhäuschen in einer Schneekugel, die gerade geschüttelt worden war. Und die steinernen Löwen, die den Brunnen am Rande des Platzes bewachten, wirkten wie mit Puderzucker bestäubt.
An den Verkaufsständen des Adventsmarktes, den die Rothenburger Reiterlesmarkt nannten, wurden alle nur erdenklichen Winter- und Weihnachtswaren angeboten: Krippenfiguren und Backformen aus Holz, weiche Handschuhe, Mützen und Schals, bunt verzierte Lebkuchen, heiße Maronen und dampfender Punsch. Unweit des Georgsbrunnens gab es sogar eine Bude mit glitzernden Christbaumkugeln und Engeln aus Glas. Inmitten all dieser Pracht stand eine reich geschmückte Tanne. Carl fühlte sich, als wäre er mit seinem Zuckerwattestand in ein weihnachtliches Märchenbild geraten.
Dazu passte auch der altertümliche Pferdewagen, der jetzt neben der Ratstrinkstube auftauchte und über das Kopfsteinpflaster des Platzes rumpelte. Es handelte sich um eine Art Schäfer- oder Zirkuswagen, gezogen von einem kräftigen braunen Pferd. Das hölzerne Gefährt hatte seitlich ein Fenster mit blauen Holzläden und vorn eine Veranda, auf der sich der Kutschbock befand. Von dort aus führte eine solide Tür ins Innere des Wagens. Aus dem Dach ragte ein dünner Schornstein empor. Am auffälligsten jedoch waren die geschnitzten Schneeflocken, die den Wagen rundum verzierten, alle weiß bemalt, und keine Flocke glich der anderen.
Auf dem Kutschbock saß eine Frau. Ob jung oder alt, konnte Carl nicht erkennen, denn sie war in einen Umhang aus blauer Wolle gehüllt, eine weite Kapuze verbarg ihr Gesicht. Neben ihr thronte ein zottiger schwarzer Hund, der seinen Blick wachsam über das Marktgeschehen schweifen ließ.
Ein kleiner Junge hinkte neben dem Gespann her und sprach auf das Pferd ein. Auch er wirkte in dem Glitzerschnee märchenhaft verwunschen. Was er dem Tier wohl gerade ins Ohr raunte? Einen Zauberspruch?
Beim Anblick des Kleinen spürte Carl einen schmerzhaften Stich in der Herzgegend. Eine Erinnerung wollte in ihm aufsteigen, doch er atmete tief ein und verdrängte sie. Es brachte nichts, an Dinge zu denken, die man nicht ändern konnte. Das hatte noch niemandem weitergeholfen.
Die Frau sprang jetzt vom Kutschbock, um die Verkäuferin eines Lebkuchenstandes anzusprechen. So leichtfüßig, wie sie sich bewegte, konnte sie noch nicht alt sein.
»Was kostet die Zuckerwatte?«
Die Stimme eines Kindes riss Carl aus seinen Beobachtungen. Beinahe widerwillig drehte er sich um.
Vor der Verkaufstheke stand ein etwa siebenjähriges Mädchen. Die Kleine trug einen zerschlissenen, viel zu großen Mantel und abgetragene Schuhe. Ihre Hände steckten in löchrigen Fäustlingen. Eine rote Pudelmütze rutschte ihr fast in die Augen, die in dem schmalen, blassen Gesicht auffallend groß und irritierend grün wirkten.
»Zwanzig Pfennige«, sagte Carl. »Aber für dich nur zehn. Weil …« Er zögerte. »Weil du noch kurz warten musst, bis der Apparat heiß genug ist. Für die Wartezeit bekommst du einen Preisnachlass.«
Das stimmte nicht ganz. Carl musste nur ein Streichholz an die Petroleumflamme halten, dann war seine Zuckerwattemaschine einsatzbereit, aber er wollte dem Kind entgegenkommen. Wohlhabend war es ganz offensichtlich nicht, und ebenso offensichtlich konnte es ein bisschen süßes Glück gerade sehr gut gebrauchen.
»So viel Geld habe ich nicht«, sagte das Mädchen. Es klang so sachlich und abgeklärt, als habe es nichts anderes erwartet.
»Wie viel hast du denn?«, hakte Carl behutsam nach.
»Gar keins«, antwortete das Mädchen, auch diesmal völlig ohne Bedauern. »Ich wollte auch nichts kaufen. Ich wollte nur wissen, wie teuer Zuckerwatte ist. Für nächstes Jahr. Bis dahin habe ich bestimmt Geld. Glaube ich. Vielleicht.«
Carl überlegte nicht lang. »Wenn du willst, schenke ich dir eine Portion.«
Die Kleine blickte auf und blinzelte dabei gegen den Schnee an. »Warum?«
»Ich verschenke jeden Tag eine«, improvisierte Carl rasch. Armut war wahrlich keine Schande. Aber selbst Kinder empfanden oft Scham, wenn man sie darauf ansprach.
»Aber warum?«, fragte die Kleine wieder.
»Also, es ist so …«, begann Carl, um Zeit zu gewinnen. Und dann kam ihm die rettende Idee. »Viele wissen es nicht, aber Zuckerwatte ist eigentlich essbare Feenseide. Man kann sie entweder kaufen, dann zaubert sie gute Laune. Oder man bekommt sie geschenkt, dann erlebt man einen anderen Zauber.«
Die grünen Augen des Mädchens weiteten sich vor Staunen. »Was für einen Zauber denn?«
»Man wird bald darauf etwas sehr Schönes erleben.«
»Wirklich?« Das Mädchen sah ihn noch immer staunend an.
