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E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Alger Safe Place

Du denkst, hier bist du sicher - Thriller - »Beste Psychospannung!« (Harlan Coben)
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-641-26911-1
Verlag: Penguin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Du denkst, hier bist du sicher - Thriller - »Beste Psychospannung!« (Harlan Coben)

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-641-26911-1
Verlag: Penguin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Du glaubst, deine Familie zu kennen. Doch das ist eine Lüge …

Zehn Jahre war FBI Agentin Nell Flynn nicht zu Hause in Long Island. Doch als ihr Vater, ein renommierter Ermittler der Mordkommission, bei einem Motorradunfall ums Leben kommt, bleibt ihr nichts anderes übrig, als nach Suffolk County zurückzukehren. Während sie den Nachlass ihres Vaters regelt, wird die Stadt von einer schrecklichen Nachricht erschüttert: Die Leiche einer jungen Frau wurde gefunden – einer Frau, die ihrer vor zwanzig Jahren ermordeten Mutter zum Verwechseln ähnlich sieht. Und sie ist nicht das erste Opfer. Nell beginnt zu ermitteln, muss jedoch schnell feststellen, dass alle Hinweise zurück in ihr eigenes zu Hause führen – zurück zu ihrem Vater …

»Safe Place vereint das Beste aus der psychologischen Spannung: nuancierte Charaktere, ein unglaublich schnelles Erzähltempo und Plottwist, die man nicht kommen sieht.« – Harlan Coben

Cristina Alger hat einen Abschluss vom Harvard College und der NYU Law School. Bevor sie Autorin wurde, hat sie als Finanzanalystin und als Wirtschaftsanwältin gearbeitet. Sie lebt mit ihrem Ehemann und ihren Kindern in New York.

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Eins


Am letzten Dienstag im September verstreuen wir die Asche meines Vaters vor der Küste von Long Island.

Zu viert fahren wir mit Glenn Dorseys Fischerboot raus, im Gepäck haben wir die Urne und eine Kühltasche mit Guinness. Wir steuern gen Westen, auf Orient Point zu, wo Dad und Dorsey samstags immer Weißen Thunfisch und Seebarsch geangelt haben. An einem ruhigen Punkt bei Orient Shoal ankern wir. Dorsey sagt ein paar Worte über Dads Loyalität: seinem Land gegenüber, seiner Gemeinschaft, seinen Freunden, seiner Familie. Er fragt mich, ob ich auch etwas sagen möchte, doch ich schüttele den Kopf. Die Männer glauben, dass ich gleich anfange zu weinen, aber in Wahrheit habe ich nichts zu sagen. Ich hatte meinen Vater seit Jahren nicht gesehen. Ich bin nicht traurig. Nur taub.

Nachdem Dorsey fertig gesprochen hat, neigen wir eine Minute lang unsere Köpfe in respektvollem Schweigen. Ron Anastas, ein Detective der Mordkommission des Suffolk County Police Departments, kämpft gegen die Tränen an. Vince DaSilva, Dads erster Partner, bekreuzigt sich und murmelt leise etwas vom Heiligen Geist. Alle drei Männer besuchen jeden Sonntag die Messe in St. Agnes in Yaphank. Oder zumindest haben sie das früher getan. Wir waren auch immer dort. Abgesehen von ein paar Hochzeiten habe ich keinen Fuß mehr in eine Kirche gesetzt, seit ich die Insel vor zehn Jahren verlassen habe. Ich bin froh, dass wir heute im Freien sind. Die Luft in St. Agnes war immer abgestanden und stickig, auch nachdem die Sommerhitze abgeklungen war. Ich höre immer noch das Surren des alten Ventilators beim Eingang, spüre immer noch in meiner verschwitzten Handfläche die Kante des verknitterten Dollarscheins, den ich auf den Sammelteller legen werde. Bei der Erinnerung krümme ich mich innerlich.

Es ist ein ruhiger Tag. Ein Sturm ist vorhergesagt, aber noch ist der Himmel klar und wolkenlos. Dorsey schweigt ein bisschen länger als notwendig. Er hat die Hände vor dem Körper verschränkt, und seine Lippen bewegen sich wie im leisen Gebet. Die Jungs werden unruhig. Vince räuspert sich, und Ron verlagert sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Wir sollten es hinter uns bringen. Dorsey blickt auf, reicht mir die Urne. Ich öffne sie. Die Männer sehen zu, wie die Asche meines Vaters vom Wind verweht wird.

