E-Book, Deutsch, Band 6180, 272 Seiten
Reihe: Beck Paperback
Althaus Zeig mir deine Wunde
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-406-67462-4
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Geschichten von Verlust und Trauer
E-Book, Deutsch, Band 6180, 272 Seiten
Reihe: Beck Paperback
ISBN: 978-3-406-67462-4
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dr. hum. biol., geb 1965, ist Diplom-Psychologe und niedergelassener Psychotherapeut in Dachau bei München. Er ist Mitbegründer und Vorstandsmitglied des Deutschen Bündnisses gegen Depression e.V. und erhielt zahlreiche Preise, darunter den Klinikförderpreis 2002 der Bayerischen Landesbank.
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UTA W.:
LEBE WOHL, MEINE KLEINE!
Ben Okri
Ich bin heute neununddreißig Jahre alt und Tierärztin. Ich lebe gemeinsam mit meinem Mann und meiner Tochter Ayleen in der Nähe von München. Wir haben zwei Kinder, Ayleen und Maike. Maike ist im Alter von sieben Wochen gestorben. Das ist nun schon über zwanzig Monate her. Ich will hier über Maike schreiben, über das, was sie mir bedeutet, über ihr kurzes Leben, ihren Tod und was es für mich heißt, nun ohne sie leben zu müssen.
Es ist schwer, für all das Geschehene die richtigen Worte zu finden, denn schnell passiert es, dass ein Satz nicht mehr richtig klingt, nicht nach dem, wie ich es empfinde. Ich weiß, dass ich mich berühren lassen muss von der Erinnerung. Ich muss zulassen, dass sie in mir schwingt und mich bewegt. Das bedeutet dann, dass ich intensiv in meinen Schmerz eintauche, in die unglaublich schmerzhafte Erfahrung, dass Maike sterben musste. Manchmal ist mein Schmerz so groß, dass ich Furcht habe, mich darin aufzulösen, dass nichts von mir übrig bleibt, wenn ich dem Gefühl der Trauer ganz nachgebe. Ich habe auch große Angst vor der Einsamkeit, die direkt neben dem Schmerz sitzt.
Ich bin eine Meisterin der Fassade. Ich glaube, ich war das schon immer, auch lange vor Maikes Tod. Früher gab es viele Dinge in meinem Leben, die waren sehr hart, sehr schwer, und ich habe mich häufig damit allein gefühlt. Ich hatte das Gefühl, dass niemand da war, mit dem ich das hätte teilen können. Also habe ich versucht, so gut es geht, irgendwie zu funktionieren. Ich war wirklich sehr gut darin, anderen Menschen weiszumachen, dass ich das Leben schon packen würde.
Es fällt mir schwer, meine Gefühle zu zeigen. Wie ich schon sagte: Ich bin ein Mensch, der sich ganz gut eine Maske überstülpen kann, damit die Dinge nicht so wehtun. Es gibt Leute, die mir sagen, wie sehr sie mich bewundern und wie stark ich sei. In Wirklichkeit bin ich nicht stark. In Wirklichkeit fühle ich mich oft ganz klein, ganz schwach und schutzbedürftig. Ich habe jedoch Angst davor, das anderen zu zeigen, und nur kurz lasse ich es durchblitzen, wie es mir wirklich geht. Und dann ziehe ich lieber eine robuste Außenhaut über, damit niemand merkt, wie es in meinem Inneren aussieht.
Seit meiner späten Kindheit leide ich unter Morbus Crohn. Diese entzündliche Darmerkrankung ist bei mir in ausgesprochen aggressiver Weise ausgeprägt, und mein ganzes Leben war immer wieder durch Schmerzen, Durchfälle, Gewichtsverlust, körperliche Schwäche geprägt, und dann natürlich auch noch durch viele Operationen. Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass ich es ungerecht finde, eine so schlimme Krankheit zu haben. Ich weiß nicht, womit ich es verdient habe und ob es eine Strafe für irgendetwas ist, jedenfalls fühle ich mich oft bestraft. Letztlich habe ich die Erkrankung nie in den Griff bekommen, und immer hing eine weitere Verschlechterung wie ein Damoklesschwert über mir.
Der Crohn hat mich wieder und wieder aus allem herausgerissen: aus der Schule, aus dem Studium, später aus dem Beruf. Immer war ich so entmutigt, so enttäuscht, so traurig. Trotzdem habe ich nach außen stets so getan, als würde ich es schon schaffen. «Nur die Harten kommen in den Garten», rufe ich laut, und dann lache ich herzhaft, und die anderen lachen mit. Sie freuen sich, dass es gar nicht so schlimm ist mit mir. Bewundern mich, dass ich so gut drauf bin, obwohl bei mir alles so schwierig ist. Ich mag es selbst nicht, dass ich so bin. Ich würde gerne anders sein, aber es fällt mir sehr schwer.
Wenn ich nun an meine Schwangerschaft zurückdenke, dann war das alles ein ungeheurer Kampf, und von Anfang an lag auch viel Verbissenheit darin. Die ganze Schwangerschaft hindurch musste ich kämpfen! Egal. Ich bin eine gute Kämpferin. Für mich wird es immer dann schlimm, wenn es nichts mehr zu kämpfen gibt, und das waren für mich im Grunde die schlimmsten Momente während der Schwangerschaft, wenn klar war: «Jetzt kannst du nichts mehr tun, du kannst nur...




