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E-Book

E-Book, Deutsch, 312 Seiten

Albrecht Der Engelmacher


1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-942672-13-9
Verlag: OCM
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 312 Seiten

ISBN: 978-3-942672-13-9
Verlag: OCM
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Ein gelernter Auftragskiller, ein bedächtiger, sachlicher Mann, der keine unnötigen Risiken eingeht. Er ist in die Jahre gekommen. In die Jahre, in denen die Erfahrung beginnt, die Fähigkeiten zu übersteigen. Er hat nichts vergessen. Alles aufnotiert. Er weiß, dass seine Zeit abläuft. Seine Schutzbefohlene ist mit ihm alt geworden. Er beginnt Vorsorge zu treffen für die Zeit, in der sie alleine sein wird. Alleine ohne ihn, denn die Vergangenheit wird ihn bald einholen. Es ist unvermeidlich.

Geboren am 16.3.1959 in Kaiserslautern. Als strebsamer Sohn verantwortungsvoller Eltern studierte er entgegen seinen literarischen Neigungen Jura, schloss eine Bankausbildung an und komplettierte seine wirtschaftsrechtliche Ausrichtung mit beruflichen Einsätzen in den verschiedensten Ländern. Heute lehrt er als Professor 'Internationales Wirtschaftsrecht' und verbringt immer noch einen geraumen Teil seiner Zeit bei Einsätzen für internationale Organisationen in Transformationsländern, die der Unterstützung ausländischer Experten bei der Schulung von Juristen und der Implementierung neuer Gesetzesmaterien bedürfen.
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I.


Die Verfassung der Stadt passte zu dem alten Mann. Sie hatten sich aneinander gewöhnt und zu einem gemeinsamen Rhythmus gefunden. Es war nicht leicht gewesen. Mit zunehmendem Alter wird man störrischer und beharrt auf den eingefahrenen Gleisen. Gewohnheiten geben Sicherheit. Das gilt für Städte und für alte Männer in gleicher Weise.

Jetzt schmiegte sich die Stadt an den nächtlichen Spaziergänger heran. Die einsetzende Dunkelheit machte es ihr leicht. Die länger werdenden Schatten wischten über die Unzulänglichkeiten des rissigen Gesichtes der Stadt und bald würden sie eine Decke aus kühler Schwärze über die Unkrautnester und die kahlen Hinterhöfe gelegt haben. Die Stadt hatte bessere Zeiten gesehen. Das Gleiche galt für den Mann.

Als er vor einigen Tagen ankam, konsultierte er seine Aufzeichnungen und prägte sich jedes Detail ein. Das tat er immer. Seit wie vielen Jahren konnte er selbst nicht mehr sagen. Sorgfalt und Vorsicht waren zu seiner zweiten Natur geworden. „Hast macht das Leben zu einer verderblichen Ware“, hatte ein Lehrer einmal zu ihm gesagt, als er sich als Junge auf dem Schulhof beim Herumtollen das Schienbein an einer Eisenstange prellte. Eine bleiche, gezackte Narbe unterhalb des Knies erinnerte den alten Mann an den Schmerz, der unter dem gleichgültigen Blick des Lehrers ins Unermessliche zu wachsen schien. Immer, wenn er in seinem Kastenwagen unterwegs war und die zur Routine gewordenen Anweisungen seiner Checkliste durchging, fuhr er mit dem rechten Zeigefinger über die Narbe und frischte die Erinnerung auf: „Hast macht das Leben zu einer verderblichen Ware“.

Andere mochten auf ihr Improvisationstalent, ihre Kräfte und ihren Elan setzen. Der alte Mann setzte auf Kontinuität, Sorgfalt und Erfahrung. Er konnte es sich nicht erlauben, seinen Broterwerb für einen Moment der Unachtsamkeit aufs Spiel zu setzen. Nicht in seinem fortgeschrittenen Alter. Nicht in seinem Beruf und nicht bei seiner mühsam erworbenen Reputation.

Die Jungen hielten nichts von seinem stoischen Planen. Sie vertrauten auf ihren Instinkt und ihre Kreativität. Sie lebten mit Adrenalin und Aggression – und sie lebten gut. Er wusste von ihnen. Natürlich hatte er sie nie zu Gesicht bekommen. Das war die Grundregel seines Berufs. Man blieb unsichtbar.

Der Wind hatte aufgefrischt. Die abschüssige Straße würde bald in einen spärlich bebauten Vorort abbiegen. Der alte Mann ging wie alte Männer gehen. Er war rüstig, aber man sah ihm seine Jahre an. Sein Schritt wirkte tastend, als ob er die Vorwärtsbewegung für einen Moment aussetzen würde, bevor er den Fuß aufsetzte. Das steife und vorsichtige Gehen war ein Wegbegleiter älterer Menschen. Der körperliche Verfall befiel zuerst die Gelenke und raubte ihnen ihre Biegsamkeit. Dann kam alles andere.

