Ambler | Besuch bei Nacht | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Ambler Besuch bei Nacht


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-455-17104-4
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-455-17104-4
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die letzten Tage bis zu seiner endgültigen Anreise möchte der Ingenieur in der völlig überbuchten Hauptstadt verbringen. Das Glück scheint zunächst auf seiner Seite zu sein, man bietet ihm eine Unterkunft im Air House an und dann lernt er auch noch die wunderschöne Eurasierin Rosalie kennen. Doch plötzlich geraten die beiden in eine äußerst prekäre Lage: ein Militärputsch ereignet sich und die Aufständischen erklären ausgerechnet das Air House zu ihrem Hauptquartier. Steve und Rosalie müssen nun äußerst vorsichtig vorgehen, um im Kreuzfeuer zu überleben ...

Eric Ambler, geboren 1909, gehört zu den Begründern des klassischen Noir- und Spionagethrillers und wurde für seine Arbeit vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Order of the British Empire, der ihm 1981 von Königin Elisabeth II. verliehen wurde. Eric Ambler starb 1998 in London.
Ambler Besuch bei Nacht jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Cover
Titelseite
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
Über Eric Ambler
Impressum


1


Die wöchentliche Dakota aus Selampang war meines Wissens noch nie vor Mittag auf der Rollbahn im Tal gelandet oder vor eins zum Rückflug gestartet. Nach der Abschiedsparty, die man mir am Abend zuvor gegeben hatte, hätte ich mindestens bis elf schlafen müssen. Aber nein; bei Morgengrauen war ich hellwach, hatte gepackt und mich reisefertig gemacht.

Nicht dass ich viel zu packen gehabt hätte. Die meisten von meinen Sachen – die weiten, -zerschlissenen Hosen und Buschhemden, die Moskitostiefel und die schweißverschmutzten Hüte – hatte ich samt meinem Feldbett Kusumo gegeben, der während der letzten drei Jahre mein Diener gewesen war. Die wenigen Dinge, die noch übrig blieben – Schuhe, ein paar weiße Hemden, Unterwäsche und andere persönliche Kleinigkeiten –, waren leicht in einen kleinen Metallkoffer gegangen. Den einzigen Anzug, den ich besaß, hatte ich an. Ich war so einfältig gewesen, ihn bei einem Versandhaus in Singapur zu bestellen, und er hing an mir wie ein Duschvorhang. Aber an diesem Morgen war mir egal, wie ich aussah; und wie lange ich auf die Maschine zu warten hatte, war mir ebenfalls egal. Hauptsache war damals für mich, dass meine Abreise feststand und dass ich in meiner Brusttasche außer meinem Pass und einem Ticket für einen BOAC-Qantas-Flug von Djakarta nach London einen Brief hatte – das Avis von der Zweigstelle der Hongkong and Shanghai Bank in Singapur, die mir mitteilte, dass mir mit Erfüllung meines Vertrages als beratender Ingenieur beim North Sunda Power and Irrigation Project die Summe von achtundfünfzigtausendachthundertundsechsundneunzig Straits-Dollar gutgeschrieben worden war.

Kurz nach elf lieh ich mir einen von den Jeeps der Wartungsstelle und fuhr hinüber zum Büro des leitenden Ingenieurs, um zu sagen.

Jetzt, da ich wegfuhr, konnte ich die Gegend mit freundlicheren Augen sehen. Als der Jeep über den Knüppelweg an den neuen -Häusern und der Reihe von Nissenhütten, wo die europäischen Arbeitskräfte wohnten, vorbeiratterte, empfand ich sogar etwas Stolz auf das Geleistete.

