E-Book, Deutsch, 608 Seiten
Reihe: Türkische Bibliothek
Adak Hundert Jahre Türkei
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-293-30109-2
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zeitzeugen erzählen. Türkische Bibliothek
E-Book, Deutsch, 608 Seiten
Reihe: Türkische Bibliothek
ISBN: 978-3-293-30109-2
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zeitzeugen berichten von ihren Erlebnissen und gehen den Fragen nach, die seit je die türkische Gesellschaft umtreiben: sei es der türkische Nationalismus mit all seinen Facetten, der Umgang mit den Nationalitäten, die Stellung der Frau, sei es die Überlegung, wohin die kemalistische Revolution geführt hat. Diese Kernfragen sind nach dem Zusammenbruch des osmanischen Vielvölkerreiches über all die Jahrzehnte hinweg bis heute aktuell. Dieses Lesebuch ist Einführung und Quellenband zugleich – eine Geschichte der Türkei aus erster Hand, wie es sie noch nicht gibt.
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Vorwort
Die Türkei erlebte im 20. Jahrhundert eine Zeit stürmischer revolutionärer Umwälzungen. In unserer Anthologie kommen Zeitzeugen dieses Geschehens zu Wort. Es sind subjektive, authentische Texte: Presseartikel, Reden, Tagebücher, Memoiren, Geschichten und einige längere resümierende Artikel von engagierten zeitgenössischen Intellektuellen, denen die Probleme ihres Landes am Herzen liegen. Man spürt den Atem der Geschichte. Viele wichtige Mitspieler des historischen Dramas treten ins Rampenlicht. Die Texte sind weitgehend chronologisch angeordnet und nach Themenkomplexen gebündelt. Sie spiegeln zusammengesehen mosaikartig einen komplexen historischen Prozess: Nach der Auflösung des osmanischen Vielvölkerreiches zieht sich das Problem des türkischen Nationalismus wie ein roter Faden durch die türkische Geschichte, eng verknüpft mit naheliegenden Themen wie der Behandlung der ethnischen und religiösen Minderheiten, der abrupten Verwestlichung der Gesellschaft durch die kemalistische Kulturrevolution von oben, die den Bruch mit der orientalischen Tradition bewusst herbeiführen sollte, eng damit verbunden sind auch die Säkularisierung durch die Schließung religiöser Institutionen und die Frauenemanzipation. Doch um die Mitte des Jahrhunderts setzte eine gegenläufige Dynamik ein. Viele Intellektuelle empfanden einen Identitätsverlust und begaben sich auf die Suche nach den historischen Wurzeln, während parallel dazu das religiöse Bedürfnis breiter Schichten allmählich zu einer Re-Islamisierung der Gesellschaft führte. Dieses historische Spannungsverhältnis beherrscht mit allen seinen Widersprüchen noch heute die türkische Gesellschaft, die auch nach hundert Jahren nicht zur Ruhe kommt.
Dieser Band bietet auch den kulturhistorischen Kontext zu den literarischen Werken der Türkischen Bibliothek, wobei andererseits die Romane der klassischen Moderne als ergänzende Lektüre zu empfehlen sind.
Als Prolog steht ein Gedicht, das im Jahr 1902 die Gemüter bewegte. Eine wortgewaltige, pathetische Hymne und zugleich ein Schmähgedicht auf eine der schönsten Städte der Welt: Konstantinopel-Istanbul, seit 1453 die Hauptstadt des Osmanischen Reiches, das sich zu Anfang des 20. Jahrhunderts noch über drei Kontinente erstreckte, aber schon als »Kranker Mann am Bosporus« in den letzten Zügen lag.
