E-Book, Deutsch, 271 Seiten
Almond Mein Name ist Mina
Novität
ISBN: 978-3-7725-4632-7
Verlag: Freies Geistesleben
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 271 Seiten
ISBN: 978-3-7725-4632-7
Verlag: Freies Geistesleben
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
David Almond, 1951 in Gateshead geboren, ist einer der bedeutendsten britischen Kinder- und Jugendbuchautoren der Gegenwart. Er wurde unter anderem mit der Carnegie Medal (1998), dem Hans Christian Andersen-Preis (2010), dem Guardian Children's Fiction Prize (2015) und dem James Krüss Preis für internationale Kinder- und Jugendliteratur (2022) ausgezeichnet. David Almond lebt mit seiner Familie in Northumberland (England). davidalmond.com
Weitere Infos & Material
Mondschein, Wunder, Fliegen und NONSENS Bananen, komische Kühe, ein schöner Baum und ein öder Himmel Dinosaurier, Arme Ritter und eine Reise in die Unterwelt Mina in der Unterwelt Über den Archäopteryx Ernie Myers, Müll, Staub, METEMPSYCHOSE und ein blaues Auto Rosenkohl, SARKASMUS und das Geheimnis der Zeit Persephone, VERRÜCKTHEIT und absolut nichts Doppelkekse, Pisse, Spucke, Schweiß und alle WÖRTER FÜR FREUDE Großvater, Eulen UND KEINE AFFEN Prüfungstag, Heddeldiduddel und Giggemol! Eier, Küken, ein Bauch, Babys und Gedichte SPAGHETTI MIT TOMATENSOSSE und ein Traum Die Geschichte DER CORINTH AVENUE Küken, EINE TÖDLICHE KATZE UND HUMPELLOSIGKEIT Spazieren gehen, Pizza, Sterne und Staub Ein Traum von Pferden
Ich heiße Mina, und ich liebe die Nacht. Nachts, wenn der Rest der Welt schläft, scheint alles möglich zu sein. Im Haus ist es dunkel und still, aber wenn ich die Ohren spitze, kann ich das Poch! Poch! Poch! meines Herzens hören. Ich höre das Knarren und Knacken des Hauses. Ich höre meine Mama nebenan im Schlaf leise atmen.
Ich schlüpfe aus dem Bett und setze mich an den Tisch vor dem Fenster. Ich ziehe die Vorhänge auf. Mitten im Himmel hängt der Vollmond. Er badet die Welt in seinem silbernen Licht. Er scheint auf die Falconer Road, auf die Häuser und die Straßen dahinter und auf die Berge und Moore in der Ferne. Er scheint in mein Zimmer und in mich hinein.
Manche Leute sagen, dass man nicht ins Mondlicht schauen soll. Sie sagen, es macht einen verrückt.
Ich schaue ins Mondlicht, und ich lache.
„Mach mich verrückt”, flüstere ich. „Los doch, mach Mina verrückt.”
Ich lache noch einmal.
Manche Leute behaupten, sie sei schon verrückt, denke ich.
Ich sehe in die Nacht. Eulen und Fledermäuse flattern vor dem Mond hin und her. Irgendwo da draußen schleicht Wisper, die Katze, durch die Schatten.
Ich schließe die Augen, und mir ist, als ob alle diese Geschöpfe in mir wären und dort fliegen und flattern und schleichen und schlüpfen. Fast so, als wäre ich selbst ein merkwürdiges Geschöpf, ein Mädchen namens Mina, und doch mehr als bloß ein Mädchen namens Mina.
Auf dem Tisch im Mondlicht liegt ein leeres Notizbuch. Es liegt schon eine halbe Ewigkeit da. Ich sage immer, dass ich ein Tagebuch schreiben werde. Also fange ich endlich damit an, hier und jetzt. Ich schlage das Buch auf und schreibe meine ersten Worte hinein:
Ich heiße Mina, und
ich liebe die Nacht.
Was soll ich noch schreiben? Ich kann doch nicht schreiben, dass erst das passiert ist und dann das und dann das und immer so weiter, bis ich vor Langeweile gestorben bin. Ich will mein Tagebuch wachsen lassen, genauso wie der menschliche Geist wächst, genauso wie ein Baum oder ein Tier wächst, genauso wie das Leben. Warum sollte ein Buch eine Geschichte in einer langweiligen geraden Linie erzählen?
Worte sollten wandern und sich winden. Sie sollten wie Eulen fliegen und wie Fledermäuse flattern, sollten schleichen wie Katzen. Sie sollten murmeln und schreien und tanzen und singen.
Manchmal sollten überhaupt keine Worte da sein.
Nur Stille.
Nur weißer Raum.
Einige Seiten werden wie der Himmel sein, in dem ein einziger Vogel fliegt. Einige werden wie ein Himmel mit einem wirbelnden Schwarm Stare sein. Meine Sätze werden ein Gelege sein, eine Sammlung, ein Muster, ein Schwarm, eine Herde, ein Mosaik. Sie werden ein Zirkus sein, eine Menagerie, ein Baum, ein Nest.
Denn in meinem Kopf gibt es keine Ordnung. Meine Gedanken bestehen nicht aus geraden Linien. In meinem Geist herrschen Durcheinander und Chaos. So sieht es in meinem Kopf aus, aber auch in vielen anderen Köpfen. Und wie alle Köpfe, wie jeder Kopf, der jemals existiert hat, und jeder Kopf, der jemals existieren wird, ist auch meiner ein Ort voller Wunder.
!Der Kopf ist ein Ort voller Wunder!
DER KOPF
!Der Kopf ist ein Ort voller Wunder!
IST EIN ORT
!Der Kopf ist ein Ort voller Wunder!
VOLLER WUNDER
!Der Kopf ist ein Ort voller Wunder!
