E-Book, Deutsch, Band 20, 412 Seiten
Reihe: Kommissarin Pia Korittki
Almstädt Ostseedämmerung
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7517-7453-6
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Pia Korittki ermittelt
E-Book, Deutsch, Band 20, 412 Seiten
Reihe: Kommissarin Pia Korittki
ISBN: 978-3-7517-7453-6
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Beim Spielen an einem Dorfteich finden Kinder ein Schmuckstück aus der Wikingerzeit. Das Artefakt hatte sich zuletzt in Obhut einer Archäologiestudentin befunden, die kurz darauf vermisst gemeldet wurde. Kommissarin Pia Korittki und ihre Kollegen vom Lübecker K1 rollen den Cold Case wieder auf: Der furchtbare Verdacht bestätigt sich, als die Leiche der jungen Frau in einem Grab im Wald gefunden wird. Nun stehen die Dorfbewohner und die Mitarbeiter der Ausgrabung unter Mordverdacht. Dann verschwindet auch noch Pias Kollege Broders ...
Eva Almstädt absolvierte eine Ausbildung in den Fernsehproduktionsanstalten der Studio Hamburg GmbH und studierte Innenarchitektur in Hannover. Sie ist Autorin der erfolgreichen Ostseekrimireihe um die Lübecker Kommissarin Pia Korittki und der AKTE-NORDSEE-Reihe um die Rechtsanwältin Fentje Jacobsen und den Journalisten Niklas John. Eva Almstädt lebt in Hamburg.
Autoren/Hrsg.
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1. Kapitel
Trine ging noch ein paar Schritte weiter in das schwarze Wasser. Ihre Füße sanken tiefer in den Untergrund ein, als sie es erwartet hatte, und die Sedimente drangen seidig weich zwischen ihren Zehen hindurch. Der Teich war eiskalt und so trübe, dass sie nicht einmal mehr ihre Fußknöchel sah. Vereinzelt spürte sie spitze Steine und abgestorbene Blätter und Zweige unter ihren Fußsohlen. Es war ein bisschen ekelig, gruselig und deswegen umso aufregender.
»Geh nicht noch weiter rein, Trine!«, rief Vito. »Das wird da vorne gleich richtig tief. Das ist zu gefährlich!«
»Genau. Sie werden denken, dass wir ertrunken sind, und weinen und nach unseren Leichen suchen.«
»Das ist nicht witzig!«
»Natürlich nicht. Das Leben ist nicht witzig, Vito. Wenn wir überleben wollen, müssen wir uns Fische zum Abendbrot fangen.« Trine schwenkte den improvisierten Kescher aus einem alten Einkaufsnetz und einer Astgabel.
»Was, wenn uns jemand hier sieht?«
Die Stimme ihres neunjährigen Freundes klang ängstlich, was Trine umso mehr reizte, etwas zu riskieren. Sie war ganz in der Welt von Tom Sawyer und Huckleberry Finn auf dem Mississippi versunken … Von ihrer Oma in Bayern hatte sie einen Schuhkarton voller Kassetten und einen alten Rekorder geschenkt bekommen. Viele der Kinderhörspiele waren albern und »Babykram«, doch Tom Sawyer und Huckleberry Finn hatten es ihr angetan.
Trine ging weiter, bis das Wasser ihre Knie umspülte. Die Kälte kniff ihr in die Waden. Es schwappte über ihre hochgerollten Hosenbeine und zog kalt und feucht ihre Oberschenkel hinauf. »Wenn er uns findet, dann ist es aus mit uns, Vito. Deshalb müssen wir uns auf dieser Insel im Mississippi verstecken. Und wir müssen essen!«, setzte sie pragmatisch hinzu.
»Ich habe aber keine Lust mehr«, maulte Vito. »Immer nur Indianer Joe … Ich will lieber Harry Potter spielen. Und in diesem ollen Teich fängst du sowieso keinen Fisch.«
»Da, da war etwas!« Sie sprang ein Stück zur Seite.
»Wo?«
»An meinem Fuß. Etwas Großes!«
»Du spinnst doch. Hier gibt’s nichts ›Großes‹. Komm, lass uns aufhören für heute.«
Die zehnjährige Trine, die mit vollem Namen Katharina Seibold hieß, zuckte mit den Schultern. Sie wollte noch nicht nach Hause gehen. Doch die Sonne stand bereits tief am Horizont. Bald würde es dunkel sein.
