Adivar | Mein Weg durchs Feuer | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 14, 600 Seiten

Reihe: Türkische Bibliothek

Adivar Mein Weg durchs Feuer

Erinnerungen. Mit einem Nachwort von Erika Glassen. Mit einem Nachwort von Erika Glassen. Türkische Bibliothek
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30377-5
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erinnerungen. Mit einem Nachwort von Erika Glassen. Mit einem Nachwort von Erika Glassen. Türkische Bibliothek

E-Book, Deutsch, Band 14, 600 Seiten

Reihe: Türkische Bibliothek

ISBN: 978-3-293-30377-5
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Halide Edip Adivars Lebensgeschichte spiegelt den stürmischen Umbruch ihres Landes. Mit wachem Blick verfolgt sie den Untergang des Osmanischen Reichs und das Erstarken der Nationalen Bewegung. Emanzipiert und eigensinnig wirft sie sich ins Geschehen. Schon früh entdeckt sie ihr Talent zum Schreiben. 1919, als die Alliierten Istanbul besetzen, flieht sie unter abenteuerlichen Umständen nach Anatolien. Die erfolgreiche Schriftstellerin stellt sich in den Dienst der neuen Türkei, bewahrt jedoch ihren kritischen Blick.

Halide Edip Adivar, 1884 in Istanbul geboren, schloss sich 1920 dem Befreiungskampf an. Als es zum Bruch mit Atatürk kam, emigrierte sie 1924 nach England. 1939, ein Jahr nach Atatürks Tod, kehrte Halide Edip Adivar in die Türkei zurück. Sie lehrte an der Universität Istanbul, wurde ins Parlament gewählt und starb 1964 in Istanbul. Als eine der ersten bedeutenden türkischen Prosaautorinnen hinterließ sie ein umfangreiches literarisches Werk.
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Meine eigene Geschichte


Die Geschichte des kleinen Mädchens wird jetzt endlich zu meiner eigenen. Glichen die Erinnerungen an die Zeit davor eher Träumen und Wunschvorstellungen, so riefen die Ereignisse von nun an Empfindungen hervor, die das Fundament meines Bewusstseins bildeten. Zunächst war da ein sonderbares Gefühl von Fremdheit, sobald ich im Spiegel dieses Wesen namens Halide ansah. Dieses Geschöpf schien mir neu und eigenartig, und sein Gesicht beunruhigte mich.

Ich entdeckte in mir auch eine innere Stimmung, die ungefähr dem englischen Begriff »humour« entspricht, eine Sinnesart, die bei uns eher bei den einfachen Leuten anzutreffen ist, gewissermaßen ein Lächeln der Seele angesichts trauriger Ereignisse. Dieser Gemütszustand brachte mich den Menschen oft näher, er konnte aber auch Distanz zu ihnen schaffen. Und dann war da dieser feine seelische Schmerz, der mir an manchen Tagen die Kehle zuschnürte und Tränen in die Augen trieb.

Doch es gab eine Empfindung, die noch unbegreiflicher und noch schwerer zu besiegen war. Das war meine Angst vor bestimmten realen Dingen, und vielleicht ist es diese Angst, worin wir den Tieren am ähnlichsten sind. Zum ersten Mal beschlich mich dieses bange Gefühl, als ich eines Tages mit den Nachbarskindern unter den Zypressen des nahe gelegenen Friedhofs spielte. Wir hatten uns an den Händen gefasst und waren in einen breiten Graben gesprungen. Weich und anmutig wiegten sich über uns die schlanken Bäume zum melodiösen Gesang des Windes. Plötzlich rief der Diener, der mich dorthin begleitet hatte: »Es kommt, es kommt!« Die Kinder stoben auseinander. Ich wusste nicht, was da kommen sollte, doch ich erstarrte, bekam eine Gänsehaut, und der Angstschweiß stand mir auf der Stirn. Auf dem Nachhauseweg erzählte der Diener uns sonderbare Geschichten über die Bäume.

»Die sehen zwar tagsüber wie Bäume aus, aber nachts streifen sie in ihren grünen Turbanen durch die Gärten und über die verwahrlosten Grundstücke. Unter den Zypressen ist es nicht sicher, dort solltet ihr nicht spielen«, sagte er.

Und tatsächlich schien mir abends vor dem Einschlafen, dass die Zypressen sich in ihren grünen Turbanen vor mir aufreihten. Ich hörte jenes sonderbare Raunen, und mir brach wieder der Schweiß aus.

