Adame?teanu | Begegnung | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Adame?teanu Begegnung


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-99047-097-8
Verlag: Wieser Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

ISBN: 978-3-99047-097-8
Verlag: Wieser Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Es begegnen sich Ost und West: Ein erfolgreicher rumänischer Emigrant entsagt der Heimat, an die er sentimental gebunden ist, und entscheidet sich für den vielversprechenden Westen. Christa, eine junge Deutsche, befindet sich im Kampf mit der Erinnerung an die Securitate. Die Härte des Exils und die Wehmut der Erinnerungen potenzieren sich paradoxerweise gegenseitig. Das Buch ist ins Englische, Italienische, Spanische, Ungarische und Bulgarische übersetzt worden.

Gabriela Adame?teanu, geboren 1942, lebt und arbeitet in Bukarest. Seit 1992 setzt sie sich als Journalistin dafür ein, dissidentischen Stimmen ein Forum zu geben. Als eine der wichtigsten Autorinnen Rumäniens hat sie vier international beachtete, in zahlreiche Sprachen übersetzte Romane und zwei Erzählungsbände veröffentlicht, für die sie bedeutende Auszeichnungen erhalten hat. In deutscher Sprache erschien 2013 ihr Roman 'Der gleiche Weg an jedem Tag' bei Schöffling & Co. Georg Aescht, geboren 1953 in Zeiden, Siebenbürgen, Rumänien. Übersetzt aus dem Rumänischen. Wanderte 1984 mit Frau und Tochter aus. Redakteur der Kulturpolitischen Korrespondenzen bei der Bonner Stiftung Deutsche Kultur im östlichen Europa.
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War das nicht die Tür des Nebenabteils? Ein Schaffner, wer sonst könnte die Worte dermaßen klar und deutlich aussprechen:

Du bist angespannt, ja fiebrig, suchst deine Schnappatmung in den Griff zu kriegen. Abgewandt starrst du auf das dunkel schimmernde Fenster, kannst aber die Landschaften, die in der Nacht vorüberjagen, nicht ausmachen, du sitzt in einem Express, einem Intercity.

Du tastest deine Taschen ab, als wolltest du auf den Gang rauchen gehen, die Leute im Abteil haben ihre Augen auf dich gerichtet, schauen sie? Schauen sie nicht?

Du erhebst dich lässig von der Sitzbank, musterst dein erstarrtes Gesicht, das dir aus der Leere eines Spiegels entgegenblitzt, ist es deins? Oder auch wieder nicht.

Du drückst dich an Mänteln, Jacken, Hüten vorbei, steigst über blankgewichste Schuhe, stets bemüht, nicht draufzutreten, hoffst, dass die reglosen Gesichter hinter den Fenstern, an denen dein Schatten in gleichmäßigem Rhythmus vorüberhuscht, überzeugt sind, dass du zum Speisewagen, zum Bistro, zum Klo gehst, schnell, schneller, immer schneller, immer schneller, immer schneller, immer …

Die Geschwindigkeit des Zuges lässt dich gegen die Wände prallen, du bist in einem Express, einem TGV, in dem Zug nach Dragasani, dritter Klasse, schwarze Rußwölkchen nehmen dir den Atem, und eine Biene summt schon lange um dich herum. Da taucht zwei Schritt vor dir die Uniform des Bahnbeamten auf, mit der Schildmütze des Schaffners, er streckt die Hand aus, will deine Fahrkarte knipsen.

Jetzt wird sich eine Falltür unter dir auftun, und du wirst beschämt und verschwitzt nach Erklärungen suchen, die Aussprache, die Deklinationen und Konjugationen durcheinanderbringen und zwischen die rasenden Räder hinunter in die feuchte Finsternis stürzen …

Welch ein Glück, der Schaffner war nur zwei Schritt entfernt, aber er hat dich nicht gesehen! Was für ein Glück, dass niemand sieht, wie du dich unter einem Haufen Kleidern, schweren Mänteln, Uniformen, Smokings, raschelnden Trenchcoats, weißen Betttüchern, Linnen windest, aus denen Wolken von Motten emporschwirren. Nicht doch, es ist immer noch dieselbe Biene.

Du bist aus dem Schrank hervorgeschnellt und abgehauen, hinter dir hörst du die Stiefel der Soldaten, deine Pyjamabluse ist offen, deine Wange eingeseift, erst zur Hälfte rasiert. Im Rennen prallst du gegen die Wände mit düster schimmernden Fenstern, du bist in einem TGV, einem Güterzug, einem Intercity, und die fremden Gesichter starren dich gespannt an, du aber lauf, lauf, lauf! Da, ein leeres Abteil, schieb die Tür mit sicherer Hand auf, sag mit aller Bestimmtheit:

Die misstrauischen Gesichter auf dem Gang werden glauben, er hätte das leere Abteil betreten, seine Schildkappe blitzt in der Leere des Spiegels auf, es ist seine Schildmütze, es ist dein Gesicht, schnell, versteck’ dich, aber wo?

Beruhige dich, es ist derselbe Traum, das hat es schon gegeben, das hast du schon erlebt, aber wo? Du erinnerst dich nicht, wann, du erinnerst dich nicht, wo das war, ach, wie langweilig … Du durchwühlst deine Taschen nach den Blutdrucktabletten, stößt auf Zigaretten, Drops, zerknitterte Blätter, allerdings erkennst du nicht, in welcher Sprache der Vortrag abgefasst ist, noch nicht einmal das Alphabet. Was wirst du der Hörerschaft denn bieten? Das weißt du nicht.

