Ammann | Die Ausnahme | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 248 Seiten

Ammann Die Ausnahme


2. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7407-3644-6
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 248 Seiten

ISBN: 978-3-7407-3644-6
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Im Zentrum des Romans steht der namenlose 'Er', welcher sein Leben aus innerer Not von Grund aus verändert. Er bricht radikal mit seiner alten Lebenswelt und reist kurz entschlossen an einen neuen Ort am Meer. Gleich am Ankunftstag begegnet er zufällig Manon, einer zwanzig Jahre jüngeren Frau, die ihn beeindruckt. Er verstrickt sich in philosophische Überlegungen entlang von Begriffen des Existenzialismus. Im Vordergrund steht die Frage, ob seine Existenz als Maler im Schaffen des vollkommenen Kunstwerks eine berechtigte Ausnahme außerhalb des Allgemeinen sein kann. Diese Begriffswelten, die ihn fesseln, aber zunehmend auch bedrängen, kann er nicht bewältigen. Zudem quält ihn Geldnot, und er erlebt, wie er am neuen Ort in Verpflichtungen des alltäglichen Lebens zurückzufallen droht. Er sucht nach einem Ausweg, erinnert sich an Manon, und ruft sie zu sich. Sie treffen sich zweimal am Meer. Manon erlangt in den Gesprächen eine Überlegenheit zu seinen Themen und fasziniert ihn durch das Weibliche in Geist und Schönheit. Während der dritten Begegnung mit Manon bei ihm zu Hause werden mit ihrer Hilfe die unauflösbaren Begriffe enttheoretisiert. Sein Ringen mit der existenziellen Idee entkrampft sich, und er gewinnt an Leben. Der Neuanfang am neuen Ort kann erst jetzt beginnen.

Daniel Ammann (*1947 in Zürich) ist Naturwissenschaftler und war siebenundzwanzig Jahre Privatdozent an der ETH Zürich. Unter anderem hielt er dreizehn Jahre die Vorlesung 'Kunst und Naturwissenschaft'. Er hat sich seit seiner Jugend der Malerei gewidmet.
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2


Er erwachte dumpf. In dieser Nacht hatte er geträumt, dass ein Kind im Krankenbett lag und er sah, wie die jüngste Schwester an der Seite des kleinen Bruders bitterlich weinte. Er trat hinzu, und da öffnete das Kind seine Augen. Das Weinen der Schwester vermischte sich mit Glück. Der Kleine sah sie mit verschmitztem Blick an, sie reichten sich die Hände und lachten alle drei. Der Traum wurde bereits undeutlicher, sein Nacken schmerzte, und er reckte sich im zerknitterten Bettzeug. „Manchmal verschwinden die Träume vollständig oder sie bleiben nur als Bruchstücke unlesbar zurück. Andere Träume bleiben klar im Bewusstsein und verlangen nach einer Deutung. Die stärksten Träume, sind sie einmal aufgetaucht, begleiten einen durch das ganze Leben“, dachte er, als der Traum noch mehr zu verblassen begann, „heute Nacht war ich gegenwärtig. Damit habe ich Verantwortung übernommen. Noch mehr, ich habe Gutes bewirkt.“ Er schüttelte den Traum ab, denn Gedanken zur Veränderung, die gestern so zwiespältig ihren Anfang nahmen, machten sich in ihm breit: „Viele Menschen habe ich nun verlassen und ich werde ihnen nicht mehr beistehen können. Etliche Male haben sie mich gerufen, wenn sie Probleme hatten, Hilfe benötigten oder in schwerer Not waren. Ich werde aber auch hier am neuen Ort Menschen gegenüber stehen. Besteht nun eine Differenz zu früher und jetzt? Steht man nicht stets in ethischer Verantwortung gegenüber dem Allgemeinen?“

