E-Book, Deutsch, 369 Seiten
Adler Alte neue Welt
Aufl
ISBN: 978-3-95577-422-6
Verlag: Th. Vollmer Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 369 Seiten
ISBN: 978-3-95577-422-6
Verlag: Th. Vollmer Verlag
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In Windeseile brachen Micha, Roland und Mark in Richtung Domstedt auf. Die außergewöhnliche Kälte und die Strapazen der letzten Wochen machten das Reisen nicht leicht. Doch an ausruhen war nicht zu denken. Mit einem Karren, durchquerten sie den üblichen Weg, den sie immer nahmen. Diese Route war sicher. Sie sahen hier noch nie Spuren von Reisenden. Nichtsdestotrotz verhielten sie sich vorsichtig. Roland übernahm die Vorhut und überprüfte außer Sichtweite die Strecke auf Hinterhalte. Um das Pferd zu schonen, liefen Micha und Mark nebenher. Das Pferd musste später noch eine große Last ziehen. 'Da wären wir. Meinst du, wir tun immer noch das Richtige?', fragte Mark. 'Ja. Wenn es die falsche Entscheidung war, war es die letzte, die ich traf.' Sie ruhten sich einen Augenblick aus und sahen von der Anhöhe auf die Stadt hinab. Der Dom thronte wie immer über der Altstadt.
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In den darauffolgenden Wochen war der Niedergang auch auf den Straßen sichtbar. Das Maß war voll. Die Verlierer dieser Wirtschaftskrise versammelten sich zu Großdemonstration, nachdem die Banken immer mehr Geld für Rettungsmaßnahmen zu Verfügung bekamen aber die Unternehmen pleitegingen. Die Arbeitslosenquoten schossen drastisch in die Höhe. Ausgehend von Italien über Frankreich bis zum Ruhrgebiet, erreichte das Chaos nun die Finanzmetropole Frankfurt. Molotowcocktail und Steine waren die Waffen der Demonstranten. Wasserwerfer und Tränengas die der Polizei. Der Börsenzusammenbruch war dabei nicht einmal das Schlimmste. Aber als ein Banker im Fernsehen die momentaner Lage als überspitz bezeichnete und das Leben als Schön beschrieb, brachte er damit das Fass zum Überlaufen.
Micha las am Frühstückstisch die Süddeutsche Zeitung, die ein pubertärer Zeitungsjunge jeden Tag in seinem Apartment zustellte. Er konnte nicht gut schlafen. Und so saß er um fünf Uhr am Küchentisch, trank Kaffee und studierte die Börsenkurse vom Vortag. Seine Stimmung war gedrückt. Sechs Mitarbeiter von Marcks wurden entlassen. Alle aus seiner Abteilung. Micha wartete jeden Tag darauf, auch seinen Schreibtisch räumen zu müssen. Was sollte er dann machen? Dass er sich mal so eine Frage stellen müsste, hätte er niemals gedacht. Investmentbanker war der Beruf, wo nicht nur das Geld zu fließen versprach, sondern der auch gefragt war.
Fünfzigtausend Demonstranten versammelten sich gestern Abend vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt, und schwollen bis in die Nacht auf hundertfünfzigtausend an, entnahm er der Zeitung. Micha war wegen den täglichen Nachrichten nicht nur besorgt, er hatte Angst. Die Lage war unerträglich.
Gegen sieben Uhr verließ er sein Apartment und fuhr mit seinem silbernen BMW in die Firma. Hier bot sich das gleiche Bild wie vom Vortag. Die Leute ließen die Köpfe hängen, sprachen kaum und dachten an ihre Zukunft, an ihre Familie, den Hauskredit, den abzuzahlenden Mercedes und die Privatschulen ihrer Kinder. Sollte ihr gut organisiertes Leben mit einem Absturz enden?
„Was gibt’s neues?“, fragte Micha einen der Händler beiläufig.
„Butt wurde entlassen.“
Micha sank sprachlos in seinem Stuhl. Seinen Mentor? Wie konnten sie einen der besten von Marcks entlassen? Wenn er ging, wer würde ihm nachfolgen? Micha sah zum leeren gläsernen Büro.
