E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Alharthi Herrinnen des Mondes
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-03820-884-6
Verlag: Dörlemann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-03820-884-6
Verlag: Dörlemann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Herrinnen des Mondes erzählt vielstimmig über das Leben, Lieben und die Träume von Frauen in einer traditionell patriarchalischen islamischen Gesellschaft.
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1 Mayya, oder: Die Nähmaschine
Mayya, völlig vertieft in ihre schwarze Nähmaschine der Marke al-Farrascha, war vertieft in die Liebe.
*
Es war eine stumme Liebe, die dennoch ihren schmalen Körper Nacht um Nacht mit Wellen aus Tränen und Seufzern durchfuhr. Immer wieder überkam Mayya das Gefühl, erdrückt zu werden von der Last ihrer Lust, ihn wiederzusehen. Während sie sich beim Morgengebet tief zum Boden beugte, murmelte sie Schwüre wie diesen:
»Allmächtiger Gott, mein Herr, ich schwöre dir, dass ich nichts von ihm will! Nur anschauen will ich ihn! Herr Gott, Allmächtiger, er muss sich nicht einmal zu mir umdrehen, ich will ihn nur sehen können …«
Ihre Mutter glaubte, die stille, bleiche Mayya dächte an nichts auf der Welt jenseits ihrer Fäden und Stoffe und hörte nichts außer dem Surren der Nähmaschine. Aber Mayya erlauschte jeden Laut ihrer Umgebung und nahm sämtliche Farben wahr. Dabei rührte sie sich den ganzen Tag und die halbe Nacht lang nicht von ihrer Holzbank bei der Maschine, ja sie hob kaum einmal den Kopf, und wenn sie es doch tat, dann nur, um zur Schere zu greifen oder eine der vielen Garnrollen aus dem kleinen Plastikkörbchen zu nehmen, das sie in ihrem Nähkasten verwahrte.
Mit schuldbewusster Zufriedenheit beobachtete Mayyas Mutter ihren viel zu geringen Appetit. Sie hoffte insgeheim, es käme der Mann, der Mayyas Talent als Schneiderin ebenso zu schätzen wüsste wie ihre Zurückhaltung beim Essen und der sie in einem festlichen Brautzug in sein Haus führen würde.
Und er kam.
Mayya saß wie üblich auf ihrer Holzbank hinter der Maschine am Ende des langen Korridors, als die Mutter mit strahlendem Gesicht auf sie zutrat und ihr die Hand auf die Schulter legte.
»Mayya, meine liebe Tochter!«, frohlockte sie. »Der Sohn des Händlers Suleiman will dich heiraten!«
Mayya zuckte zusammen. Schwer, viel zu schwer, lastete die Hand der Mutter auf ihrer Schulter. Sie fühlte ihre Kehle trocken werden und sah ihre Nähfäden vor sich, wie sie sich um ihren Hals schnürten, als wollten sie sie erdrosseln.
»Ich dachte, du wärst schon erwachsen.« Die Mutter lächelte. »Stattdessen bist du ja immer noch so schüchtern wie ein kleines Mädchen.«
Damit war das Thema erledigt. Niemand sprach mehr darüber. Die Mutter begann, die Kleider für das Hochzeitsfest bereit zu machen und den Weihrauch zu mischen. Sie polsterte die Sitzkissen aus und streute die freudige Nachricht unter die Verwandten. Mayyas Schwestern sagten nichts, und ihr Vater überließ die Angelegenheit der Mutter. Schließlich waren es ihre Töchter, und Heiraten war Frauensache.
*
Heimlich überging Mayya die üblichen Pflichtgebete.
