Ammann | Die Veranlassung im Tode | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 356 Seiten

Ammann Die Veranlassung im Tode


1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7407-2087-2
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 356 Seiten

ISBN: 978-3-7407-2087-2
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
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Seit der Kunstmaler seine existenzielle Situation von Grund aus verändert hatte, lebt er in einer Stadt am Meer. Am Tag seiner Ankunft hatte er Manon absichtslos und zufällig kennengelernt. Fünfzehn Jahre sind vergangen. Manon entscheidet sich, zwei Jahre in einem anderen Land im Süden zu leben. Während dieser Zeit fällt der Maler, von Krankheit und Unruhe ergriffen, in vier vergangene Lebensphasen mit Manon zurück. Jede Rückschau zeigt, wie sie sich in ihrer Liebe gegenseitig erhöhen. Die eine Wiederholung ("Die Reise an den Ozean") beschreibt eine der glücklichsten, ja ekstatischen Reisen mit Manon ("Aus ihrer Glut erhielt das Glück seinen Vorzug."). Während Manon im anderen Land bei der Arbeit an literarischen Texten eine erfüllte Zeit erlebt, leidet der Maler an Krankheit und Ermüdung. Sein Kunstschaffen lässt nach. Die schwierige Zeit überbrückt ein Briefwechsel ("Wir leben in Reservaten, zwischen denen eine unterirdische Verbindung dauernd gegenwärtig ist.") und vier ausführliche Essays von Manon. Jeder Essay trifft den Kern des Existenzgefühls des Malers und stärkt seinen Lebenswillen. Als ihm angeboten wird, einen großflächigen Kreis an der Wand einer Halle auszumalen, zweifelt er an seinen Kräften für diese Arbeit. Manon treibt ihn an. Sie ist überzeugt, dass er nur im Kunstschaffen genesen kann. Einer ihrer Essays stimuliert ihn zu seiner Bildidee für den Kreis ("Das ist es!, rief ich ins Atelier und fügte hinzu: Nur so!"). Die Wandmalerei stellt große Herausforderungen, die er aus Leidenschaft meistert und vorübergehend seine Entkräftung überwindet. Nach der Ausgestaltung des Kreisbildes nimmt die Erschöpfung des Malers abrupt zu und steigert sich bis in die Passivität und Verwahrlosung ("Die Ermüdung war allem übergeordnet und verlangte von mir eine Deutung ihrer Herrschaftsgewalt, doch gleichzeitig unterband mir die tückische Müdigkeit jegliche Möglichkeit einer Antwort auf diese Frage."). Er fühlt sich existenziell bedroht und schreibt, als er Manon um Hilfe bittet, von "Der Veranlassung im Tode". Manon ruft ihn zu sich. Die Tage im Licht des südlichen Landes sind geprägt vom intensiven Erleben der Natur ("Dies ist eine Hochzeit der anderen Art."). Sie kehren zusammen zurück in sein Haus am Meer.

Daniel Ammann (*1947 in Zürich) ist Naturwissenschaftler und war siebenundzwanzig Jahre Privatdozent an der ETH Zürich. Unter anderem hielt er dreizehn Jahre die Vorlesung "Kunst und Naturwissenschaft". Er hat sich seit seiner Jugend der Malerei gewidmet.
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Entsprechungen an Rändern

Meine Krankheit umschloss mich nun eng, schon bemächtigte mich ihr Schatten und trübten meine Sinne und verdunkelten mein Blut. Ein Engel fehlte mir, gleich zweifach, denn es fehlte mir auch das kraftvolle Werk, von dem ich Manon hätte schreiben können: 'Es ist!'. Mein kränkelndes Herz unterband mir das Schaffen aus innerem Gefühl und der schwere Atem untergrub die Leichtigkeit meiner Vorstellungskraft. Ich spürte in mir eine einwärts fallende Macht, die mir einen bisher unausgesprochenen Gedanken ankündigte: Dass mir nur ein Engel Belebung und Stärkung bringen könnte. Mein Verstand hatte den Gedanken über die Notwendigkeit der Beschützerin und Retterin noch nicht meiner Vernunft zugespielt, der Zeitpunkt der Abreise von Manon war noch zu nah, als dass die Ohnmacht gegenüber meiner eigenen Existenz überhandnehmen konnte.

