E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Ambs / Brinkmann / Kaschte Kranke Geschichten
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-939239-58-1
Verlag: Anti-Pop
Format: EPUB
Kopierschutz: PC/MAC/eReader/Tablet/DL/kein Kopierschutz
Die Anti-Pop-Anthologie
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-939239-58-1
Verlag: Anti-Pop
Format: EPUB
Kopierschutz: PC/MAC/eReader/Tablet/DL/kein Kopierschutz
Das Leben ist unberechenbar und schier unglaublich. Und manchmal ist es auch ziemlich krank. Davon berichten die Autoren dieses Buches. In dieser Anthologie geht es unter anderem um Menschen, die sich in Kunden verwandeln, ein verlassenes Huhn am Straßenstrich, einen freiberuf-lichen Engelmacher mit Gewissen und Automaten mit seltsamen Vorlieben. Außerdem gibt es Erzählungen über die hässliche Seite des Landlebens, einen Berliner, der jede Nacht in einem anderen Bett landet, und über zartrosafarbene Dämonen im Hasenkostüm. Die mal finsteren, mal humorvollen Geschichten erlauben einen Einblick in weitere Titel des Verlagsprogramms, viele davon wurden exklusiv für diese Anthologie verfasst.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Boris Koch
Grenzgänger Hügelhofen ist ein abgelegenes Dorf mitten im Bayrischen Wald mit knapp dreitausend Einwohnern. Von Wäldern und Feldern umgeben liegt es zwischen den idyllischen Höhen des Mittelgebirges, direkt am Lauf des kleinen Erpelbachs. Die roten Dächer der Häuser leuchten weithin in der Sonne, die Gärten sind gepflegt, die Traktoren und Autos neu und groß. Es ist ein wohlhabendes Dorf unweit der tschechischen Grenze. Doch wann immer die Dörfler von der Grenze sprechen, meinen sie nicht diese, sondern die zwischen oberem und unterem Dorf, zwischen dem Teil, der flussaufwärts vom alten Sägewerk, und dem, der flussabwärts liegt. Wessen Grund an dieser Grenze endet, der hat dort eine Mauer zu seinem Nachbarn errichtet, meist mehrere Meter hoch und mit Stacheldraht und bunten, scharfkantigen Glasscherben gekrönt. Die Scherben glitzern in der Sonne mindestens so hell wie die Dächer. Nur eine einzige Straße verbindet die beiden Dorfhälften, doch auf jeder Seite des Übergangs befindet sich ein blau-weiß gestrichener Schlagbaum. Seit einem Gemeinderatsbeschluss aus dem Jahre 1980 stehen jedoch beide üblicherweise offen, zumindest tagsüber. 1980 war auch das Jahr, in dem ich eingeschult wurde. Ich bin im unteren Dorf aufgewachsen, und meine Eltern sagten immer, früher sei es schlimmer gewesen, da sei es in der Freinacht auf den 1. Mai auch mal zu Übergriffen mit Todesfolge gekommen. Das seien noch wirkliche Kämpfe gewesen, heute dagegen sei alles gemäßigt. Keine tiefsitzende Feindschaft mehr, eher eine natürlich gewachsene Rivalität, die sich eben ab und zu Bahn bricht. «Weißt du, natürlich sind das im oberen Dorf alles Arschlöcher», erklärte mir mein Vater am Morgen, als ich eingeschult wurde. «Aber die Zeiten haben sich geändert. Heutzutage schießen wir nicht mehr grundlos auf sie. Die Gewehre bleiben im Schrank.» Mutter tätschelte mir den Kopf und überreichte mir die Schultüte mit Süßigkeiten, einem Seifenblasenröhrchen und einem richtig fetten Klappmesser, dessen lange Klinge eigentlich unter das Waffengesetz fiel. Doch darum kümmerte sich in Hügelhofen niemand, was wussten die albernen Gesetzgeber in Bonn schon von unseren Traditionen? Außerdem lag die Schule hinter der Grenze, dahin