E-Book, Deutsch, 340 Seiten
Alge Die Botschaft der Eule
2. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7583-4201-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Roman über die Kraft des Schreibens
E-Book, Deutsch, 340 Seiten
ISBN: 978-3-7583-4201-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Martha Stillebachs Traum von einem Selbstversorger Leben mit ihrer Familie auf einem alten Hof ist geplatzt. Doch sie bietet in der alten Scheune Kraft-Abende an. Ganz unterschiedliche Frauen treffen dort aufeinander, um gemeinsam zu Schreiben. Nach und nach eröffnen sich allen Teilnehmerinnen neue Perspektiven, nur Martha selbst findet keinen Zugang zu sich selbst. Doch sie schreibt weiter und eines abends kommt es zu einer berührenden Begegnung mit einer Eule. Ist Martha mutig genug, ihrer Botschaft zu vertrauen? Und sind Sie als Leserin bereit, sich selbst den großen Fragen des Lebens zu stellen? Dieses Buch ist eine Einladung, sich mit sich selbst zu beschäftigen und motiviert kleine Veränderungen anzugehen.
Daniela Alge glaubt an die Kraft des Schreibens. Ich glaube an die Schönheit und Kraft der einfachen Worte an die Lebendigkeit und Leichtigkeit unserer Kreativität an die ansteckende Energie unserer Begeisterung an unser Feuer, das für Frieden und Liebe brennt. Ich glaube an die heilsame Wirkung unseres Schreibens an die Magie von Reflexion und Träumerei an den Mut und die Freiheit, unser Leben zu leben an all diese tiefen Geschenke der Wortmalerei.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Martha Stillebach
Martha Stillebach stellte das Wasserglas mit dem kleinen Strauß Löwenzahn neben das Foto in dem altmodischen Silberrahmen und flüsterte: »Wenn bei diesen Blüten das Gelb verblasst und die Samen fliegen, werde ich meine Entscheidung getroffen haben.« Sie drehte das Glas, damit die Blüten dem Bild ganz nahe kamen, und ordnete die bemalten Kieselsteine neu an. Als sie zufrieden war, benetzte Martha Daumen und Zeigefinger mit Spucke und löschte mit einer schnellen Handbewegung die brennende Kerze. »Ich komme bald wieder, das weißt du ja.« Gedankenverloren schlüpfte sie in eine leichte Jacke und in ihre Turnschuhe an, ging nach draußen und zog die windschiefe Haustür mit einem kräftigen Ruck hinter sich ins Schloss. Dann langte sie in die Stofftasche, die an dem Haken hing, der den ehemals grünen Fensterladen offen halten sollte, und zog zwei schrumpelige Karotten heraus. In der Luft tanzten unzählige silbern schimmernde Schirmchen im Licht der warmen Frühlingssonne und von weitem vernahm sie das monotone Tuckern eines Traktors. Dabei überkam sie eine Gänsehaut. Fröstelnd rieb sie sich über die Oberarme. Ob sich das jemals ändern würde? Ob es ihr woanders besser gehen würde, irgendwo, wo keine Traktoren fuhren, keine einfachen Geräusche Ängste heraufbeschworen und wo keine Erinnerungen hinter Baumstämmen und Blumensträußen lauerten? Ob sie woanders schlafen können würde, ohne zu träumen? Sie musste sich endlich entscheiden. Martha ging um die alte Scheune herum, trat zum Tor am elektrischen Weidezaun und rief: »Egon, Eugen. Kommt! Kommt!« Zwei Esel erhoben sich aus dem Schatten des Walnussbaumes, trabten geruhsam auf sie zu und streckten die Köpfe über die verwitterten Holzlatten, um nach den Karotten zu schnappen. »Langsam, langsam, meine alten Herren.