E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Alain-Fournier Der grosse Meaulnes
15001. Auflage 2015
ISBN: 978-3-492-96533-0
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-492-96533-0
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Henri Alain-Fournier (1886-1914) erzählt in seinem einzigen großen Werk die wehmutsvolle Geschichte eines Menschen, »dessen Kindheit zu schön war«. »Der große Meaulnes«, 1913 erschienen, wurde für den Prix Goncourt vorgeschlagen und zählt heute zu dem wohl romantischsten Werk der französischen Literatur. Geheimnisvoll wie sein Roman ist auch der frühe Tod des jungen Schriftstellers, der in den Wirren des Ersten Weltkrieges verschwand und dessen Leiche erst Jahre später anhand einer Dienstmarke in einem Massengrab identifiziert werden konnte.
Weitere Infos & Material
KAPITEL 1
An einem Novembertag des Jahres 189… kam er zu uns.
Ich sage immer noch »zu uns«, dabei ist es gar nicht mehr unser Haus. Vor beinahe fünfzehn Jahren sind wir aus der Gegend weggezogen und kehren bestimmt nicht mehr zurück.
Wir wohnten im Gebäude des Cours Supérieur von Sainte-Agathe, in dem die älteren Schüler unterrichtet wurden. Mein Vater, den ich wie die anderen Schüler Monsieur Seurel nannte, leitete den Cours Supérieur, der zum Lehrerexamen führte, und den Cours Moyen. Meine Mutter unterrichtete die Kleinen.
Das lang gestreckte rote Haus hatte fünf Glastüren, war von wildem Wein bewachsen und lag am Ende der kleinen Stadt. Das Tor des riesigen Innenhofs mit dem überdachtem Pausenhof und der Waschküche ging zum Dorf hinaus. Nach Norden hin lag die Landstraße, die man durch ein kleines Gittertor erreichte. Sie führte zum drei Kilometer entfernten Bahnhof. Im Süden, hinter dem Haus, lagen Felder, Gärten und Wiesen, die an die Vorstadt grenzten. So etwa sah der Ort aus, an dem sich die aufregendsten und kostbarsten Tage meines Lebens abspielten– hier begannen unsere Abenteuer, von hier gingen sie aus wie Wellen, die sich bei ihrer Rückkehr an einem einsamen Felsen brechen.
Wir waren durch die zufällige Entscheidung eines Inspektors oder Präfekten, hierher versetzt worden. Vor langer Zeit hatte gegen Ende der Ferien ein Bauernkarren, der unserem Umzugswagen vorausfuhr, meine Mutter und mich hier abgesetzt, vor dem kleinen rostigen Gittertor. Ein paar Jungen, die gerade im Garten Pfirsiche stahlen, flohen lautlos durch Löcher in der Hecke… Meine Mutter Millie, die ordentlichste Hausfrau, die mir je begegnet ist, betrat sogleich die Zimmer, in denen staubiges Stroh herumlag, und stellte wie bei jedem Umzug verzweifelt fest, nie und nimmer würden unsere Möbel in dieses miserabel gebaute Haus passen… Sie kam wieder heraus, um mir ihre Sorgen anzuvertrauen. Und während sie mit mir sprach, wischte sie mir mit dem Taschentuch das Gesicht ab, das auf der Reise ganz schwarz geworden war. Dann ging sie wieder ins Haus, um zu zählen, wie viele Löcher wir zustopfen müssten, um es bewohnbar zu machen. Ich hatte einen großen Strohhut mit einem Band auf dem Kopf und blieb eine Weile abwartend auf dem Kies des fremden Innenhofs stehen. Dann begann ich, mich in der Umgebung des Brunnens und im Schuppen umzusehen.