Die westlich inspirierten, »wohltätigen Reformen« (Tanzimat-i Hayriye), die seit 1837 das durch militärische Niederlagen geschwächte Reich heilen sollten, hatten die osmanische Gesellschaft verändert. Westlich gebildete Offiziere, Beamte und Dichter trotzten Sultan Abdülhamit II. 1876 eine Verfassung ab, die er aber nach wenigen Monaten wieder suspendierte. Abdülhamit war durch die permanente Staatsverschuldung und die ökonomischen Zugeständnisse an die Europäer in deren Abhängigkeit geraten. Er führte zwar neben den bestehenden traditionellen, islamischen auch westlich orientierte Schulen und Hochschulen ein, an denen Französisch gelehrt wurde, und machte sich moderne Errungenschaften wie Elektrizität und Eisenbahnen zunutze, doch der krankhaft misstrauische Monarch stützte sich auf ein effektives Spitzelsystem und eine Zensurbehörde, die die Presse in Schach hielt und die Stimmen der kritischen Literaten zum Schweigen brachte. Diese bedrückende geistige Atmosphäre symbolisiert der Nebel (Sis) in Tevfik Fikrets Gedicht, der dicht und lähmend über der Stadt liegt.
Doch eines Morgens im Juli 1908 wollen die Istanbuler ihren Augen nicht trauen: Zwischen den gewohnten, langweiligen Verlautbarungen des Hofes in den gleich geschalteten Zeitungen steht eine unscheinbare Nachricht, die bald wie eine Bombe explodiert. Der Sultan hatte die Verfassung von 1876 wieder in Kraft gesetzt. Was war geschehen? Hüseyin Cahit und Falih Rifki beschreiben sehr lebendig diese eigenartige »revolutionäre Atmosphäre« von 1908. Es war der erste Militärputsch im 20. Jahrhundert: Junge türkische Offiziere, die in Saloniki stationiert waren und dem damaligen Geheimbund Einheit und Fortschritt angehörten, waren nach Istanbul marschiert und hatten dem Sultan dieses Zugeständnis abgerungen. Man nennt die Zeit zwischen 1908 und 1918 die Jungtürkenzeit oder die Zweite Konstitutionelle Periode. Doch bevor sich ein verfassungsgemäßes demokratisches System konsolidieren konnte, mussten die Jungtürken eine religiöse Konterrevolution niederschlagen, zwei Kriege auf dem Balkan führen, Aufstände in den arabischen Provinzen und Überfälle westlicher Mächte auf osmanische Territorien in Afrika abwehren. Denn die Europäer hatten schon heimlich das Erbe des »Kranken Mannes« als Beute unter sich aufgeteilt und waren an einem Erstarken des Osmanischen Reiches nicht interessiert. Das Zeitalter des Nationalismus hielt nun auch im Vielvölkerreich der Osmanen Einzug. Die Völkerschaften, die unter seinem Dach versammelt waren und lange Zeit in relativer Harmonie miteinander gelebt hatten, verfolgten nun ihre eigenen nationalen Ziele. Aber das geistige Leben in Istanbul blühte auf, Zeitungen und Zeitschriften überschwemmten den Markt, und auch die türkischen Intellektuellen, die sich bislang nicht als Türken, sondern als Osmanen definiert hatten, suchten nach einer identitätsstiftenden Geisteshaltung. Geradezu rührend beschreibt Ömer Seyfettin (Die Flaggen der Freiheit) den Traum eines jungen Offiziers vom völkerübergreifenden osmanischen Patriotismus. Ideologien, wie der Panislamismus mit dem osmanischen Kalifen an der Spitze, der kosmopolitische Osmanismus und der Turkismus beziehungweise Panturkismus standen zur Debatte. Aus den von Türken bewohnten Gebieten im zaristischen Russland kamen Intellektuelle wie Ahmet Agaoglu, Yusuf Akçura und Sadri Maksudi Arsal nach Istanbul und versuchten durch Artikel und Vorträge das ethnische Bewusstsein der osmanischen Türken zu wecken. Ein Forum für geistige Auseinandersetzungen wurde der Türken-Herd (Türk Ocagi), ein Klub, in dem Vorträge gehalten wurden, wobei unter der Zuhörerschaft und den Rednern bald auch Frauen waren. In der Jungtürkenzeit gab es die ersten Emanzipationsbestrebungen, und das Erziehungssystem wurde von Frauen wie Halide Edip, Nakiye Elgün und Nezihe Muhittin reformiert.
