Ahmed | Das Schwert der Dämmerung | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

Ahmed Das Schwert der Dämmerung

Roman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-16476-8
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

ISBN: 978-3-641-16476-8
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dhamsawaat ist die Stadt aller Städte: Prachtvoll, einzigartig und alles überragend, ist sie seit Jahrhunderten Zentrum der Macht und Magie der vereinten Königreiche. Hier lebt auch der alternde Adoullah, der letzte große Ghul-Jäger. Eigentlich will Adoullah nur seine Ruhe, doch als immer mehr Menschen Opfer besonders grausamer Ghule werden, begibt er sich noch einmal auf die Jagd. Und macht gemeinsam mit seinem jungen Assistenten und einer geheimnisvollen Nomadin eine unglaubliche Entdeckung ...

Saladin Ahmed wurde in Detroit geboren und ist in Derborn, Michigan, aufgewachsen. Er studierte Englisch an der Rutgers University und hat einen Masterabschluss in Poesie. Sein erster Roman »Das Schwert der Dämmerung« wurde mit dem Locus Award für das beste Debüt ausgezeichnet und war für zahlreiche weitere Preise nomminiert, u.a. für den Hugo Award, den Nebula Award, den Gemmell Award und den BFSA Award. Saladin Ahmed lebt mit seiner Frau und den gemeinsamen Kindern in Detroit.
Ahmed Das Schwert der Dämmerung jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


1

Dhamsawaat, du Königin der Städte, du Krone von Abassen

Tausend mal tausend gehen durch deine Tore ein und aus

Und durch das enge Gewirr deiner Straßen, Mauern und Gassen

Zum Marktstand voller Bücher, zur Schule und zum Freudenhaus

Deinen Straßen bin ich vermählt, deine Nachtluft ist meiner Geliebten Kuss

Denn wer deiner überdrüssig wird, Dhamsawaat, den plagt des Lebens Überdruss

Doktor Adoulla Machslûd, der letzte echte Ghuljäger in der großen Stadt Dhamsawaat, seufzte, als er diese Zeilen las. Bei ihm war es anscheinend genau umgekehrt. Er fühlte oft des Lebens Überdruss, aber von Dhamsawaat konnte er trotzdem nicht genug bekommen. Nach über sechzig Jahren auf Gottes weiter Welt musste Adoulla feststellen, dass seine Geburtsstadt zu den wenigen Dingen gehörte, derer er nicht überdrüssig geworden war. Die Dichtkunst des Ismi Shihab gehörte auch dazu.

Wenn er frühmorgens die vertrauten Zeilen aus diesem frisch gebundenen Buch las, fühlte sich Adoulla jünger – und dieses Gefühl war ihm sehr willkommen. Das kleine Bändchen war in braunes Schafleder gebunden, und auf dem vorderen Buchdeckel war mit goldener Säure der Titel eingeätzt: Ismi Shihabs Palmblätter. Das Buch war sehr wertvoll, doch Hafi, der Buchhändler, hatte es Adoulla umsonst überlassen. Zwar war es schon zwei Jahre her, dass Adoulla Hafis Frau vor den Wasserghulen eines grausamen Magiers gerettet hatte, doch die Dankbarkeit des Buchbinders war noch immer überschwänglich.

Sacht schlug Adoulla das Buch zu und legte es beiseite. Er saß allein an einem langen Steintisch vor Jehjehs Laden, seinem liebsten Teehaus auf der ganzen Welt. Letzte Nacht hatte er grausige und lebhafte Träume gehabt – von Blutströmen, brennenden Leichen und schrecklichen Stimmen –, doch mit dem Aufwachen waren die Einzelheiten verblasst. In seinem Lieblingsteehaus, mit dem Kopf über einer Schale Kardamomtee und einem Buch von Imsi Shihab in der Hand, brachte es Adoulla beinahe fertig, seine Albträume vollkommen zu vergessen.

Der Tisch stand direkt an Dhamsawaats großer Hauptstraße, der breitesten und hektischsten Verkehrsader im ganzen Königreich des Halbmonds. Schon jetzt, am frühen Morgen, war die Hauptstraße fast vollständig verstopft. Einige der Vorübergehenden sahen wegen seines unglaublich weißen Kaftans zu Adoulla hin, die meisten aber nahmen keine Notiz von ihm. Auch er schenkte ihnen keine große Aufmerksamkeit, denn er konzentrierte sich auf etwas viel Wichtigeres.

Auf Tee.