Es war ein Colombo-Plan-Projekt, und an Finanzierungskapital vonseiten der Amerikaner und des britischen Commonwealth hatte es nicht gefehlt. Aber um in einer Gegend wie dem Tangga-Tal Dämme zu bauen, ist mehr vonnöten als Geld und guter Wille. Als ich mit dem Vortrupp auf dem Gelände angekommen war, hatte es nichts gegeben als Sümpfe und Dschungel, Blutegel und eine Kolonie von Sechsmeterpythons. Es verging fast ein Monat, bis das Unternehmen seine ersten zwei Bulldozer von der Küste heraufgeschafft hatte. Und im ersten Jahr hatten wir gleich nach dem Hereinbrechen des Monsuns die gesamte Ausrüstung stehen lassen und auf höheres Gelände ziehen müssen, um am Leben zu bleiben. Doch jetzt war auf dem Baugelände ein Camp von der Größe einer Kleinstadt, es gab eine Rollbahn, und dort, wie ein Keil in der Engstelle des Tales, die ungeheure Masse aus Stein und Stahl und Beton, das Herzstück des ganzen Projekts. Durch diesen Damm war es möglich geworden, an die zweihundert Quadratmeilen Buschland unten am Tangga-Delta in fruchtbare -Felder zu verwandeln. Dieses Jahr würde Sunda zum ersten Mal einen Überschuss an Reis haben, der an die benachbarten Inseln von Indonesien verkauft werden konnte. Und wenn das Kraftwerk unterhalb des Dammes fertig sein würde, wenn die Hochspannungsleitungen erst einmal anfingen, sich in die zinn- und wolframhaltigen Gebiete im Norden zu erstrecken, war noch gar nicht abzusehen, wie reich der junge Staat noch werden würde. Das Tangga-Tal-Modell war etwas, worauf man stolz sein konnte. Meine persönlichen Beweggründe, nach Sunda zu gehen, waren durchaus nicht edel oder selbstlos gewesen. Für drei Jahre Arbeit im Tangga-Tal hatte man mir so viel gezahlt – und zwar steuerfrei –, wie ich in England in zehn Jahren verdient hätte. Doch davon abgesehen, war der Job auch an sich befriedigend gewesen. Wohl hing mir Sunda zum Hals heraus, und zweifellos war ich froh, abreisen zu können, aber ich hatte die Sundanesen lieb gewonnen und freute mich, ihnen nützlich gewesen zu sein.

Im Büro des leitenden Ingenieurs waren bereits zwei andere Männer, als ich den Kopf zur Tür hineinstreckte, aber Gedge winkte mich herein.

»Setz dich, Steve. Wir sind gleich fertig.« Er drehte sich um und fuhr fort mit dem, was er zu sagen hatte. »Also, Major Suparto, lassen Sie uns das klarstellen …«

Ich setzte mich und hörte zu.

Gedge, vom Unternehmen als Bauleiter eingesetzt, war ein sehr fähiger und erfahrener südafrikanischer Bauingenieur, der den größten Teil seines Arbeitslebens im Osten verbracht hatte, und zwar von sich aus. Viele Jahre hatte er in China gearbeitet und dann, seit dem chinesisch-japanischen Krieg, in Indien und Pakistan. Er hatte dort kein Geheimnis daraus gemacht, dass er Asiaten den Menschen seiner eigenen Rasse vorzog, nicht nur als Arbeitskollegen, sondern auch als Freunde. Bei den Europäern hieß es natürlich, er sei exzentrisch, und von Zeit zu Zeit kursierten Gerüchte über ihn – er sympathisiere mit dem Kommunismus oder er halte sich sechs eurasische Konkubinen oder er sei heimlich Buddhist geworden.

Momentan jedoch waren seine Gefühle für seine asiatischen Mitarbeiter alles andere als freundschaftlich. Er hatte Ärger mit ihnen. Und wirklich, seit Major Suparto vor sechs Monaten mit seinen fünf Bruder-Offizieren aus Selampang eingetroffen war, hatte es praktisch nichts als Ärger gegeben.

Sunda war früher ein Teil Niederländisch-Ostindiens. 1942 wurde es von den Japanern besetzt. Als drei Jahre später die Holländer zurückkamen, sahen sie sich einer sundanesischen »Befreiungsarmee« gegenüber und standen vor der Forderung nach Unabhängigkeit, der sie schließlich nachgeben mussten. 1949 wurde Sunda eine Republik.

Der Augenblick der größten Schwierigkeit für alle revolutionären Führer scheint der Augenblick des Erfolgs zu sein; der Augenblick, in dem sie – eben noch Rebellen im Konflikt mit den Herrschenden – selber plötzlich die Herrschenden geworden sind; in dem die Kämpfer, die den Sieg herbeigeführt haben, erwartungsvoll und ungeduldig ihre Belohnung einfordern. Es ist leichter, eine Befreiungsarmee zu rekrutieren, als sie zu entwaffnen und aufzulösen.