So ungefähr stelle ich mir heute unsere Ankunft vor. Denn sobald ich versuche, die ferne Erinnerung an den ersten Abend in Sainte-Agathe wachzurufen, an dem ich draußen im Hof wartete, denke ich gleich wieder an andere Male, an denen ich ebenfalls gewartet habe. Ich sehe, wie ich, beide Hände an den Gitterstäben des Eingangstors, angstvoll Ausschau halte, ob jemand die Grand’ Rue entlangkommt. Und wenn ich versuche, mir jene erste Nacht vorzustellen, die ich in meiner Mansarde verbringen musste, zwischen den Dachkammern der ersten Etage, denke ich sogleich an andere Nächte. Da bin ich nicht mehr allein im Zimmer. Der große, unruhige Schatten eines Freundes bewegt sich an den Wänden entlang und geht spazieren. Unsere friedliche Landschaft – die Schule, das Feld von Père Martin mit den drei Nussbäumen, der Garten, in dem sich nach vier Uhr die Besucherinnen aufhielten– ist mir für immer im Gedächtnis geblieben, in Aufregung versetzt, verändert durch die Gegenwart des Jungen, der unsere ganze Jugend beeinflusste und dessen Verschwinden uns nicht zur Ruhe kommen ließ.
Dabei waren wir schon zehn Jahre hier, als Meaulnes zu uns kam.
Ich war fünfzehn. Es war ein kalter Novembersonntag, der erste Tag im Herbst, der den Winter ankündigte. Den ganzen Tag hatte Millie auf einen Wagen vom Bahnhof gewartet, der ihr einen Hut für die kalte Jahreszeit bringen sollte. Morgens hatte sie die Messe versäumt. Ich saß mit den anderen Kindern im Chor, und bis zur Predigt blickte ich unruhig zum Eingang auf der Seite der Glocken, ob sie mit ihrem neuen Hut hereinkäme.
Nachmittags musste ich allein zur Vesper gehen.
»Weißt du«, sagte sie zum Trost, während sie meinen Kinderanzug mit der Hand abbürstete, »selbst wenn dieser Hut gekommen wäre, hätte ich sicher den ganzen Sonntag gebraucht, um ihn schön herzurichten.«
So waren unsere Sonntage im Winter oft.
Morgens ging mein Vater fort und fuhr, um Hechte zu fangen, mit seinem Boot auf einen Teich, über dem Nebel lag; meine Mutter saß bis in die Nacht in ihrem düsteren Schlafzimmer und besserte ein Kleidungsstück aus. Sie tat dies im Verborgenen, denn sie fürchtete, eine mit ihr befreundete Dame, ebenso arm wie sie, aber genau so stolz, könne sie dabei überraschen. Nach der Vesper wartete ich im kalten Esszimmer und las, dann öffnete sie die Tür und zeigte mir, wie ihr das Kleid stand.
An diesem Sonntag blieb ich nach der Vesper draußen, weil vor der Kirche reges Treiben herrschte. Eine Taufe in der Eingangshalle hatte die Kinder angelockt. Draußen auf dem Platz standen mehrere Männer aus dem Ort in Reih und Glied in ihrer Feuerwehrkluft. Sie froren, traten von einem Fuß auf den anderen und hörten Boujardon, dem Brigadier zu, der sich in allgemeinen Erörterungen erging…
Die Taufglocken verstummten plötzlich wie ein am falschen Tag und am falschen Ort erklungenes Festgeläut; Boujardon und seine Leute, ihr Werkzeug am Gürtel, trabten mit der Spritze los und ich sah, wie sie hinter der nächsten Kurve verschwanden, dicht gefolgt von vier schweigenden Jungen. Mit ihren dicken Sohlen zertraten sie kleine Zweige auf der raureifbedeckten Straße, und ich traute mich nicht, ihnen zu folgen.
Im Dorf war nur noch im Café Daniel Leben, ich hörte von drinnen die Gespräche der Gäste, manchmal lauter, dann wieder leiser. Ich ging dicht an der niedrigen Mauer des großen Hofs entlang, die unser Haus vom Dorf trennte, und erreichte, wegen meiner Verspätung ein wenig besorgt, das kleine Gittertor.
Es stand offen, und ich sah sofort, dass etwas Ungewöhnliches vor sich ging.
