Albright | Die Hölle und andere Reiseziele | E-Book | sack.de
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E-Book, Deutsch, 496 Seiten

Albright Die Hölle und andere Reiseziele

Eine Autobiografie im 21. Jahrhundert

E-Book, Deutsch, 496 Seiten

ISBN: 978-3-8321-7042-4
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als Madeleine Albrights Amtszeit als Außenministerin der USA 2001 zu Ende ging, sprühte die 63-Jährige vor Ideen. Sie gründete ein politisches Beratungsunternehmen, lehrte an der Universität, unterstützte Hillary Clinton bei den Vorwahlen, schrieb Bücher und hielt viele aufsehenerregende Reden. In ›Die Hölle und andere Reiseziele‹ erzählt sie von ihrer persönlichen Entwicklung, aber auch von den politischen Ereignissen jener Jahre: von den Anschlägen des 11. Septembers, der Rolle der USA in der Golfregion, von der Finanzkrise, den Vereidigungen dreier sehr unterschiedlicher Präsidenten und dem Erstarken antidemokratischer Tendenzen in zahlreichen Ländern, auch in den USA. Ihr Blick zurück liest sich zudem als Geschichte einer Selbstermächtigung: Bis 1982 unterstützte die promovierte Politik- und Rechtswissenschaftlerin und Mutter von drei Töchtern vor allem die Karriere ihres Mannes, des Journalisten Joseph Medill Patterson Albright, und engagierte sich nur im Hintergrund bei den Demokraten. Erst nach der Scheidung startete sie beruflich richtig durch und fand den Mut zur eigenen, manchmal auch unpopulären Stimme.
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1 NACHLEBEN Der Januar 2001 markierte den Beginn eines neuen Jahrhunderts und den Abschluss meiner Amtszeit als 64. Außenministerin der Vereinigten Staaten. Ich gebe selten zu, mich müde zu fühlen, aber damals war ich ein wenig ausgelaugt. Jahrelang hektische Flugreisen, zu wenig körperliche Bewegung, zu viele offizielle Diners und Schalen voller Taco-Salat auf dem Heimflug hatten meinem mitteleuropäischen Körper ihren Tribut abverlangt. Ich wuchs wie ein alter Baum: in die Breite, nicht in die Höhe. Ein Washingtoner Kolumnist verglich mich einmal scherzhaft mit einem Iglu. Ein etwas entspannterer Terminkalender würde mir gewiss guttun, dennoch wollte ich nicht, dass mein Job endete. Ich genoss jede hektische Minute, den pausenlosen Beschuss mit Fragen, die ständig wechselnden Gruppen, mit denen ich Gedanken austauschte, und ganz besonders die Überzeugung, dass mein Reden und Handeln eine Bedeutung hatte, die über meinen eigenen Tellerrand hinausging. Eine spannende Aufgabe gibt einem die Energie wieder, die sie verbraucht. Schon morgens beim Aufwachen lief mein Hirn auf Hochtouren. Bereits beim Kaffee führte ich Telefongespräche, machte mir Notizen und sog das berauschende Aroma der Eilmeldungen ein. Beim Aufwachen zu erfahren, dass gerade eine internationale Krise heraufzieht oder sich eine Chance für diplomatischen Einsatz abzeichnet, und zu wissen, dass man dabei mitentscheiden kann, macht süchtig – und wenn man Süchtigen ihre übliche Droge entzieht, suchen sie sich einen neuen Kick. In einem Zusatzartikel der US-Verfassung ist festgelegt, dass die Amtseinführung des Präsidenten am 20. Januar stattfindet. Punkt zwölf Uhr mittags gelobt der neue Präsident, die Pflichten seines Amtes gewissenhaft zu erfüllen, und ab da erwartet sein Team, dass die Vorgänger ihren Platz geräumt haben. Als die Stunde des Aufbruchs näher rückte, tröstete mich der Gedanke, dass ich mich bei der Erfüllung meiner Pflichten noch nie wohler gefühlt hatte. Acht Jahre im Außenministerium hatten mir die denkbar beste Ausbildung in internationaler Politik verschafft. Mir war zumute wie einer Studienabsolventin, die lange Nächte am Schreibtisch bestens auf eine Karriere vorbereitet hatten, nicht wie einer grauhaarigen Schauspielerin, deren Zeit auf der Bühne sich dem Ende zuneigte. Während meiner Amtszeit hatte ich gelernt zu verhandeln, mit der Presse umzugehen, die Welt aus dem Blickwinkel des Auslands zu betrachten und unablässig über die Lösung globaler Probleme nachzudenken. Jeden