„Wo ist er?“
„Oben beim Chef.“
Micha schaltete seine drei Monitore an und sah sich die Charts von einigen Unternehmen an. Der Vormittag schleppte sich dahin, ohne das sich was spannendes ereignete. Immer wieder wandte er seinen Blick in Butts Büro. Aber er kam nicht. Butt verschwand aus dem Unternehmen wie ein Geist aus der Flasche.
Der Tag neigte sich dem Ende zu und die ersten Mitarbeiter verließen den Händlersaal. Im Gegensatz zu früher ging Micha nicht als letzter. Er sah darin keinen Sinn mehr. Marcks löste sich praktisch auf. Ein Bankrott war mehr als wahrscheinlich. Einst ein Rekrutierungslager für Spitzenbroker, nun ein Symbol der Apokalypse. Das wichtigste Ziel des Ausbildungsprogramms, sie zu drillen um Geld zu scheffeln, welches jeder Mitarbeiter absolvieren musste, erwies sich als gescheitert. Micha schaltete seine Monitore aus und steckte noch einige ungelesene Berichte ein, als der nervigste aller Arbeitskollege auf ihm zustürmte und ihn fast umrannte. Micha schüttelte ihn energisch ab, richtete seinen Anzug und strafte dem grade aus dem Ausbildungsprogramm entflohenen Mann mit einem bösen Blick.
„Ich will kaufen“, sagte er außer Atem.
„Jetzt?“, fragte Micha fassungslos.
„Ja. Wir sollten jetzt zuschlagen. Der Markt ist ausgebombt. So billig bekommen wir die Aktien nie wieder.“
„Du musst noch eine Menge lernen. Die Aktien werden noch ein Weilchen unten bleiben.“
Der junge Mann schüttelte energisch den Kopf. Er konnte nicht fassen, dass ein guter Händler wie Micha die Chance auf hohe Gewinne nicht sah. Galt er doch als ein Naturtalent bei Marcks.
„Hör auf mich. Die Hälfte deiner privaten Anteile laufen auf Kredit. Wenn du jetzt verkaufst, hast du zwar alles verloren aber keine Schulden“, sagte Micha eindringlich.
Umsonst. Der junge Banker jagte zwischen den Händlertischen, als ob er von Micha davonlaufen wollte. Micha konnte grade noch sehen, dass er auf den Flur rannte, die Tür von Butts Stellvertreter aufriss, hineinsprang und sie krachend hinter sich zuwarf.
Der wird im Schuldenturm enden, dachte Micha und lief auf dem Parkplatz. Vor seinem BMW klingelte sein Telefon.
„Kamp hier!“
„Micha, hier ist Susan.“
Seine Schwester klang aufgebracht. Ihre Stimme zitterte.
„Was ist los?“, fragte er als Susan einen Moment schwieg.
„Hier ist die Hölle los. Sie ziehen durch die Straßen und zerschlagen alle Scheiben.“
„Was?“
„Sie plündern, Micha. Hier ist die Hölle los…“
Die Verbindung brach zusammen. Micha rief sie zurück, ohne Erfolg. Er setzte sich ins Auto und schaltete das Radio an.
„Wir unterbrechen die Sendung für die Ereignisse, die sich in diesem Moment in Frankfurt und teils in andere deutschen Großstädte ereignen. Im Großraum Frankfurt eskaliert die Demonstration in nackte Gewalt. Tausende vermummte Demonstranten marschieren in Richtung Bankenviertel und zum Rathausplatz. Mehrere Geschäfte und das CDU Parteigebäude stehen in Flammen. Polizeiwachen und andere staatliche Stellen wurden gewaltsam gestürmt. Dabei wurden unter anderem auch Waffen erbeutet. Der Mob hat ebenfalls die ersten Radiosender übernommen. Wir bitten die Bevölkerung daheim zu bleiben. Auf den Straßen ist die Anarchie ausgebrochen….“
Das Telefon klingelte erneut.
„Susan“, brach es aus Micha heraus.