Zuerst sah es aus, als wüsste die provisorische Regierung der neuen Republik von Sunda sich recht klug aus dieser Verlegenheit zu helfen. Eine Politik des Abmarsches wurde betrieben, um den zu brechen. Keine Einheit als solche wurde aufgelöst. Männer aus denselben Gebieten wurden zusammengefasst und dann in ihre jeweiligen Gebiete zurücktransportiert, bevor sie entwaffnet und demobilisiert wurden. Inzwischen baute die Regierung schnell die kleine reguläre Armee auf, auf der in der Zukunft ihre Autorität beruhen sollte, und setzte sie gegen alle früheren Mitkämpfer ein, die noch auf dem Kriegspfad waren. Und das waren natürlich einige; besonders jüngere Soldaten, die sich oft zusammenrotteten und die Menschen in den Dörfern terrorisierten. Aber diese Art Banditentum hatte kaum politische Bedeutung. Nach der Unabhängigkeitserklärung Präsident Nasjahs schien ein paar Monate lang alles ganz gut zu gehen.

Unglücklicherweise hatte das Problem eine Seite, die von der Regierung übersehen worden war. In ihrem ängstlichen Bestreben, die Mannschaften und Unteroffiziere heimzuschicken, hatte sie versäumt, sich Gedanken darüber zu machen, wie die Offiziere abzuschieben seien; und als sie die Schwere dieses Fehlers erkannte, war es zu spät, um ihn wiedergutzumachen.

Es gab mehrere Hundert von diesen überschüssigen Offizieren; viel mehr, als die reguläre Armee oder der neue Polizeiapparat in vernünftiger Weise hätte absorbieren können. Hinzu kam, dass viele nicht Offiziere im üblichen Wortsinn – also Männer von ausgeprägter Loyalität – waren, sondern Guerillaführer und Exbanditen, die gegen die japanische Besatzungsmacht sowohl gekämpft als auch mit ihr kollaboriert hatten, bevor sie sich dann bei den holländischen Kolonialtruppen genauso verhielten. Es stand also zu erwarten, dass sie anfangen würden, die neue Regierung in Selampang zu bekämpfen, wenn das verheißene Utopia nicht sofort Wirklichkeit werden würde; oder wenn sie mit ihrem Beuteanteil oder ihren neuen Posten nicht mehr zufrieden wären. Machiavelli meinte, der kluge Usurpator solle, sobald er an die Macht komme, gegen seine ehrgeizigen Anhänger Anklagen erfinden und sie beseitigen lassen, bevor sie übermütig werden können. Aber so umsichtig oder praktisch veranlagt ist nicht jeder Politiker.

Obwohl die Gefahr bereits manifest geworden war, wurde sie von der Nasjah-Regierung unterschätzt. In der Auseinandersetzung mit wichtigen Tagesproblemen der Verwaltung und eingespannt in den politischen Kampf, der um die neue Verfassung geführt wurde, meinte sie, gerade in diesem Augenblick keine Zeit zu haben, sich mit den kleinen Unzufriedenen abzugeben. Zweifellos musste bald etwas getan werden, aber nicht jetzt. Mit der besonderen Unschuld von Politikern, die ans Ruder gekommen sind, nahmen sie sogar an, die überschüssigen Offiziere würden den Führern der Republik die Treue halten, solange sie nur weiterhin ihren Sold und ihre Sonderzulagen beziehen würden. Hatten diese Männer nicht gekämpft, um das alles erst möglich zu machen? Waren sie im Grunde nicht Patrioten?

Die Antwort hatten die Politiker bald. Als es so weit war, dass sie der Generalversammlung den Verfassungsentwurf vorlegen...


Ambler, Eric
Eric Ambler, geboren 1909, gehört zu den Begründern des klassischen Noir- und Spionagethrillers und wurde für seine Arbeit vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Order of the British Empire, der ihm 1981 von Königin Elisabeth II. verliehen wurde. Eric Ambler starb 1998 in London.

Eric Ambler, geboren 1909, gehört zu den Begründern des klassischen Noir- und Spionagethrillers und wurde für seine Arbeit vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Order of the British Empire, der ihm 1981 von Königin Elisabeth II. verliehen wurde. Eric Ambler starb 1998 in London.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.