Mit dieser Angst entwickelte sich in mir zugleich ein starkes Gefühl von Mitleid. Ich begann damals die materielle Wirklichkeit des Lebens zu erkennen. Meine Empfindung, anders als die anderen zu sein, löste sich auf, und so wurde ich zu einem Teil der Menschheit. Für mein ungewöhnlich stark entwickeltes Mitgefühl, das mich später von Zeit zu Zeit den Menschen entfremden sollte, möchte ich hier ein Beispiel anführen.

An einem Freitag brachte unser Lala uns in den Park von Ihlamur. Dort spielten schon viele als Miniaturpaschas ausstaffierte Jungen und in Seidenkleidern herausgeputzte Mädchen. Die Spielwarenverkäufer liefen umher mit Spielwaren aus Eyüp, die sie in großen Körben auf ihren Rücken trugen. Wasserverkäufer priesen ihre Ware an, indem sie die Gläser aneinanderschlugen. Und die Lutschbonbonverkäufer sagten, genau wie heute, ihre Reime auf. Ich war fasziniert von all dem Geklingel, Gerassel und Gepfeife. Doch dann geschah etwas,was diese lebendige Szene in das vielleicht schmerzhafteste Bild meiner Erinnerung verwandelte.

Unser Lala machte uns plötzlich auf ein schreckliches Heulen aufmerksam, das von irgendwo aus den Narzissenfeldern kam. Er spitzte die Ohren. Nachdem er sich sorgfältig nach allen Seiten umgesehen hatte, führte er uns schließlich auf einen von dornigem Gestrüpp bewachsenen Pfad. An dessen Ende stießen wir auf eine eingestürzte Mauer, die einen Hund zur Hälfte begraben hatte. Das schmerzerfüllte Geheul kam also von diesem Tier, das sich vergeblich aus den Steinmassen zu befreien versuchte.

Fast sechzig Jahre liegt dieser Vorfall nun zurück, doch jene herzzerreißende Szene, vor allem die um Hilfe flehenden Augen des gelben Hundes sind noch immer frisch in meiner Erinnerung. Sein Geheul klang mal wie das laute Weinen eines Menschen, dann wieder wie das Jaulen eines verwundeten Wolfes. Unser Lala lachte über den Anblick, und ein kleiner Junge aus unserer Gruppe bewarf den Hund mit Steinen, der dann erst recht losheulte.

Dies war der erste von so manchen Vorfällen, die in mir Scham darüber hervorriefen, mich zu den Menschen zählen zu müssen. Mit der Zeit fand ich heraus, dass kein einziges Tier ein anderes zerfleischt, nur um es zu quälen und sich an seinem Leiden zu erfreuen. Jedes Mal, wenn das Mitleid mich so stark ergriff, spürte ich es wie einen Messerstich in meiner Brust. Meine Empörung war so stark, dass ich meine eigene Angst vergaß. An jenem Tag schrie ich den Lala mit aller Kraft an: »Rette das Tier, rette es!«, und wild um mich schlagend, versuchte ich mich loszureißen und zu dem Hund hinüberzulaufen. Was danach geschah, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich nur daran, dass der Lala mich auf dem Arm nach Hause trug und dass ich nach diesem Schock erkrankte. Während der nächsten Tage, die ich bei Haminne auf dem Sofa verbrachte, erzählte sie den Nachbarn, dass ich mich vor einem Hund gefürchtet und dass diese Furcht meine Krankheit ausgelöst hätte!

Außer einem Hoca in grünem Turban wurde in jenen Tagen auch eine Heilerin, Arziye Hanim, an mein Bett gerufen, die mich besprechen sollte. Doch da der Schock nach jenem Vorfall wohl recht tief saß, holte mein Vater, der von den Geisterheilern, die mit Peris und Dschinnen in Verbindung standen, nicht viel hielt, auch Doktor Mülich, einen damals berühmten deutschen Arzt, ins Haus.

Die bitteren Medikamente, die Doktor Mülich verschrieb, musste ich wohl oder übel schlucken. Und obgleich mein Körper auf diese Behandlung durchaus ansprach, möchte ich doch hinzufügen, dass viele meiner Krankheiten, besonders jene im Kindesalter, oft mit Anfällen psychischer Schwäche zusammenhingen, die von Schocks ausgelöst worden waren. In schlimmeren Fällen äußerten sie sich in einem plötzlichen Verlust jeglichen Interesses am Leben. Doch genauso blitzartig konnte ich selbst aus der schlimmsten Krankheit ins Leben zurückkehren, sobald mich etwas Neues gefangen nahm.