Doch der Erste Weltkrieg, in den sich die jungtürkischen Führer (Enver Pasa, Talât Pasa und Cemâl Pasa) an der Seite Deutschlands einmischten, führte zur militärischen Katastrophe und damit zum Zusammenbruch des Osmanischen Reiches. Die jungtürkischen Führer befleckten in diesem Krieg die türkische Ehre, indem sie sich der grausamen Armenierverfolgung schuldig machten. Sie flohen 1918 nach Deutschland. Lange Zeit unbeachtete frühe Texte über die armenische Thematik von Hüseyin Cahit und Falih Rifki zeigen, wie selbst Persönlichkeiten, die den Jungtürken nahestanden (Hüseyin Cahit und Halide Edip), ihren Abscheu über diese Gräuel nicht verbergen konnten.
Alle Territorien außer Anatolien und einem kleinen Gebiet in Rumelien gingen dem Reich verloren. Die alliierten Mächte waren begierig, ihre längst vorbereiteten Aufteilungspläne zu verwirklichen. Die Zeit zwischen 1918 und 1923 nennt man die Zeit des Waffenstillstands (Mütareke), in der die Sultansstadt und die osmanische Regierung unter der Kuratel fremder Mächte standen, die die nicht türkischen, nicht muslimischen Bevölkerungsteile in ihren Animositäten gegen die Türken bestärkten und sie für ihre Pläne instrumentalisierten. Süreyya Agaoglu beschreibt, wie sie als rebellische Halbwüchsige diese Besatzungszeit erlebt, nachdem ihr Vater Ahmet Agaoglu, wie viele andere türkische Patrioten, von den Alliierten als Sympathisant der Jungtürken nach Malta deportiert worden war. Als am 14. Mai 1919 unter dem Schutz der Entente-Mächte griechische Truppen in Izmir einfielen, schlug der türkische Patriotismus erstmals hohe Wogen. Auch Halide Edip und Nakiye Elgün hielten flammende Reden auf öffentlichen Plätzen gegen die Ungerechtigkeit der Westmächte, die vor Abschluss eines Friedensvertrags vollendete Tatsachen schaffen wollten. In Anatolien regte sich Widerstand, und am 19. Mai 1919 landete Mustafa Kemal Pasa, der sich 1915 als heldenhafter Kommandeur im Krieg an der Dardanellenfront bewährt hatte, in Samsun am Schwarzen Meer. Er hatte den offiziellen Auftrag von der Sultansregierung, die osmanische Restarmee in Anatolien zu inspizieren und die aufflammenden Aufstandsbewegungen unter Kontrolle zu bringen. Doch wie er in einer in diesem Band abgedruckten Passage aus seiner berühmten Rechtfertigungsrede von 1927 ausführt, hatte er angeblich bereits damals das Ziel vor Augen, das osmanische Sultanat und Kalifat abzuschaffen, eine demokratische Regierung zu ermöglichen und dem türkischen Volk damit die Souveränität zu übertragen. Diese Ideale wurden durch vorbereitende Kongresse in Erzurum und Sivas und die Wahl und Einberufung einer Nationalversammlung sowie die Bildung einer nationalen Regierung in dem zentralanatolischen Provinzstädtchen Ankara sukzessive verwirklicht. Damit stellte sich Ankara gegen den osmanischen Sultan und Kalifen Vâhitettin, der mit den Besatzungsmächten kollaborierte und durch eine Fetwa des Seyhülislam die Führer der Nationalbewegung, neben Mustafa Kemal u.?a. auch Halide Edip und ihren Gatten Dr. Adnan Adivar, zum Tode verurteilen ließ. Aus dem besetzten Istanbul strömten national gesinnte Helfer herbei. Der Schriftsteller Yakup Kadri, der als Berichterstatter für Istanbuler Zeitungen nach Anatolien zog, beschreibt die unterschiedliche Atmosphäre der Jahre 1920?/?21 in der unterdrückten Sultansstadt Istanbul und in Ankara, der Hochburg der...