Am liebsten möchte ich auf der kleinen Insel übernachten, dachte Trine, oder zumindest noch ein paar Stunden in meinem selbst gebauten Unterstand im dichten Unterholz bleiben, wo man mich vom Ufer aus nicht sehen kann. Sie könnten die aus dem Rucksack ihrer Schwester gemopsten Schokoriegel essen, den Tee aus Vitos Thermoskanne trinken und erst im Dunkeln zurück ins Dorf gehen. Dort würden sie sich dann leise in ihre Häuser schleichen.
Kurz tauchte in ihrer Vorstellung ein Bild von Tante Polly auf, die eine Laterne ins Fenster stellte, um ihrem Neffen Tom mit dem Lichtschein den Weg nach Hause zu weisen.
»Da war echt ein Fisch!«, behauptete Trine.
»Dann fang den blöden Fisch doch! Ich glaub das erst, wenn ich ihn sehe«, sagte Vito missmutig.
»Komm weiter rein, du musst mir helfen. Er hat mich schon zweimal gestreift«, flunkerte sie. »Er knabbert an meinem Bein. Vielleicht ist es ein Karpfen?«
»Du spinnst total!«, rief Vito, doch er krempelte seine Hosenbeine ein Stück weiter hoch. »Ih, ist das schleimig!«, rief er, als er auf sie zuwatete. »Autsch, ah! Da war was Scharfes.« Er hinkte einen Schritt. »Das war bestimmt eine Glasscherbe. Wenn ich mich schneide, bist du schuld!«
Trine rollte mit den Augen. »Wieso sollte hier Glas im Wasser sein?«
Vito bückte sich und tastete mit den Händen den Untergrund des Teiches ab.
»So vertreibst du unseren Fisch ja«, wandte Trine ein. Sie wollte nicht, dass Vito irgendwelchen Müll aus dem Hövelauer Teich ans Licht beförderte und damit ihre schöne Abenteuerstimmung zerstörte.
»Da, ich habe die verdammte Scherbe!« Vito fuhr mit der Hand im Wasser hin und her, um seinen Fund abzuspülen, und richtete sich auf.
»Das ist kein Glas«, sagte Trine, die näher getreten war. »Und auch kein Stein …«
»Komisch. Was ist es dann?« Vito beugte sich runter und säuberte den gefundenen Gegenstand nochmals im Wasser. Es war eine etwa zweimal drei Zentimeter große, unregelmäßig geformte bronzefarbene Scheibe. Nach der Säuberung zeigte sich, dass sie vier Löcher und schwach goldfarbene Verzierungen hatte.
Trine griff nach dem Fundstück und drehte es hin und her. »Da bist du draufgetreten?«
Er zuckte mit den Schultern. »Wahrscheinlich ist es nichts. Nur altes Zeug, das irgendwer in den Teich geworfen hat.«
Trine wischte die Scheibe an ihrem Ärmel trocken und hielt sie in das spärliche Tageslicht, das noch durch die Bäume fiel. »Ich finde, das Ding sieht … besonders aus. Vielleicht gibt es ja noch mehr davon.«
Vito stieß einen verächtlichen Laut aus und blickte auf die Uhr. »Such doch selbst! Ich gehe jetzt nach Hause.«
»Spielverderber. Gerade, wo es spannend wird.«
»Du kannst das olle Ding behalten.« Er wandte sich ab. »Mir wird’s zu kalt.«
Auch Trine spürte ihre Füße im Wasser kaum noch. Sie steckte das seltsame Fundstück in ihre Jackentasche und folgte Vito ans Ufer. Dort legte sie den Kescher ab und setzte sich neben Vito auf einen Baumstamm.
Die Kinder rieben sich die Füße notdürftig mit den Händen trocken und zogen Strümpfe und Schuhe wieder an.