Adoulla hielt das Gesicht noch tiefer über die kleine Schale und inhalierte tief, denn das Aroma war wie eine Kur gegen seinen Lebensüberdruss. Der würzig-süße Kardamomdampf hüllte ihn ein, befeuchtete sein Gesicht und seinen Bart, und zum ersten Mal an diesem matten Morgen fühlte er sich wirklich lebendig.

Wenn er vor den Toren Dhamsawaats weilte, in spinnwebverhangenen Grüften Knochenghulen nachstellte oder Sandghule über die staubigen Ebenen jagte, musste er sich damit begnügen, auf Süßteewurzeln herumzunagen. Es waren harte Zeiten, aber als Ghuljäger war Adoulla es gewohnt, sich einzuschränken.

Wenn du zwei Ghulen gegenüberstehst, vergeude keine Zeit damit, dir zu wünschen, dass es weniger wären.

So lautete ein Sprichwort seines veralteten Ordens. Zu Hause jedoch, im zivilisierten Dhamsawaat, brauchte er erst einen Kardamomtee, bevor er sich als Teil der Welt fühlte.

Er hob die Schale an seine Lippen und nippte, genoss die pikante Süße. Er hörte, wie sich Jehjeh ihm schlurfend näherte, und roch das Gebäck, das ihm sein Freund brachte. Dies, so dachte Adoulla, war das Leben, wie der Barmherzige Gott es bestimmt hatte.

Mit lautem Klirren stellte Jehjeh seine Teeschale und einen Teller mit Gebäck auf den Steintisch und schob seinen drahtigen Leib neben Adoulla auf die Bank. Der wunderte sich schon seit Jahren, wie es dem schielenden, humpelnden Teehauswirt gelang, in solcher Windeseile mit klappernden Schalen und Tellern herumzuhantieren, ohne dass dabei viel zu Bruch ging. Vermutlich war es eine Frage der Übung. Adoulla wusste selbst am besten, dass man sich durch Routine nahezu jede Fertigkeit aneignen konnte.

Jehjeh hatte ein breites Lächeln, unbekümmert von den wenigen Zähnen, die ihm noch geblieben waren.

Er deutete auf die Süßigkeiten. »Mandelnester, die allerersten heute, noch bevor ich den Laden geöffnet habe. Und Gott bewahre uns vor fettleibigen Freunden, die uns zu früh aus dem Bett reißen!«

Adoulla machte eine ablehnende Geste. »Menschen, die unser Alter erreicht haben, mein Freund, sollten vor Sonnenaufgang aufstehen. Denn für uns ist der Schlaf dem Tode schon zu nah.«

Jehjeh grunzte. »So spricht der Meister des halbtägigen Nickerchens! Und weshalb schon wieder diese düsteren Worte, hm? Seit deinem letzten Abenteuer bist du noch bedrückter als sonst.«

Adoulla pflückte sich ein Mandelnest vom Teller und biss die Hälfte davon ab. Laut schmatzend kaute er, schluckte und starrte in seine Teeschale, während Jehjeh auf eine Antwort wartete.

Ohne aufzublicken, sagte Adoulla schließlich: »Bedrückt? Pff. Ich habe allen Grund dazu. Abenteuer, sagst du? Vor zwei Wochen stand ich einer lebenden Bronzestatue gegenüber, die mich mit einer Axt erschlagen wollte. Mit einer Axt, Jehjeh!« Er schüttelte den Kopf, noch immer in sein waberndes Spiegelbild im Tee versunken. »Ich habe sechzig Jahre auf dem Buckel und gerate trotzdem noch in einen solchen Wahnsinn hinein. Warum?«, fragte er und sah auf.

Jehjeh zuckte mit den Schultern. »Weil Gott der Allwissende es so eingerichtet hat. Solche Gefahren hast du schon oft gemeistert, mein Freund, und noch schlimmere. Auch wenn du aussiehst wie der Sohn eines Bären, der es mit einem Bussard getrieben hat, so bist du doch der einzige wahre Ghuljäger in dieser ganzen gottverdammten Stadt, o großer und tugendhafter Doktor.«

Jehjeh köderte ihn, indem er ihn mit dem aufgeblasenen Ehrentitel eines Arztes ansprach. Doch die Ghuljäger teilten außer dem Titel eines »Doktors« nur wenig mit den »großen und tugendhaften« Heilern körperlicher Gebrechen. Kein Scharlatan, der als Arzt Aderlässe verabreichte, vermochte die mit Reißzähnen bewehrten Schrecken aufzuhalten, die Adoulla bekämpft hatte.

