E-Book, Deutsch, 226 Seiten
Albrecht 13 Andere Geschichten
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-949902-06-2
Verlag: OCM
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 226 Seiten
ISBN: 978-3-949902-06-2
Verlag: OCM
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Achim Albrecht, 1959 in Kaiserslautern geboren und in der Pfalz aufgewachsen. Entgegen seinen literarischen Neigungen studierte er Jura, schloss eine Bankausbildung an und komplettierte seine wirtschaftsrechtliche Ausrichtung mit beruflichen Einsätzen in den verschiedensten Ländern. Heute lehrt er als Professor Internationales Wirtschaftsrecht. Der Autor hat die ursprüngliche Idee, seine Fantasie und Liebe zur Sprache schriftstellerisch umzusetzen, nie aufgegeben. Achim Albrecht hat ein Faible für schräge Charaktere und skurrile Tötungsmethoden. Seine Bücher sind spannend, humorvoll, wortgewandt, manchmal verstörend und von einer detaillierten Beobachtungsgabe geprägt. Er experimentiert gerne und lässt sich auf literarische Ausflüge ein.
Autoren/Hrsg.
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Die
Therapie
Anfangs ketteten sie mich noch fest, wenn ich in das Behandlungszimmer gebracht wurde. Es waren immer die gleichen Männer, welche die Aufgabe hatten, Scheusale wie mich aus der Zelle zu holen und in den Krankentrakt zu begleiten.
Es ist ein interessantes Phänomen, dass für ähnliche Vorgänge in der Amtssprache die unterschiedlichsten Begriffe Verwendung finden. Die Verlegung von einer Strafanstalt in eine andere mit einem motorisierten Transportmittel heißt verschuben. Verschuben ist ein Wort, dessen man außerhalb der Mauern staatlichen Gewahrsams nicht habhaft werden kann. Es ist in keinem Wörterbuch verzeichnet und fristet sein Dasein hinter den blassroten Aktendeckeln des Strafvollzugs. Innerhalb einer Haftanstalt werden die Insassen zu ihren Bestimmungsorten verbracht. Die Begriffe atmen Disziplin ein und Autorität aus.
Es ist ein geordnetes Leben für alle.
In dem äußeren Rahmen wurde auch ich bewegt. Scheusale wie ich waren selten. Sie nahmen am allgemeinen Zusammenschluss der Häftlinge nicht teil. Man fürchtete um ihre Sicherheit. Arbeitseinsatz und Hofgänge waren streng rationierte Vergünstigungen für den Abschaum, wie man die Pädophilen und sonstigen Triebtäter nannte. Wem es während seines Prozesses nicht gelungen war, ein psychiatrisches Gutachten zu erlangen, das ihm Unzurechnungsfähigkeit attestierte und die Unterbringung in einer geschlossenen Einrichtung befürwortete, bildete den Bodensatz in der Hierarchie der Haftanstalten.
Meinem bemühten, aber unerfahrenen Verteidiger und mir war es nicht gelungen, den Gerichtsgutachter von meiner Schuldunfähigkeit zu überzeugen. Er bescheinigte mir nach drei emotionslos geführten Gesprächen Gefühlskälte, gepaart mit einem abnorm ausgebildeten Sexualtrieb und einer hohen Intelligenz, der es jedweder Empathie ermangele. Im Übrigen sei ich voll schuldfähig. Diese Punkte hatte der Gutachter mehr oder weniger aus dem Psychogramm des Buchmonsters Hannibal Lecter abgeschrieben. Ich weiß es, denn ich habe alle Bücher des Autors gelesen. Ich weiß es, denn ich bin ein Kannibale.
Was er dringend empfahl, war eine Langzeittherapie bei einem forensischen Psychiater, der zweimal pro Woche Menschen wie mich aus ihren Zellen holen ließ, um sich in ihren Kopf zu bohren und ihre Beweggründe ausfindig zu machen. Er war auf der Suche nach Verhaltensmustern in dem Pfuhl des Bizarren und Abseitigen.
