Ali | Yusuf | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

Ali Yusuf


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-908778-36-3
Verlag: Dörlemann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

ISBN: 978-3-908778-36-3
Verlag: Dörlemann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Yusuf wacht neben seinen ermordeten Eltern, als ihn Salahâttin Bey in einer Herbstnacht des Jahres 1903 findet. Der Landrat zögert nicht und nimmt den Jungen an Sohnes statt bei sich auf. Was gut gemeint, wenn auch nicht selbstlos ist, bedeutet für Yusuf vor allem Demuütigung. Er gehört nicht hierher, er ist und bleibt ein Fremder. Yusuf ist ein Kämpfer, wenn auch ein schweigsamer. Er widersetzt sich dem Sohn des Fabrikanten wie seiner Stiefmutter. Früh verbündet er sich mit Muazzez, seiner Stiefschwester, die er später gegen den Willen aller - nur nicht gegen ihren - zur Frau nimmt.In einer bilderreichen Sprache erzählt Sabahattin Ali in seinem ersten Roman Yusuf diese Geschichte eines Mannes, der alles aufs Spiel setzt und am Ende gewinnt - und verliert.

Sabahattin Ali wurde 1907 in Gümülcine geboren. Nach seinem Studium in Berlin und Potsdam lehrte er in der Türkei Deutsch. Ali musste zeitlebens gegen die staatliche Zensur kämpfen, 1932 wurde er wegen eines Satire-Gedichts über Atatürk für ein Jahr inhaftiert. 1944 gab er in Istanbul das Satire-Blatt Markopasa heraus. Am 2. April 1948 wurde Ali auf der Flucht ins Exil an der bulgarischen Grenze ermordet. Bis heute ist ungeklärt, ob er einem Raubmord oder einem politischen Anschlag zum Opfer fiel. Zuletzt erschien sein Roman Yusuf in der Übersetzung von Ute Birgi.
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1

In einer regnerischen Nacht im Herbst des Jahres 1903 überfielen in der Provinz Ayd?n Banditen das nahe dem Kreisstädtchen Nazilli gelegene Dorf  Kuyucak und töteten einen Mann und seine Frau.

Bereits am Tag darauf  brach Salâhattin Bey, der für den Bezirk zuständige Landrat, persönlich und zusammen mit dem Staatsanwalt und dem Amtsarzt nach Kuyucak auf, um in dem Fall zu ermitteln. Da der Kommandant der Gendarmerie im Urlaub war, begleiteten nur ein Unteroffizier sowie drei Gendarmeriesoldaten den Reitertrupp.    

Der Regen fiel mit einem dumpfen melancholischen Platschen auf die zu beiden Seiten des Weges aufgereihten Weiden und Mönchspfefferbäume herab. Hinzu gesellte sich das hohle Knirschen der Pferdehufe, die sich in den durchnässten Sandweg eingruben und dort unregelmäßige Spuren hinterließen.

Von dem roten Fez des Doktors und den schwarzen Lammfellmützen der übrigen Reiter rann farbiges Regenwasser herab und zeichnete wunderliche Muster auf  ihre Schläfen, bevor es ihnen, unter dem Kinn zusammenlaufend, auf die Brust tropfte.

Als die Gruppe sich dem Dorf näherte, änderte sich allmählich die Bewachsung am Wegrand. Und bald standen zu beiden Seiten Feigen- und Nussbäume, die hier und da dichte grüne Mauern bildeten. Hin und wieder vereinten sich besonders hochgewachsene Nussbäume auch zu natürlichen Arkaden.

In diesem Reitertrupp, der sich stumm durch den düsteren und regentriefenden Tag vorwärts bewegte, lag etwas Bedrohliches. An der Spitze ritt der Landrat; mit gesenktem Kopf  hielt er die Augen auf die nassglänzenden aufgestellten Ohren seines Reittiers gerichtet. Obwohl er erst fünfunddreißig Jahre alt war, schauten schneeweiße Haare unter seinem Kalpak hervor. Zu seiner Rechten schwankte der Staatsanwalt, ein ungeübter und etwas furchtsamer Reiter, auf seinem Pferd hin und her und versuchte vergeblich, sein Feuerzeug zu entfachen, um sich eine Zigarette anzuzünden. Der Amtsarzt hingegen war ein unbekümmerter, lebenslustiger Mensch. Ein guter Tambur-Spieler, pfiff er, während das Wasser aus seinem Schnauzbart troff, leise eine Melodie aus einem traditionell-osmanischen Musikstück vor sich hin, eine Komposition des Kemençe-Meisters Nikolaki, mit der er sich in letzter Zeit beschäftigte.

Die vier am Schluss des Trupps reitenden Gendarmeriesoldaten hatten sich in ihre Regenumhänge aus grobem Filz gewickelt; die Flinten hingen ihnen über Kreuz verschränkt auf dem Rücken. Da die Filzumhänge bis zu den Bäuchen der Pferde herabreichten und sich mit den Leibern der Tiere wie zu einer schwarzen Pyramide vereinigten, schienen Reiter und Pferd zu einem einzigen Wesen verschmolzen zu sein.

