E-Book, Deutsch, 673 Seiten
Alexis Isegrimm
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95676-754-8
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 673 Seiten
ISBN: 978-3-95676-754-8
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
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Willibald Alexis (eigentlich Georg Wilhelm Heinrich Häring,(* 29.Juni 1798 in Breslau, † 16.Dezember 1871 in Arnstadt) war ein deutscher Schriftsteller, der als Begründer des realistischen historischen Romans in der deutschen Literatur gilt. In den Vaterländischen Romanen behandelte Alexis nach und nach die wichtigsten Abschnitte der brandenburgisch-preußischen Geschichte vom 14. Jahrhundert bis zur Hälfte des 19. Jahrhunderts in großer Ausführlichkeit, akribischer Genauigkeit in der Detailschilderung, ständeüberschreitend und eindeutig patriotisch. Das Werk “Isegrimm” gehört zu diesem Kanon.
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Die Schwedenschanze.
Erstes Kapitel. Non semper in medias res. Die Sonne wirft den scharfen Strahl auf die Gipfel der Berge und in die Täler, sie leuchtet so hell auf das Dächermeer der Städte, als auf die bemoosten Hütten der Dörfer. Ueberall schafft sie Bilder, aus was Stoff ihr entgegenkommt, und sie fragt nicht nach Vornehmheit und Schönheit, ob sie die Firnen der Alpen anglüht, oder ihren Abendhauch in den Hagedorn sprenkelt, da auf dem einsamen Rain, wo nur die Mücken wirbelnde Kreise durch die goldene Glut ziehen. Unsere Kunst tut es nicht gleich der großen Gleichmacherin. Was sie sich auch müht, die Wahrheit in den Winkeln und Ecken zu finden, sie sucht doch immer nach dem, was sich auszeichnet, auch unter Lumpen nach den buntesten. Und unsere allergrößte Kunst, die Geschichtsschreibung – denn was wären wir ohne sie? ein Strom, aus dem Luftblasen auftauchen, um wieder darin zu vergehen – auch sie, wenn sie ihr klarstes Licht in die Dinge und ihre Bewegungen senkt, beleuchtet nur das, was sich hervortat. Es ist eitle Arbeit, wenn sie von den Königen und Helden sich abwenden will, um nur das Volk zu schildern; wie tief und tiefer sie in die Schichten und Kreise dringt, sie konterfeit nur die, welche auch da Führer und Fürsten waren. Die Geschichte geht wie ein großes Heer auf der Heerstraße fort, und in das Land daneben schickt sie nur Streifzüge, je wie die Gelegenheit es gibt, zum Auskundschaften und Beutemachen. Ja, wenn die Büsche und Felsen zur Festung werden, wenn Entschlossenheit, Glaube und Mannesmut von den Hauptstädten und Straßen sich in die Schluchten und Winkel retten, dann ändern sich die Verhältnisse, aber nicht das ewige Gesetz; dann kann auch einmal ihre große Straße durch die unwegsamen Hecken der Vendee führen und über die schwindligen Klippenstege der Tiroler Alpen. Die große Heerstraße der Geschichte von Jena bis Tilsit kennen wir, mit ihren Etappen, den großen Niederlagen. Auch Streifzüge macht sie in die Provinzen, aber wo ihr Brennspiegel Licht hinwirft, zeigt sie uns nur den Fall von Festungen, Kapitulationen und Uebergaben. Weiter malt sie nichts, sie fand keine Vendee und kein Tirol. Und hätten wir ein Buschland gehabt von der Elbe bis zur Oder, von dichten, stachlichten Hecken durchschnitten, und drüben Bergschluchten, um Felsblöcke herunterzuwälzen, die Franzosen wären doch ruhig durchmarschiert – damals! Es war nicht die physische Gewalt, es war der panische Schreck des Unerwarteten, Ungeahnten, es war der Zauberschlag der Wirklichkeit, was die verschlafenen und träumenden Seelen niederwarf; da