»Woher willst du wissen, wie ich aussehe, Sechszahn? Mit deinen Schielaugen siehst du nichts als deine eigene Nase!« So finster Adoullas Gedanken auch waren, so fand er es anheimelnd, mit Jehjeh vertraute Beleidigungen auszutauschen – anheimelnd wie ein altes Paar guter Sandalen. Er wischte sich Mandelkrümel von den Fingern und ließ sie auf seinen sauberen Kaftan rieseln. Durch Zauberhand glitten Krümel und Honigflecken von seiner wundersam unbefleckbaren Kleidung zu Boden.

»Aber du hast recht«, fuhr er fort. »Ich habe schon Schlimmeres gemeistert. Aber das, das war …« Adoulla schlürfte seinen Tee. Der Kampf gegen den Bronzemann hatte ihn aus der Fassung gebracht. Die Tatsache, dass er den Schwertarm seines Gehilfen Rasîd gebraucht hatte, um mit dem Leben davonzukommen, war der Beweis dafür, dass er alt wurde. Noch beunruhigender war der Umstand, dass er während des Kampfes vom Tod getagträumt hatte. Er war müde. Und wenn man Ungeheuer jagte, war man als müder Mensch nur einen Schritt vom Tod entfernt. »Der Junge hat mir den fetten Hintern gerettet. Ich wäre jetzt tot, wenn er nicht gewesen wäre.« Das einzugestehen fiel ihm nicht leicht.

»Dein junger Gehilfe? Das ist doch kein Grund, sich zu schämen. Schließlich ist er ein Derwisch des Ordens! Deswegen hast du ihn doch in deine Dienste genommen, oder nicht? Wegen seines zweispitzigen Schwerts, mit dem er ›das Gute vom Bösen scheidet‹, und all das?«

»In letzter Zeit ist das zu oft passiert«, sagte Adoulla. »Ich sollte mich zur Ruhe setzen. Ich mag Dawoud und seine Frau.« Er trank einen Schluck und schwieg eine Weile. »Ich war wie versteinert, Jehjeh, bevor der Junge mir zur Hilfe gekommen ist. Wie versteinert. Und weißt du, was ich gedacht habe? Ich dachte, dass ich das nie wieder tun würde – hier an diesem Tisch sitzen und meine Nase über eine Schale guten Kardamomtee halten.«

Jehjeh neigte den Kopf, und Adoulla meinte, ein feuchtes Schimmern in den Augen seines Freunds zu erkennen. »Ich hätte dich vermisst. Aber wichtig ist, dass du hierher zurückgekehrt bist, Gott sei gepriesen.«

»Ja. Und warum, Sechszahn, sagst du jetzt nicht: ›Bleib künftig zu Hause, Opa‹? Das würde ein wahrer Freund zu mir sagen!«

»Weil du Dinge vermagst, o Bär mit dem Bussardschnabel, zu denen andere nicht fähig sind. Und die Menschen brauchen deine Hilfe. Gott hat dich zu diesem Leben berufen. Wie könnte ich mit Worten etwas daran ändern?« Jehjeh kniff die Lippen zusammen und zog die Augenbrauen nach unten. »Und außerdem: Wer sagt schon, dass es zu Hause ungefährlich ist? Der Falkenprinz, dieser Verrückte, wird uns noch die ganze Stadt niederbrennen – das kann jeden Tag passieren, das sage ich dir.«

Über dieses Thema sprachen sie nicht zum ersten Mal. Jehjeh konnte mit der tückischen Theatralik des geheimnisvollen Meisterdiebs, der sich Falkenprinz nannte, nichts anfangen. Und Adoulla stimmte mit ihm überein, dass der »Prinz« höchstwahrscheinlich verrückt war. Allerdings konnte er nicht umhin, den Möchtegernthronräuber gutzuheißen. Der Kerl hatte große Summen aus den Schatztruhen des Kalifen und der...


Ahmed, Saladin
Saladin Ahmed wurde in Detroit geboren und ist in Derborn, Michigan, aufgewachsen. Er studierte Englisch an der Rutgers University und hat einen Masterabschluss in Poesie. Sein erster Roman »Das Schwert der Dämmerung« wurde mit dem Locus Award für das beste Debüt ausgezeichnet und war für zahlreiche weitere Preise nomminiert, u.a. für den Hugo Award, den Nebula Award, den Gemmell Award und den BFSA Award. Saladin Ahmed lebt mit seiner Frau und den gemeinsamen Kindern in Detroit.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.