Nach einem etwa zweistündigen Ritt erreichte die Gruppe das Dorf  Kuyucak. Die schlammigen Wege waren menschenleer. Nur ein barfüßiges kleines Mädchen lief, mit einem Stock in der Hand, hinter ein paar Gänsen her, die laut schnatternd und mit wild schlagenden verdreckten Flügeln davonflatterten, als die Kleine versuchte, die Tiere durch eine enge Zaunöffnung in einen Garten zu scheuchen. Doch sobald das Kind die Pferde erblickte, erklomm es schnell einen Misthaufen, dessen beißender Gestank sich weitherum verbreitete, legte den Stock vor seinen Füßen ab und starrte mit großen Augen auf die vorbeiziehenden Männer. Als der Trupp hinter einer Wegbiegung verschwand, ließ es die Gänse Gänse sein, warf den Stock fort und lief nach Hause.

Ohne eine Rast einzulegen und nun in Begleitung des Dorfvorstehers begaben sich die Ankömmlinge zum Ort des Verbrechens. Dabei handelte es sich um ein kleines, bescheidenes Häuschen am Rand des Dorfes. Durch ein schwarzes Klapptor gelangte man in einen schmalen, aber blühenden Garten und stand, nach ein paar weiteren Schritten durch ein Spalier von jungen Buchsbäumen und vereinzelten Aprikosenbäumchen, vor einer Holztreppe. Die Männer erstiegen die Stufen und betraten das unmittelbar vor ihnen liegende Zimmer. Der Anblick, der sich ihnen bot, ließ allen – selbst den in solchen Dingen abgehärteten Gendarmen – das Blut in den Adern stocken.

Rechts neben der Eingangstür stand ein großer Bettzeugkasten, in einigem Abstand weiter vorn eine hohe Konsole und auf dieser eine altmodische Standuhr unter einem Glasschirm; weiter gab es da noch zwei Petroleumlämpchen, deren Schirme von einer roten Gaze bedeckt waren, und einen ziemlich großen Spiegel mit golddoubliertem Rahmen. An der Wand über dem Spiegel hingen zwei in einem Futteral steckende Pistolen. An der gegenüberliegenden Wand, vor den dicht zugezogenen Fenstern, befand sich eine die gesamte Wandlänge einnehmende niedrige, mit Teppichen gepolsterte Sitzbank, an deren beiden Enden teils flache, teils fülligere Baumwollkissen aufgereiht waren. Auf diesen Kissen ihrerseits prangten mit Silberfäden bestickte und zu Schleifen gebundene Ziertücher. Zwischen der Sitzbank und der Tür stand, mit dem Fußende zur Letzteren gerichtet, ein Bett. Unter einer die gesamte Bettstatt bedeckenden, teilweise bis auf den Boden reichenden Steppdecke zeichneten sich die leblosen Formen zweier menschlicher Körper ab.

Geronnenes Blut, das sich vom Rand des Bettes her bis in die Mitte des Zimmers ausgebreitet und dort einen kleinen See gebildet hatte, legte Zeugnis ab von gewissen Vorfällen, die sich in diesem Zimmer zugetragen hatten.

Doch was die neu Hinzugetretenen am meisten entsetzte, war nicht die große Menge Blut, und es waren auch nicht die Umrisse der beiden menschlichen Körper unter der sich wölbenden Bettdecke. Es war vielmehr der Anblick eines kleinen Jungen, der mit angezogenen Knien in einer Ecke der Sitzbank kauerte und sie mit einem starren und gleichmütigen Blick ansah.

Der Landrat schob seinen durchnässten Kalpak ein wenig nach hinten und ging auf das Kind zu, während der Doktor bereits die Bettdecke hochhob, um die Toten zu untersuchen.

»Wer bist du, mein Kind?«, fragte der Landrat.

»Ich bin Yusuf.«

»Wessen Yusuf?«

»Yusuf, der Sohn von Etem A?a!«

Bestürzt unterbrach der Landrat seine Befragung. Das Kind war der Sohn der Ermordeten.

»Was machst du denn hier?«

Das Kind zeigte auf die Toten und sagte:

»Was schon, ich wache bei denen da!«

»Seit wann bist du hier?«

»Seit gestern Abend … Ich bin gleich nach dem Überfall zur Gendarmerie gelaufen und dann wieder hergekommen. Ich kann die Armen doch nicht alleine lassen!«

»Hast du denn keine Angst?«

»Das sind meine Eltern, wovor soll ich Angst haben?«

»Warst du denn dabei, als der Überfall geschah?«

»Ich schlief  im Zimmer nebenan. Als ich meine Mutter schreien hörte, bin ich gleich herbeigelaufen, aber bis ich dazukam, hatten die Gottlosen meinen Vater und meine Mutter schon umgebracht!«