„Ja…“
„Hör mir zu. Verlass die Stadt und fahr zur Mama. Am besten sofort.“
„Das geht nicht. Diese Verrückten blockieren die Kreuzung.“
„Bleib wo du bist. Ich komme“, sagte Micha, legte auf und fuhr los. Er bog links in die Straße und raste die Hauptstraße entlang. Der Weg zu Susan würde an seinem Apartment vorbeiführen und gäbe ihm die Gelegenheit Bargeld zu holen. Wer wusste schon was noch alles in dieser Nacht geschah. Auf der Hauptstraße zerstörten Randalierer bereits die Sparkassenfilialen. Steine flogen auf sein Autodach, als er mit achtzig Stundenkilometer an ihnen vorbeifuhr. Fünfzehn Minuten später erreichte er sein Wohnviertel und blieb zweihundert Meter vor seinem Apartment stehen. Vor wenigen Augenblicken richteten sich seine Gedanken an Susan und ob er noch rechtzeitig bei ihr ankam. Jetzt waren diese Gedanken wie weggewischt. Der Mob war hier! Hier in seiner Straße. Und es sah so aus, als ob er an einem großen Wutanfall litt. Aus den Gebäuden seiner Nachbarschaft schlugen Flammen. Stehen gelassene Feuerwehrwagen versperrten die Straße. Der Mob hinderte die Beamten die Gebäude zu löschen und attackierte sie mit Flaschen und Steine.
„Lasst sie brennen!“, skandierten die Vermummten.
Micha legte den Rückwärtsgang ein und fuhr mit quietschenden Reifen rückwärts die Straße zurück. Aber nach fünfzig Meter war Schluss. Hinter ihm gruppierten sich mehrere Dutzend gewaltbereite Schläger. Eisenstange, Baseballschläger, Steine und wütende Gesichtsausdrücke, ließ Micha in Panik versetzen. Er bremste scharf, stieg aus dem Wagen und rannte los. Der Mob ließ sich dieses Spiel nicht entgehen und spurtete hinterher. Micha, der viel Zeit für seine Fitness aufbrachte, sprintete in die nächste Hauseinfahr und sah sich im Hinterhof verzweifelnd nach einem Fluchtweg um.
„Da lang!“, hörte er die Schreie seiner Verfolger.
Micha preschte zwischen den Büschen hindurch, bis er zu einer drei Meter hohen Mauer kam. Dahinter, dass wusste er, war eine große Umgehungsstraße, welche die Lastwagen um die Wohnvierteln führte. Mit seinen feinen Fingern aber kräftigen Armen schaffte er es auf die Mauer. Als er oben saß, traf ihn ein Pflasterstein an der Schulter. Mit einem lauten Schrei fiel er auf die rettende Seite der Mauer hinunter und landete in einem Dornenbusch. Micha stöhnte. Sein Rücken schmerzte, an seine Schulter klaffte eine blutende Wunde und der Kopf dröhnte. Er versuchte aufzustehen. Einmal, zweimal. Beim dritten Mal klappte es und er torkelte die verwaiste Straße entlang. Seine Verfolger hörte er nicht mehr. Nach mehrmaligen Rückblicken war er sich sicher, dass es keiner über die Mauer geschaffte hatte. Vermutlich zog es auch keiner ernsthaft in Betracht die Mauer zu bezwingen, wenn doch auf der Straße weitere vermeidliche Opfer zu finden waren, überlegte Micha. Der Lärm war noch gut zu hören und der dämmernde Himmel vom gelbroten Feuer durchzogen, als er sich zum ausruhen hinsetzte. Er kramte sein Handy aus der Innentasche seines Jacketts hervor und drückte den Wahlwiederholungsknopf.
„Hallo?“, brüllte Susan ins Handy. Der Lärmpegel war so laut, das man kaum ihre Stimme von den Nebengeräuschen unterscheiden konnte.
„Susan?“
„Micha, hol mich ab, bitte“, fehlte sie.
„Wo bist du?“
„Ich bin vor meinem Laden. Sie haben mir meine Handtasche geklaut. Meine Papiere und mein Geld sind weg.“
„Versuch da wegzukommen.“
„Sie sind…“, schreie drängte sich dazwischen. Es waren Frauen die schrien, Kinder die jammerten und das Grölen des Mobs, die das Telefonieren fast unmöglich machten.
„Jetzt… Polizisten angezündet. Sie brennen… Micha, brennen…!“, kam es vereinzelnd aus dem...