Das Zimmer war schwer abgedunkelt, aber die dicken Vorhänge liessen doch ahnen, dass der Tag angebrochen war. Da er im sechsten Stock war, freute er sich auf einen Blick über die Dächer auf die Stadt. Er sprang ungelenk aus dem Bett, wegen der allzu weichen Matratze, und weil durch den unruhigen Schlaf seine Beine in die Decke und die Leintücher verwickelt waren, zog in einem Ruck die dunklen Vorhänge auf und wurde aus heiterem Himmel mit Licht überflutet, so schlagartig und zeichenhaft, dass er dabei dachte, wie der Vorhang im Jerusalemer Tempel beim Tode Jesu zerriss, erblickte aber drei Meter vor sich eine graue Wand aus verzinktem Blech, darüber einen alten Kamin, und noch höher eine Steinmauer, auf der sich dreizehn kleine Kaminabzüge reihten. Der kleine Ausschnitt des Himmels, den er gerade noch sehen konnte, wenn er sich etwas bückte und steil nach oben schaute, war etwas dunstig, das Blau drang aber bereits durch. Er öffnete das Fenster, lehnte sich hinaus und blickte nach unten. Unter der Zinkblechverkleidung führte ein tiefer Betonschacht mit zwei Wasserabflussrohren sechs Stockwerke in die Tiefe, verengte sich perspektivisch immer mehr und traf im gedrängten Schacht auf den Boden, dessen eine Hälfte aus einer quadratischen Eisenplatte bestand, die durch die Verwitterung und den Rostfrass Abstufungen von dunklen Grautönen aufwies und im oberen Drittel ein aus Rost herangewachsenes, nicht ganz randbündiges rotbraunes Rechteck in feinsten Farbabstufungen der Eisenoxide zeigte. Die Platte erschien ihm wie ein Meisterwerk des abstrakten Expressionismus.

Noch aus dem Fenster gelehnt, überlegte er: „Misslich begonnene Tage, die in ihrem weiteren Verlauf unversehens eine angenehme Überraschung bereithalten, sind besonders interessant. Gerade weil man sich anfangs in einer düsteren und angespannten Lage wähnt, wirkt das plötzliche Erscheinen eines lichten Punktes erlösend.“ Auf die abstrakte Eisenplatte fiel eben durch den Schacht ein Lichtreflex, wodurch die malerische Wirkung des rostigen Rechtecks noch deutlicher hervortrat. „Man kann dann das Gefühl entwickeln, als wäre der verunglückte Tag bis zum Zeitpunkt des unerwarteten Ereignisses notwendig gewesen, um die eintreffende Wende ganz besonders wahrzunehmen. Viele haben schon erlebt, wie im Kreise einer langweiligen Gesellschaft ein Mensch verspätet dazukommt, sogleich die Stimmung umpolt und den Abend von der Inhaltslosigkeit befreit. Die Wende aus der Stumpfheit in die Erfüllung ist auch in der Tierwelt zu beobachten, wenn etwa ein Hund, der bereits seit dem Morgen gequält bei Fuss neben dem Herrn durch die Waldwege geht und bei der Begegnung mit einem anderen Hund trotz Rufen und Pfiffen des Herrn mit dem neuen Freund im Gehölz das Weite sucht.“

Im Badezimmer brannte noch das Licht, er spritzte sich mit den Händen kaltes Wasser ins Gesicht, nahm den ungeöffneten Koffer und drängte sich in den Lift, warf einer Frau am Empfang im Gehen wortlos einen Blick zu und stiess die Türe auf die Strasse auf. Unter dem mehrheitlich blauen Himmel fand er gleich um die Ecke ein Bistro. Auf dem Gehsteig standen viele kleine runde Tische und aus Plastik geflochtene Stühle, die alle auf die Strasse ausgerichtet waren. Es war kühl, die späte Februarsonne hatte aber bereits einige Kraft, doch alle Tische auf der Strasse waren unbesetzt. Er setze sich im Freien hin und bestellte einen Espresso. Als er den ersten Schluck nahm, erinnerte er sich an einen Vers aus dem Gedicht des Nobelpreisträgers, von dem Manon gesprochen hatte, und sprach ihn leise vor sich hin: 'Er ähnelt den Tropfen aus schwarzem Tiefsinn, die bisweilen von der Seele aufgefangen werden.' Dann dachte er: „Manon, heisst sie, die Frau im roten Kleid, ich könnte leicht in der Bar erfahren, wo sie wohnt.“ Die Gedanken inspirierten ihn, aber er wusste nicht, welche Bedeutung er ihnen beizumessen hatte und liess davon ab. Übergangslos dachte er: „Noch kann ich ins Hotel zurück, denn billig ist es, obwohl, aufgerechnet auf einen Monat doch zu teuer, aber immerhin hätte ich vorerst einen Ort, könnte mich im Haus oder im Nebenhaus erkunden, ob eine geeignete Mansarde als Atelier zu mieten ist, mich in diesem Quartier einrichten, den vor der Abreise vorbereiteten, bereits bezahlten Transport meiner Malutensilien veranlassen, und oben auf dem Dach mit meiner ersehnten Arbeit beginnen.“ Doch er fuhr ob seinen eigenen Gedanken zusammen, konnte seine Vorstellung nur mit der Ermüdung erklären, wäre es doch unausstehlich, in diesem dunklen, ungastlichen Zimmer die Nächte zu verbringen. Und womöglich, jetzt da der Winter noch anhielt, in einer kalten Man sarde, die womöglich ebenso abstossend wie das Hotelzimmer wäre, an der Leinwand zu stehen.

