E-Book, Deutsch, 507 Seiten
Amrith Brennende Erde
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-406-82928-4
Verlag: Verlag C. H. Beck GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Geschichte der letzten 500 Jahre
E-Book, Deutsch, 507 Seiten
ISBN: 978-3-406-82928-4
Verlag: Verlag C. H. Beck GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sunil Amrith ist Professor für Geschichte an der Yale University. Er hat zahlreiche Preise für seine umwelthistorischen Arbeiten bekommen, darunter das MacArthur "genius" Fellowship, den Heineken-Preis und zuletzt in Japan den Fukuoka-Preis. Er wuchs in Singapur auf und lebt heute mit seiner Familie in Connecticut.
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Horizonte der Begierde
Im Jahr 1218 unternahm Yelü Chucai (1189–1243), Gelehrter und Verwalter aus dem Nomadenvolk der Kitan in Zentralasien, eine politische Pilgerreise in den Westen. Er erfreute sich an den unterschiedlichen Landschaften von Steppe und Gebirge. Er lobte widerwillig die militärischen Fähigkeiten der Mongolen unter Führung von Dschingis Khan. Yelüs Beschreibung ließ die mongolischen Armeen selbst wie eine Naturgewalt erscheinen:
«Berge und Flüsse kreuzten einander; wie üppig war das grüne Land! Die Planwagen erschienen wie Wolken; die Armeen wie Regentropfen. Pferde und Ochsen bedeckten die Ebenen; Fußsoldaten und Truppen in Rüstung formierten sich in der Höhe. Feuer und Rauch betrachteten einander von ferne; befestigte Lager erstreckten sich über Tausende von Meilen hin. Niemals in der Geschichte gab es eine solche Pracht und Herrlichkeit!»
Mit den Augen eines Gärtners beobachtete Yelü neue Pflanzen («Die Blumen des Pa-lan sind wie die des gemeinen Aprikosenbaumes, aber etwas zarter in der Farbe»), und er entdeckte neue Genüsse: Die Granatäpfel von Khujand waren «süß mit einem Hauch von Säure» und «hervorragend, um den Durst zu löschen»; die Wassermelonen waren «süß, kühl und köstlich». Yelü freute sich über jedes Anzeichen von Ackerbau: Er pries die Gärten von Samarkand, die mit «Springbrunnen, quadratischen Teichen und runden Becken» bewässert wurden; er bewunderte die Ländereien, in denen «jeder dritte Morgen Acker mit über zweihundert Gallonen Wasser versorgt wird».
Bei seiner Audienz mit dem Khan, der den Weisen aus seiner buddhistischen Einsiedelei herbeizitiert hatte, damit er sein vielgerühmtes Wissen mit ihm teile, schilderte Yelü Dschingis diese «eindrucksvollen Szenen», um ihn zu ermuntern. Der Herrscher sollte dem Nomadenleben den Rücken kehren, so riet Yelü. Er drängte Dschingis, die niedergelassenen Dörfer nicht mehr zu drangsalieren und ihre Landwirtschaft gedeihen zu lassen; die mongolische Schatzkammer würde dann durch die hereinströmenden Steuergelder anschwellen.[1]
Im Kontrast dazu sahen die mongolischen Soldaten und Berater in der kultivierten Agrarlandschaft, die sie mit solcher Geschwindigkeit durchquerten, keinerlei Wert. Sie drängten ihren Herrscher, Felder zu zerstören und von Gras überwachsen zu lassen, um neues Weideland für die Pferde und Schafe des umherziehenden Lagers zu erhalten. Die Macht der Mongolen wurzelte ganz buchstäblich in Steppe und Gras. Jeder der schätzungsweise 102.000 Männer der Mongolischen Armee besaß mindestens fünf Pferde. Im 13. Jahrhundert gehörten etwa die Hälfte aller Pferde auf der ganzen Erde dem Mongolischen Reich. Die Milch, das Fleisch und mitunter sogar das Blut der Pferde versorgten die umherziehenden Krieger mit Kalorien, selbst im Winter, wenn die Tiere unter der Schneedecke nach Gras suchten. Mit den Worten des Archäologen Barry Cunliffe befähigte die «Partnerschaft», die Soldaten und Pferde in der Steppe eingingen – natürlich eine Herrschaftsbeziehung, die aber auch auf Nähe, Fürsorge und gegenseitiger Abhängigkeit basierte –, «die Menschen, ihre kreative und destruktive Macht über alle Maßen zu mehren».[2] Die Jahre zwischen 1211 und 1230, die sich an Dschingis’ durch Brudermord erwirkten Aufstieg unmittelbar anschlossen, waren ungewöhnlich nass. Der Regen ließ das Gras schneller wachsen, und die Pferdestärke der Mongolen wurde zu ihrer Supermacht.[3]
Przewalski-Pferde, die für das Militär des Mongolischen Reiches eine entscheidende Rolle spielten.
