Agaoglu / Agaoglu | Sich hinlegen und sterben | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 512 Seiten

Reihe: Türkische Bibliothek

Agaoglu / Agaoglu Sich hinlegen und sterben

Mit einem Nachwort von Erika Glassen. Roman. Türkische Bibliothek
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30161-0
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Mit einem Nachwort von Erika Glassen. Roman. Türkische Bibliothek

E-Book, Deutsch, 512 Seiten

Reihe: Türkische Bibliothek

ISBN: 978-3-293-30161-0
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Dozentin Aysel steckt in einer privaten Lebenskrise und zieht sich, zum Sterben entschlossen, in ein Hotelzimmer zurück. Denn der Konflikt zwischen gesellschaftlichen Pflichten und ihren eigenen Bedürfnissen spitzt sich zu und zwingt sie zu dieser Entscheidung. Ihren Tod vor Augen lässt sie noch einmal ihr Leben Revue passieren, erinnert sich an ihre Schulzeit in der anatolischen Provinz und die Universitätsjahre in Ankara. Sie selbst gehörte zu der kleinen Schar von Jungen und Mädchen, den Kindern der Republik, die der Lehrer Dündar nach seinen kemalistischen Idealen zu einer pflichtbewussten »Armee des Wissens« erziehen wollte. Ihm hat sie, die Krämerstochter, es zu verdanken, dass sie studieren durfte. Heute aber will sie nur noch aus ihren eintönigen Verhältnissen ausbrechen und beginnt eine Beziehung zu einem ihrer Studenten. Einen Abend nur hatte sie ungezwungen und pflichtvergessen mit ihm verbracht, nun spürt sie neues Leben in sich keimen. Soll sie die Herausforderung annehmen? Dieser facettenreiche Bilderbogen umspannt dreißig Jahre republikanische Geschichte auf höchstem literarischem Niveau, geschrieben von einer der bedeutendsten Autorinnen der Türkei.

Adalet A?ao?lu, geboren 1929 in Nallihan in der Provinz Ankara, studierte französische Sprache und Literatur in Ankara. Schon seit 1948 veröffentlicht sie Gedichte, Theaterstücke und Hörspiele, zudem war sie als Übersetzerin sowie als Dramaturgin tätig. Adalet Agao?lu zählt zu den bedeutendsten Erzählerinnen der zeitgenössischen türkischen Literatur, die zentralen Themen in ihren Werken sind die Entfremdung der Menschen und der Wandel traditioneller Werte.
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1


07 Uhr 22

Genau sechzehn Stockwerke sind wir im Fahrstuhl hochgefahren. Dann stiegen wir aus. Ich folgte dem Jungen, der mir das Zimmer zeigen sollte. Er ging einen kurzen Korridor entlang. Vor einem Zimmer blieb er stehen. Auch ich blieb stehen. Er öffnete die Tür, wir traten ein.

Die Vorhänge waren dicht geschlossen. Der Junge wollte sie aufziehen und mir den Ausblick zeigen. Ich hielt ihn zurück. Er schaltete alle Lampen ein, öffnete die Tür zum Bad, machte auch hier das Licht an. Ob ich etwas wünsche, fragte er dann. Nein, nichts, erwiderte ich und gab ihm ein Trinkgeld. Er ging hinaus.

Sobald er draußen war, verschloss ich die Tür und löschte sämtliche Lichter. Rasch zog ich mich aus, schlug die Decke zurück und kroch splitternackt ins Bett – legte mich nieder zum Sterben.

Ich habe nicht nachgesehen, doch es musste ungefähr halb acht sein. Mir scheint, als hätte das der junge Mann unten gesagt, als ich mich ins Hotelregister eingetragen habe.

Meine Tasche habe ich in eine Zimmerecke geworfen. Sie enthält ein ganzes und ein halbes Päckchen Zigaretten, ein Feuerzeug, ein rot eingebundenes Notizbuch, meine Sonnen- und meine Lesebrille, einen Stift, einen halben Sesamkringel, den letzten Rest eines Lippenstifts, mein Portemonnaie für Kleingeld und fünftausend Lira in einem verschlossenen Umschlag. Nicht nur fünftausend Lira befinden sich darin, sondern auch noch eine drei- oder vierzeilige Notiz. Ich weiß nicht mehr, was ich geschrieben habe in dieser Notiz, die ich zu dem Geld legte und dann den Umschlag verschloss, versuche auch gar nicht, mich daran zu erinnern. Nur kommt es mir jetzt lächerlich vor, was ich vorhin getan habe. Dennoch gelingt es mir, ernst zu bleiben an der Schwelle dessen, was man als Letztes versuchen sollte.

Manchmal kommt der Tod einfach nicht so schnell. Man muss kämpfen mit dem Tod. Vielleicht unterdrücke ich deswegen das Lachen in dem dafür so günstigen Augenblick. Ich hätte nicht gedacht, dass man mit dem Tod ringen muss, wenn man sich zum Sterben niederlegt.

