E-Book, Deutsch, Band 155, 230 Seiten
Reihe: Transfer Bibliothek
Andò Ciros Versteck
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-99037-118-3
Verlag: Folio
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 155, 230 Seiten
Reihe: Transfer Bibliothek
ISBN: 978-3-99037-118-3
Verlag: Folio
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roberto Andò, 1959 in Palermo geboren, ist ein italienischer Regisseur und Autor. Sein Filmdebüt Il manoscritto del principe ist den letzten Lebensjahren von Giuseppe Tomasi di Lampedusa gewidmet. Er arbeitet als Regieassistent mit Francesco Rosi, Federico Fellini, später mit Michael Cimino und Francis Ford Coppola. Leonardo Sciascia regt ihn zum Schreiben an. Seit 1980 wechselt er zwischen Theater- und Kinoarbeit. Mit seinem Romanerstling Il trono vuoto gewinnt er den Premio Campiello opera prima.
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1.
Splitternackt, den Blick wie jeden Tag starr auf einen gelblichen kleinen Fleck an der Wand gerichtet, sinnierte Gabriele Santoro auch an diesem gärigen Spätsommermorgen über die Wahl des Gedichtes, zu dem er sich rasieren würde. Seit einigen Jahren hatte er sich angewöhnt, während des Rasierens Verse zu deklamieren, ein Ritual, auf das ihn, ohne es zu ahnen, ein namhafter Neurochirurg gebracht hatte.
Während eines Abendessens bei Freunden hatte er das Tuscheln des Mediziners mit dessen Tischnachbarin belauscht, einer knackigen Dreißigjährigen, die betont aufreizend versucht hatte, die strotzende Libido des Mannes zu schüren. Die Koryphäe beschrieb ihr die Gedächtnisübungen, denen er sich während der Rasur zu unterziehen pflegte – Opernlibretti, Gesänge der oder des , endlose Volksreime –, und pries deren positive kognitive Effekte, da sich, so theoretisierte er, mit dieser Disziplin ähnliche Rezeptoren wie die des Dopamins aktivieren ließen, mit erstaunlichen Auswirkungen auf die Stimmung.
Seitdem hatte Gabriele Santoro angefangen, seine Lieblingsdichter noch einmal zu lesen und deren Verse je nach Verfasser oder Metrik leise oder getragen aus dem Gedächtnis zu rezitieren.
An jenem Morgen entschied er sich für von Konstantinos Kavafis und befand, dass dieses Gedicht nach beherzter Innigkeit im Stil des Schauspielers Salvo Randone verlangte, dem er zum Ende seiner ruhmvollen Karriere noch bewundernd hatte applaudieren dürfen. Wie immer nahm er Haltung ein, um die Worte und Metren in den Spiegel zu sprechen, und hob flüsternd an:
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Das nervtötende Schrillen der Gegensprechanlage ließ ihn abrupt innehalten, und mit eingeseiftem Gesicht lief er zur Tür, um zu fragen, wer dort sei.
Er nahm den Hörer ab, und eine Baritonstimme teilte ihm mit, da sei ein Päckchen für ihn. Er reagierte nicht sofort, erwog kurz einen Irrtum, doch dann tauchte aus dem milchigen Spiegel der Erinnerung die Partitur wieder auf, die er zehn Tage zuvor bestellt hatte: die von Schumann.
Er drückte den Einlassknopf, riss die Wohnungstür auf, stürzte zurück ins Bad, spritzte sich hastig Wasser ins Gesicht, um es von der Rasiercreme zu befreien, und hastete wieder zum Treppenabsatz, wo sein Besucher gerade der Aufzugkabine entstieg.
Getreu einem eigentümlich eisernen Schweigegebot gegenüber Fremden unterschrieb Gabriele Santoro nach einem stummen Gruß die Empfangsbestätigung, wechselte mit Santino – die mächtige Statur des Boten trug den Diminutiv am Jackenkragen – ein abschließendes einvernehmliches Nicken und ließ ihn die Treppe hinab verschwinden.
Zurück in der Wohnung, öffnete er den Umschlag mit der gleichen Ungeduld, mit der er als Kind die elterlichen Weihnachtsgeschenke aufgerissen hatte. Eine schwellende Unrast, die sich erst mit der Inbesitznahme legte, gedämpft durch ein leises, zehrendes Gefühl der Enttäuschung, das sich regelmäßig bei Menschen einzustellen pflegt, denen die Phase der Erwartung kostbarer ist als die der Erfüllung.