Morgen, wenn ich aus dem Aufzug trat und meinen Schreibtisch ansteuerte, warteten bereits tatkräftige Kollegen darauf, mit mir zusammen entscheidende Aufgaben anzupacken. Ich wollte mehr. Trotz meiner Erschöpfung wünschte ich, die Zeit würde langsamer vergehen, sodass ich das Maximum aus jeder Stunde und aus jedem Meeting schöpfen könnte. Im Weißen Haus erklärte Präsident Clinton ausländischen Staatschefs, deren Amtszeit die seine überdauerte, wie sehr er sie beneide. Auch er wollte so viel Produktivität wie möglich entfalten. Noch erwachten neue Tage mit Rosenfingern, doch dann zogen immer allzu schnell Dämmerung und Dunkelheit herauf. Während die Ziellinie näher rückte, kamen mir Bilder aus der jüngeren Vergangenheit in den Sinn – die Außenminister Ungarns, Polens und Tschechiens, wie sie den Beitritt ihrer Länder zur NATO feierten; Zivilisten aus dem Kosovo, die uns für die Rettung ihrer Heimat vor den ethnischen Säuberungen und dem Terror dankten; der an Lymphdrüsenkrebs leidende, abgemagerte jordanische König, der kurz vor seinem Tod die Verhandlungsführer der Israelis und Palästinenser beschwor, die Chance auf einen Friedensschluss zwischen ihren Völkern nicht zu verspielen; Frauen in Saris, Burkas und anderen traditionellen Gewändern, die Gleichberechtigung forderten und schließlich allmählich Gehör fanden; und eine Feier am 4. Juli vor dem Portal von Monticello, wo ich frischgebackenen Mitbürgern ihre Einbürgerungsurkunden überreichte, Mitbürgern mit typisch amerikanischen Namen wie Martínez, Kim, Yang, Thieu, Hassan, Kabila, Waleski, O’Malley, Stern, Garcia und Marconi. Später hörte ich einen von ihnen zu seinen Angehörigen sagen: »Ist es denn zu glauben? Ich komme als Flüchtling in die Vereinigten Staaten, und jetzt überreicht mir die Außenministerin meine Einbürgerungsurkunde!« Ich trat zu ihm und sagte, auf meine tschechoslowakische Herkunft verweisend: »Ist es denn zu glauben? Die Außenministerin ist selbst ein Flüchtling!« Mit dem zwölften Glockenschlag musste ich den Ball verlassen. Die Regeln waren klar, verankert in Dokumenten, die von allen demokratisch gesinnten Menschen geschätzt wurden. Meine Dankbarkeit gegenüber Präsident Clinton für das Vertrauen, das er in mich gesetzt hatte, ließ sich nicht mit Worten ausdrücken. Selbst in jenen Momenten, in denen die ganze Welt verrückt geworden schien, fesselte und faszinierte mich die Herausforderung. An jenem letzten Vormittag am Schreibtisch zog ich ein Blatt Briefpapier aus der oberen Schublade und hinterließ meinem Nachfolger Colin Powell eine Notiz: Lieber Colin, wir haben uns alle Mühe gegeben und hoffen, dass das Büro bei Ihrer Ankunft blitzblank ist. Es wird aber nach wie vor den Geist unserer Vorgänger beherbergen, die es allesamt als die größte Ehre ansahen, die Vereinigten Staaten zu repräsentieren. Somit gebe ich den besten Job der Welt an Sie weiter. Viel Glück und mit den besten Wünschen, Madeleine Wenn wir älter werden und die Vergangenheit immer länger wird, erinnern wir uns an die Stationen unseres Lebens: quäkendes Baby, quengelndes Kind, seufzende Liebende, Multitasking-Mutter, erfolgreiche Familienernährerin und so weiter. Die Erfahrung lehrt, dass der Wechsel von der einen Rolle zur nächsten nicht immer einfach ist. Ich war mir sicher, nach meinem Abschied aus dem Außenministerium würden sich sowohl mein Selbstgefühl als auch mein Ansehen bei anderen Menschen verändern. Aber dieses Mal war ich zumindest auf den Übergang vorbereitet. Zwei Jahrzehnte zuvor war dies nicht der Fall gewesen. An einem verschneiten Morgen im Januar 1982 bat mich mein Mann Joe Albright ins Wohnzimmer. »Unsere Ehe ist tot«, eröffnete er mir, »und ich habe mich in jemand anderen verliebt.