E-Book, Deutsch, 268 Seiten
Reihe: Classics To Go
Alexis Kriminalfälle des neuen Pitaval
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98744-469-2
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 268 Seiten
Reihe: Classics To Go
ISBN: 978-3-98744-469-2
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der neue Pitaval ist ?eine Sammlung der interessantesten Kriminalgeschichten aller Länder aus älterer und neuerer Zeit?. Sie erschien von 1842 bis 1890 in 60 Bänden bei Brockhaus in Leipzig. Begründet wurde sie von Julius Eduard Hitzig und Wilhelm Häring (Künstlername: Willibald Alexis), fortgeführt von Anton Vollert.
Autoren/Hrsg.
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Rosenfeld
Der neue Messias in Berlin Zu Anfang der sechziger Jahre des 18. Jahrhunderts sah man in der Uckermark, Priegnitz und auch im benachbarten Mecklenburgischen einen Mann herumstreifen, dessen Kleidung und Wesen nicht viel von einem Bettler verschieden war. Er bat aber nie um eine Gabe, nur um einen Trunk Wasser, höchstens, wenn man ihm nicht mit der Einladung dazu entgegenkam, um ein Nachtquartier. Ihm war nur daran gelegen, mit denen, die er besuchte, sich in ein Gespräch einzulassen, und es waren meistens Schäferknechte, die er auf dem Felde traf; doch ging er auch in einsam gelegene Häuser, wo Tagelöhner, Weber oder sonst arme Handwerker wohnten. Zunächst trug der Mann einen grünen Jägerrock, dann, als der Rock verschossen und zerrissen war, näherte sich seine Erscheinung immer mehr der eines Bettlers und hatte etwas Unheimliches, ja, man konnte sie erschreckend nennen. Sein Gesicht war blaß und erdfarben, die Augen lagen tief im Kopfe, und der Körper hatte eine schlaffe Haltung. Doch brauchte man keine Furcht wie vor einem gewöhnlichen Abenteurer zu hegen, der abends um eine Herberge bittet und morgens als Dieb verschwunden ist. Man kannte seinen Namen, er hieß Rosenfeld, und sein grüner Jägerrock war ein Überbleibsel aus seinem früheren Jägerdienst beim Markgrafen von Schwedt. Zwar führte er kein Geld in der Tasche, aber am Kinn einen langen Bart, der nicht den Räuber, sondern den Propheten verkündete. Manchmal trat er an einen Hirten mit einem biblischen Gruß, schlug aber, wenn der Hirt geantwortet hatte, die Augen gen Himmel auf und wandte ihm den Rücken mit einem Seufzer. Der Hirt sah ihn vielleicht erst nach einem Jahr wieder. Doch ging er nur von denen so schnell fort, die den Gruß nicht erwiderten, wie er es wünschte. Wo er empfänglichen Stoff für den Samen, den er ausstreuen wollte, fand, ließ er sich in längere Religionsgespräche ein. Einst, im Dorfe Stendell bei Schwedt, im Jahre 1762, glaubte er eine andächtige Versammlung gefunden zu haben, die gern auf seine Predigten hörte und sich in religiöse Gespräche mit ihm einließ; als er aber, erwärmt von ihrer Aufmerksamkeit, die Arme erhob und zu prophezeien anfing, sagten sie, er sei nicht gescheit. Rosenfeld war auch in seiner späteren sieggekrönten Laufbahn kein Fanatiker, der mit eiserner Stimme Mauern einrennen und mit der Fackel der Begeisterung die Welt in Brand stecken will. Sein Feuer brannte still, er wartete auf Zeit und Gelegenheit und verstand die Kunst der Berechnung. Er schwieg, als er bei den Leuten im Dorfe keinen Glauben fand, blieb aber auf ihre Einladung eine Zeitlang in der Gemeinde, auch ließ er sich die gute Aufnahme gefallen. Später ergab sich, daß die Tochter eines Hauses, in dem er einst logierte, von ihm schwanger