E-Book, Deutsch, 330 Seiten
Alexander Heimat oder Asyl?
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7519-0363-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Beitrag zur Entwicklungspolitik
E-Book, Deutsch, 330 Seiten
ISBN: 978-3-7519-0363-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
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Paul Alexander, Jahrgang 1938, behandelt diese und andere aktuellen wirtschaftspolitischen Fragen aus der Erfahrung seiner fünfundzwanzigjährigen Tätigkeit als Berater für Volkswirtschaftund Agrarökonomie in der Entwicklungshilfe, die ihn in 18 Länder Afrikas, 5 Länder Lateinamerikas und 3 Länder Asiens führte.
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Nachdruck der Erstauflage von 1992
Ob die Leute auf dem Titelbild wohl lieber in der BRD leben würden? Sicher nicht. Jeder Mensch liebt seine Heimat, denn sie ist ein Stück seiner selbst. Bei aller Abenteuerlust und Neugierde für das Fremde wünscht sich jeder Mensch eine Umgebung, mit der er sich identifizieren kann, in der seine Freunde und Verwandten leben, in der er Rechte erworben und Pflichten erfüllt hat und in der er die Spuren seines Lebens, insbesondere seiner Leistungen wiederfindet. Heimat ist nicht immer der Ort oder das Land der Geburt, aber Heimat ist stets etwas, das Zeit zum Wachsen benötigt und daher auf Dauer angelegt ist. Da dies schon immer so war und auch in Zukunft so bleiben wird, müssen wir eine Entwicklung mit besonderer Sorge beobachten, die seit etwa 30 Jahren für viele Millionen Menschen zu einem Abbau von Heimat geführt hat und in zunehmendem Maße weiter führt.
An diesem Abbau von Heimat waren nicht in erster Linie Kriege und Bürgerkriege schuld, die schon immer mit Zerstörung oder Verlust von Heimat verbunden waren, sondern ein scheinbar ganz friedlicher Vorgang, nämlich die unterschiedliche wirtschaftliche Dynamik zwischen den Ländern des industriellen Westens und den übrigen Staaten. Während die wirtschaftliche Entwicklung in den Staaten des kommunistischen Ostblocks bis 1989 weitgehend isoliert verlief, standen die weniger industrialisierten Staaten Südeuropas und die Länder der sog. Dritten Welt in intensivem Austausch mit den industrialisierten Staaten des Westens. Deren ungleich höhere wirtschaftliche Dynamik und der damit verbundene erheblich höhere Lebensstandard hat auf die Bevölkerungen in Südeuropa und der Dritten Welt eine außerordentliche Anziehungskraft ausgeübt und dazu geführt, daß Millionen Menschen ihre Heimat verließen, um in den reichen Ländern eine Beschäftigung zu suchen. Während der sechziger und siebziger Jahre war den westlichen Industrieländern diese Entwicklung durchaus willkommen, denn der Zustrom an Arbeitskräften bot die Möglichkeit zu weiterer Expansion der Produktion und damit verbunden weiterer Wohlstandssteigerung.
Eine ähnliche wirtschaftliche Sogwirkung übten die reichen Ölländer seit dem Ölpreisboom auf die Bevölkerung der ärmeren Länder aus. Daß die Tätigkeit von Gastarbeitern auch für ihre Heimatländer Vorteile mit sich bringen würde, nahm man in den Industrieländern stets stillschweigend an. Erhielten die ausländischen Arbeitskräfte doch den gleichen Lohn wie die Einheimischen, und dieser lag regelmäßig um ein Mehrfaches über dem Lohnniveau in ihren Heimatländern. Zu den Gastarbeiterüberweisungen in die ärmeren Länder traten die Transfers der Entwicklungshilfe hinzu, welche die westlichen Industrieländer ebenfalls seit den sechziger Jahren und die OPEC-Länder seit Mitte der siebziger Jahre an die armen Länder leisteten.
Spätestens seit Mitte der achtziger Jahre wurde aber folgende Situation immer deutlicher:
- Die wirtschaftliche Dynamik der westlichen Industrieländer bleibt jener der ärmeren Länder deutlich überlegen, das Gefälle zwischen armen und reichen Ländern wird mit wenigen Ausnahmen immer größer.
- Weder die Überweisung von Gastarbeitern in ihre Heimatländer noch die westliche Entwicklungshilfe können offenbar das weitere wirtschaftliche Auseinanderdriften zwischen armen und reichen Ländern verhindern.
- Die Zahl derer, die ihre Heimat in den armen Ländern verlassen, um ihr Glück in den westlichen Industrieländern zu suchen, nimmt rapide zu.
(* In der BRD lebten lt. Statistischem Bundesamt per 30.09.1990 5 241 801 Ausländer in den alten und 166 495 in den neuen Bundesländern. Lt. OECD-Statistik betrug der Ausländeranteil Ende 1991 8,3%, also etwa 6,4 Millionen Menschen (vgl. auch Anlage 1))
Durch den Zusammenbruch des kommunistischen Ostblocks und den Wegfall des ”Eisernen Vorhangs” ist die bisherige Dreiteilung unserer Staatenwelt in eine Erste (westlich-industrialisierte), eine Zweite (dem Ostblock zugehörige) und eine sogenannte Dritte Welt binnen kürzester Zeit durch eine neue Einteilung der Welt ersetzt worden, diesmal in nur zwei Gruppen: die wenigen reichen und die vielen armen Länder.
Damit wird die wirtschaftliche Sogwirkung der reichen Länder gerade zu einem Zeitpunkt auf die Bevölkerung des ehemaligen Ostblocks ausgedehnt, in welchem das Verhältnis der reichen Länder zur Dritten Welt in eine deutliche und bislang unbewältigte Krise geraten ist. Das Risiko, daß die Krise nicht mehr beherrscht werden kann, ist damit erheblich gewachsen. Entsprechend groß sind die Sorgen, die sich die Bürger in den westlichen Ländern machen.