waren sie, enthülst von allen ihren Illusionen, allen den Schirmen und Brillen, die sie um ihr Gesicht getan, von dem niederschießenden grellen Licht geblendet – in einen Starrkrampf verfallen. Der Schrecken mußte lange regieren, der Körper gelähmt bleiben, damit die Seelen wieder erstarkten. Wir können auf der Heerstraße Schritt um Schritt verfolgen, den Uebermut und die Gewalttätigkeit der Sieger, die Not, das Elend, die Torheit und Kleinmütigkeit oder den stummen Grimm der Besiegten. Davon sind hundert Bücher zu lesen, wie es in der Hauptstadt und den großen Städten traurig und jämmerlich aussah; aber dasselbe Elend und dieselbe Not breitete sich auch aus über das Land, und jeder Flecken und jeder Winkel hatte davon zu tragen und zu klagen. Von diesen Klagen nahm die Geschichte nur wenige auf, weil sie meint, es sei nicht nötig, zehnfach zu wiederholen, was an neun Orten ebenso war, wie an dem einen. Es schmerzte aber darum nicht weniger. Ja, in der großen Anklage, die sie uns jetzt tausendfältig in die Ohren schreien, daß das Uebergewicht der großen Städte der zehrende Schaden des platten Landes sei, und daß, um dies gutzumachen, die Weltgeschichte umgekehrt oder neugemacht werden müsse, und das Land und seine Grundherren die Uebermacht wiedergewinnen über die Städte, da führen sie auch an, daß das Land damals weit schwerer die allgemeinen Lasten getragen, und seine Aengste und Schmerzen ganz besondere gewesen, welche der Städter hinter seinen warmen Mauern und unter dem Schutz der Ordnung, welche auch unter der Herrschaft der Feinde bleibt, gar nicht kennen gelernt. Das ist möglich, es hat ein jeder Schmelz sein aristokratisches Recht, daß er sich für den ersten und größten hält, die der anderen im Vergleich damit für klein. Aber wo das Unglück alle ereilt wie eine Wasserflut, da, meine ich, ist es an den einzelnen, nicht zu rechten und zu rechnen, wer mehr verloren hat, sondern daß, wer noch nicht ertrunken ist, dem Ertrinkenden die Hand reicht, um ihn zu retten. Doch kam der Feind nicht wie eine Ueberschwemmung, sondern wie graue Wolken, die langsam, aber sicher eine Gegend überziehen, bis sie in einem Regen sich entladen, so durchdringend und andauernd, daß endlich kein noch so verstecktes Fleckchen undurchweicht ist. Wohl sah das Land auch viele Schreckensauftritte, wenn die ersten Feinde in die Dörfer sprengten, in die Höfe preschten. Krieg ist Krieg, und auf die Namen kommt es nicht an, auch nicht, ob der Sieger nimmt oder sich geben läßt, worauf er Lust hat. Was gut ist, schlecht finden, was man nicht mehr genießen kann, verwüsten, und Gewalttätigkeiten üben, wo man sich Herr glaubt, das gehört nun einmal zur unverwüstlichen Natur des subalternen Menschen. Das bißchen Plündern und Mißhandeln hätte man abgeschüttelt wie ein Unwerter, aber dann die Kolonnen auf Kolonnen, die wie ein Alp ruhten, wie Vampyre aussogen, und hinter ihnen die Marodeure, die nächtlichen Einbrüche, Feuersbrünste, die Lazarette und ihr vergiftender Pesthauch. Doch das übelste der Uebel war das System, das die Fremden mitbrachten, und auf die Verhältnisse, die sie vorfanden, impften. Ihre Kommissäre, Receveure und Direkteure litten weder Abschläge auf die noch gefüllten Kisten, nein, sie stellten Schildwachen davor, noch begünstigten sie die Plünderer, sie trieben sie wohl mit Klingenhieben fort und zwangen sie, was sie aus den Speichern auf die Gasse geworfen, selbst zurückzutragen. Denn was sie retteten, retteten sie für sich, die Besitzer wurden ihre Verwalter. Das war