Ich nannte die Männer mit den steinernen Mienen und den gestärkten weißen Kitteln, die mich von dem Zellentrakt in den Krankentrakt verbrachten, meine Pfleger. Sie waren speziell für den Umgang mit Scheusalen wie mir ausgebildet. Ihre eingeübten Handgriffe und die professionelle Distanz, die sie zu mir hielten, konnten mich nicht täuschen.
Ich durchschaute sie. Ich konnte das Unwohlsein in ihren Augen lesen. Wenn ich auf ihr Kommando hin die Durchsuchung meiner Kleidung und das Abtasten meines Körpers mit weit abgespreizten Armen und Beinen über mich ergehen ließ, wenn ich den Mund öffnete und zwei Finger mit Plastiküberzug in meinen Rachen stießen, bis sie einen Würgereiz auslösten und wenn mein unschuldiger After die gleichen Finger endlich davon überzeugte, dass er keine lebensbedrohliche Schmuggelware transportierte, lächelte ich.
Das Lächeln eines Kannibalen kann eine schreckliche Waffe sein. Meine Pfleger überspielten ihre aufkeimende Furcht mit derben Sprüchen, die mich provozieren sollten.
Ich lächelte.
Der Unterredungsraum des Psychiaters war eine Zelle mit dem Türschild Behandlungszimmer – Bitte nicht stören. Man hatte sich nicht die Mühe gemacht, das vergitterte Fenster und die olivgrüne Ölfarbe der Wände zu schönen, um dem Eintretenden eine andere, freundlichere Realität vorzugaukeln. Der staatliche Etat sah solche Verschönerungsmaßnahmen nicht vor. Therapie brauchte keine Dekoration. Ein massiver, mit dem Boden verschraubter Tisch stand als Barriere quer in der Zelle. Die Hände mit den Handschellen wurden an einen massiven Stahlbügel gekettet, der als Stahlbuckel aus der Resopaloberfläche des Tisches wuchs. Bis auf zwei Plastikstühle und eine Flasche Desinfektionsmittel zum Sprühen war der Raum kahl. Jedes Geräusch erzeugte einen Widerhall, der noch eine Weile zwischen dem Mauerwerk hing, als verbiete ihm seine natürliche Neugier einen schnellen Abschied.
Wenn man herumgestoßen und zum Objekt degradiert wird und weiß, dass dieser Zustand bis zum Lebensende anhalten kann, ist Schweigen und Lächeln eine angemessene Reaktion. Selbstmord ist die andere Variante. Für mich kam sie nicht in Frage.
Ich war auf Mord spezialisiert.
Für die erste Begegnung mit meinen Therapeuten hatte ich eine besondere Begrüßung vorgesehen. Nicht so etwas Profanes wie wüste Drohungen, Augenrollen und Zähnefletschen. Ich bin ein Psychopath, aber keineswegs von Sinnen. Wer schon einmal eine Verabredung mit einem wichtigen Menschen getroffen hat – und das haben wir fast alle – kann dieses Gefühl der Unsicherheit und der gespannten Erwartung nachvollziehen. Es stimmt, dass es keine zweite Chance für einen guten ersten Eindruck gibt. In Sekundenbruchteilen geschieht die Einordnung des anderen in die bekannten Schubladen. Wenige Worte, ein Körperduft, der Schnitt des Haares, eine Geste, ein Augenaufschlag reichen für eine Kategorisierung, die so starr und unverrückbar ist, dass selbst monatelanges Mühen um eine Wahrnehmungsveränderung umsonst bleibt oder allenfalls marginale Modifikationen erzeugt. Mit den mir zur Verfügung stehenden bescheidenen Mitteln wollte ich das Heft des Handelns in der Hand behalten.
Als sich die Sicherheitstür in meinem Rücken schloss sagte ich, ohne aufzublicken: »Ich bin ein Kannibale.«
Ich sagte es mit einer flachen Stimme und in einer höheren Tonlage als der, die ich für gewöhnlich anschlug. Ich wollte, dass sich der Satz dämonisch und unwirklich anhörte. Er sollte wie das Werkzeug eines Scheusals wirken. Nur ein Satz. Die ganze Wahrheit und dann nichts mehr als ein Lächeln. Es ging mir um Authentizität, um eine wohlverdiente Einstufung, um den medizinischen Ritterschlag meiner Gefährlichkeit. Das war alles, was ich gewinnen konnte. Und es war viel.