Die Sorgen der Bürger richten sich auf einen möglicherweise unkontrollierbaren Zustrom von Ausländern, aber fast noch mehr auf die Unentschlossenheit, mit der unsere Politiker dem Problem gegenüberstehen. Deren Unentschlossenheit erklärt sich aber einfach dadurch, daß sie eine Politik, die dem Westen lange Zeit überwiegend Vorteile zu verschaffen schien, nämlich die Politik der großzügigen Aufnahme von Ausländern, insbesondere in Ländern mit rückläufiger einheimischer Bevölkerung wie der BRD, nicht so leicht von heute auf morgen als gefährlich oder schädlich betrachten können.
Ihre Unentschlossenheit liegt auch darin begründet, daß sie als Politiker dazu neigen, ausschließlich kurzfristige Erfolge anzustreben. Kurzfristiges Erfolgsstreben verführt dazu, die Interessenlage des Partners zu ignorieren, insbesondere langfristig negative Auswirkungen der eigenen Politik auf den Partner zu mißachten. Es verwundert daher nicht, wenn unsere Politiker versuchen, dem Problem eines unkontrollierten Ausländerzustroms gleichfalls mit kurzfristigen und nur die eigene Interessenlage beachtenden Maßnahmen zu begegnen: Sie operieren mit dem Asylrecht. Seine Einschränkung wie auch seine grundsätzliche Beibehaltung erscheint ihnen ausreichend, um sowohl die eigene Bevölkerung zu beruhigen als auch Solidarität mit den Menschen aus den armen Ländern zu bekunden Der anhaltende Parteienstreit um die Modalitäten eines künftigen Asylrechts hat das Seine dazu beigetragen, daß unsere Ausländerfreundlichkeit in der öffentlichen Meinungsbildung nur noch mit der Elle des Asylrechts gemessen wird und am Schutz unserer Asylanten vor kriminellen rechtsextremistischen Übergriffen.
So wichtig es ist, solchen Übergriffen entschlossen entgegenzutreten: Der Pulverdampf, in den uns die Politiker in ihrem Streit um Asylrecht und Einwanderungsquoten gehüllt haben, läßt uns ganz übersehen, daß wir auf diesem Gefechtsfeld für die Menschen aus den armen Ländern kaum eine Lanze brechen können. Was diese Menschen wollen, ist nicht Asyl, sondern Heimat. Versetzen wir uns nur einen Augenblick in ihre Lage, wird uns dieser Wunsch und seine Prio rität sofort plausibel. Was muß Heimat bieten, damit ilrre traditionelle Anziehungskraft gegenüber der Sogwirkung der reichen Industrieländer nicht verlorengeht? Neben vielem anderen sind persönliche Sicherheit, das Fehlen von Not sowie aufwärtsgerichtete wirtschaftliche Perspektiven für alle, die sich an strengen wollen, eine entscheidende Voraussetzung dafür, daß Menschen ihre Umwelt als Heimat empfinden.
Ist dies nicht alles auch das Ziel unserer Entwicklungshilfe, unserer “Hilfe zur Selbsthilfe”, die der reiche Westen seit gut 30 Jahren leistet? Stellt Entwicklungshilfe nicht den Bereich unserer Außenbeziehungen dar, bei welchem kurzfristige Eigeninteressen ganz hinter den Interessen unserer armen Partner länder zurückstehen? Und fordern die besonneneren unter unseren Politikern daher nicht zu Recht eine kräftige Aufstockung dieser Hilfe, um dem Problem einer übermäßigen Zuwanderung von Ausländern Herr zu werden? Die öffentliche Entwicklungshilfe der reichen Länder liegt derzeit unter 0,5% ihres Bruttosozialprodukts (BSP).*
*(Laut Entwicklungsbericht der Weltbank betrugen die öffentlichen Nettoabflüsse (Bruttoabflüsse minus Tilgungen) bei den OECD-Ländern 1989 0,33%, bei den OPEC-Ländern 1988 0,45% des BSP)
In den Empfängerländern stellen diese Zahlungen durchschnittlich etwa 4 bis 6 % des BSP* in der Gruppe der 40 ärmsten Länder (ohne China und Indien) und 1 bis 2 % in der Gruppe der 40 zweitärmsten Länder dar. Aus dieser Größenordnung unserer Entwicklungshilfe werden zwei Dinge deutlich:
- Die armen Länder müssen ihre wirtschaftlichen und sozialen Probleme ganz wesentlich aus eigener Kraft lösen.
- Ein spürbarer positiver Beitrag westlicher Entwicklungshilfe kann nicht in der Quantität ihrer Transferzahlungen liegen, denn dazu sind sie bei den meisten Empfängerländern bei weitem zu gering, sondern nur in ihrer Qualität. Also nicht im Geldtransfer, sondern im Erfolg der Maßnahmen, die er bewirkt, sprich: in der Effizienz der Entwicklungspolitik.
*(In den ärmsten schwarzafrikanischen Ländern 10-30% des BSP.)
Nachdem die letzten 30 Jahre wirtschaftlicher Entwicklung in den armen Ländern mit wenigen Ausnahmen ein ungenügendes bis katastrophales politisches, wirtschaftliches und soziales Resultat lieferten, ergibt sich daraus unmittelbar die weitere Schlußfolgerung:
- die Eigenleistungen in den armen Ländern sind in fundamentaler Weise un zureichend,
- die Qualität unserer Hilfe, ja unserer gesamten Beziehungen zu den armen Ländern ist ebenfalls fundamental unzureichen
Obwohl dem so ist, arbeiten die...