der feuchte Nebelregen, der in alle Poren des Landes drang, das Spinnengewebe der französischen Beamten mit höflichen Redensarten und lächelnden Mienen, aber mit Argusaugen und den Klauen des Luchses. Sie drangen bis ins Herzblut und hatten sich eingewühlt und gefressen, wie die Maden in alle Teile des Leibes. Nicht an einem Aderlaß sollte das Opfer verbluten, nein, sie pflegten und hätschelten es, damit es wieder Kräfte bekäme, und dann zapften sie langsam und sicher Tropfen um Tropfen ab. Das war der Schrecken der Schrecken, weil man es nicht sah, und doch in jeder Fiber fühlte, das systematische Aussaugungssystem, das von der Hauptstadt auslief, bis es mit seinen Schlingen und Fasern das letzte Haus des letzten Dorfes umspannt hielt. Ein grauer Nebelhimmel war es auch, der noch nicht regnen wollte, aber Regen schwitzte, als wir einer Jagdkalesche begegneten, deren sonst wohlgehaltene Pferde nur mühsam das leichte Gefährt durch die aufgewühlten Sandwege zogen. Daß die erscheinende Natur so oft Sympathie hält mit den Dingen und Stimmungen, die uns drücken! Es war einer der Landesteile, wo die ganze Wucht des Unglücks sich noch nicht entladen hatte, aber die Wolken zogen und senkten sich immer tiefer, wie die an dem Novemberhimmel, der die Erde fast zu berühren schien. In der Kalesche saß ein hochgewachsener Mann mittlerer Jahre, dessen mit Zobel besetzte Wildschur den vornehmen Herrn andeutete. Nachlässig zurückgelehnt, nahm er den größten Teil des Sitzes ein, den er mit einem anderen teilen sollte. Der neben ihm war ein junger schmächtiger Mann von blassem Gesicht, aber dunkelglänzenden Augen. Sein schwarzes Haar fiel unter dem Hut in lockenförmiger Kräuselung über beide Seiten herab, in einer Art, wie es damals noch nicht Mode war. Es war überhaupt wenig Modisches an dem jungen Manne; sein dünnes, abgetragenes Oberröckchen deckte nur den schwarzen Leibrock darunter, aber kaum die Knie und die Füße gegen die herabfallende Nässe. Die Pelzdecke, welche man beim Ausfahren wohl zu diesem Zwecke mitgenommen, hatte ein anderer junger Mann über seine Knie gebreitet, was sehr natürlich schien, da er vorn die Pferde lenkte. Aber der junge Mann draußen, sichtlich vornehmer als sein Platz, hatte, was man nennt, mehr auszugeben, nämlich das, was einen Schutz von innen gegen die Einwirkungen von außen gewährt; wie einer, der ein gutes Frühstück zu sich nahm, besser der Kälte trotzt, als der, welcher hungrig in den nassen und kalten Morgen ausreitet. Er gehörte auch weder auf diesen Platz, noch auf diesen Wagen; das Reitpferd, welches der Knecht in Kutscherlivree hinter der Karosse ritt, war augenscheinlich das seine, und er hatte es nur mit dem Kutschersitz und Dienst aus Liebhaberei, oder um der Gesellschaft willen, vertauscht. Man sah, er wußte mit Pferden umzugehen, aber die Pferde kaum mit dem Wege zurechtzukommen, besonders jetzt, wo sie durch eine Niederung sich durcharbeiten mußten. Als auch die Pfeife, vielleicht infolge der nassen Luft, ihm ausgegangen war, hielt er einen Augenblick an, wie er sagte, um die Tiere verschnaufen, andere mochten denken, um sich von dem Kutscher, den er heranwinkte, Feuer geben zu lassen. »Frieren Sie auch nicht, Herr Kandidat?« fragte er zu dem jungen Manne gelegentlich über die Achsel. »Es ist eigentlich warme Luft,« entgegnete der Angeredete, ob doch ein Frösteln über seine Glieder fuhr. »Wir sind ja bald da, Baron,« warf der andere hin. »Auch kann man oben in der Schenke, wo wir ohnedies anhalten müssen, etwas Wärmendes zu sich...