« Martha lächelte und seufzte dann. »Was mache ich nur mit euch, wenn ich gehen muss?« Eugen leckte ihre Hand mit seiner rauen Zunge. Sie ließ ihn gewähren. »Vermutlich kann ich euch nicht mitnehmen. Ich werde euch vermissen!« Martha kraulte die beiden zwischen ihren langen Ohren. »Aber vielleicht dürft ihr ja bleiben, ich werde auf jeden Fall Heu für den nächsten Winter für euch einlagern.« Egon und Eugen schmatzten zufrieden und schauten durch ihre langen Wimpern, ob es noch mehr Karotten geben würde. Doch Martha schüttelte den Kopf und rubbelte beiden noch einmal kurz durch das Fell. »Was mache ich nur ohne euch, meine Freunde? Meine Liebsten und Einzigen.« Sie wendete sich rasch ab und ging zum Brunnen, um sich die Hände zu waschen. Dann öffnete sie mit Kraft das quietschende Scheunentor. Dort hing innen an einem Nagel ein bunt gewebtes Handtuch. Sie trocknete die Hände sorgfältig ab und schob ihr Fahrrad aus dem düsterenInneren nach draußen ins Sonnenlicht. Es war Freitag kurz vor 17.00 Uhr. Zeit, um los zu radeln. Martha wartete bis die Straße frei war und schob das Fahrrad zügig über die wenig befahrene Bundesstraße nahe ihrer Hofstelle, stieg dann auf und radelte auf dem Rad- und Fußgängerweg Richtung Primisweiler. Unzählige Löwenzahnblüten leuchteten in der schon recht tiefstehenden Sonne, die Grillen zirpten ohne Pause und der Traktorfahrer mähte helle Streifen in die tiefgrünen Wiesen hinein. Es war Anfang Mai und bald würde der Duft nach Heu die gesamte Region erfüllen. Der Sommer nahte. Sie freute sich und summte beim Radeln eine fröhliche Melodie. Doch schon nach wenigen Takten verstummte sie. Ein Mann mit seinem Labrador kam ihr entgegen und schaute sie unfreundlich an. Wie immer. Und sie wusste, sie musste endlich vernünftig sein. Eigentlich war die Entscheidung klar: Sie musste fort. Irgendwo anders würde sie neu beginnen. In einem Land ohne Traktorengeräusche, ohne grimmige, alte Männer und vor allem ohne Erinnerungen an eine Zeit, die nie wiederkehren würde und die alle ihre Träume und Hoffnungen zunichte gemacht hatte. Irgendwo würde es einen Platz geben, an dem sie frei atmen konnte. Martha fuhr am Mittelsee entlang, wich nun einer älteren Frau mit ihrem Dackel aus, und drosselte das Tempo, um nach dem Biber Ausschau zu halten, der in täglicher Kleinarbeit Baum um Baum am Ufer des Sees zu Fall brachte. Sie war immer wieder beeindruckt von der Tatsache, dass er allein durch Ausdauer und Dranbleiben so viel bewegen konnte, auch wenn sie der Anblick der umgefallenen Bäume schmerzte. Vielleicht sollte sie sich an dem Nager ein Beispiel nehmen. Dranbleiben. Ausdauer zeigen. Sie schüttelte den Kopf. Nein, sie wollte kein Biber sein. Was für ein absurder Gedanke! Eher könnte sie sich ein Beispiel an der alten Eule nehmen, die sie oft vom Schlafzimmer Fenster aus beobachten konnte. Eulen waren weise. Sie wussten immer, was das Richtige war. Vermutlich kannten sie keine Zweifel. Hinter der Dorfkirche kettete Martha ihr Rad am rostigen Fahrradständer fest. Vom Kirchturm schlug die Glocke zur vollen Stunde und verschluckte mit ihrem lauten Klang das Geräusch der automatischen Türklingel, die ertönte, als sie den kleinen Friseurladen betrat. »Grüß Gott, Martha.« Joschi eilte strahlend auf sie zu und reichte ihr die Hand. »Schön, dass Sie da sind.« Martha nahm lächelnd auf dem Sessel vor dem einzigen Spiegel Platz. »Wie immer?