Trine schlüpfte hastig in ihre abgetretenen Leinenschuhe, damit Vito die Löcher in ihren geringelten Strümpfen nicht sah. Ihr Freund in seinen neuen Outdoor-Stiefeln stapfte schon auf die andere Seite der Insel zu. An der schmalsten Stelle des Teichs hatten sie zwei alte Bretter ausgelegt, um das Gewässer mit einigermaßen trockenen Füßen zu überqueren. »Vito, warte!«
»Ich muss nach Hause. Mama hat heute extra für uns Spaghetti Bolognese gekocht.«
Trines Magen zog sich zusammen. Nicht nur vor Hunger. Bei dem Gedanken daran, dass Vito sich gleich mit seiner Familie an den gedeckten Tisch in ihrem gemütlichen Haus setzen würde, überkam sie Neid, gemischt mit Selbstmitleid. Doch sie durfte es sich nicht anmerken lassen. Seit dem Tod ihrer Mutter vor mehr als zwei Jahren ließ sie sich nichts mehr anmerken. Mitleid wollte sie nicht. Es war besser so.
»Soll ich das Ding wirklich behalten? Du willst es nicht?«, fragte sie noch mal, um ihren Freund aufzuhalten.
Vito drehte sich mit zusammengezogenen Augenbrauen zu ihr um. »Ich weiß nicht. Vielleicht sollten wir es besser unseren Eltern zeigen? Sieht irgendwie wertvoll aus mit dem goldenen Muster.«
Trine schüttelte energisch den Kopf. »Die wollen dann bloß wissen, wo wir es herhaben. Und dann gibt’s Ärger.«
Sie hatten die kleine, dicht von Büschen und Bäumen bewachsene Insel überquert und verharrten hinter einem Busch. Dies war die gefährlichste Stelle, weil man das diesseitige Ufer von der Zufahrtsstraße des Gutes aus sehen konnte. Von jeher war ihnen, und auch allen anderen Dorfbewohnern, das unbefugte Betreten des Betriebsgeländes des landwirtschaftlichen Gutes Hövelau verboten. Doch das weitläufige Gelände mit dem Teich und den vielen alten Gebäuden übte eine große Anziehungskraft auf die Kinder aus.
»So ein Mist«, flüsterte Vito. »Da kommt einer!«
Trine duckte sich tiefer hinter den Busch und zog Vito mit sich. »Das ist Hubertus von Steben. Der darf uns auf keinen Fall sehen. Los, runter!«
Doch der Mann in dem olivfarbenen Parka, mit der braun-grün karierten Schiebermütze aus Harris-Tweed auf dem Kopf verließ den Weg und kam direkt auf sie zu. Er sah grimmig aus. Die Augen hatte er zusammengekniffen. Nach einem durchdringenden Pfiff trottete ein großer Hund zu ihm. Trine spürte, wie Vito neben ihr bebte.
»Der hat uns bestimmt schon gesehen«, flüsterte er.
Vito hatte Angst vor Hunden. Gleich würde er womöglich noch flennen wie ein Kleinkind. »Hubertus wird uns schon nicht fressen«, gab Trine zurück. »Und erschießen wird er uns auch nicht.« Doch da war sie sich nicht so sicher.
»He, ihr zwei! Kommt sofort her!«, rief Hubertus von Steben.
Die Kinder rührten sich nicht. In der Ferne erklang ein Motorengeräusch, wurde lauter, und ein dunkelgrauer Kleinlaster kam den Weg am Teich entlang und fuhr in Richtung Gut.
Hubertus von Steben hatte den Wagen auch bemerkt. Er schien den Fahrer zu kennen. Jedenfalls hob er die behandschuhte Rechte zu einem flüchtigen Gruß und winkte ihn weiter.
Trine stieß Vito in die Seite. »Los, komm!« Sie kroch rückwärts durch den Busch und lief zur Mitte der Insel, wo sie auf die Lichtung mit ihrem Unterstand zusteuerte.
Vito folgte ihr, blickte jedoch beunruhigt über die Schulter zurück, als er neben ihr stand. »Und jetzt?«
»Ich glaube nicht, dass er auf die Insel kommt. Der will sich doch keine nassen Füße holen.«
»Und wenn er den Hund zu uns rüberschickt?« Vitos Stimme klang ganz piepsig.
»Glaube ich auch nicht.«
»Das beruhigt mich jetzt ungemein, Trine«, sagte Vito aufgebracht.
Trine verdrehte die Augen. Manchmal klang ihr jüngerer Spielkamerad schon wie sein Vater, der Rechtsanwalt. »Hubertus von Steben geht bestimmt gleich wieder«, sagte sie. »Der hat doch gesehen, dass wir nur Kinder sind, und weiß, dass wir gleich nach Hause müssen.« Jedenfalls musste Vito pünktlich zu Hause sein. Ihr...