»Lieber Gott«, flüsterte sie stattdessen, »ich habe dir doch geschworen, dass ich nichts will, außer ihn zu sehen! Ich habe dir auch geschworen, keinen Fehltritt zu begehen und meine Gefühle nicht zu offenbaren. Das alles habe ich dir unter heiligen Eiden versprochen! Wozu schickst du mir jetzt diesen Sohn von Suleiman ins Haus? Willst du mich für meine Liebe bestrafen? Ich habe doch keinem etwas verraten, nicht einmal meinen Schwestern! Warum hast du Suleimans Sohn in unser Haus geschickt? Warum?«
*
»Du willst uns also verlassen, Mayya?«, fragte Chaula.
Mayya schwieg.
»Hast du dich denn gut vorbereitet?«, wollte Asma wissen und setzte lachend hinzu: »Weißt du noch, welchen Ratschlag die Beduinin ihrer Tochter gegeben hat, als diese eine Braut wurde? Wir haben die Stelle im entdeckt, in unserem Bücherschrank!«
»Das war nicht im «, widersprach Mayya.
»Was weißt du schon über Bücher?«, entgegnete Asma ärgerlich. »Der Rat steht im , dem ›Feinsten Gespinste der Vornehmsten Künste‹, das ist das Buch mit dem roten Einband im zweiten Regalfach. Die Beduinin rät ihrer Tochter, auf Wasser und Augenschminke zu achten und für Essen und Trinken zu sorgen.«
»Stimmt«, fügte Mayya mit bekümmerter Miene hinzu. »Und dass ich lachen soll, wenn der Mann lacht, und weinen, wenn der Mann weint, und zufrieden sein muss, wenn der Mann befriedigt ist …«
»Was ist los mit dir, Mayya?«, unterbrach Chaula sie. »So hat die Beduinin das nicht gesagt! Sie meint, du wirst Freud und Leid mit ihm teilen!«
»Und wer teilt mein Leid mit mir?« Mayya flüsterte nun fast. Man konnte sie kaum noch verstehen. Das Wort »Leid« klang grausam und schuf eine beklommene Stimmung unter den Schwestern.
*
Als Mayya Ali Bin Chalaf zum ersten Mal sah, war er gerade von seinen Studienjahren aus London zurückgekehrt, allerdings ohne Abschluss. Doch das interessierte Mayya nicht. Sein Anblick traf sie wie ein Donnerschlag. Ali war hochgewachsen, so groß, als könnte er die schnellste Wolke, die über den Himmel eilte, zu fassen kriegen, und so schlank, dass Mayya das Bedürfnis verspürte, ihn gegen den Wind abzustützen, der jene Wolke in die Ferne trieb. Er war ein Edelmann, ein Heiliger, keiner von diesen Durchschnittsmännern, welche schwitzen, schnarchen und schimpfen.
»Mein Gott! Ich schwöre, dass ich ihn nur noch ein einziges Mal wiedersehen will!«
Und sie sah ihn wieder, zur Zeit der Dattelernte. Er stand an eine Palme gelehnt. Wegen der Hitze hatte er seine Kappe abgenommen. Sie sah ihn, und ihr kamen die Tränen. Schnell zog sie sich zurück an den Zulauf des Faladsch, wo sie hemmungslos schluchzte.
Dann begann sie ihre Gedanken auf seinen Geist zu richten. Es war, als sammelte sie sämtliche Teilchen ihrer Existenz und verankerte sie mit Nägeln in seiner. Dabei hielt sie den Atem an. Vor lauter Konzentration hätte ihr Herz fast aufgehört zu schlagen. Mit aller Kraft lenkte sie ihren Geist in seine Richtung und schickte ihn auf den Weg zu ihm. Völlig losgelöst von der Umgebung, unempfindlich allem Materiellen gegenüber, schüttelte sich ihr Körper wie in Krämpfen, und sie wäre beinahe zusammengebrochen, so sehr bündelte sie ihre Energie, um ihre Botschaft zu ihm zu senden.
Und nun wartete sie auf ein Zeichen von ihm. Irgendein Signal, das ihr zeigen würde, dass sein Geist die Botschaft empfangen hatte. Aber es kam nicht das geringste Zeichen.