»Ja, bei mir war es so.«
»Hat dir jemand Feenseide geschenkt?«, wollte das Kind wissen.
Carl nickte. »Ganz genau. Und so fing alles an.«
»Was?«
Carl wies auf sein Motorrad und die Zuckerwattemaschine. »Ich hatte plötzlich eine Eingebung und habe dann diese fantastische Maschine gebaut. Nun kann ich selbst Feenseide spinnen. Das ist immer noch wie ein Wunder für mich. Na, was sagst du? Willst du es auch probieren?«
Das Mädchen runzelte die Stirn. »Kriege ich dann auch eine Zuckerwattemaschine?«
Carl schüttelte den Kopf. »Nein, ich glaube nicht. Jeder erlebt sein eigenes kleines Wunder.«
Die Kleine zog schniefend die Nase hoch. »Dann müsstest du deine Zuckerwatte eigentlich immer verschenken, oder?«, sagte sie nachdenklich. »Das wäre auf jeden Fall nett von dir.«
Carl nickte ernst. »Leider klappt es immer nur einmal am Tag. Heute habe ich noch keine Zauberwatte verschenkt. Wenn du magst, kannst du sie bekommen.«
»Ja!« Die grünen Augen des Mädchens leuchteten vor Freude auf.
Carl entzündete den Brenner und legte ein Zuckerstück auf den Spinnkopf in der Mitte der Stahlschüssel. Als es geschmolzen war, brachte er den Spinnkopf mit einer Handkurbel zum Rotieren, schneller und schneller. Nach kurzer Zeit bildeten sich feine Fäden, die er mit einem Holzstäbchen auffing, bis er eine große Zuckerwattewolke beisammen hatte, die er dem Kind reichte. »Hier, bitte schön! Ich wünsche dir ganz viel Glück.«
»Danke!« Die Kleine zog einen der Fäustlinge aus und nahm die Wattewolke so behutsam entgegen, als bestünde sie aus gesponnenem Glas.
Carl lächelte. Dieses Geschenk befand sich eindeutig in den richtigen Händen.
Der Glockenschlag einer Uhr ließ Carl zum Giebel der Ratstrinkstube aufblicken. Wie immer zur vollen Stunde öffneten sich die beiden Fenster rechts und links der Uhr, und zwei Holzfiguren wurden sichtbar. Sie stellten eine historische Szene der Stadtgeschichte nach, den viel gefeierten Meistertrunk. Auf der einen Seite erschien der Feldherr Graf Tilly, auf der anderen der Rothenburger Bürgermeister, der einen riesigen Humpen Wein leerte. Damit gewann er eine Wette und rettete seine Stadt vor der Zerstörung.
An der Reaktion auf dieses Glockenspiel konnte man die Einheimischen von den Zugereisten unterscheiden. Alteingesessene sahen nicht einmal auf. Wer das Geschehen dagegen aufmerksam beobachtete, war ganz bestimmt noch nicht lange in der Stadt.
Carl stellte fest, dass die Frau mit dem Pferdewagen offenbar zur zweiten Gruppe gehörte. Sie legte den Kopf in den Nacken und bestaunte das Schauspiel. Erst als sich die Fensterläden wieder geschlossen hatten, kletterte sie zurück auf den Kutschbock, wo der Hund sie schwanzwedelnd begrüßte.
Das Gefährt setzte sich wieder in Bewegung und kam direkt auf Carl zu. Der kleine Junge hinkte noch immer neben dem Pferd her. Und nicht nur er hatte einen seltsamen Gang, auch das Pferd lahmte. Oder täuschte Carl sich?
Er kniff die Augen zusammen und sah genauer hin. Nein, jeder Irrtum war ausgeschlossen. Das Pferd ging nicht im Takt, es entlastete beim Auftreten das rechte Vorderbein. Einem spontanen Impuls folgend, trat Carl hinter der Theke hervor und ging dem Gespann entgegen.
»Ich glaube, das Pferd hat sich verletzt«, sagte er statt einer Begrüßung. »Es hinkt.«
Der Junge schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er. »Ich bin es, der hinkt.« Sein Gesicht färbte sich dunkelrot vor Scham.
Plötzlich stand das kleine Mädchen mit den grünen Augen neben Carl. Die Zuckerwatte hatte sie bereits verzehrt, das Holzstäbchen hielt sie noch in der Hand. Sie hob es wie einen mahnenden Zeigefinger. »Ja, das stimmt, du hinkst auch«, sagte sie zu dem Jungen. »Aber auf eine gesunde Art. Einfach, weil das dein Gang ist.« Jetzt wies sie mit dem Stäbchen auf die braune Stute. »Das Pferd dagegen . Und das ist etwas anderes. Es will nicht auf seinen rechten Huf treten, weil der wehtut, verstehst du? Deswegen läuft es ungleichmäßig.«
Die Kleine wirkte bei diesen Worten so selbstbewusst, dass der Junge sie aufmerksam ansah. Seine Gesichtsfarbe normalisierte sich wieder. »Wirklich?«, fragte er. »Woher weißt du das?«
Das Mädchen zuckte mit den Schultern. »Wir haben Schafe. Da muss man immer sofort erkennen, wenn eins lahmt. Denn wenn es nicht gleich Medizin bekommt, wird es nie wieder gesund.«
Die Frau sprang...