Ich glaube, meinem Vater hätte dieses Begräbnis gefallen. Kurz und inbrünstig. Ohne offizielle Zeremonie. Er ist draußen auf dem Wasser, an dem einzigen Ort, an dem er je Frieden gefunden hat. Während des Gottesdienstes rutschte Dad immer wie ein Schuljunge herum. Wir saßen ganz hinten, damit wir vor dem Abendmahl hinausschlüpfen konnten. Dad hat immer gesagt, dass er den Geschmack der alten Hostien und des schlechten Weins nicht mochte. Schon damals wusste ich, dass er log. Er wollte einfach nicht beichten.

Als alles vorbei ist, verteilt Dorsey das Guinness, und wir sprechen einen Toast. Auf das kurze Leben von Martin Daniel Flynn. Dad war gerade zweiundfünfzig geworden, als er auf einem seiner Motorräder vom Montauk Highway abgekommen ist. Es ist kurz nach zwei Uhr morgens passiert. Wahrscheinlich war er stark betrunken, auch wenn niemand das laut ausgesprochen hätte. Schuldzuweisungen bringen jetzt nichts mehr. Laut Dorsey waren Dads Reifen abgefahren, die Straße nass, der Nebel hat seine Sicht behindert. Ende der Geschichte.

Dorsey gibt den Ton an bei den Jungs. Von allen vieren ist er die Karriereleiter am schnellsten hochgeklettert. Er hat als Erster seine goldene Marke bekommen und dann rasch Dad und Ron Anastas zur Mordkommission geholt. Nachdem er Chief geworden war, sorgte er dafür, dass Vince DaSilva zum Inspektor des dritten Bezirks befördert wurde. Das Revier ist für einige der härteren Ecken der Insel zuständig: Bay Shore, Brentwood, Brightwaters, Islip. Dort haben alle vier Männer ihre ersten Jahre als Streifenpolizisten verbracht. Und dort hat mein Vater auch meine Mutter kennengelernt, Marisol Reyes Flynn. Dad hat den dritten Bezirk immer ein Kriegsgebiet genannt. Für ihn war er das auch.

Dorsey und Dad kannten sich schon ihr Leben lang. Unsere Familien sind seit drei Generationen im Suffolk County ansässig. Wir sind aus Schull eingewandert, einem kleinen Dorf an Irlands zerklüfteter Südwestküste. Sie haben immer gewitzelt, dass wir wahrscheinlich alle irgendwie miteinander verwandt sind. Die Männer sehen auf jeden Fall so aus. Beide waren groß und dunkelhaarig, mit grünen Augen und kantigen, harten Gesichtern. Mein Vater trug sein Haar das ganze Leben lang militärisch kurz geschoren. Dorsey hatte im Lauf der Jahre viele verschiedene Frisuren, darunter auch einen Schnurrbart und Koteletten. Doch wenn er die Haare, wie jetzt, kurz trägt, könnte man ihn aus der Entfernung für meinen Vater halten.

Wir werfen die Angeln aus, und die Jungs erzählen Geschichten von ihren Anfängen auf dem dritten Revier. Die guten, alten Zeiten. Als Officer in Zivilkleidung tauchten sie unrasiert und in Vans und Led-Zeppelin-T-Shirts bei der Arbeit auf. Wenn sie am Abend zuvor zu viel getrunken hatten, duschten sie nicht, sondern rollten sich nur aus dem Bett und fuhren mit ihren Schrottkarren herum, auf der Suche nach Ärger. Der ließ nicht lange auf sich warten. Gangs beherrschten damals wie heute das kriminelle Geschehen im dritten Bezirk. Die Zahl der Gewalttaten ist hoch, Drogen sind überall. Das Suffolk County an sich ist wohlhabend, aber im dritten Bezirk lebt fast die Hälfte der Leute an oder nur wenig über der Armutsgrenze. Dad hat immer gesagt, dass es keinen besseren Übungsplatz für einen Cop gäbe als dieses Revier, weshalb auch so viele der hohen Tiere im Suffolk County Police Department sich von dort hochgearbeitet haben.

Dorsey sagt, dass Dad der härteste Cop des dritten Reviers war und der beste Lehrer, den ein junger Streifenpolizist sich wünschen konnte. Die Jungs nicken zustimmend. Vielleicht ist es wahr. Dad hatte einen unerschütterlichen, fast schon biblischen Sinn für Gut und Böse. Doch er verhielt sich auch widersprüchlich. Er verabscheute Zigaretten und Drogen, aber legte seine Leber gern in Scotch ein. Er kassierte regelmäßig Spieler ein, veranstaltete jedoch eine monatliche Pokerrunde, an der Bezirksstaatsanwälte und ein paar bekannte Richter von der ganzen Insel teilnahmen. Von allen Verbrechern verabscheute er am meisten Menschen, die Frauen und Kinder missbrauchten, aber einmal sah ich, wie er meine Mutter so fest ins Gesicht schlug, dass sein Handabdruck danach rot auf ihrer Haut leuchtete. Dad hatte seinen eigenen Kodex. Ich habe früh gelernt, ihn nicht infrage zu stellen. Oder zumindest nicht laut.