Du bist von deinem Fensterplatz aufgestanden, reinigst ostentativ deine Pfeife, als wolltest du auf den Gang hinaustreten, aber was soll dieses missbilligende Schweigen? Ach ja! Es ist ein Nichtraucherabteil! Du kriechst unter die Bank, kauerst dich zusammen, machst dich klein, immer kleiner zwischen den wirbelnden Rädern. Du kauerst auf allen vieren und hältst den Atem an, dort oben in dem Gepäcknetz, in das du dich geflüchtet hast, siehst den Schatten, der das Fenster verdunkelt.

Jetzt wird sich die Tür des Abteils auftun und du wirst, zusammengekauert vor Schreck, in die Finsternis stürzen, die von blendenden Lichtkegeln durchfurcht wird.

Oben auf dem Bahnübergang ein Soldat mit schussbereiter Waffe, reglos wie eine Statue.

»Wer bist du? Woher kommst du? Wo willst du hin? Zeig deine Papiere! Antworte!«

Du bist unter einer Bank hervorgeschossen, dein verschrecktes Gesicht blitzt in der Leere eines Spiegels auf.

»Papiere!«, brüllen die Zöllner, die Grenzer, und sie hämmern mit den Gewehrkolben gegen die Abteiltür.

»Papiere! Wer bist du?«

»Wohin fährst du?«

»Was suchst du hier?«

»Red’, oder ich schieße!«

Nicht erschrecken, ganz ruhig, es ist derselbe lästige Traum, du hast, damit du erwachst, deine weichen Nägel ins weiche Fleisch gegraben, du versuchst, die schlaffe Hand zur Faust zu ballen, aber du bist immer noch da. Was immer du tust, es ist umsonst, du kommst nicht weg, du rennst wie verrückt, da ist die Uniform des Schaffners am Ende des Ganges, darauf rennst du zu wie verrückt, es ist zu spät, ihm den Rücken zu kehren, so zu tun, als hättest du ihn nicht gesehen, er steht zwei Schritt vor dir.

»Die Papiere!«, hörst du in deinem Rücken.

Wie oft hast du doch so dagestanden auf dem menschenleeren Bahnhof, vor der Weiterfahrt von der Schule, hast mit zitternder Hand über deine feuchten Schläfen und Wangen gestrichen, nur gut, dass du dem Zug voller Schaffner und bewaffneter Soldaten entkommen bist! Verschwänden doch nur auch die blutroten Flecken auf dem feuchten Betonboden und das Sirren, das sich durch deine Schläfen, in deinen Nacken bohrt … Beiläufig lässt du deinen Blick über das rötliche junge Fell schweifen, das sich auf den Schwellen, den Schienen unter dem Zug hinstreckt, wie sehr ähnelt doch dieser Hund, der seinen buschigen Schwanz zwischen die angespannten Hinterläufe geklemmt hat, Federigo, deinem Hund daheim!

»Fede! Fede!«, rufst du, aber der Hund unter dem Zug röchelt und verstummt.

Wessen Spur haben sie aufgenommen? Nicht etwa deine? Du hast dich umgedreht, damit dich nicht etwa die beiden düsteren Soldaten erkennen, die sich verkrampft an ihren Waffen festhalten.

»Die Papiere!«

»Wohin fährst du?!

»Woher kommst du? Deine Papiere!«

»Halt! Halt, oder ich schieße!«

Hastig gehst du, rennst immer schneller, immer schneller, du spürst, wie der Bahnhof in deinem Rücken immer kleiner wird, die Flecken mit dem Rot frischen Blutes flimmern über dem nebligen Pfad, auf dem du vorwärtsstrebst mit immer weicheren Beinen, die Schuhe nass vom Tau.

Plötzlich ändert sich die Szene, wechseln die Laute, die Farben, das Licht. Das intensive Grün der Tannen zieht sich hinauf zur dunstumwölkten Spitze, darunter das zarte Grün der Almwiesen, strähnige Grasbüschel auf dem lehmigen Pfad trittst du mit den schweren Stiefeln nieder, die dich drücken. Gib acht, dass du nicht ausrutschst! Gib bloß acht …

Wie oft bist du doch hier entlanggegangen, mit immergleichem Schritt, unzählige Füße steigen mit dir die Betontreppen der Brücke hinauf, darunter winden sich drei Rinnsale über rundgeschliffene Steine, Sandzungen lecken daran, auf denen bescheidene Saisonurlauber liegen, weiche bleiche Leiber, die vergeblich darauf warten, dass die Sonne sich zeigt über dieser verschatteten Erde.

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Da ist auch die CHEMISCHE REINIGUNG, das Firmenschild an der schmutziggelben Mauer, die aus der sandigen Erde ragt, da sind auch die Bettüberzüge, grobe gelblichweiße Sargtücher, zum Trocknen gehängt, über ihnen schweben schwarze Qualmwolken, die sich auf die Häupter derer herabsenken, die unablässig Reisetaschen, Rucksäcke, Koffer, Säcke, Kerzen, mit...



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