ging jeder mit Verstand nur bewaffnet. «Wenn ihr aus dem unteren Dorf schön in der Gruppe bleibt, dann wirst du es gar nicht brauchen», sagte mein Vater beruhigend. Doch dann zeigte er mir, wie man die Klinge möglichst schnell herausklappte und effektiv einsetzte - wie ich zustechen sollte und wohin. Auf dem gesamten Schulweg hielt ich das Messer in der Tasche umklammert. Unterwegs wurden ein paar Tannenzapfen nach uns geworfen, Beleidigungen drangen aus dem ein oder anderen Fenster, doch Schlimmeres passierte nicht; niemand zog eine Waffe. Hinter der Grenze sah ich mich sorgfältig um und stellte fest, dass die Häuser aussahen wie bei uns. Auch die Menschen, nur waren diese griesgrämiger, und ich hielt sie auch für hässlicher, ihre Augen starrten unfreundlich. Das also sind Arschlöcher, dachte ich und wich einem gespuckten Kirschkern aus. Schließlich erreichten wir das gelbbraun gestrichene Gebäude mit den Sonnenblumen aus Fingerfarben im Fenster. Zu meiner Erleichterung lag es nur zwei, drei Straßen weit in der anderen Dorfhälfte. Auch in den folgenden Wochen und Monaten geschah mir auf dem Schulweg nichts. Hier ein Kratzer vom Treffer mit einer Erbsenpistole, da ein blauer Fleck von einem wuchtig geschleuderten Tennisball oder Schrammen vom Splitt und Eis in Schneebällen, auch einmal eine kleine Platzwunde von einem Golfball, die üblichen Kleinigkeiten eben. Meine erste richtige Abreibung bekam ich in der zweiten Klasse verpasst, als ich nachsitzen und somit den Heimweg allein antreten musste. Sie lauerten mir zu acht auf, rissen meine gesamte Kleidung in kleine Fetzen, traten mir ein Dutzend Mal zwischen die Beine, schlugen mich zu Boden, wischten mit mir den verdreckten Rinnstein auf gut zehn Metern Länge aus und brannten mir die Augenbrauen mit einem Feuerzeug weg. Die Haare schoren sie mir mit meinem Messer und ohne Seife, so dass ich überall auf dem Kopf blutete. Dann brachen sie die Klinge ab und trieben mich nackt mit Fußtritten über die Grenze. «Das nächste Mal nehmen wir deinen Skalp, so wie es sich gehört! Mit Haut!», riefen sie mir hinterher und johlten. Ich wusste, sie wollten mir nur Angst einjagen, und obwohl ich es wusste, hatten sie Erfolg damit. Fortan erledigte ich artig alle Hausaufgaben und hielt während des Unterrichts meine Klappe. Sorgsam achtete ich darauf, nicht mehr nachsitzen zu müssen, und wurde zum Musterschüler. Was auch immer ich heute darüber denken mag, damals erschien mir ein solches Verhalten vollkommen normal; ich kannte es nicht anders. So ging auch niemand von uns beim Metzger im oberen Dorf einkaufen. Nicht aus Angst, aufgemischt zu werden, sondern allein deshalb, weil man ihm die Einnahmen nicht gönnte. Wir kauften nur bei unserem Metzger, unserem Bäcker und so weiter. Da der einzige Friseur im oberen Dorf lag, schnitten wir uns die Haare selbst oder fuhren dafür in eine fünfzehn Kilometer entfernte Kleinstadt. Jede Hälfte hatte eine eigene Kirche, einen eigenen Friedhof, ein eigenes Fußballfeld, einen eigenen Spielplatz und natürlich ein eigenes Schützenheim. Der Gemeinderat tagte direkt auf der Grenze, in einem Gebäude, das Türen auf beiden Seiten aufwies. Es war nicht so, dass man die Grenze gar nicht überschreiten konnte, nicht jedes Mal wurde man verdroschen oder bespuckt, aber man vermied es einfach. Was sollte man auch dort? In der anderen Hälfte lebten schließlich nur Arschlöcher. In der dritten Klasse