E-Book, Deutsch, 410 Seiten
Akhtar Homeland Elegien
20001. Auflage 2020
ISBN: 978-3-8437-2393-0
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 410 Seiten
ISBN: 978-3-8437-2393-0
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ayad Akhtar, geboren 1970, wuchs als Sohn pakistanischer Einwanderer in Milwaukee, Wisconsin auf. Er ist der meistgespielte US-amerikanische Dramatiker der Gegenwart. Sein Debüt Geächtet gewann zahlreiche wichtige nationale und internationale Preise, darunter den Pulitzer Theaterpreis und den Nestroy-Theaterpreis. Seine Stücke werden an allen großen deutschsprachigen Bühnen gegeben. Homeland Elegien ist nach Himmelssucher (2012) sein zweiter Roman.
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Ouvertüre:
An Amerika
Auf dem College hatte ich eine Professorin namens Mary Moroni, die Melville und Emerson unterrichtete und von der ihr Mentor, der einst berühmte Norman O. Brown, einmal gesagt hatte, sie sei der klügste Kopf ihrer Generation; eine kleine, engelsgleiche Frau Anfang dreißig, deren Ähnlichkeit mit einem raffaelischen Putto nicht ganz zufällig war (ihre Eltern stammten aus Urbino); eine Gelehrte von schwindelerregender Belesenheit, die ebenso mühelos aus der wie aus oder den Schriften von Hannah Arendt zitieren konnte; eine Lesbierin, was ich nur erwähne, weil sie es selbst oft erwähnte; eine Lehrerin, deren Sprache so präzise und scharf wie ein deutsches Schälmesser war und neue Rillen für alte Gedanken in die graue Hirnmasse kerbte. Zum Beispiel an jenem Februarmorgen zwei Wochen nach Bill Clintons erster Amtseinführung, als sie während eines Seminars über das Leben in der Frühzeit des amerikanischen Kapitalismus plötzlich einem faszinierenden Gedanken folgte, vom Boden, auf den sie beim Sprechen immer sah, aufblickte und – die Linke wie stets in der Tasche der weiten Hose, die ihr Markenzeichen war – fast beiläufig sagte, Amerika habe als Kolonie begonnen und sei es bis heute geblieben, nämlich etwas, das noch immer definiert sei durch seine Plünderung, ein Ort, wo Bereicherung vorrangig und die bürgerliche Ordnung nur ein Nebengedanke sei. Das Vaterland, in dessen Namen – und zu dessen Nutzen – dieses Rauben andauere, sei kein physisches mehr, sondern ein geistiges: das amerikanische Ich. Längst darauf abgerichtet, jedem noch so verborgenen oder banalen Verlangen nachzugeben, anstatt es zu hinterfragen, wie es die Klassiker gelehrt hätten, sei die stetig anschwellende amerikanische Selbstverliebtheit zum plündernden geworden und die Räuberjahre der Regierung Reagan hätten diesen fortdauernden Wesenszug des amerikanischen Lebens nur klarer und deutlicher denn je zum Vorschein gebracht.
Im vorangegangenen Semester hatte Mary mit ähnlich anregenden Bemerkungen über amerikanische Hegemonialbestrebungen im Zuge der Operation Desert Storm einigen Ärger provoziert. Ein Student aus dem Ausbildungsprogramm der Army beschwerte sich bei der Collegeleitung, die Professorin schwinge Reden gegen die Streitkräfte. Er stellte einen Tisch im Gebäude der Student Union auf und sammelte Unterschriften. Das Ganze führte zu einem Leitartikel in der Collegezeitung und der Androhung von Protesten, aus denen aber nie etwas wurde. Mary ließ sich nicht einschüchtern. Immerhin war das in den frühen Neunzigern, und die Konsequenzen ideologisch gefärbter bissiger Bemerkungen – oder sexuellen Machtmissbrauchs – waren kaum mit den heutigen zu vergleichen. Wenn irgendjemand das, was sie an diesem Morgen sagte, problematisch fand, so hörte ich nichts davon. Ehrlich gesagt bezweifle ich, dass viele von uns überhaupt verstanden, worauf sie hinauswollte. Ich jedenfalls verstand es nicht.
Dem Verlangen nachgeben. Anschwellende Selbstverliebtheit. Definiert durch Plünderung.
In ihren Worten steckte die Kraft einer großen Verneinung, eines Korrektivs für die Tradition unendlicher amerikanischer Selbstgefälligkeit. Das war mir neu. Ich war an die von Gott gesegnete Licht-der-Welt-Einzigartigkeit gewöhnt, mit der jede einzelne Geschichtsstunde unterlegt gewesen war. Ich war in einer Zeit aufgewachsen, in der die Stadt auf dem Hügel so hell strahlte, dass die ganze Welt sie sehen konnte. Das waren die überhöhten Sprachbilder, die uns in der Schule präsentiert wurden, nur waren es für mich keine Bilder, sondern die Wahrheit.
In Uncle Sams grimmigem, wissendem Blick im Postamt sah ich amerikanische Güte; im eingespielten Studiogelächter der Sitcoms, die meine Mutter und ich uns jeden Abend ansahen, hörte ich amerikanischen Überschwang; wenn ich auf meinem Schwinn-Zehngangrad an den anderthalb- und zweistöckigen Häusern unseres Mittelschichtsviertels vorbeifuhr, spürte ich amerikanische Kraft und Sicherheit. Allerdings war auch mein Vater damals ein großer Amerika-Fan. Für ihn gab es auf der ganzen Welt kein großartigeres Land, kein Land, wo man mehr tun, mehr haben, mehr sein konnte. Er bekam gar nicht genug davon, zeltete in den Tetons, durchquerte mit dem Wagen das Death Valley und fuhr in St. Louis zum höchsten Punkt des Gateway Arch und dann auf einem Raddampfer nach Louisiana, um in den Bayous Barsche zu fangen. Er liebte historische Orte. Wir hatten gerahmte Fotos von unseren Ausflügen nach Monticello und Saratoga und dem Haus in der Beals Street in Brookline, wo die Kennedy-Brüder zur Welt gekommen waren.