*
»Ich schwöre, mein Gott, ich will nichts weiter, als ihn noch einmal zu sehen. Den Schweiß auf seiner Stirn, seine Hand am Stamm der Palme, und wie er eine Dattel im Mund hin- und herschiebt. Und ich verspreche dir, Herr, dass ich niemandem von dem Meer erzähle, das in mir tost. Herr, ich schwöre dir: Ich verlange nicht mal, dass er sich zu mir umdreht. Wer bin ich schon? Ein Mädchen, das nichts kann außer Nähen! Keine Gebildete wie Asma, keine Schönheit wie Chaula. Gut, Herr, ich gelobe dir, einen ganzen Monat auf ihn zu warten. Wirst du mich ihn dann sehen lassen? Nach einem Monat? Ich verspreche auch, mein Gott, dass ich kein einziges Gebot und keine gute Tat auslassen werde und von nichts träumen werde, was du anstößig findest. Ich will weder seine Hand anfassen noch seine Haare streicheln, gewiss nicht, Herr, das schwöre ich! Und auch nicht den Schweiß von seiner Stirn wischen, dort unter der Palme …«
So sprach sie immer wieder unter Tränen. Und sie weinte viel.
Als der Sohn des Händlers Suleiman in ihr Haus kam, stellte sie das Beten völlig ein. Erst nach ihrer Hochzeit fing sie wieder an. Sie sagte sich, dass das nun wohl die Strafe für ihre falschen Schwüre sei, denn Gott wusste ja, dass sie es nicht ehrlich gemeint hatte mit ihren Gelöbnissen, und bestrafte sie nun für ihre Sünde.
*
Ein paar Monate später wurde sie schwanger und hoffte auf eine so leichte Geburt wie in den Erzählungen ihrer Mutter:
»Ich war gerade auf dem Hühnerhof hinter einer Henne her, die ich schlachten wollte, weil mein Onkel überraschend zum Essen gekommen war.« Mayya waren ihre Worte noch lebhaft in Erinnerung. »Auf einmal hatte ich das Gefühl zu platzen. Vor Schmerz wand ich mich auf der Erde, und dein Vater holte Mariyya, die Hebamme. ›Es ist so weit‹, sagte diese, kaum dass sie mich sah, stützte mich, bis wir im Zimmer waren, und schloss die Tür ab. Dann stellte sie mich auf die Füße und zog meine Arme hoch, sodass ich den Pflock greifen konnte, der dort in die Wand geschlagen war. Als meine Beine nachgaben, herrschte die Amme Mariyya – Gott möge ihr verzeihen – mich an: ›Oh Schande! Ein böses Omen! Wird die Tochter von Scheich Masud etwa im Liegen gebären, weil sie nicht stehen kann?‹ Also blieb ich stehen und klammerte mich an dem Haken fest, so lange, bis du, Mayya, aus mir herausgeschlüpft kamst. Du bist in meinen Sirwal gefallen und wärst darin erstickt, wenn die Amme nicht meine Hände vom Pflock gelöst und dich herausgezogen hätte. Ja Gott, ich wurde damals nicht einmal untersucht! Kein Mensch hatte mich je gesehen! Geht ihr doch ruhig nach Masgad in die Hospitäler dort und lasst euch beim Gebären von den Inderinnen und Christinnen zuschauen! Weiß Gott, Mayya, so war es! Ich habe dich und deine Geschwister im Stehen geboren, wie eine Stute! Dabei habe ich mich mit beiden Händen am Garderobenhaken festgehalten, und die Amme – Gott vergebe dir, Mariyya! – hat laut kreischend auf mich eingeredet. ›Wehe dir, wenn ich dich auch nur einmal schreien höre!‹, hat sie gezetert. ›Alle Frauen kriegen Kinder! Du solltest dich schämen, wenn du schreist, schäm dich! Du bist doch die Tochter des Scheichs!‹ Und tatsächlich sagte ich kein einziges Wort. ›Oh mein Gott‹, war alles, was...