Es gibt Dinge, die in den Gedanken aufsteigen und man weiss nicht weshalb. Warum nur benutzte ich das Wort Engel zuvor? Schliesslich hatte ich doch keine klaren Gründe gehabt, an Engel zu denken, umso mehr, da mich die Erscheinung von Engeln in den religiösen Schriften nie besonders interessiert hatte. Es war unnötig, dass Rembrandt den Worten aus dem Buch Moses 'Da rief ihm der Engel des Herrn vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham!' wörtlich folgte und den Engel auf dem Berg im Lande Moria malte, denn der erhobene Blick Abrahams hätte genügt. Die Vorstellung geflügelter und übernatürlicher Wesen als Mittler zwischen Gott und Menschen in einem hierarchischen Umfeld von Gott war mir unverständlich. Ich schloss nicht aus, dass immaterielle Wesen möglich waren, aber ich wollte mir davon kein Bild machen.

Allerdings stand ich früher neben wenigen Engelskulpturen, die einen übermässigen Eindruck in mir hervorriefen, darunter der Engelspfeiler im Südquerhaus der Kathedrale in Strassburg, und ich erinnere mich, wie mein Blick auf den 'l'ange qui sourit' neben dem nördlichen Westportal der Kathedrale von Reims besonders auf mich wirkte: Ein Engel aus Stein, der lächelt. Eigentlich traf mich sein Lächeln derart, weil ich es nur bei ganz wenigen Menschen genauso enigmatisch angetroffen hatte. Erhielt ich auf einer Strasse, in Bahnhöfen oder auf Spaziergängen unverhofft ein solches Lächeln, war ich augenblicklich innerlich bereichert. Nie vergesse ich die Frau im Regionalzug von Florenz nach Rom, die im Zugabteil mir gegenüber lag und wie ihr im Schlaf eine Träne aus dem Auge floss. Als sie erwachte schenkte sie mir ein engelhaftes Lächeln. Und doch hatte mich jeweils keine entzifferbare Botschaft erreicht, aber das Lächeln beeinflusste zweifellos den Fortgang meines Tages und damit vielleicht meines Lebens.

Solche Begebenheiten führten mich zur Überzeugung, dass es Engel in menschlicher Gestalt geben kann und ich dachte unverhofft an eine liebende Mutter in der Armut in Somalia oder die Fürsorge eines Vaters als Kleinbauer in Laos. Manchmal stellte ich mir vor, dass jeder Mensch Anteil am göttlichen Wesen hat und bedeutungsvolle Nachrichten einem anderen Menschen zutragen kann. Dann sind sie die Stellvertreter auf Erden, aber ob sie gottgesandte Helfer sind, war mir unzugänglich. Was mich am religiösen Engel am meisten berührte, war die Zuschreibung, dass seine Existenz eine Botschaft war. Die ausgewählten Menschen, denen ich das Wort Engel zuordnen konnte, hatten die Fähigkeit, vom Gewohnten abweichende Anweisungen zu erkennen und zu übergeben, und es war mir klar: Diese Menschenengel sind in ihrem Wesen rein. Manon ist für mich von dieser Reinheit, dachte ich, und ein Glücksgefühl flog an mir vorbei.

Als ich vor mehr als sieben Jahren mit Manon an den Ozean fuhr, besuchten wir eine Abtei, die im Wattenmeer auf einem Hügel stand und nur bei Ebbe erreichbar war. Wir liefen bei niedrigstehender Abendsonne hinaus in den Schlick, sanken knöcheltief ein, und ich fürchtete mich, dass Manon in Treibsande geraten könnte, doch sie bewegte sich unbekümmert in den Ablagerungen des Meeres. Ich war Manon zugewandt und sah ihre Gestalt umgeben vom bläulichen Himmel und dem weiten grauvioletten Schlickwatt, während ihr Blick auf die Abtei gerichtet war, und plötzlich rief sie mir zu, dass der Erzengel auf der Spitze des Turms der Abtei eine göttliche Ausstrahlung habe. Ich konnte mich vor ihrem beglückten Gesicht lange nicht abwenden und kehrte mich erst nach einiger Zeit um. Der Erzengel erstrahlte im Abendlicht vor der Sonne, die im Dunst ihre weisse Kugel zeigte und von einem gelben Hof mit rötlichen Rändern umrandet war. Die goldene Statue war tatsächlich eine orphische Erscheinung. Und doch habe ich heute wie damals das Gesicht von Manon als schönste und kräftigste Erscheinung vor mir. Sie war mein Engel und nichts kam ihr gleich.