Der Mann konnte sich darum keine Gedanken machen. Er hatte Dinge zu tun. Dinge, die nach der Wegbiegung auf ihn warteten. Er hatte sich darauf vorbereitet. Seine Hüfte ließ ihn heute in Ruhe. Die Luftfeuchtigkeit musste niedrig liegen. Er war dankbar dafür. Das Alter lehrt einen, dankbar für Kleinigkeiten zu sein.

Er hatte die Hände in den Manteltaschen vergraben. Wenn er beruflich unterwegs war, verzichtete er auf den Gehstock. Er tat es nicht aus Eitelkeit. Wäre er eitel gewesen, hätte er vielleicht auch auf die Brille verzichtet. Der Gehstock wäre ihm mehr hinderlich als nützlich gewesen. Außerdem hatte er andere Hilfsmittel. Hilfsmittel, die mit ihm durch dick und dünn gegangen war. Hilfsmittel, deren Gebrauch ihm in Fleisch und Blut übergegangen war. Dinge, die in Manteltaschen Platz hatten und ihm Zuversicht gaben.

Er schritt schneller aus. Sein Schatten streifte an einer Hauswand mit einer hochnäsigen Fensterfront vorbei. Die Gardinen hatten die Außenwelt ausgesperrt. So liebte es der Alte. Sein Atem ging regelmäßig. Er war noch immer gut in Form. Erstaunlich gut, wenn es darauf ankam. Heute kam es darauf an.

Er sah auf die Uhr, ohne seinen Schritt zu verlangsamen. In exakt zwölf Sekunden würden die Straßenlampen mit einer milchig weißen Aura dem schwindenden Tag die Herrschaft streitig machen. In Gedanken zählte er die Sekunden herunter. Autoverkehr tröpfelte an ihm vorbei und verlor sich hinter der Straßenbiegung. Der alte Mann wusste, was er zu Gesicht bekäme, wenn er den Schuhladen zu seiner Rechten passierte und dem welligen Trottoir folgte. Schlagartig würde sich die Szenerie ändern. Das bucklige Altstadtviertel würde sich zu einem weiten Areal ausweiten, dessen Bebauung schon seit Jahren beschlossen war. Die Stadt hatte in der Zwischenzeit einen notdürftig bepflanzten Park angelegt, der mit seinem kümmerlichen Bewuchs öde und zerzaust wirkte. Eine knallbunte Wippe langweilte sich neben einer ebenso grellen Rutsche. Die Kinder schenkten ihnen nur selten Beachtung. Im Hintergrund würde der Güterbahnhof sein übliches dissonantes Konzert aus metallischen Klängen zum Besten geben. Weit rechts, geduckt, mit einem breiten, weithin beleuchteten Maul der Supermarkt, der mit Plakatwänden und Leuchtschriften seine Sonderangebote anpries.

Der Alte hielt den Blick auf den Supermarkt gerichtet. Er ging langsam weiter. Wieder sah er auf die Uhr. Die einzige Variable in seiner Kalkulation war die Frau. Wie alle Frauen war sie keine Konstante. Frauen waren niemals Konstanten. Sie waren von der Natur dazu ausersehen, niemals berechenbar zu sein. Der alte Mann wusste, dass sein Blick auf die Uhr ein Akt der Hilflosigkeit und eine Bitte um Erlösung war. Manchmal half ein solcher Blick.

In seinen Notizen hatte er vermerkt, dass die Frau festen Gewohnheiten folgte. Übersetzt in die Alltagssprache hieß die Bemerkung, dass er an bestimmten Orten zu kalkulierbaren Zeiten auf die Frau treffen würde. Der Supermarkt war einer dieser Orte. Der Zeitrahmen von 18.40 Uhr bis 18.50 Uhr war eine der Zeiten. Seinen Beobachtungen zufolge war es die beste aller Zeiten am besten aller Orte.

Dem Mann halfen die wenigen Vorteile, die das Alter mit sich bringt: Erfahrung und Geduld. Erstere, weil ein über die Jahre geübter Instinkt eine schlafwandlerische Untrüglichkeit entwickelte und Letztere, weil die Unzulänglichkeiten des Alters eine zunehmende öffentliche Demütigung bedeuteten, die nur mit einer resignierenden Langmut zu ertragen war.