geworden war. Er hatte jedoch, um sie sich gefügig zu machen, keine Prophezeiungen, keine frommen Sprüche angewandt. Der Religionseifer schien eine Zeitlang in ihm zu ruhen, um sich in der Stille zu neuen Offenbarungen zu stärken. Nach den Akten findet man ihn erst wieder um 1765 in der Gegend von Prenzlau schwärmend. Seine Erscheinung war hier schon viel armseliger, sein Blick irre geworden. Er war Prophet, der in langer Beschaulichkeit zu der Gabe gelangt war, nach der seine Seele dürstete. So trat er zu Dedelow in das Haus eines Schäfers, bat um einen Trunk Wasser und sprach dann, die Schale hebend, mit bedeutungsvollem Tone zu Mann und Frau: »Kinder, so ihr nur wüßtet, wer ich bin!« Als sie ihn fragten, wer er sei, antwortete er: »Ich bin der Bote Gottes, ausgegangen, seine Schafe zu suchen. Von mir ist im Propheten Micha IV, 8 geweissagt: Du Turm Eder, eine Feste der Tochter Zion, es wird deine goldene Rose kommen, die vorige Herrschaft, das Königreich der Tochter Jerusalem!« Da er gläubige Zuhörer fand, führte er noch ein langes biblisches Gespräch mit ihnen, wie die Bekehrung gerade jetzt Not tue; es werde aber bald die Zeit kommen, in der die Gerechten das Land beherrschen würden – das verheißene Reich, das Hauptthema seiner Verkündigungen, über das seine Vorstellungen sich erst später vollständig ausbildeten. In diesem Hause war der Samen aufgegangen. Mann und Frau baten dringend den gottseligen Mann, daß er länger bei ihnen weile, und er blieb mehrere Tage und kam öfter wieder. Diese Anhänger in Dedelow blieben ihm auch nach seinem Sturz treu; sie hielten ihn für einen Mann Gottes, obwohl seine große Prophezeiung nicht eingetroffen war. Zu beiden hatte er nämlich gesagt, sie möchten auf das Jahr 1770 achthaben, es werde da eine große Wandlung eintreten. Sie hatten von Tag zu Tag genau acht, die Frau aber mußte später vor Gericht eingestehen, es sei doch gar nichts Merkwürdiges in dem Jahr geschehen, der heilige Mann müsse sich wohl im Jahr verrechnet haben. Bald war Rosenfeld nicht mehr der umherirrende Vagabund, den man hier auslachte, dort aus Mitleid und Neugier aufnahm. Sein Name war auf dem flachen Lande weitverbreitet, er kannte seine Anhänger, die bald eine stille Gemeinde bildeten. Wo er anklopfte, wurde er freudig empfangen, man drang in ihn zu bleiben, man schätzte es für ein Glück, wo der Mann Gottes verweilte. Gewöhnlich begann er vor seiner Gemeinde mit vielen Bibelstellen von der jetzigen Verderbtheit des Menschengeschlechts zu reden. Die Welt liege im argen, Recht und Gerechtigkeit seien verdreht. Das war ja das ewige Thema, was die Leute von den Kanzeln aller Glaubenseiferer herab zu hören gewohnt waren. Die Verderbtheit der Welt legt sich jeder aus, wie er Lust hat. Jeder hat über Unrecht, das ihm widerfahren ist, zu klagen, und die uckermärkischen Landleute hatten besonderen Grund dazu. Der Siebenjährige Krieg war kaum vorüber; schwere Abgaben, die harte Akzise, drückten sie neben anderen allgemeinen Leiden. Wenn der Prediger auf diese Weise leichten Eingang bei ihnen gefunden hatte, folgten zuerst allerlei allgemeine Versprechungen von einem Erretter aus diesen Trübsalen, einem Wiederhersteller des gekränkten Rechts, einem Heiland und Erlöser. Zwar war ein solcher schon dagewesen, und so sprach er sich über diesen wichtigen Punkt nur in Andeutungen aus und gab zu erkennen, er würde mehr offenbaren, wenn seine Zuhörer dafür reif wären. Dazwischen zitierte er Bibelstellen, die von einem zweiten, künftigen Heiland redeten, wie Matth. III, 11 und XI, 26: »Und er hat seine Worfschaufel in seiner Hand; er wird seine Tenne fegen und den Weizen in seine Scheunen sammeln, aber die Spreu wird er verbrennen mit ewigem Feuer.