E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Altpeter Neben der Normalität 2
Erstausgabe
ISBN: 978-3-96724-313-0
Verlag: Karina Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-96724-313-0
Verlag: Karina Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Heike Altpeter, eine Frau mit vielen Talenten. Vor vielen Jahrenentdeckte die Ehefrau und Mutter zweier Kinder, ihre Liebe zumSchreiben. Nach ihrer Tätigkeit als Arzthelferin, Trainerin fürCoronar-, Diabetiker- und paVK-Sport, gelernte medizinischeFußpflege und Personalsachbearbeiterin wechselte sie krankheitsbedingtdie Perspektive und verfasste sie als Frührentnerinihren ersten (übersinnlichen) Roman. Das war die Geburtsstundeder Autorin Heike Altpeter. Heute widmet sie sich fastausschließlich ihrer schriftstellerischen Passion. Geblieben ist dieVielfältigkeit ihres Schaffens: Mal schreibt sie Reime undSpruche, mal Gedanken und Romane die im Saarland, ihrergeliebten Heimat spielen sowie einen Tatsachenbericht auf derBasis einer wahren Begebenheit.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel III
Krrring, Krrring, Krrring! Unerbittlich holte uns der Wecker um halb acht aus dem Schlaf.
„Guten Morgen, Liebling, hast du gut geschlafen?“
So wurde ich jeden Morgen von Paul geweckt und genoss die Küsse, die auf diese Frage folgten.
„Ich glaube, ich bin letzte Nacht wieder gut in den Schlaf gekommen. Hast du noch etwas Ungewöhnliches bemerkt?“
Paul runzelte die Stirn, während er nachdachte. „Nein, du hast ganz ruhig geatmet, und ich bin auch gleich wieder eingeschlafen.“
Es hatte sich mittlerweile so eingebürgert, dass ich immer zuerst ins Bad ging, und kurze Zeit später folgte mir Paul. Paul brauchte immer am längsten von uns beiden. Allein schon, bis er seine Toilette erledigt hatte, dauerte eine Ewigkeit und dann noch rasieren und stylen. Ich war viel schneller, und für mein Styling brauchte ich auch nur kurz. Meine Haare waren immer noch kurz und wuschelig, und ich beschränkte mich darauf, mir die Wimpern zu tuschen und Lippenstift aufzulegen. Während ich mich langsam anzog, sah ich aus den Augenwinkeln, wie Paul sich rasierte. Mein Mann! Es war immer noch unglaublich für mich, wie wir uns gefunden hatten. Diese Liebe war das Größte, was es bis jetzt in meinem Leben gegeben hatte.
Der Duft seines After Shave kitzelte meine Nase und weckte Erinnerungen in mir. Daran, wie wir uns das erste Mal in der Diskothek Eishaus gesehen hatten und später in seiner damaligen Praxis und daran, welche erotischen Nächte wir bisher miteinander verbracht hatten. Ich liebte den Duft seines Rasierwassers. Für mich roch es nach Verlangen, nach Zärtlichkeit, nach Begehren. Ja! Ich begehrte diesen Mann mit all meinen Sinnen. Wie er so nackt vor dem Spiegel stand. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht zu ihm hinzugehen, denn sonst würden wir nie fertig werden, und der erste Patient war bereits für neun Uhr bestellt.
„Bist du bald fertig?“ Fragend drehte ich mich zu ihm um. Schade! Nun hatte er schon seine Unterwäsche an. Trotzdem war seine sportliche Figur ein Hingucker. Im Vorbeigehen streifte er meinen Körper, und jedes einzelne Härchen auf meiner Haut stellte sich vor Erregung auf. Wenn wir Zeit hätten, dann…, dachte ich und gab Paul einen Klaps auf den Po.
„Was dann?“, gab er anzüglich zurück, und ich lächelte verlegen, aber meine Augen verrieten bestimmt die ganze Karte. Nach dieser Plänkelei waren wir auch bald fertig und gingen rasch in die Küche, aus der uns schon leckerer Kaffeegeruch in die Nase zog.
„Hi, Emma! Schon so früh auf?“ Paul drückte sie herzlich und küsste sie auf die Wange.