Die Schritte, die ich vernahm, waren leichtfüßiger als ich sie erwartet hatte. Eine Akte fiel auf den Tisch. Ich sah zu Boden. Der Beton war durchzogen von feinen Rissen, die wie kryptische Botschaften auseinander liefen.
»Sie sind kein Kannibale. Soviel können wir gleich feststellen«, sagte eine Stimme, die gemeinsam mit den Schritten meine Sitzposition umrundete. »Wissen Sie, was wahrer Kannibalismus ist?«, fragte die Stimme und ließ keinen Zweifel daran, dass sie es wusste und es mir ohne Verzug mitteilen würde. Als die Stimme in leichtem Plauderton fortfuhr, hatte sie sich mir gegenüber gesetzt. »Blue Straggler sind stellare Kannibalen. Sie sind die einzigen echten Kannibalen des Universums seit der Entstehung von Materie. Sie sind blaue Nachzügler in Kugelsternhaufen, junge, massereiche, heiße Sterne, die den benachbarten Sternen Materie entreißen und sie verschlingen, um ihre Jugend zu erneuern. Das Zentrum des Kugelsternhaufens 47 Tucanae ist der Beweis.« Ein Stuhl scharrte über den Fußboden.
Die Stimme schwieg.
Obwohl ich es gerne vermieden hätte, sah ich auf. Die Stimme hatte ohne Anstrengung mein Konzept zerstört, so als sei sie auf meine Vorstellung vorbereitet gewesen. Es war mir unmöglich, meine Pose durchzuhalten. Zum ersten Mal seit meiner Festnahme war ich neugierig. Ich war neugierig auf das Gesicht, dem die Stimme gehörte und hinter dessen Stirn ein Denkapparat steckte, der in Anwesenheit eines unberechenbaren Scheusals, mit geschwätziger Gelassenheit eine abstruse Geschichte von sich gab, als ob die tiefsten Weltweisheiten in ihr verborgen lägen.
Es wunderte mich kein bisschen, dass ein staubiger Heiligenschein aus Licht schräg über den Schultern des Mannes tanzte, der in entspannter Haltung vor mir saß. Er war korrekt gekleidet. Eine Symphonie aus taubenblau und weiß. Die Anzugsjacke war zu eng. Ein öliger Fleck verunzierte den Hemdkragen. Über dem Gürtel der Hose quoll ein Wohlstandsbauch auf wie ein Teigklumpen. Die Kleidung war billige Massenware. Nichts, womit ich mich zu meiner Zeit in Freiheit abgegeben hätte. Ich legte Wert auf eine gepflegte Erscheinung. Kräftige Finger, wie zum Sprung leicht gekrümmt, trommelten einen komplizierten Takt auf die Pappe der Akte. Die unteren Glieder der Finger waren dicht behaart. Es waren schwarze, gebogene Härchen, geformt wie Klauen. Die Fingernägel waren manikürt, die Nagelbecken gerötet. Die Nägel erinnerten an Klappspaten. Ich sah mir die Daumen an. Dort kurze, breite Nägel mit deutlich sichtbaren Halbmonden. Ich versuchte mich zu erinnern, wer mir so eindringlich suggerierte, dass Menschen mit kurzen, breiten Daumen mit Vorsicht zu genießen sind. Ich glaube, es war meine Großmutter. Vielleicht galt ihre Warnung auch nur für Frauendaumen.
Ich war ein guter Beobachter. Ich war auch ein guter Menschenkenner. Das war eines der Geheimnisse, weshalb man mir erst spät auf die Spur kam. In der Haft perfektionierte ich meine Fähigkeiten. Ich hatte genügend Zeit. Gesichter nahm ich mir immer ganz zum Schluss vor. Sie waren die Krönung meiner Bemühungen.
Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich enttäuscht war. Ganz sicher aber war ich überrascht. Das kugelige Gebilde, das im Wesentlichen aus fleischigen Wangen und einem ungebärdigen Haarkranz bestand, der sich grau wallend um den Schädel wand, grub sich tief in die Schulterpartie ein. Alles an dem Gesicht glänzte, als sei es...