An der Esszimmertür – sie war den vier Glastüren, die auf den Hof hinausgingen, am nächsten– stand gebeugt eine Frau mit grauem Haar, die versuchte, durch die Gardinen zu schauen. Sie war klein und trug ein altmodisches schwarzes Samthütchen. Ihr Gesicht war hager und zart, ihre Miene sorgenvoll. Mich überkam bei ihrem Anblick eine seltsame Angst, und ich blieb auf der ersten Stufe vor dem Gittertor stehen.
»Wo ist er nur? Mein Gott!«, sagte sie leise. »Er war doch gerade noch hier. Er hat sich schon das Haus angesehen. Vielleicht ist er weggelaufen…«
Bei jedem Satz trat sie kaum merklich mit dem Fuß auf.
Niemand kam, um der unbekannten Besucherin die Tür zu öffnen. Wahrscheinlich war Millies Hut vom Bahnhof gebracht worden, und sie hörte nichts. Sie saß wohl in dem roten Zimmer, neben dem Bett, auf dem lauter alte Bänder und Federn lagen, und machte ihre bescheidene Kopfbedeckung zurecht. Als ich ins Esszimmer trat, die Besucherin dicht auf den Fersen, erschien meine Mutter und hielt mit beiden Händen den Hut auf ihrem Kopf, mit lauter Goldfäden, Bändern und Federn, die noch nicht ganz den richtigen Platz gefunden hatten. Sie lächelte mich an, die blauen Augen müde von der Arbeit im Dämmerlicht, und rief:
»Sieh mal, ich habe auf dich gewartet, um dir zu zeigen…«
Da sah sie die Frau hinten im Raum in dem großen Sessel sitzen und hielt verwirrt inne. Schnell nahm sie den Hut ab und hielt ihn während der folgenden Szene dicht an ihre Brust, in ihrem gebeugten rechten Arm, wie ein umgedrehtes Nest.
Die Frau mit dem Samthütchen, zwischen den Knien einen Regenschirm und eine Ledertasche, hatte zu reden begonnen. Dabei wiegte sie leicht den Kopf und schnalzte mit der Zunge. Sie hatte sich wieder gefangen. Sobald die Rede auf ihren Sohn kam, hatte sie etwas Herablassendes und Geheimnisvolles, das uns verwirrte.
Sie waren beide mit einem Wagen aus La Ferté d’Angillon gekommen, vierzehn Kilometer von Sainte-Agathe entfernt. Sie war Witwe und hatte viel Geld, wie sie uns zu verstehen gab. Ihren jüngeren Sohn Antoine hatte sie verloren, als er eines Abends auf dem Rückweg von der Schule mit seinem Bruder in einem verseuchten Teich gebadet hatte. Sie hatte beschlossen, Augustin, den Älteren, zu uns in Pension zu geben, weil er den Cours Supérieur besuchen sollte.
Dann begann sie ein Loblied auf den neuen Schüler zu singen, den sie zu uns brachte. Ich erkannte die Frau mit dem grauen Haar nicht wieder, die ich vor einer Minute noch gebeugt vor der Tür hatte stehen sehen, in bittender Haltung und wie ein aufgescheuchtes Huhn, das das wildeste Küken seiner Brut verloren hat.
Was sie voller Bewunderung über ihren Sohn erzählte, war überraschend: wie gern er ihr eine Freude machte, dass er manchmal mit nackten Beinen Kilometer den Fluss entlangliefe, um ihr Eier von Wasserhühnern und wilden Enten zu bringen, tief aus dem Schilf… Er habe auch Fischreusen. Und neulich Abend habe er im Wald einen Fasan in einer Falle gefangen…
Ich, der ich mich nicht nach Hause traute, wenn ich einen Riss in meinem Hemd hatte, sah Millie erstaunt an.
Aber meine Mutter hörte gar nicht mehr hin. Sie bedeutete der Frau zu schweigen, stellte vorsichtig ihr Nest auf den Tisch und stand leise auf, als wolle sie jemanden überraschen…
Über uns, in der Kammer, in der noch die abgebrannten Feuerwerkskörper vom letzten 14.Juli aufbewahrt wurden, hörten wir jetzt einen unbekannten, sicheren Schritt, der auf und ab ging und die Zimmerdecke...