„Hi, ich will doch nicht, dass ihr hungrig an die Arbeit geht. Arbeitet ihr heute lange?“
Während Paul sich das Frühstückstablett schnappte, ging ich in Gedanken unseren Tagesplan durch.
„Nein. Heute ist ja Freitag“, meinte Paul. „Dann habe ich den letzten Patienten für ein Uhr bestellt. Wenn niemand unangemeldet kommt, müssten wir gegen drei Uhr fertig sein.“
„Okay, dann bereite ich das Essen für vier Uhr vor.“ Emma hatte sich unserem Rhythmus angepasst und richtete die Essenszeiten nach unseren Sprechzeiten. Sie war unersetzlich für uns geworden. Gemeinsam frühstückten wir und besprachen den Tag.
„Wir müssen los!“, mahnte Paul zur Eile, stellte alles aufs Tablett zurück und küsste Emma noch einmal zum Abschied.
„Danke für das leckere Frühstück, Emma, wir sehen uns später“, verabschiedete auch ich mich. Da sich unsere Praxis im Erdgeschoss unseres Hauses befand, gingen wir lediglich eine Etage hinunter und konnten sofort alles vorbereiten. Ich knipste überall das Licht an, während Paul die Computer hochfuhr. Gemeinsam prüften wir noch einmal den Tagesplan, und dann widmete sich jeder seinen Aufgaben.
Der erste Patient für diesen Tag war Tim Blau. Bis er kommen würde, war noch etwas Zeit, und ich rief meinen Gynäkologen an und vereinbarte einen Termin für Mittwochnachmittag. Mittwochs war unsere Praxis ab vierzehn Uhr geschlossen; im Gegenzug hatten wir donnerstags bis neunzehn Uhr geöffnet, wenn sich jemand für einen Abendtermin anmeldete. Mit dem Gynäkologen hatte ich kurz unser Anliegen besprochen und legte gerade auf, als es an der Tür klingelte. „Ja, bitte?“
„Guten Morgen, hier ist Frau Blau, wir haben einen Termin“, ertönte eine Stimme.
„Paul, der erste Patient ist da“, rief ich durch die Sprechanlage, während ich auf den Türöffner drückte. Frau Blau kam mit einem kleinen, etwa sechsjährigen Jungen herein.
„Hallo, Frau Blau. Wie kann ich Ihnen helfen?“
Frau Blau musterte mich und stellte mir ihren Jungen vor.
„Das ist Tim, mein Sohn. Sie müssen uns helfen. Er leidet ständig unter Kopfschmerzen und kann sich überhaupt nicht konzentrieren.“
Lächelnd reichte ich ihr unser Anmeldeformular, während ich sie gleichzeitig darauf aufmerksam machte, dass wir eine Privatpraxis seien und demzufolge privat abrechnen würden. Sie gab mir ihr Einverständnis und zog sich mit dem Jungen ins Wartezimmer zurück. Ich nutzte die Zeit, um Paul kurz über den kleinen Jungen zu informieren. Es dauerte nicht lange, bis Frau Blau mit dem ausgefüllten Formular zu mir an den Tresen kam.
„Danke. Ich begleite Sie jetzt ins Sprechzimmer.“ Ich ging voraus, öffnete die Tür zu Pauls Zimmer und bat sie einzutreten.
„Bin gleich soweit“, warf ich Paul zu und schloss die Tür wieder. Ich gab sämtliche Daten in den Computer ein, die Frau Blau auf dem Formular angegeben hatte. Paul rief mich über die Sprechanlage:
„Bringst du uns bitte Tee?“
„Kommt sofort!“
Als ich eintrat, saßen alle um den kleinen Tisch herum, und ich stellte die Teekanne und die Tassen dort ab.
„Darf ich Ihnen einschenken?“, fragte ich, woraufhin alle nickten.
„Kann ich sonst noch etwas für dich tun?“ Ich sah Paul fragend an.