Das Bild jenes armen unter der Mauer eingeklemmten Hundes und die grausamen Reaktionen seiner Umgebung beschäftigten mich noch eine ganze Weile, vor allem während jener langen Krankheit. Doch mit der Zeit quälte es mich weniger, da ich allmählich begann, das Leben als Realität zu begreifen, was mich wiederum meinen Mitmenschen näherbrachte.

In jene Zeit fällt auch meine erste Kinderfreundschaft. Vielleicht müsste ich sagen: meine letzte. Denn ich kann mich nicht erinnern, bis zum Eintritt ins Gymnasium noch einmal eine so enge Freundschaft erlebt zu haben. Diese Freundin war Sayeste, die jüngere Tochter der Familie Tablakârlar. Sayeste war ein freundliches Mädchen, immer bereit, es allen recht zu machen. Wenn ich heute die Gründe herauszufinden versuche, weshalb ich gerade sie zu meiner engsten Freundin erkor, muss ich mich schämen. Noch nie zuvor hatte ich jemanden mit so einer dunklen Haut gesehen! Ihre haselnussbraunen Augen hatten die gleiche Farbe wie ihr Teint. Ob mir wohl Sayeste half, meinen unbewussten Minderwertigkeitskomplex gegenüber der blonden, blauäugigen Familie meiner Stiefmutter zu überwinden? Ihr Hals und ihre Hände waren so dunkel, dass sie mir immer ungewaschen erschienen. Und wenn unsere Hände nebeneinanderlagen, freute ich mich über den unübersehbaren Farbunterschied. Wegen ihrer braunen Farben nannte meine Schwester Mahmure Sayeste »Haselnussmaus«.

Sie war sehr gesprächig, bewegte unaufhörlich ihre Hände und hatte ihre Augen überall. Sie wartete nie auf eine Antwort, und sie fragte mich auch nie etwas. Dies ist vielleicht der wichtigste Grund, weshalb ich sie so interessant fand. Hasse ich doch nichts in der Welt mehr, als ins Verhör genommen zu werden. Als Kind war ich so sehr in meine eigene Welt versunken, dass mir Fragen wie ein Angriff erschienen, wie ein Versuch, die Mauer, die ich um meine Seele errichtet hatte, mit Gewalt zu durchbrechen. Diesen Seelenzustand meiner Kindheit haben mir Journalisten noch viele, viele Jahre später immer wieder mit ihren Fragen ins Gedächtnis gerufen. Vielleicht spielte hier auch eine gewisse Schüchternheit eine Rolle. Zwar schreibe und rede ich freiwillig meist recht ungezwungen, auch über persönliche Dinge. Doch direkte Fragen wirken auf mich wie eine Aufforderung, mich vor aller Welt zu entblößen. Heute habe ich angesichts der vielen positiven und negativen Zeitungsartikel über mich den Eindruck, dass sich die schicksalsbestimmende Macht gern über unsere persönlichen Schwächen lustig macht.

Sayeste hatte in meinen Augen noch einen weiteren Vorzug: Sie war nicht allzu klug. Zwar brauche auch ich hin und wieder den Gedankenaustausch, doch auf die Dauer ermüdet mich das Ideenwälzen und Nachdenken. In Gesellschaft anderer schwieg ich damals lieber. Großmutters Haushälterin Havva Hanim fragte mich immer wieder: »Halide Hanim, bist du stumm? Kannst du nichts als den Kopf schütteln?« Andererseits kam es oft vor, dass ich laute Selbstgespräche führte, sobald ich ganz allein war. Auch in Sayestes Gegenwart lebte ich mehr oder weniger für mich. Wir spielten meist in der Marmordiele, die zwischen dem Garten und dem großen Empfangsraum lag. Manchmal stürmten wir die Treppen zu Haminnes Reich hinauf, ich auf der einen, sie auf der anderen...


Adivar, Halide Edip
Halide Edip Adivar, 1884 in Istanbul geboren, schloss sich 1920 dem Befreiungskampf an. Als es zum Bruch mit Atatürk kam, emigrierte sie 1924 nach England. 1939, ein Jahr nach Atatürks Tod, kehrte Halide Edip Adivar in die Türkei zurück. Sie lehrte an der Universität Istanbul, wurde ins Parlament gewählt und starb 1964 in Istanbul. Als eine der ersten bedeutenden türkischen Prosaautorinnen hinterließ sie ein umfangreiches literarisches Werk.

Birgi-Knellessen, Ute
Ute Birgi-Knellessen, geboren 1938, verbrachte viele Jahre in Istanbul. Nach der Übersiedelung in die Schweiz 1980 studierte sie Islamwissenschaft und Vorderasiatische Archäologie in Bern und arbeitet seither als freie literarische Übersetzerin.



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