»Und dir haben sie nichts getan?«

»Einer hat auch mich angegriffen, doch dann kam ein anderer von unten herauf und hat den Mann mitgenommen.«

»Was hast du denn da an der Hand?«

Der Junge schüttelte den Kopf, als wollte er sagen: »Das ist doch nicht wichtig«, und streckte seine Hand aus:

»Als ich ins Zimmer stürzte, lebte meine Mutter noch. Sie wehrte sich. Ich warf mich sofort auf den Banditen, wir kämpften, doch als mein armes Mütterchen sich nicht mehr regte, ließ ich den Kerl los. Hinterher sah ich dann, dass er mir während des Kampfes den Daumen abgeschnitten hatte. Das hat sehr, sehr weh getan, doch jetzt ist es nicht mehr so schlimm …«

Von der ausgestreckten Hand des Jungen fielen blutdurchtränkte Lappen zu Boden. Betroffen und entsetzt sahen die Männer, wie der größte Teil seines Daumens als losgelöstes Fleischstück herunterhing. Der Doktor zog die Steppdecke wieder über die Toten und kam zu dem Jungen herüber. Er schnitt den abgetrennten Daumen ganz ab und begann die Wunde zu säubern und zu verbinden. Dabei zeigte das Kind eine bewundernswerte Selbstbeherrschung und Indifferenz; von Zeit zu Zeit nur wurde es ganz blass und biss heftig die Zähne zusammen. Nach jeder dieser Attacken eines sichtlich unerträglichen Schmerzes erschien auf seinen fein gezogenen blassen Lippen ein Lächeln, als schämte es sich für seine Schwäche und die Tränen, die in seinen schwarzen Augen schimmerten. Zu dem Arzt, der ihn verwundert ansah, sagte der Junge:

»Macht nichts, Herr Doktor, das ist doch nur ein Daumen!«

»Das mag ja stimmen, mein Sohn, aber du hast etwas zu viel Blut verloren.«

Und an den Landrat gewandt fügte er leise hinzu:

»Ich staune nur, dass er sich überhaupt noch auf den Beinen halten kann!«

Der Staatsanwalt fragte jetzt, ob vor seiner Ankunft schon jemand den Ort des Verbrechens aufgesucht habe.

Der Gemeindevorsteher trat schnell hervor:

»Ich bin hier gewesen, aber ich habe alles so gelassen, wie es war. Das Zimmer ist so, wie ich es vorfand.«

Darauf wandte der Staatsanwalt sich an den Jungen:

»Hast du die beiden ins Bett gelegt?«

»Ach was, die waren doch sowieso im Bett. Ich habe ihnen nur Kissen unter die Köpfe gelegt und sie zugedeckt. Sollen die Armen doch wenigstens schlafen. Mehr kann ich ja nicht für sie tun!«

In diesen Worten und dem Verhalten des Kindes kam, mehr noch als ein gewisser Gleichmut, ein starker Wille zum Ausdruck, eine Bestimmtheit, um die ihn mancher erwachsene und umsichtige Mann beneiden mochte. Sich über etwas Unabänderliches zu grämen, noch dazu vor so vielen aus der Stadt angereisten Fremden, ließ sich mit dem Stolz des Jungen anscheinend nicht vereinbaren.

Der Landrat fragte weiter:

»Hast du hier noch Verwandte?«

»Nein, ich habe niemanden außer diesen beiden da!«

Die ruhige Würde des Kindes zerriss den...


Ali, Sabahattin
Sabahattin Ali wurde 1907 in Gümülcine geboren. Nach seinem Studium in Berlin und Potsdam lehrte er in der Türkei Deutsch. Ali musste zeitlebens gegen die staatliche Zensur kämpfen, 1932 wurde er wegen eines Satire-Gedichts über Atatürk für ein Jahr inhaftiert. 1944 gab er in Istanbul das Satire-Blatt Markopasa heraus. Am 2. April 1948 wurde Ali auf der Flucht ins Exil an der bulgarischen Grenze ermordet. Bis heute ist ungeklärt, ob er einem Raubmord oder einem politischen Anschlag zum Opfer fiel. Zuletzt erschien sein Roman Yusuf in der Übersetzung von Ute Birgi.

Sabahattin Ali wurde 1907 in Gümülcine geboren. Nach seinem Studium in Berlin und Potsdam lehrte er in der Türkei Deutsch. Ali mußte zeitlebens gegen die staatliche Zensur kämpfen, 1932 wurde er wegen eines Satire-Gedichts über Atatürk für ein Jahr inhaftiert. 1944 gab er in Istanbul das Satire-Blatt Markopasa heraus. Am 2. April 1948 wurde Ali auf der Flucht ins Exil an der bulgarischen Grenze ermordet. Bis heute ist ungeklärt, ob er einem Raubmord oder einem politischen Anschlag zum Opfer fiel. Zuletzt erschien sein Roman Der Dämon in uns (Unionsverlag, 2007) in der Übersetzung von Ute Birgi.



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