In diesem Augenblick setzte sich ein älterer Mann von vielleicht siebzig Jahren an den Nebentisch. Er trug einen langen schwarzen Stoffmantel und ein Barett, wie sie einst die Künstler aufgesetzt hatten. Er war zweifellos einer der wenigen Menschen, die umgehend Ehrfurcht und Respekt erwecken. Trotzdem, oder vielleicht gerade weil ihm dieser Mensch so auffallend würdevoll erschien, platzte ihm impulsiv die Frage heraus: „Sind Sie Künstler?“ Der Mann hatte sich noch kaum gesetzt, schaute ihn mit klugen Augen an und fragte erst nach einer ganzen Weile zurück: „Was treibt Sie, mir diese Frage zu stellen?“ Er versuchte, in den Augen des Fremden die undurchsichtige Entgegnung zu lesen, doch der Alte fasste ihn rätselhaft in seinen Blick, was ihn dazu brachte, den Kopf leicht zu senken. Verhalten sagte er: „Ich dachte nur, wegen ihrer Erscheinung und vielleicht wegen dem Barett, und zudem habe ich gerade an Kunst gedacht.“ Leicht verunsichert über den Fortgang des Gesprächs blickte er auf die Strasse, wo die Geschäftigkeit stets zunahm. Fussgänger eilten mit gefüllten Taschen und Rollkoffern vorüber, nebenan bei der Platane sass eine Bettlerin mit einem kleinen Knaben, und hielt den Passanten die eine Hand ausgestreckt mit der Handfläche nach oben entgegen, wie wenn man auf die Strasse tritt und tastet, ob es regnet. Handwerker hielten ihre Lieferwagen vor dem Bistro an und gingen ihrer Arbeit nach. „Es ist kein Barett, sondern eine Basken mütze“, war die Antwort, die ihn nahezu entmutigte, das Gespräch weiter zu führen. Dabei hatte er doch beinahe den Entschluss gefasst, den Fremden nach einer Künstlerunterkunft zu fragen. Die Frage lag ihm auf den Lippen, da fuhr der Alte fort: „Sind Sie denn auch Künstler, ich bin es nämlich, und zwar mein Leben lang. Ich schätze Sie so um die fünfzig, stimmt das, so haben Sie fünfundzwanzig Jahre vor sich, die ich hinter mir habe.“

Die Bemerkung stärkte ihm den Rücken und er stellte sich vor, hätte er dem Fremden einmal die Frage nach einer Unterkunft gestellt, und dieser würde sich zwar weiterhin ungewöhnlich zurückhaltend, nicht aber ganz und gar abweisend geben, so könnte er mit der nötigen Geduld eine Antwort erwarten. Dabei hätte er nichts zu verlieren, und schliesslich sollte er den Zufall, heute Morgen auf dem Gehsteig neben einen Künstler geraten zu sein, nicht ausschlagen, sondern den günstigen Zeitpunkt ergreifen, denn jetzt zu schweigen könnte nichts anderes als nachteilig sein. Er wartete eine Weile, um im Rhythmus des Alten zu bleiben und sagte sodann: „Ja, ich bin Künstler und dies aus Leidenschaft. In meinem bisherigen Leben wurde aber mein Kunstschaffen durch allerlei Irrungen und Wirrungen zur Nebensache entwertet. Gestern bin ich hier angereist, um mir ein uneingeschränktes Künstlerleben aufzubauen. Noch fehlt mir aber eine Unterkunft.“ „Mein junger Freund!“, murmelte der fremde Herr in den Bart, ohne weiter...



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