« Nur ein einziger Satz, ein Dutzend ruhig ausgesprochene Worte von einem Gewicht, das mich fast zermalmt hätte. Wir waren seit 23 Jahren verheiratet. In dieser Zeit war jeder meiner Gedanken von der Erwartung durchdrungen gewesen, dass uns nur der Tod scheiden konnte. Wie die meisten Ehen war auch die unsere nicht immer ein Märchentraum gewesen, aber ich hatte viele schöne Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit und keine Ahnung, dass Joe alles ganz anders sah. An ihm als Ehemann oder als Vater unserer drei Töchter gab es nichts auszusetzen; dass er eine andere Frau gefunden hatte, die er mir vorzog, war einfach nur schrecklich. Die Ironie an der Geschichte: Wären wir nicht geschieden worden, wäre ich höchstwahrscheinlich niemals Außenministerin geworden. Sechs Jahre zuvor, 1976 mit 39, hatte ich im Mitarbeiterteam eines Senators meine erste Stelle in Washington angetreten. Von dort kam ich in den Stab des Nationalen Sicherheitsrats unter Präsident Jimmy Carter. Mir war daran gelegen, einen Beruf auszuüben, aber ich unterstützte auch Joes Ziele als Journalist. Ich sah mich selbst als versierte Zuarbeiterin und Stellvertreterin, aber nicht als Person mit starker, eigenständiger Stimme. Aufgrund meines späten Starts war ich auch älter als die meisten, die auf einer vergleichbaren Karrierestufe standen. In der Zeit, die mir noch blieb, konnte ich nicht erwarten, besonders weit aufzusteigen. Die Scheidung und ihre Folgen versetzten meinem ohnehin nicht sonderlich ausgeprägten Selbstvertrauen einen harten Schlag. Eine Zeit lang konnte ich weder mich selbst klar sehen noch erkennen, welche Richtung ich einschlagen sollte. Ich wusste nicht, wie sich das Leben als alleinstehende erwachsene Frau anfühlte, weil ich nie in dieser Lage gewesen war. Joe und ich hatten nur drei Tage nach meinem Studienabschluss am Wellesley College geheiratet. Jetzt, nach mehr als 20 Jahren, gab es plötzlich kein »wir« mehr, an das man denken und für das man planen konnte. Dann geschah etwas, das ich nicht vorhergesehen hatte: Das Wort »ich« begann eine tiefere, stärkere Bedeutung zu gewinnen. Dieser Wandel vollzog sich langsam, denn es dauert Monate und länger, bis jahrelange Gewohnheiten verblassen. Aber schließlich lernte ich den Geschmack der Freiheit kennen, was für mich eine völlig neue Erfahrung war. Nun musste ich meine Termine, das Einkaufen, Kochen oder meine Gemütslage nicht mehr auf meinen Mann hin ausrichten. Im Laufe der Zeit machte ich mich frei von dem Bedürfnis, bei einer anderen Person Bestätigung zu suchen. Unterstützt von meiner Familie und Freunden löste ich mich von dem Gefühl der Unzulänglichkeit, das mich zuvor niedergedrückt hatte. Stattdessen entwickelte ich meinen eigenen Maßstab dessen, was ich konnte und sollte. Da meine Kinder fast schon erwachsen waren und Joe nun meiner Vergangenheit angehörte, stürzte ich mich ohne Schuldgefühle in Aktivitäten, die mir jetzt genau das Richtige für mich schienen. Schon bald begann ich eine Lehrtätigkeit an der Georgetown University und beriet Kandidaten der Demokratischen Partei im Wahlkampf. 1984 wurde ich Vizevorsitzende des neu gegründeten National Democratic Institute und einige Jahre später Leiterin einer Denkfabrik. Im Jahr 1993, nach der Wahl Bill Clintons, folgte der große Sprung in die Regierung als Botschafterin der...


Wollermann, Thomas
Thomas Wollermann ist Mitglied des Kollektivs Druck-Reif und übersetzte Texte von Noam Chomsky, Madeleine Albright und Christopher Wylie.

Albright, Madeleine
MADELEINE ALBRIGHT, geboren 1937 als Madlenka Korbelová in Prag, verstorben am 23. März 2022 in Washington, D. C. Ihre Familie emigrierte 1948 in die USA. Albright war von 1997 bis 2001 unter Präsident Bill Clinton Außenministerin der USA. Seit den Siebzigerjahren prägte sie die amerikanische Innen- und Außenpolitik als Mitglied der Demokratischen Partei. Von 1978 bis 1981 war sie Mitglied des US-amerikanischen Nationalen Sicherheitsrats und ab 1993 US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen. S

Jendricke, Bernhard
Bernhard Jendricke arbeitet seit mehr als dreißig Jahren beim Übersetzerkollektiv Druck-Reif. Er übersetzte u.a. Texte von Clare Clark, Frank Stella, Gore Vidal, Adam Grant, Hillary Clinton und Christopher Wylie.


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