schenkten mir meine Eltern eine stählerne Steinschleuder zum Geburtstag. Sie lächelten und ermahnten mich, nicht auf die Augen zu zielen, selbst bei den Arschlöchern von jenseits der Grenze nicht - es reiche, wenn ich sie auf der Brust oder dem Hintern treffe. «Ja ja», sagte ich und rannte zu Juxe, der direkt an der Grenze wohnte. Mit ihm stieg ich aufs Dach, von dem aus man über die hohen Mauern zum Nachbararschloch ins obere Dorf sehen konnte. Unterwegs hatte ich schwere, kantige Kiesel gesammelt, und wir schossen von unserem Versteck hinter dem Schornstein aus abwechselnd ein paar Hühner tot, die drüben in den nächstgelegenen Höfen herumpickten. Auch eine Katze erlegten wir mit einem Augentreffer, obwohl ich wirklich nur auf den Körper gezielt hatte. Einem neugierigen Hund brachten wir mehrere blutige Wunden bei, so dass er rasend sein Herrchen anfiel und ihm in den Arm biss. Glücklich kichernd kauerten wir hinter dem Kamin und klopften uns gegenseitig auf die Schultern. Ich konnte mich an keinen schöneren Geburtstag erinnern. In der vierten Klasse schleuderten wir ein Einmachglas mit einem kleinen Wespennest weit über die Grenze, so dass es dort auf dem Asphalt zerschellte. Die Biester waren verdammt zornig und stachen ein paar Arschlöcher, so dass ihre Gesichter übel anschwollen. Als ich in der Fünften war, brannte eines Tages das Haus unseres Nachbarn und die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr aus dem oberen Dorf kamen nicht zum Löschen. «Hab die Sirene nicht gehört», sagte der eine. «Irgendwie waren meine Ohren verstopft. Erkältung oder so.» «Hab mich verfahren», brummte ein anderer und zuckte mit den Schultern. Also fackelten wir in der sechsten Klasse die große Scheune im oberen Dorf ab, in der ihr pompöser Feuerwehrball stattfinden sollte. In der siebten Klasse vermöbelten wir den schlaksigen Peter aus dem oberen Dorf mit ungehobelten Dachlatten, weil er es gewagt hatte, auf dem Pausenhof die hübsche Sylvia aus dem unteren Dorf anzulächeln, dabei hatten wir doch sowieso viel weniger Mädchen als sie. Irgendwie wurden bei uns mehr Jungs geboren, was ich in den ersten Jahren natürlich cool gefunden hatte – mehr Freunde, mehr Unterstützung bei Raufereien und so weiter. So langsam hatte ich jedoch erkannt, dass ich auch nichts gegen Mädels in unserer Dorfhälfte hatte, besonders nicht gegen hübsche. Dass hinter ihnen auch die älteren Jungs her waren, damit mussten wir Jüngeren leben, aber gegen das Lächeln der Arschlöcher aus dem oberen Dorf konnten wir uns wehren. Und so prügelten wir den unverschämten Peter ins Krankenhaus, bespuckten ihn, pissten auf ihn und schrien: «Wenn du ficken willst, such dir eine Ziege in deiner Hälfte.» «Ein Huhn!» «Gak, gak, gak.» «Oder ‚ne Kuh!» «Am besten ‚nen Wallach oder Ochsen», schrie Juxe und trat ihm mit schweren Schuhen in die Eier. «Die passen zu dir kastriertem Sack.» Wir anderen lachten laut und traten ihm auch alle in die Eier. Und dann kam ich in die achte Klasse und zwei Dinge änderten alles. Zum einen kaufte eine alleinstehende Frau von außerhalb das alte Sägewerk und errichtete auf der freien Fläche neben dem Fluss, dort wo früher die wuchtigen Baumstämme gelagert worden waren, ein Haus. Direkt auf der Grenze zwischen oberem und unterem Dorf. Sie war die Erste, die sich nicht klar zuordnen ließ, noch dazu eine Zugezogene, eine alleinstehende Frau um die dreißig ohne Kinder, von...