Der höchste Gott der Mongolen, Tengri, war der personifizierte Himmel: das grenzenlose Firmament, das die hochgelegene, ebene Steppe beschirmte. Unter der Ägide Tengris lebten eine Reihe Natur- und Tiergeister: Der Wolf, der Bär und der Adler stachen darunter besonders hervor. Dschingis’ eigene Ursprungsmythologie behauptete, dass er aus der Vereinigung zwischen dem Blauen Wolf und einer wilden Hirschkuh stamme. Was konnte der Ackerbau also angesichts einer solch wilden und überwältigenden Kraft für einen Nutzen haben?[4]
Nur wenige Imperien waren jemals in der Geschichte so plötzlich und schonungslos mit einem ökologischen Dilemma konfrontiert worden wie die Mongolen auf ihrem blitzartigen Zug durch das Herz des eurasischen Kontinents. Als die Mongolen aus jener Nische, die ihre Lebensweise und Militärmacht gesichert hatte, aus der Welt von Weideland und Gras, ausbrachen, waren sie gezwungen, zwischen grundlegend verschiedenen Arten der Landnutzung, Nahrungsbeschaffung, Tieraufzucht, der Waldwirtschaft und Führung von Menschen zu wählen. Sie mussten sich zwischen konkurrierenden Visionen menschlichen Lebens auf der Erde entscheiden.
*
In den Jahrzehnten, die auf Yelüs Pilgerfahrt folgten, bahnten sich die mongolischen Streitkräfte ihren Weg südwärts durch China und hinterließen eine Spur des Todes. Die Debatte, in der Yelü versucht hatte, einen guten Ausgang herbeizuführen, blieb ungeklärt, und die Folgen der ökologischen Entscheidungen der Mongolen vervielfachten sich. Als Dschingis’ Enkel Kublai in den 1260er Jahren den letzten Vorstoß gegen die Südliche Song-Dynastie in China wagte, stand er dem größten, bevölkerungsreichsten und wohlhabendsten Agrarstaat gegenüber, den die Welt je gesehen hatte. Er musste lernen, über eine Landschaft und über eine Gesellschaft zu herrschen, die der Gegenentwurf zu den Mongolen selbst waren. Mit Ende des 11. Jahrhunderts lebten in Südchina mehr als doppelt so viele Menschen wie in Nordchina – die Umkehrung eines seit langem bestehenden historischen Musters. Chinas Population wuchs zu Beginn des 13. Jahrhunderts auf etwa 115 Millionen Menschen an: etwa ein Drittel der gesamten Weltbevölkerung. Die grundlegende Bedingung für ein solch erstaunliches Wachstum war die Ausbreitung von Reis.[5]
Reis hielt bis zum Einzug der industriellen Landwirtschaft mehr Menschen am Leben als jede andere Nutzpflanze. Verglichen mit den meisten Getreidearten sind seine Eigenschaften wahrhaft wundersam. Reis zieht Nährstoffe direkt aus dem Wasser. Böden, auf denen Reis angepflanzt wird, verbessern sich im Laufe der Zeit, anstatt dass ihre Qualität abnimmt. Nur etwa 5 % der Ernte muss zur Wiederaussaat zurückbehalten werden, während man beim Weizen dafür einen viel größeren Anteil benötigt. Der Nassreisanbau war die produktivste und arbeitsintensivste Landwirtschaft auf der Welt. In China erreichte die Produktivität von Reis unter den Südlichen Song eine ganz neue Dimension.[6]
Chinas Reis-Revolution begann entlang der alten Handelsroute zwischen Südchina und Champa, einem Königreich an der Küste auf der Indochinesischen Halbinsel, an der Grenze zu Kambodscha – es war die grandiose Rückkehr einer chinesischen Nutzpflanze, die durch die unkoordinierten Anstrengungen asiatischer Bauern über Jahrtausende hinweg mehr als 100.000 Varianten hervorgebracht hatte. Fast aller Reis, der in der Welt angebaut wird, gehört einer einzigen Spezies an, Oryza sativa, die erstmals vor 10.000 Jahren in den mittleren Lagen des Jangtse-Tales kultiviert wurde. Von dort aus begann sie eine mäandernde, lange Reise nach Süd und West: eine Reise, die wir aufgrund von genetischen, linguistischen und archäobotanischen Fragmenten nachverfolgen können. Der Nassreisanbau erreichte Taiwan, Korea und Japan etwa 2500 v. Chr.; in Südostasien kam der Reis nur wenig später an, vermutlich durch Migranten, die ihn aus Südchina importierten. In Indien entwickelte sich der Reisanbau wahrscheinlich unabhängig durch die Adaption verschiedener Sorten von Ganges-Wildreis; im Laufe der Zeit scheint sich der in Indien wachsende Reis mit eher rundkörnigen Japonica-Varianten aus Ostasien vermischt zu haben, was zeigt, wie früh die beständige Weitergabe von Wissen und Samen begonnen hatte. Als das zweite Jahrtausend v. Chr....