Nach einem lange andauernden Hustenanfall warf die Erinnerung an die Begegnung mit meinem Engel am Rande des Ozeans in mir die Frage auf, was in meinem Leben die höchste Bedeutung habe: Ist es die Liebe, die Kunst? Die Dämmerung hatte eingesetzt, Stufe um Stufe nahm das Licht ab und versetzte mich in einen versunkenen, beinahe abwesenden Zustand. Versonnen suchte ich nach dem Engel in der Kunst. Ich kreiste zuerst um das 'Ave Maria' von Schubert, dann um das 'Ave verum corpus' von Mozart und spürte, dass ein Sehnen nach Frieden, Ruhe einkehrte, aber kein Engel war zugegen. Erst als mich meine Gedankenbilder zum 'Angelusläuten' von Millet führten, zu diesem Mann und zu dieser Frau, die sich in einem Feld über einen Korb mit Kartoffeln beugen, um, ohne dass er sichtbar wäre, zum Engel des Herrn zu beten, in dieser Andacht von Menschen näherte ich mich meiner Engelsvorstellung in der Kunst, und selbstvergessen fand ich einen Engel: Im 'Sämann bei Sonnenuntergang' von Vincent van Gogh. Er steht im Gegenlicht der über dem Horizont untergehenden Sonne, deren gelbe Scheibe ich von keinem anderen Bild in dieser Glorie kenne, die wie ein göttlicher Schein über dem einfachen Sämann leuchtet, dem Engel, der nichts anderes tut, als dankbar die Saat auszubringen, als Bürge ewiger Wiederkehr und steten Neubeginns.

Und plötzlich war sie da, Paola, die Engelhafte, die Engelsgleiche, das schöne Mädchen aus der Trattoria in Fregene, und das Bild vom Morgen am Strand, wo sich die mystische Szene zwischen ihr und dem orientierungslosen Mann abspielen sollte. Der Engel rief ihm die Botschaft zur Rettung und Befreiung zu, doch Marcello Rubini konnte sie wegen dem Geräusch des Meeres nicht hören. Er hätte bloss das seichte Wasser, das sich zwischen ihm und dem Engel kräuselte, durchwaten müssen und hätte die Botschaft vernommen. Ich glaube, er spürte das Angebot, denn er sank im weissen Anzug auf die Knie in den Sand, derweil der Engel die für ihn unhörbaren Worte weiter zurief. Schliesslich liess er es dabei bewenden, kehrte in seine Welt des Scheins und der Vergänglichkeit zurück, und sie winkten sich nur noch schweigend zu.

Ich lief in den Pinienhain, und als ich zum Dach der zylindrischen Pinienkronen aufschaute, ahnte ich, dass Engel auch in der Natur gegenwärtig waren. Jetzt verflogen meine Gedanken über die Engel und ich fragte mich nur noch, was die kommenden Tage hervorbringen würden. In den bald siebzehn Jahren, die ich in meinem Haus am Meer verbrachte, lernte ich sozusagen zwangsläufig Menschen im umliegenden Quartier kennen. Einige davon begann ich zu schätzen, aber ich hielt die Bekanntschaften auf eine gewisse Distanz, so auch zur jungen, anmutigen Türkin Sibel im kleinen Lebensmittelgeschäft, mit ihren etwas eingelassenen dunklen Augen und ihrer stets schönen Bekleidung, vor allem das Zusammenspiel von Rot und Schwarz stand ihr bezaubernd. Sibel, die immer bereit war, mit mir ein kleines Gespräch zu führen und dabei das Thema vorgab, das nie von Alltagsgeschichten geprägt war, sondern surrealistische Züge hatte.

Auch schätzte ich den Knaben Manu, mit dem ich bis vor wenigen Jahren vor meinem Haus gerne Ballspiele machte. Noch heute klopft er an meine Türe, aber dann setzen wir uns auf einen Stein nahe der Düne und ich erzählte ihm wahre und erfundene Geschichten. Manu verlangte immer nach meinen improvisierten Geschichten von der 'Sandkarline', einer Frau in einem Häuschen in einem wilden Tobel, die dieses Waldstück und den Bach liebte und pflegte, den schmalen Tobelweg oft mit Sand nachbesserte, deshalb ihr Namen, den sie von Kindern zugesprochen bekam, die sie oft besuchten, bewunderten und manche Güte und Geheimnisse von der Frau erfuhren.

Jetzt da ich öfters kleine Spaziergänge machte, um meine Lunge und mein Herz von meiner Lebendigkeit und ihrer Notwendigkeit zu überzeugen und ihnen bei einem Blick aufs Meer, in die Pinien oder auf manch unscheinbare, manchmal sogar verworrene Dinge an den Rändern der Stadt meine Wertschätzung zusprach, traf ich vermehrt wieder Leute, die ich in den letzten siebzehn Jahren oberflächlich kennengelernt hatte. Tatsächlich lebte ich die letzte Zeit sehr zurückgezogen und suchte keine Bekanntschaften. Die Nähe von Manon und das Wissen um die Freundschaft mit Monge erfüllten mein Bedürfnis nach Menschen...



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