„Ist es Ihnen recht, Frau Blau, wenn meine Frau anwesend ist?“
Es war ihr recht, und so setzte ich mich neben sie und hörte zu. Paul stellte diverse Fragen über den Gesundheitszustand des Jungen und erfuhr, dass er als Baby oft sehr schreckhaft gewesen war und dass immer ein Licht in seinem Zimmer hatte brennen müssen, anderenfalls hatte er nicht schlafen können. Auf Pauls Frage, ob er denn mit Tim alleine sprechen dürfe, reagierte Frau Blau sehr ängstlich, gab aber dann doch ihr Einverständnis, nachdem sie Paul eingehend gemustert hatte. „Kommen Sie bitte mit mir in mein Büro. Dann erzähle ich Ihnen ein wenig über unsere Arbeitsweise.“
Mit einer Geste forderte ich Frau Blau auf, mir zu folgen. Paul begann derweilen schon, sich mit Tim zu unterhalten. Nach einem letzten besorgten Blick zu ihrem Sohn folgte sie mir und ich schloss die Tür hinter uns.
„Ach bitte, nennen Sie mich doch Iris.“ Frau Blau reichte mir die Hand und sah mich an.
„Danke, das ist sehr nett von Ihnen. Ich bin Dana.“
Gemeinsam setzten wir uns hinter den Tresen, und ich erklärte ihr, welche Leistungen wir in unserer Praxis anboten. Da Iris mir sehr aufmerksam zuhörte, erzählte ich ihr auch von unseren spiritistischen Arbeitsweisen.
„Sie arbeiten also mit Geistern?“ Ungläubig starrte sie mich an.
„So könnte man das ausdrücken. Aber es ist nicht ganz so trivial.“
Ich holte etwas aus und erläuterte ihr unsere Vorgehensweise und zu welchen Zwecken wir dies anwandten. Sie schien zu verstehen, sah mich aber dennoch etwas zweifelnd an.
„Glauben Sie, mein Junge braucht diese Art von Hilfe auch?“
„Nun, das kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beantworten, aber wenn mein Mann mit Tim gesprochen hat, wissen wir sicher mehr.“
Zur Beruhigung reichte ich Iris Schokolade und aß selbst ein großes Stück davon. In der Zwischenzeit kreisten meine Gedanken um unseren Termin beim Gynäkologen. Ob es an mir lag, dass wir kein Baby bekamen oder an Paul? Obwohl? So potent wie er war, konnte ich mir das nur schwer vorstellen. Also doch vielleicht ich? In diesem Moment ertönte die Gegensprechanlage: „Ihr könnt jetzt wieder hereinkommen.“
Blitzartig erhob sich Iris von ihrem Stuhl und rannte zur Tür.
„Moment, ich schalte noch schnell den Anrufbeantworter ein.“ Aus den Augenwinkeln sah ich, wie sie schon die Tür aufdrückte, und folgte ihr schnell. Paul bat uns, Platz zu nehmen, und räusperte sich mehrmals. Tim saß derweilen in einer Ecke und spielte mit den Legosteinen, die wir für unsere kleinen Patienten angeschafft hatten. Paul spielte selbst gerne damit, aber das wusste nur ich.
„Es ist doch etwas komplizierter als ich dachte“, begann Paul das Gespräch. Unruhig rutschte Iris auf ihrem Stuhl hin und her.
„Meine Frau hat schon mit Ihnen in Bezug auf unsere spiritistische Arbeitsweise gesprochen?“
„Ja, ich weiß Bescheid, fahren Sie fort.“
Paul räusperte sich erneut. „Es ist so, Ihr Sohn hat anscheinend einen Mitbewohner in seinem Zimmer. Zumindest habe ich den Eindruck, dass er ihn sehen kann. Bei einem Kind in seinem Alter ist das nicht ganz so einfach zu beurteilen.“
Frau Blau stieg die Röte ins Gesicht. „Wollen Sie damit sagen, mein Junge spinnt?“
„Um Gottes willen, nein. Warum sollte ein so kleiner Junge lügen, zumal er bei mir nicht unter Druck steht. Er hat mir das während des Spielens erzählt, und ich glaube nicht, dass ein Junge von fünf Jahren sich das alles ausdenkt. Er hat mir erzählt, dass dieser andere Junge immer in sein Bett wolle. Aber wenn das Licht eingeschaltet sei, dann sei der Junge nicht da.“
Iris betrachtete mit offensichtlichem Befremden ihren...




