Buch, Englisch, Deutsch, 60 Seiten, PB, Format (B × H): 159 mm x 211 mm, Gewicht: 166 g
Die Zeichnung als Statement (nieder)österreichischer Gegenwartskunst / Drawings as a Statement of Contemporary Art in (Lower-)Austria
Buch, Englisch, Deutsch, 60 Seiten, PB, Format (B × H): 159 mm x 211 mm, Gewicht: 166 g
ISBN: 978-3-901392-33-7
Verlag: STEINVERLAG
In aufschlussreicher Weise werden „klassische“ Werke wie etwa vomDoyen der niederösterreichischen Zeichnung, Karl Korab mit seinen eindrucksvollenKohlezeichnungen von der Waldviertler Landschaft mit erweitertenFormen des Zeichnerischen, etwa das Moment des Plastischen wiebei Martina Golser oder neue technische Verfahrensweisen wie etwa die„Pretage“ von Christina Starzer gezeigt. Die bildnerische Vielfalt vermitteltauch gleichzeitig ein großes thematische Panorama der Gegenwartszeichnung,welche von der Landschaft u¨ber das Thema Mensch, Natur, Technikbis hin zu botanischen Studien reicht, wie wir dies bei Moussa Kone, LeopoldKogler, Gunter Damisch, Gerhard Kaiser, Gerlinde Thuma oder RobertKabas finden.
Erstaunlich dabei ist die Vitalität der Zeichnungen, ihr Erkunden von neuembildnerischem Terrain, das Überschreiten von herkömmlichen Gestaltungsweisenund das gleichzeitige insistieren das Zeichnerische als einer „Kunstder Linie“, die sowohl das Gestische, als auch das Konzeptuelle und Erzählerischeumfasst.
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Artists Ku¨nstlerinnen und Ku¨nstlerGunter Damisch 16Martina Golser 20Robert Kabas 24Gerhard Kaiser 28Leopold Kogler 32Moussa Kone 36Karl Korab 40Christina Starzer 44Gerlinde Thuma 48
Auch nach 1945 findet sich eine erstaunlicheKontinuität der Zeichnung inder österreichischen Kunstgeschichte.Obwohl sie im Hinblick auf die Malereikein so großes öffentliches Prestige besitzt,hat sie in vieler Hinsicht die Entwicklungder Bildenden Kunst in Österreichentscheidend mitgeprägt. Ob im surrealistischen Aufbruch nach dem Zweiten Weltkriegin der „Wiener Schule des Phantastischen Realismus“ (vor allem als Druckgraphik), bei der„Wiener Gruppe“, in der Malerei des „Informel“, in der „Konzeptkunst“ oder in den neoexpressivenTendenzen der 1980er Jahre und daru¨ber hinaus – die Zeichnung ist essentiellerTeil vielfältiger ku¨nstlerischer Diskurse. Erst durch die so genannten „Neuen Medien“, vonder Fotografie, dem Computer und der Internetkunst wird sie fallweise als antiquiert erklärt(so wie auch die Malerei).In Folge der „Postmoderne“ erfährt die Zeichnung im letzten Jahrzehnt eine erstaunlicheRenaissance, vor allem bei jungen Ku¨nstlerInnen, die das Bildmedium Zeichnung ohneideologische Vorgefasstheit parallel zur traditionellen ku¨nstlerischen Praxis in vielfältigerWeise reformulieren und neu zu positionieren vermögen. Erstaunlich dabei ist ihre Vitalität,ihr unvoreingenommenes Erkunden von neuem bildnerischem Terrain, das subversive Überschreitenherkömmlicher Medien- und Gattungsgrenzen, ihr polylogisches Potential also undgleichzeitig das Insistieren auf das Zeichnerische als „Kunst der Linie“. Diese Entwicklung isteng mit der Niederösterreichs verknu¨pft, wo maßgebliche Beiträge zur österreichischen Gegenwartskunstseit 1945 entstanden sind.Karl Korab gehört dabei zu jener Generation, die, aus der Erfahrung des Surrealismus kommend,in ihren späteren Jahren ihr Werk neu formuliert haben, wobei die Landschaft fu¨r ihnein exklusives Thema geworden ist. Dabei spielt die Zeichnung eine genuine Rolle; sie istnicht mehr Vorbildskizze fu¨r Malerei, sondern autonomes Medium der Erkundung vonLandschaft in ihren archäologischen Dimensionen. Die zeichnerische Unmittelbarkeit vonHand und Bild wird zu einem intensiven, auch emotionalen Dialog mit der Natur, einErschauen der Landschaft als „symbiotischer Prozess“. Mit Kohle oder Graphit oftschemenhaft skizziert, sind die Zeichnungen Gebilde empfundener Landschaften. Fu¨rGunter Damisch, einem der bedeutendsten Vertreter der „Neuen Malerei“ in Österreich, birgt das Zeichnerische „Formpotentiale“, die spontan und improvisierend entwickeltwerden. Fast wie Mikroorganismen wirken die Formen, Urtierchen gewissermaßen, dieeine biomorphe Dimension implizieren und eine Archäologie des Biogenetischen zu imaginierenscheinen. Die eindrucksvollen, oft poetischen Betitelungen zeigen die meist inTusche ausgefu¨hrten Arbeiten als philosophische Weltbetrachtungen von scheinbar Unscheinbarem,verborgen in unbekannten Erdschichten unseres Planeten. Zeitlichkeit istprimäres Thema der in vielen Bereichen des Bildnerischen – von der Malerei u¨berSkulpturen, Bu¨hnenbilder bis hin zur Land Art – arbeitenden Ku¨nstlerin Gerlinde Thuma.Das Zeichnerische ist dabei kontinuierlicher Teil ihres oft seriellen bildnerischen Arbeitens.Die