Geboren ist das Tageslicht des Ideals


Der bordeauxrote Vorhang aus Sümerbank-Leinen verdeckte die Schulbühne nicht ganz. Bedienen sollte ihn während der Darbietungen der Schuldiener Cemal. Der zog ein wenig an der Schnur, doch der Spalt schloss sich nicht. Und wenn der Vorhang nun überhaupt nicht mehr aufgehen würde? Das war seine größte Sorge. Er probierte es seit Tagen: Vorsichtig zog er an der Schnur, ließ locker, zog wieder, ließ erneut locker.

Hinter dem Vorhang stießen und balgten sich die Kinder. Ein Duftgemisch aus Staub, Fett, Essig, Harn und Läusekraut. Ein wenig stärker als der alltägliche Schulgeruch. Leicht säuerlich zwar, doch ein Geruch, den man auch nach vielen Jahren noch wahrnehmen und als angenehm empfinden konnte. So etwas wie das Wohlgefallen, das man hin und wieder am eigenen Körpergeruch empfindet.

Im zweiten Stock der Schule, einem ehemals armenischen Haus, ging der Rektor über den Flur. Man hatte die Holzwand durchbrochen und dort eine Tür zur Bühne eingesetzt. Vor der blieb er jetzt stehen. Namik, der soeben aus dem Garten kam, wo er sich das Gesicht gewaschen hatte, erblickte den Rektor zuerst. Er wollte schnell zur Bühne durchschlüpfen und Bescheid geben, kam aber nicht am Rektor vorbei. So schlich er seitwärts an der Wand entlang und hielt den Atem an. Doch der Rektor entdeckte Namik bei seinem Krebsgang: »Was lauft ihr denn noch in der Gegend herum? Wollt ihr mich blamieren?«, schrie er. Und so aufgebracht wie er war, schoss er durch die einzige Verbindungstür vom Flur auf die Bühne.

Herr Dündar, Lehrer der dritten, vierten und fünften Klasse, gab den Kindern auf der Bühne die letzten Ratschläge: »Nicht vergessen! Sowie der Chor aufhört, also bei ›immerdar‹, teilt ihr euch in zwei Gruppen. Die Nummern eins, drei, fünf, sieben, neun auf die eine Seite, die Nummern zwei, vier, sechs, acht und zehn auf die andere. Während ihr auseinandergeht, taucht dieses Fenster hinter euch auf. Geht richtig auseinander, sonst klappt es nicht. Es wäre außerdem eine grobe Missachtung unserem Großen Führer gegenüber. In Ordnung? Habt ihr's begriffen?«

Er war schweißgebadet. Lange blickte er die Kinder an, dann rief er: »Ali, Ali, du bist mein Untergang!«

Ein rundlicher, borstenhaariger Junge begann zu zittern. Er stand stramm und rechnete schon mit einer Ohrfeige.

»Hör mal, wo ist denn deine verflixte schwarze Fliege? Wo ist sie?«

»Das Gummiband ist gerissen, Herr Lehrer, einfach abgerissen …«

Er holte aus der Tasche seiner verblichenen schwarzen Hose aus grobem Haargewebe, die weder richtig lang noch kurz zu nennen war, ein Stückchen Stoff in Schmetterlingsform mit einem angenähten Gummiband hervor. Dieses schwarze Etwas, das wohl eine Fliege hätte sein sollen, hielt er hoch wie eine Maus, die er in der häuslichen Vorratskammer am Schwanz erwischt hatte. Die Kinder stießen sich an und lachten. Herr Dündar strich sich über die zu Hause mit der Brennschere ondulierten Haare. Dann sagte er zu dem ältesten und größten Mädchen seiner Klasse: »Komm her, Semiha, näh ihm das Gummiband an. Lauf! Beeilt euch! Es ist an der Zeit!«

In heller Aufregung machte sich Semiha auf die Suche nach Nadel und Faden. Doch unterdessen bekam Namiks Kopf zweimal ihre Faust zu spüren. Lehrer Dündar fuhr mit seinen Anweisungen fort: »Der Chor geht zu Ende. Ihr habt euch langsam in zwei Gruppen aufgeteilt. Während ihr ganz allmählich auseinandergeht, erscheint unser Großer Vater. Wenn unser erhabener Atatürk sein Gesicht wie die Sonne aufgehen lässt, hört der Chor auf. Unser Vater geht ab, unser Vater ist gegangen … Sofort beginnen wir mit der Polka. Die Herren verneigen sich vor ihren Damen. Sie fassen die Damen bei der Hand und so weiter … Wenn die Polka vorbei ist, fangen wir mit dem Rondo an … Ha, Aysel, sei nicht so steif beim Rondo, beweg dich lockerer! Du auch, Hasip! Ihr lauft nicht draußen vor der Tür im Kreis herum, ihr tanzt Rondo! Und wiege nicht den Kopf hin und her, als würdest du beten. Du bist nicht in der Moschee. Du bist auf der Bühne einer Schule, die eine Wiege der Zivilisation ist! Mach deine Hose zu, du Bengel! Nach dem Rondo sind die Berufe dran. In Ordnung? Ist das alles klar?«

In diesem Augenblick entdeckte er den Rektor auf der Bühne. Und Sevil, die Tochter des Staatsanwalts, löste sich aus der Gruppe, schlich unauffällig hinter einer Kiste durch und zeigte sich vor ihrem Rektor.