Der Mann konnte es sich erlauben, offen nach der Frau Ausschau zu halten. Er würde neben den anderen Passanten nicht auffallen. Niemand achtete auf einen hageren Alten, der sich linkisch seinen Weg zu einem Supermarktparkplatz bahnte. Es war die Zeit der größten Geschäftigkeit, die Zeit voluminöser Einkaufstüten und quengelnder Kinder, die Zeit, in der man mit sich selbst genug zu tun hatte. Selbst ein aufmerksamer Beobachter hätte ihn mit nicht mehr als der Beschreibung „rüstiger Rentner“ versehen.

Der alte Mann war kein Rentner. Er war weit entfernt davon.

Die Frau trug ihren leuchtend orangen Anorak. Sie war leicht auszumachen. Sie war nur leicht verspätet. Der alte Mann nickte zufrieden. Seine Beine fühlten sich kalt an, aber er fror nicht. Wenn er bei der Arbeit war, waren die äußeren Umstände von minderem Interesse.

Er wusste, dass die Frau ihre Einkaufstüten quer über den belebten Parkplatz zur Rückseite des klobigen Gebäudes tragen würde, wo sie auf einem unbefestigten Gelände ihren Kombi parkte. Sie scheute Menschenansammlungen. Das hatte sie mit dem alten Mann gemeinsam. Beide hatten ihre Gründe dafür. Ein Autoradio plärrte einen Schlager über die Wagendächer. Die trotzige Stimme eines Jungen schrie nach seiner Mutter. Der anschwellende Heulton begleitete den alten Mann, der mit gesenktem Kopf das Gebäude umrundete. Er würde schneller sein als die Frau.

Die Nacht hatte das Brachland eher erreicht als den Rest der Stadt. Sie verschluckte Licht und Geräusche und ersetzte sie durch die Sprache der Dunkelheit. Der alte Mann war vorbereitet. Der massige Leib eines Lastwagens bot ihm Flankenschutz. Der Mann lehnte sich gegen das Führerhaus. Der Kombi der Frau bildete mit wenigen anderen Wagen eine zahnlückige Formation.

Der alte Mann rückte seine Brille zurecht. Seine Aufmerksamkeit galt einem Unterschlupf unter einer Laderampe. Er nahm nichts Außergewöhnliches wahr, aber seine Ahnungen trogen ihn nie. Das Jucken in der Armbeuge verhieß nichts Gutes. Es sei eine nervöse Reaktion, bescheinigte ihm ein Hautarzt, der ihm eine Salbe aufschrieb. Der Mann benutzte die Salbe nie. Er begriff das Jucken als Lebensversicherung. In seinem Beruf konnte man nicht genug Lebensversicherungen haben.

Er erkannte die Frau an ihrem Schritt. Sie ging schnell und verlangsamte ihr Tempo auch in der Dunkelheit nicht. Der Kombi reagierte auf das Signal des Schlüssels mit einem Aufblenden der Scheinwerfer, die zwei breit streuende Lichtkegel in die Dunkelheit stanzten.

Der alte Mann sah den Jugendlichen zuerst. Das Jucken in seiner Armbeuge hatte an Intensität zugenommen. Die Frau stieß einen kleinen Schrei aus und blieb stehen. Die Scheinwerfer des Autos trafen auf zwei breitbeinig dastehende Männerbeine. Eine körperlose Stimme sagte: „Lass uns mal sehen, was du eingekauft hast.“ Die Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Es war eine junge, kraftvolle Stimme. Die Frau drehte Hilfe suchend ihren Oberkörper, aber ihre Beine bewegten sich nicht. Der alte Mann konnte ihren Atem hören. Es war der Atem eines verängstigten Vogels.

Eine Hand wischte durch die Lichtbarriere und krallte sich in eine der Plastiktüten. Die Frau würde schreien. Gleich würde sie schreien. Schreien war schlecht fürs Geschäft. Ein Schrei war der Tod jeder Diskretion. In seinem Beruf konnte der alte Mann keine Schreie gebrauchen. Irgendwo, weit oben auf seiner Checkliste war...


Achim Albrecht wurde am 16.3.1959 in Kaiserslautern geboren. Als strebsamer Sohn verantwortungsvoller Eltern studierte er entgegen seinen literarischen Neigungen Jura, schloss eine Bankausbildung an und komplettierte seine wirtschaftsrechtliche Ausrichtung mit beruflichen Einsätzen in den verschiedensten Ländern. Heute lehrt er als Professor ‚Internationales Wirtschaftsrecht’. Der Autor hat die ursprüngliche Idee, seine Fantasie und Liebe zur Sprache schriftstellerisch umzusetzen, nie aufgegeben.



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