Linie impliziert dabei das Moment des Zeitlichen im Sinne einer flu¨chtigen Bewegungals Momentum des Augenblicks, wobei auch Erdgeschichtliches thematisiert wird, indemMeteoriten (Aerolithe) als Phänomene außerirdischer Zeit fungieren. Faszinierend dabei istdie Auflösung der Linie in Striche und diese wiederum in Ansätzen von Kritzelei, der wohlsubversivsten Form der Linie.Die Erweiterung der Zeichnung in das Dreidimensionale ist wichtiges Kennzeichnen derWerke von Martina Golser. Vorrangiges Thema ist das Botanische, wobei diesbezu¨glicheFachbu¨cher und selbst gefundenes Pflanzenmaterial so etwas wie der "Kick-off" deszeichnerischen Arbeitens darstellt. Das bildnerische Wiedergewinnen von Naturformen alsdreidimensionale Papierkonstrukte, deren Oberflächen subtil grafisch die Naturstu¨cke nachempfinden,ist wesentliches Anliegen der Ku¨nstlerin. Die oft miniaturhaft anmutenden„Studien“ sind von außerordentlicher Grazie, welche eindringlich die Zerbrechlichkeitbotanischer Natur vermitteln. Botanische Naturphänomene spielen auch in der Bildserie„Farne“ (Peridophyta, so die lateinische Bezeichnung) bei Leopold Kogler eine prominenteRolle, wofu¨r er eine eigene „zeichnerische“ Bildtechnik entwickelt hat. Zufällig entdeckte derKu¨nstler, dass spezielle Lackfarben eine photoemulsive Wirkung haben: Auf Papieraufgetragene Lackfarben werden mit Farnen belegt und dem Sonnenlicht ausgesetzt; nachlängerer Zeit bilden sie sich gewissermaßen als „Photogramme“ ab, da die freigelassenenStellen der Farblacke stark nachdunkeln; in der Folge werden die Blätter mit Öl und Acrylbildnerisch zu poetischen Natureindru¨cken weitergearbeitet und wirken wie ein „Zeichenstiftder Natur“ (H.F. Talbot), wie durch Zauberhand geschaffene Selbstabdrucke von Botanischem.Kogler radikalisiert die Zeichnung zu einem bildnerischen Automatismus, unabhängig vonder menschlichen Handarbeit, die erst durch die bildnerische Weiterberarbeitung wiederEingang in die „Zeichnung“ findet. Bei Robert Kabas fungiert die Zeichnung als prozesshafte Fokussierung bildnerischenDenkens. Dabei geht es um Unschärferelationen physikalischer Dimension, durchaus auch imSinne des Physikers Werner Heisenberg. Seinsfragen sind wesentliches Thema der Bildserie.Die in Buntstift und Tusche ausgefu¨hrten Zeichnungen loten das Dynamische des Daseinsaus, das ein Wechselspiel von Wahrnehmung und Verschwinden darstellt. In sehr konzeptuellerWeise figuriert das Zeichnerische bei Gerhard Kaiser. Nicht als autonomes Bildmedium,sondern als transdisziplinäre bildnerische Strategie amalgamiert es mit verschiedenen anderenBildtechniken wie Scannen, Fotografie oder PC-Bearbeitung. Nicht zufällig spielt das Transparentpapierbuchstäblich eine bildtragende Rolle. Oft spielt dabei die Zeichenhaftigkeit desZeichnerischen so etwas wie eine bildarchitektonische Rolle: Es ist Geru¨st und Bild zugleich,evoziert einen Transparenzeffekt, mit dem die verschiedenen Bildelemente zeichnerisch homogenisieren.Geradezu klassisch wirken auf den ersten Blick die Zeichnungen von Moussa Kone. Die mitchinesischer Tinte (Indian Ink) ausgefu¨hrten Arbeiten spielen in verschiedener Hinsicht daszeichnerische Potential durch: Technik der Schraffur, Hell-Dunkel-Flächen, Auftrag der Tinteauch mit Pinsel. Auch die Thematik weist auf kunsthistorische Formen des Stilllebens, dieMotive Licht und Dunkelheit auf Werden und Vergänglichkeit. Die minutiös gezeichnetenBlätter sind erstaunliche Manifeste des Zeichnerischen als „Königsdisziplin des Bildnerischen“(W. Koschatzsky) und sind Teil eines größeren Werkkomplexes zum Phänomen „Nacht“.Christina Starzer gehört – wie Moussa Kone – zu jenen jungen ku¨nstlerischen Talenten,welche die Zeichnung in höchst kreativer Weise in ihr gesamtbildnerisches Arbeiten Disziplinenu¨berschreitend integrieren. Fu¨r die Gewinnung dreidimensionaler Formen entwickelte siedie Technik der Frottage zur „Pretage“ weiter, mit der sie in besonderer Weise mittels BleiundBuntstifte durch Abreibung von Gegenständen zu ihren plastischen Bildformen findet.Dabei werden verschiedenste Materialien verwendet, wie hier Zauberschlagringe (dieBildtitel imitieren Zauberspru¨che) in Form von Mickey Mouse-Köpfen fu¨r Babys und Kleinkinder.Die hier skizzierten ku¨nstlerischen Positionen aus Niederösterreich, dem Bundesland mit derwohl avanciertesten Kulturpolitik Österreichs, vermitteln höchst aufschlussreich die Spannbreitegegenwärtiger ku¨nstlerischer Reflexionen des Bildmediums Zeichnung. Die Werke zeigeneinen Reichtum des Zeichnerischen, welches schöpferische Formfindung als Bildfindung eindrucksvollbewerkstelligt, wie sie nur Kraft der Zeichnung möglich ist – darin liegt auch ihregegenwärtige und zuku¨nftige bildnerische Relevanz!