Ich erinnere mich an einen Sonntagmorgen in Philadelphia, als ich acht war: Mein Vater schimpfte mit mir, weil ich im Gedränge einer Führung durch Räumlichkeiten, die irgendwas mit der Verfassung zu tun hatten, quengelte. Danach nahmen wir ein Taxi zu der berühmten Treppe vor dem Museum und machten, als Hommage an Rocky Balboa, ein Wettrennen hinauf zum Eingang – und er ließ mich gewinnen!
Die Liebe zu Amerika und der feste Glaube an seine Überlegenheit – in moralischer und sonstiger Hinsicht – waren in unserem Haus ein Credo, das meine Mutter lieber nicht infrage stellte, auch wenn sie es nicht ganz teilte. Wie Marys Eltern – von denen Mary mir später erzählte – fand meine Mutter in den diversen reichen Gaben ihrer neuen Heimat nie eine auch nur annähernd ausreichende Entschädigung für den Verlust dessen, was sie zurückgelassen hatte. Ich glaube nicht, dass meine Mutter sich hier je zu Hause fühlte. Sie hielt Amerikaner für materialistisch und verstand nicht, was an dieser Kauforgie, die sie als Weihnachten bezeichneten, so heilig sein sollte. Es ärgerte sie, dass jeder sie fragte, woher sie stamme, und anscheinend nichts dabei fand, dass er, wenn sie es ihm sagte, keine Ahnung hatte, wovon sie sprach. Amerikaner kannten sich weder in Geografie noch in Geschichte aus. Und am beunruhigendsten fand sie etwas, das für sie mit diesem Desinteresse für wichtige Dinge verbunden war, nämlich die amerikanische Verleugnung von Alter und Tod. Diese Irritation verdichtete sich im Lauf der Jahre zu einer bösartigen Angst, einer schreckenerregenden , die sie bis zum Tod begleitete: dem Gedanken, dass alt zu sein hierzulande bedeutete, irgendwann in eine Einrichtung abgeschoben zu werden, die alles andere als ein »Heim« war.
Die Ansichten meiner Mutter hätten mich – auch wenn sie nur selten geäußert wurden – auf Marys gallige Bemerkungen über dieses Land vorbereiten sollen, taten es aber nicht. Nicht einmal mein Verständnis vom Islam hatte mich darauf vorbereitet zu sehen, was Mary sah, auch nicht nach 9/11.
Ich erinnere mich an einen Brief von ihr, geschrieben in den Monaten nach diesem schrecklichen Tag im September, der das Leben von Muslimen in den USA für immer veränderte, einen zehnseitigen Brief, in dem sie mir Mut machte, mich ermahnte, aus den Schwierigkeiten, die vor mir lägen, möglichst viel zu lernen, und mir anvertraute, dass all die Widrigkeiten, mit denen sie als homosexuelle Frau in diesem Land zu kämpfen habe – das ständige Gefühl der Bedrängnis, die unaufhörlichen Angriffe auf ihr Streben nach Ganzheit, die Hindernisse, die man ihrem Anspruch auf Autonomie und Authentizität in den Weg gelegt habe –, nichts weiter seien als die Flamme unter ihrem Schmelztiegel, die eine kreative Wut erzeuge, Sentimentalität verbrenne und sie davor bewahre, ihre Hoffnung in eine Ideologie zu setzen. »Benutze diese Schwierigkeiten, mach sie dir zu eigen«, trug sie mir auf. Sie seien der Schleifstein, an dem sie ihren analytischen Verstand geschärft habe, um das Wie und Warum dessen zu erkennen, was sie sehe – etwas, das ich, obwohl das Leben als Muslim in diesem Land zunehmend beschwerlicher wurde, erst fünfzehn Jahre später wirklich wahrnahm. Nein. Was Mary sah, sah ich erst, nachdem ich Zeuge des sozialen Abstiegs einer Generation von Kollegen geworden war, die, ausgelaugt von unterbezahlten Jobs, in Schulden erstickten, weil sie für Kinder mit unheilbaren Krankheiten sorgen mussten; nachdem ich erlebt hatte, dass zwei Cousins – und mein bester Freund aus der Highschool – in Obdachlosenunterkünften oder auf der Straße gelandet waren, vertrieben aus Häusern, die sie sich nicht mehr leisten konnten; dass sich in einem Zeitraum von nur drei Jahren beinahe ein Dutzend meiner etwas über vierzig ehemaligen Klassenkameraden entweder umgebracht oder eine Überdosis verpasst hatten; dass Freunde und Verwandte Medikamente gegen Verzweiflung, Angst, Antriebslosigkeit, Schlaflosigkeit und sexuelle Dysfunktionen nahmen; dass die zeitsparenden chemischen Abkürzungen für alles – von dem Essen, das sich durch den gereizten Darm bewegte, bis hin zu den Lotionen, die wir auf die sonnenvergiftete Haut auftrugen – Krebs erzeugten.
Das alles sah ich erst, als sich unser Privatleben in den öffentlichen Raum ergossen hatte und anschließend vereinheitlicht, zunichtegemacht und verramscht worden war; als die...