«, fragte der alte Herr und legte ihr ein wiesengrünes Handtuch über die Schultern. Sie nickte und schluckte. »Ich werde diese Viertelstunde freitags bei Ihnen vermissen.« »Kommen Sie nicht wieder?«, fragte Joschi und griff nach dem scharfen Messer, um das Haar Tattoo über Marthas linkem Ohr nachzuschaffen. »Ich kann den Hof alleine nicht halten. Endlich habe ich es eingesehen. Es übersteigt meine Kraft und meine Energie.« Martha verkniff sich ein Schulterzucken und blieb ruhig sitzen. »Es war ein gemeinsamer Traum. Er ist ausgeträumt.« Der Friseurmeister schaffte konzentriert weiter. Als er die liegende Acht perfekt nachgearbeitet hatte, schaute er in den Spiegel und musterte Martha. »Ich lebe auch einen gemeinsamen Traum - allein. Seit fast vierzig Jahren. Er schenkt mir eine große Zufriedenheit.« Martha betastete mit dem Zeigefinger nachdenklich das ausrasierte Symbol. »Wir wollten auf dem Hof als Familie leben und arbeiten. Alleine fehlen mir Geld und Arbeitskraft. Wovon soll ich hier meinen Lebensunterhalt bestreiten?« Sie zeigte mit der Hand zum Fenster hinaus. Eine Kirche, ein Friedhof, ein paar verputzte Einfamilienhäuser mit aufgeschichtetem Brennholz davor, verzweigte Apfelbäume, Vergissmeinnicht und Maiglöckchen in Vorgärten und ein Spaziergänger mit seinem Schäferhund. »Was haben Sie denn gelernt?«, fragte Joschi, während er mit einem weichen Pinsel alle losen Härchen beseitigte. »Ich bin … Ich war Hebamme«, sagte Martha zögernd. »Aber das ist lange her.« Er lachte freundlich: »Sie sind doch keine vierzig. So lange kann das nicht her sein.« »Ich bin vierzig, und ich kann das nicht mehr tun. Ich bin keine Hebamme mehr.« Er legte den Pinsel zur Seite. »Ich durfte Sie als eine tatkräftige, bodenständige Frau kennenlernen. Hier würde Sie jeder einstellen. Vielleicht möchten Sie das Friseurhandwerk lernen?« Er schmunzelte. »Ich könnte mir das gut vorstellen.« Martha ging nicht darauf ein. »Ich muss fort. Weit weg. Am besten so schnell wie möglich. Doch auch eine Hofauflösung braucht Zeit.« Sie seufzte tief. »Ich kann nicht einfach in einen Zug steigen und fortgehen. Leider.« Joschi hielt einen Handspiegel in die Höhe, damit Martha die Frisur besser sehen konnte. »Die Zeit ist unendlich. Oder wofür steht Ihr Tattoo, falls ich mir diese Frage nach all der gemeinsamen Zeit erlauben darf?« Martha räusperte sich kurz und griff dann an den hölzernen Herzanhänger, der an einem Lederband über ihrer Brust hing. »Es ist einfach ein Symbol, das ich mag.« Joschi nickte. »Unendlich. Ewig. Endlos. Wie die Liebe.« Sie wiegte sacht den Kopf hin und her und begutachtete ihre Haare im Spiegel. Die Frisur gefiel ihr. Doch ihre dunklen Augen waren von noch dunkleren Schatten umgeben und ihre Haut war ungewöhnlich blass. Sie sah alt und unglücklich aus, registrierte sie. »Ich werde Sie ebenfalls vermissen«, sagte er. »Ich habe mich immer darauf gefreut, die Arbeitswoche mit Ihnen abzuschließen.« Sie drehte sich auf dem Stuhl um und schaute ihn direkt an. »Wieso haben Sie ihren gemeinsamen Traum alleine gelebt?« »Meine einzige Liebe wurde nur siebzehn Jahre alt. Wir feierten ein großes Musikfest. Ich spielte in der Tanzkapelle und sie hatte versprechen müssen, um elf zuhause zu sein. Ich konnte sie nicht begleiten. Sie fuhr mit dem Fahrrad auf der unbeleuchteten Landstraße. Ich stelle mir vor, wie sie gesungen hat, um sich die Nacht zu...