Zurück im Bad, musterte er eingehend die frisch rasierten Hautbahnen auf Wangen und Kinn, blanke, glatte Blößen, die aus den großen, von stoppeligem, grauem Bartflaum bedeckten Flächen hervorleuchteten. Abermals verteilte er die Creme im Gesicht und fuhr fort, sich zu rasieren und zu deklamieren:
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Genau. Was konnte er sonst noch erwarten? Während er der Mehrdeutigkeit dieser Frage nachsann, ließ er sich von der Erinnerung an einen Sommer vor vielen Jahren auf Patmos forttragen. Die Hitze dort war unerträglich gewesen, doch er hatte kein bisschen darunter gelitten, im Gegenteil, die Stunden und Minuten jener brütenden Tage waren in einer der Sorge und Mühsal enthobenen Fülle vergangen. Vielleicht war das die Erwartung, auf die der Dichter anspielte. Statt die Reise hervorzuheben und die Bedeutung des Ziels herunterzuspielen – eine Botschaft, die er stets als banal und irritierend empfunden hatte –, kam es darauf an, gegen den Würgegriff der Zeit aufzubegehren, was nur gelang, wenn man sich den Pflichten entzog und lebte, als wäre man bereits gestorben. Das Leben ist eine mörderische Abfolge von Enttäuschungen, es ist unser Ithaka. Die Langeweile fernhalten und den Wächtern der Zeit die Kontrolle über unseren Atem entziehen, das ist das Geheimnis des Lebens.
„Von Zeit allein kann man sich nicht ernähren, ohne Tod zu essen.“ Dieser durch und durch richtige Gedanke, der nicht zufällig von einer genialen Frau stammte, bedeutete ihm sehr viel.
Die nächste Phase, die des Ankleidens, folgte einem Ritual, das wie stets nach Akkuratesse und Nüchternheit verlangte, eine Mischung, die dem Maestro wie angeboren war. Als ahnte er die große Überraschung, die der Tag für ihn bereithielt, vernahm Gabriele Santoro, während er sich die Hemdmanschetten zuknöpfte, ein irritierendes Geräusch aus dem Arbeitszimmer und stand auf, um nachzusehen, ob wohl ein Fenster offen geblieben war, doch als er das Zimmer betrat, verdutzte ihn der unerwartete Anblick eines Buches auf dem Fußboden. Er bückte sich, um es in Augenschein zu nehmen – es war eine illustrierte Ausgabe von Rudyard Kiplings –, blickte sich suchend nach einer möglichen Ursache um und wurde, als er keine schlüssige Erklärung fand, von einem Unbehagen beschlichen, das er erst rückblickend zu benennen wusste: Vorahnung.
Da klingelte es an der Tür. Er spähte durch den Spion und erblickte die hagere, unverwechselbare Silhouette seines Klavierstimmers. Abends zuvor hatte er ihn angerufen und dringend gebeten, vorbeizukommen und sich das Klavier anzusehen. Ein Wasserschaden hatte ihn vor einigen Tagen gezwungen, das Instrument vom Arbeitszimmer in den Eingang zu bugsieren. Als er es dann endlich wieder an seinen Platz gerückt hatte, hatte er beim Spiel eine leichte Verstimmung festgestellt.
Der Klavierstimmer hieß Nunzio und war körperlich wie charakterlich so knöchern, als wäre er aus Holz geschnitzt. Seine gepresste Emphysematikerstimme ließ ihn strenger erscheinen, als er eigentlich war.
Der Maestro bat ihn herein und führte ihn ohne viel Aufhebens zu dem günstig erworbenen, in Raten abbezahlten Steinway. Wie immer bat der Mann ihn als Erstes um die Erlaubnis zu rauchen, die er ihm wie immer erteilte.
Nachdem er sich gierig seine filterlose Chesterfield angesteckt hatte, öffnete Nunzio sein Köfferchen und holte drei absonderlich anmutende Werkzeuge hervor, einen Ringschlüssel, einen Keil und eine Stimmgabel. Dann ließ er seinen unter einer schweren Makulopathie leidenden Blick über die im Zimmer und in den Regalen herrschende Ordnung wandern und fragte, was es mit dieser Grabesstille auf sich habe.
„Zu dieser Tageszeit ist es immer ruhig“, entgegnete der Hausherr knapp.
Tatsächlich verblüffte ihn die Feststellung, doch war sie womöglich als versteckte Anspielung aufs Alleinsein zu verstehen, und so verließ er, getreu einer alten Übereinkunft mit dem Klavierstimmer, das Zimmer.
Sogleich machte sich Nunzio an die Überprüfung des Instruments. Aus dem Nebenzimmer vernahm Gabriele Santoro das jähe Aufklirren eines übermäßigen Akkords, dann eine gehaltene Note, gefolgt von einer in leicht dissonanten Mikrotönen ausgeführten Septime. Schließlich versank die Wohnung in vollkommener Stille.
Einige Zeit später tauchte der Mann mit dem Köfferchen in der Hand wieder auf und verkündete, er sei fertig.
„Leben Sie allein?“, fragte er neugierig.
„Ja“, antwortete der Maestro, verwundert über das Schmunzeln des Mannes.
„Ich nicht“, entgegnete Nunzio, „seit ein...