« – »Es wird kommen aus Zion, der da erlöse, und abwende das gottlose Wesen von Jakob.« Dann andere, wo von einer zweiten Ankunft Jesus, um die Welt zu richten, die Rede war. Dreister geworden, sprach er schon aus: Der Jesus, welcher gewesen, sei nur ein prophetisches Luftbild, eine Art Fata Morgana des Jesus, welcher noch kommen müsse und werde. Ja, vor einzelnen Zuhörerkreisen, deren Glaube ihn zu erwärmen schien, überkam es ihn wie ein heiliges Feuer der Erkenntnis, und er rief aus, das sei ein falscher Messias gewesen! Der rechte sollte doch gekommen sein, um die Welt vor Sünde, Tod und des Teufels Gewalt zu erretten, und alle diese drei Dinge seien nach wie vor in der Welt, das sei ein verfluchter Christus gewesen, der gen Himmel gefahren wäre und seine Jünger im Stich gelassen hätte. Endlich ging er noch weiter und erklärte die ganze Heilsgeschichte für unwahr. Das Neue Testament sei als Erdichtung zu verwerfen. Als er so weit gegangen war, ergab sich die praktische Folge von selbst. Er schalt auf die Prediger als Propheten der Unwahrheit, er eiferte gegen die Taufe, gegen den Genuß des Abendmahls, gegen alle geistlichen Bücher, mit Ausnahme des Alten Testaments. Endlich zog er auch gegen alle weltlichen Obrigkeiten zu Felde, vom Dorfschulzen bis zum König, und das in den härtesten Ausdrücken. Es spricht für den wunderbaren Einfluß, den er schon auf die Gemüter erlangt haben mußte, daß wir von keinerlei Art Widerspruch hören. Das Landvolk in jenen Gegenden betrachtete seine Obrigkeit als die von Gott eingesetzte. Wer mußte der Mann sein, der sich sogar gegen einen König wie Friedrich II. solche Angriffe erlauben durfte? Und – was mehr war als gegen den König und seine Diener – auch gegen die geistlichen Bücher, die sich als Heiligtümer von Kind zu Kindeskind in jenen Bauernfamilien vererben, und selbst gegen den Hauptteil der Bibel, gegen das Neue Testament? Gegen die Prediger war die Menge leicht aufzubringen. In jenen Gegenden finden sich unter den Landleuten nicht nur die allerstrengsten Kritiker des Lebenswandels der Geistlichen, sondern auch ihrer Dogmen, und die geringste Abweichung macht sie zu den strengsten Richtern, Gegnern und Anklägern ihrer Pfarrer. Diesmal, vermutlich nach langer Dürre, schlug der Gewitterregen einer religiösen Begeisterung so tief in den durstenden Boden, daß er mit dem Prediger auch die Postillen, Gesangbücher, sogar das Neue Testament fortschwemmte. Einer der neu Bekehrten, der Schlosser Zimmermann aus Berlin, warf nach einem Konventikel, in dem Rosenfeld seine ganze Feuerglut wider die falschen geistlichen Bücher entladen hatte, seinen ganzen Vorrat davon ins Feuer. Bei der späteren gerichtlichen Vernehmung seiner Jünger über Rosenfelds Lehre gab es bei aller Unterschiedlichkeit der Zeugnisse vollkommene Übereinstimmung in mehreren Punkten, in denen die Worte des Meisters hörbar wurden: Der auf Golgatha gekreuzigte Messias sei nur die Verheißung des künftigen; Christus sei verflucht, weil er am Holz gehangen, und wer an ihn glaube, sei verdammt; die ganze Lehre von seiner Kreuzigung sei eine heidnische Fabel; der Christus, der zu Jerusalem eingeritten, sei ein Hurensohn, ein Dieb, ein Zuhälter. Durch das Abendmahl...