Der hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt und blickte voller Ungeduld auf das ganze Durcheinander. Trotz seines gestreiften, verschossenen Jacketts mit den zu kurzen Ärmeln, dem gestreiften Kattunhemd, der über dem Bauch ziemlich spannenden Hose mit zu weiten und zu kurzen Hosenbeinen und den kinderkackebraunen Schuhen glich er mehr dem Hoca einer Moschee als einem Rektor. Doch man nahm es in jener Zeit nicht allzu genau mit einem, der Rektor war. Nein, keineswegs! Jedermann in mittleren Jahren, der seinen Namen in lateinischen Buchstaben schreiben konnte und den Neuerungen auch nur ein wenig offen gegenüberstand, konnte an der Grundschule eines Landkreises Rektor sein. Und wenn das rote, runde Gesicht des Rektors so glänzte, als sei es mit Enthaarungswachs bestrichen worden, dann musste es wohl daran liegen, dass man ihn in seiner Tätigkeit als Hafiz mit zu viel eingedicktem Traubenmost versorgt hatte.

Die Kinder hatten stramme Haltung angenommen. Lehrer Dündar schob sie mit dem Handrücken einen Schritt zurück: »Bitte sehr, Herr Rektor, bitte sehr … Ich erteilte den Kindern gerade letzte Ratschläge. Der Finanzdirektor sollte eigentlich eine Vase schicken. Sie ist noch nicht eingetroffen. Ich meine, dass …«

Der Rektor hob die fleischigen Hände und schnitt dem Lehrer das Wort ab: »Es geht auch ohne Vase, mein Lieber. Das ist doch kein Weltuntergang! Wir sind nicht das Regierungszentrum, sondern nur die Schule eines Landkreises, und wir haben getan, was wir konnten. Machen Sie sich keine Sorgen wegen der Vase. Hauptsache, alles andere läuft glatt, dann bin ich zufrieden. Hoffentlich wars wenigstens der Mühe wert. Wir sind ja völlig am Ende unserer Kräfte.«

Eines der Kinder hob den Finger. Aydin, der Sohn des Landrats – einer, der immer am besten gekleidet war –, schrie vorlaut: »Herr Lehrer, Aysel hat aber ihre Haare nicht geflochten!«

Alle Köpfe wandten sich Aysel zu. Ihr hell schimmerndes, kastanienbraunes Haar fiel offen bis zur Taille herab. Sofort wurde ihr malariagelbes Gesicht rot wie eine Kirsche. Kalter Schweiß lief ihr über den Rücken. Die Brauen des Rektors zogen sich zusammen. Verdrossen blickte er Lehrer Dündar an: »Da sehen Sie's! Nicht einmal die Sache mit den Haaren …!«

Lehrer Dündar war wütend. Er ärgerte sich weniger über Aysel als über den Landratssohn. Immer wieder musste dieser Junge jemanden verpetzen. Ekelhafter Naseweis! Ich habe ihn satt, den eingebildeten, blöden Kerl! Aber wie immer war bei ihm wieder alles tipptopp in Ordnung.

Die kurze schwarze Hose gebügelt, ein weißes Seidenhemd, eine richtige schwarze Fliege, weiße Strümpfe, schwarze Lackschuhe, das mit Kölnischwasser besprühte, schön glatt gekämmte Haar … Das galt auch für den Chor, die...


Agaoglu, Adalet
Adalet Agaoglu, geboren 1929 in Nallihan in der Provinz Ankara, studierte französische Sprache und Literatur in Ankara. Schon seit 1948 veröffentlicht sie Gedichte, Theaterstücke und Hörspiele, zudem war sie als Übersetzerin sowie als Dramaturgin tätig. Adalet Agaoglu zählt zu den bedeutendsten Erzählerinnen der zeitgenössischen türkischen Literatur, die zentralen Themen in ihren Werken sind die Entfremdung der Menschen und der Wandel traditioneller Werte.

Iren, Ingrid
Ingrid Iren (geb. Brzoska), geboren 1930 in Berlin, lebt seit den Sechzigerjahren in der Türkei. Sie war für das Goethe-Institut Istanbul als Übersetzerin tätig und hat neben diversen Kurzgeschichten, Essays und Filmskripten u. a. Romane von Orhan Pamuk ins Deutsche übertragen.



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