Dads Gerechtigkeitsempfinden war von der harten Sorte. Seine Lektionen vergaß man nicht so schnell. Dorseys Lieblingsgeschichte von meinem Vater war, wie er einmal Anastas befahl, sich in der Gerichtsmedizin auf eine Bahre unter ein Laken zu legen. Ein Grünschnabel namens Rossi, frisch von der Academy, war seit Kurzem bei ihnen. Sein Vater war Richter, und Rossi hielt sich dadurch für etwas Besseres. Er trug immer Designerklamotten zur Arbeit – Armani und Hugo Boss –, und das passte Dad überhaupt nicht. Er nahm Rossi also mit in die Gerichtsmedizin und ließ ihn das Laken zurückschlagen. Anastas erhob sich mit einem Aufschrei, und Rossi pinkelte seine Sechshundert-Dollar-Hosen voll. Danach kaufte er wie alle anderen bei JCPenney ein.

Dorsey hat die Geschichte schon hundert Mal erzählt, aber er trägt sie noch mal vor, und wir lachen alle, als hätten wir sie noch nie gehört. Es ist schön, mich an die lustigen Seiten meines Vaters zu erinnern, weil er tatsächlich so sein konnte. Er konnte den ganzen Abend schweigen und dann eine auf den Punkt gebrachte Bemerkung raushauen. Dorsey und ich lächeln uns an. Ich nicke dankbar. So will ich mich heute an meinen Vater erinnern. Nicht wegen seines Jähzorns. Nicht wegen seiner Traurigkeit. Und nicht wegen des Alkohols, der ihn sich schließlich nachts auf einem ruhigen Abschnitt des nassen Highways geholt hat.

Irgendwann geht die Sonne am Horizont unter, und der Himmel färbt sich pflaumenblau. Dorsey beschließt, nach Hause zu fahren. Als wir in den Hafen in Hampton Bays einlaufen, ist es dunkel. Wir transportieren deutlich mehr als unser zulässiges Kontingent an Seebarsch, aber mit drei Cops an Bord – vor allem diesen drei Cops, die, wie mein Vater, alle hier im County geboren wurden und wahrscheinlich auch hier sterben werden – wird keiner einen Ton über Fangbeschränkungen sagen. Diese Männer sind das, was Lokalhelden in Hampton Bays noch am nächsten kommt, vor allem Dorsey.

Die Jungs haben ordentlich getankt. Sie reden laut und wiederholen sich, und auf dem Parkplatz umarmen sie mich fest, nicht nur einmal, sondern zwei-, dreimal. Anastas lädt mich zum Abendessen zu ihm ein. Ich lehne ab, sage, ich bin müde, brauche Zeit für mich, um alles zu verarbeiten. Er wirkt erleichtert. Ron hat eine Frau, Shelley, und drei Kinder. Er braucht keine mürrische Achtundzwanzigjährige in seinem Haus. DaSilva steckt mitten in einer Scheidung. Ich schätze mal, dass er in der nächsten Bar verschwindet, wenn wir hier fertig sind.

Nach einer letzten Runde Witze stolpern Anastas und DaSilva in verschiedene Richtungen davon. Beide fahren in Minivans weg, Wagen mit Platz für Kindersitze und Lacrosse-Schläger und Fahrgemeinschaften zur Schule. Dorsey deutet auf die silberne Harley-Davidson Sportster, mit der ich hergefahren bin. Sie war Dads Lieblingsmaschine. Er hat sie vor Jahren günstig gekauft und sie im Lauf der Zeit restauriert. Vor dem Unfall hatte Dad vier Motorräder. Jetzt sind es nur noch drei. Seine Babys, wie er sie immer genannt hat. Jedes akribisch hergerichtet und penibel instand gehalten. Sie haben...


Alger, Cristina
Cristina Alger hat einen Abschluss vom Harvard College und der NYU Law School. Bevor sie Autorin wurde, hat sie als Finanzanalystin und als Wirtschaftsanwältin gearbeitet. Sie lebt mit ihrem Ehemann und ihren Kindern in New York.



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