In der Sankt-Beda-Schule – meiner alten Schule – erzählte mir die Lehrerin Mrs Scullery, dass ich nichts schreiben dürfte, bevor ich nicht genau wüsste, was ich schreiben will. So ein Unsinn!
Plane ich einen Satz, bevor ich ihn ausspreche?
NATÜRLICH NICHT!
Plant ein Vogel sein Lied, bevor er es singt?
NATÜRLICH NICHT!
Er öffnet einfach seinen Schnabel und
SINGT. Also werde auch ich SINGEN!
Ich wollte unbedingt das sein, was man gemeinhin als braves Mädchen bezeichnet. Ich habe es wirklich versucht. Eines schönen Morgens, als die Sonne durch das Fenster in den Klassenraum schien, tanzte draußen in der Luft eine schimmernde Wolke aus Fliegen. Ich hörte, wie Mrs Scullery uns sagte, wir sollten eine Geschichte schreiben. Natürlich müssten wir vorher einen Entwurf schreiben, meinte sie.
Sie fragte uns, ob wir sie verstanden hätten.
Wir sagten, das hätten wir.
Also starrte ich nicht länger auf die Fliegen (was ich sehr gerne getan hätte!) und schrieb stattdessen meinen Entwurf. Meine Geschichte sollte den und den Titel haben, so und so beginnen, dann würde dies und jenes passieren und zum Schluss würde sich das Ganze in der und der Art und Weise auflösen. Ich schrieb alles fein säuberlich auf.
Ich zeigte Mrs Scullery meinen Entwurf, und sie freute sich sehr darüber. Sie lächelte mich sogar an und sagte: „Gut gemacht, Mina. Das ist sehr gut, Liebes. Jetzt kannst du deine Geschichte schreiben.”
Aber als ich anfing zu schreiben, wollte die Geschichte einfach nicht stillhalten, wollte nicht gehorchen. Die Worte tanzten wie Fliegen. Sie sausten davon, in merkwürdige und herrliche Richtungen und schickten meine Geschichte auf eine gänzlich unerwartete Reise. Mir gefiel sie sehr gut, aber als ich sie Mrs Scullery zeigte, wurde sie bloß ärgerlich.
Sie hielt meinen Entwurf in einer Hand und die Geschichte in der anderen.
„Das passt nicht zusammen!”, sagte sie in ihrer quietschenden Stimme.
„Ich weiß nicht, was Sie meinen, Miss”, sagte ich.
Sie beugte sich vor.
„Die Geschichte”, sagte sie in diesem langsamen, dummen Tonfall, als ob sie mit einem langsamen, dummen Menschen spräche, „die Geschichte passt nicht zu dem Entwurf!”
„Aber sie wollte einfach nicht, Miss”, erwiderte ich.
„Sie wollte nicht? Was, bitte schön, soll das heißen – sie wollte nicht?”
„Das heißt, dass sie andere Dinge tun wollte, Miss.”
Sie stemmte die Hände in die Hüften und schüttelte den Kopf.
„Das ist eine Geschichte”, sagte sie. „Und es ist deine Geschichte. Sie tut, was du ihr sagst.”
„Aber das stimmt doch nicht”, sagte ich.
Sie schaute mich immer noch ärgerlich an.
„Und Miss”, sagte ich flehend, weil ich so gerne wollte, dass sie mich verstand, „ich will auch gar nicht, dass sie tut, was ich ihr sage.”
Die Mühe hätte ich mir sparen können. Sie warf die Blätter auf meinen Tisch.
„Das ist typisch für dich”, sagte sie. „So typisch!”
Und während meine Klasse kicherte, wandte sie sich einer Schülerin namens Samantha zu und bat sie, ihre Geschichte vorzulesen, über ein Mädchen mit einem Lockenkopf und seine knuddelige Katze – eine perfekt geplante, völlig dämliche Geschichte, in der überhaupt nichts Interessantes passierte. Der unselige Vorfall brachte mir einen neuen Spitznamen ein: „Typisch”. Typisch McKee. Ha! Typisch!
Meine Geschichten waren so wie ich. Man konnte sie nicht kontrollieren, und sie konnten sich nicht anpassen. Ich versuchte, brav zu sein, und wurde dabei manchmal sehr traurig. Das Ende vom Lied war, dass ich nonsensisch wurde. Durch und durch nonsensisch. Diese Geschichte werde ich erzählen, wenn die richtige Zeit dafür gekommen ist. Die richtige Zeit und die richtigen Worte. Und ich werde vermutlich auch all die anderen Geschichten erzählen, die wichtig sind, wie die von meinem Tag in der Corinth Avenue und von der Vision, die ich dort hatte, oder die Geschichte von meiner Reise in die Unterwelt im Heston Park oder die vom Haus meines Großvaters und den Eulen. Und ich werde alles in Reime verpacken, in Gekritzel und in Nonsens.
Manchmal ist es sehr sinnvoll, Nonsens zu schreiben. Das klingt nonsensisch, ich weiß, aber das ist es nicht.
NONSENSISCH. Was für ein tolles Wort! Irre!
NONSENSISCH.
Jetzt, wo ich angefangen habe, finde ich es herrlich, die leeren Seiten zu betrachten, die sich vor mir erstrecken. In dieses Tagebuch zu schreiben wird wie eine Reise sein, und jedes Wort ist ein Schritt, der mich weiter in ein unentdecktes Land führt.
Man muss sich bloß mal anschauen, wie die Worte über die Seite trippeln, bis sie den ganzen leeren Raum erfüllen. Hat sich Gott so gefühlt, als er anfing, die Leere zu füllen? Gibt es einen Gott? Gab es einmal eine Leere? Ich weiß es nicht, aber das hält mich nicht davon ab, mich zu...




