E-Book, Deutsch, 270 Seiten
Achleitner Das Schloß im Moor (Roman)
1. Auflage 2014
ISBN: 978-80-268-0862-6
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 270 Seiten
ISBN: 978-80-268-0862-6
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieses eBook: 'Das Schloß im Moor (Roman)' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Arthur Achleitner (1858/1927) war ein deutscher Schriftsteller. Achleitner war der Sohn des Straubinger Stadtpfarrchoralisten Innozenz Achleitner. Dieser schickte seinen Sohn sehr früh aufs örtliche Gymnasium und auf die Universität in Salzburg, um ihm ein Lehramts-Studium zu ermöglichen. Nach dem Tod des Vaters brach Achleitner sein Studium sofort ab und bereiste fast ganz Europa. Aus dem Buch: 'Schloß Ried mit seinen behäbigen Gebäuden beherbergt eine Brauerei, die ein anerkannt vorzügliches Produkt an zahlreiche Wirte der Seegegend wie tief hinein ins Gebirge bis zur Landesgrenze liefert. Einst fürstliches Eigentum, ging das große Anwesen mit bedeutendem Grundbesitz vor vielen Jahren durch Kauf an die Familie Tristner über, deren Haupt ein Fachmann auf dem Gebiete der Brauerei war und es verstand, nicht nur ein vortreffliches Bier zu erzeugen, sondern auch den Umsatz zu heben, so daß die Schloßbrauerei Ried sich eines allgemeinen guten Rufes im ganzen Bezirk erfreuen konnte und erklecklichen Nutzen abwarf. Wo früher jeglichem Sport gehuldigt wurde, entwickelte sich die rastlose Tätigkeit eines schlichten Bürgers und Brauers, der alltäglich Weib und Kind mahnte, einfachen Sinnes und arbeitsam zu bleiben.'
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Zweites Kapitel
In der ländlichen Stille um Schloß Ried mußte das Vorfahren eines Wagens am Schloßportal ein die Hausgenossen alarmierendes Ereignis sein; Mutter Tristner hörte das Wagenrollen sogleich am Fenster und fragte die Tochter, wer denn zur Morgenzeit schon komme.
Flink beugte sich Olga zum Fenster hinaus und meldete der augenkranken Mama, daß ein eleganter Herr anfahre und eben seine Karte abgebe.
»Ein eleganter Herr? Wer kann das sein?« murmelte die alte Frau.
»Weiß auch ich nicht! Sehr modern gekleidet. Na, ich bin nicht wenig neugierig!« rief Olga und trat vom Fenster weg, erwartungsvoll auf die Tür blickend, durch deren Öffnung Eugenie eintrat. Hinterdrein kam ein Dienstmädchen mit der Visitenkarte.
»Gib her!« herrschte Olga das Mädchen an und las den Namen ab: Baron Otto Hodenberg. »Nanu! Was will der Herr?«
Im breiten Dialekt der Moorgegend erwiderte das Mädchen: »Gsagt hat er was, ich hab' die spaßige Red' aber nicht verstanden; er redet ganz anders als wie bei uns die Leut! Die Brauerei möchte er anschauen, und wenn's erlaubt ist, hinterdrein die Schloßleut aufsuchen, weil's gleich ist und er Zeit hat!«
»Dumme Gans!« rief Olga, »dergleichen albernes Zeug wird ein Baron nicht gesprochen haben. Führ den Herrn in den Salon, ich werde ihn dort empfangen!«
»Aber Olga, zu so früher Stunde! Und ein wildfremder Mann!« meinte die Mutter.
»Soll vielleicht ich mit dem Herrn sprechen und ihm eine Begleitung aus dem Büro geben?« fragte Eugenie dienstwillig.
Die Neugierde war in Olga erwacht, ein adeliger Besuch war im langweiligen Schloß Ried ein Ereignis; schnell entschlossen erklärte die Tochter des Hauses, die Repräsentanz ausüben zu wollen, und demgemäß erhielt das Mädchen von Olga Auftrag, den Herrn in den Salon zu geleiten.
Die Mutter beschäftigte hauptsächlich die Frage, was der Besuch für das Geschäft bedeuten könne. Schloß und Grundbesitz sind so wenig feil wie die Brauerei, ein Käufer hat also nichts zu suchen oder zu hoffen, und ein Kunde könne der fremde Baron auch nicht sein.
Olga ließ sich auf eine Erörterung dieser Fragen nicht weiter ein und wirbelte fort.
Mutter Tristner nahm nun die Hilfe Eugeniens in Anspruch und schritt, von der Gesellschafterin geführt, hinüber zum Krankenzimmer des Sohnes . . .
Hochaufgerichtet stand die sehr elegante Gestalt des etwa dreißigjährigen Besuchers, ein blonder Mann von norddeutschem Typus, den fast weißlichen Bart aufzwirbelnd und dann wieder die Handschuhe glättend. Lässig trug er einen mit Krone und Monogramm im Futter geschmückten Mantel über den Arm. Baron Hodenberg wollte sich den Anschein absoluter Blasiertheit geben; doch musterte sein monokelbewaffnetes Auge sehr neugierig die Saloneinrichtung, gewissermaßen den Wert der Möbel prüfend, und damit die Vermögensverhältnisse der Schloßbesitzer. Das Ergebnis solcher Prüfung schien den jungen Mann zu befriedigen; es ist jedes Stück gediegen, der Reichtum unverkennbar, solide Verhältnisse, für die der mächtige Bau des Schlosses schon eine gewisse Bürgschaft leistet. Nicht minder scharf musterte der Besucher die großen Gemälde, Kunstwerke älterer Zeit, die wahrscheinlich von den jetzigen Besitzern übernommen worden sein dürften. »Ein fürstlicher Besitz!« murmelte der junge Baron.
Es währte geraume Zeit, bis Fräulein Olga erschien und mit fast zuviel Lebhaftigkeit den Besucher willkommen hieß.
»Baron Hodenberg aus Hannover!« stellte sich der junge Baron vor, unter tadelloser Verbeugung, und fügte bei: »Irre ich nicht, habe ich die Ehre, mit dem verehrten Fräulein des Hauses zu sprechen.«
»Verzeihen Sie, Herr Baron, jawohl, ich bin Olga Tristner, die Tochter, und beauftragt, Sie zu empfangen. Mama ist schwer augenleidend und läßt um Entschuldigung bitten. Womit kann ich dienen? Bitte, nehmen Sie Platz!«
»Sehr gütig, gnädiges Fräulein! Verzeihen Sie nur mein frühes Erscheinen, wollte den Herrschaften erst später meine gehorsamste Aufwartung machen. Bin gekommen, um die vielgerühmte Brauerei zu besichtigen, falls dies gestattet sein sollte.«
»Aber natürlich, gern! Nur verstehe ich nicht, was an einer Landbrauerei Sehenswertes gefunden werden kann. Ein solches Etablissement gleicht dem andern, bei uns ist nichts los, die Langeweile gähnt zu jedem Fenster heraus!«
»Oh, gnädiges Fräulein fühlen sich in der Stille des Landlebens gelangweilt! An sich ja begreiflich, junge Damen wünschen Gesellschaft, Amüsement! Ich für meine Person würde mich just in diesem feudalen Ansitz sehr wohl fühlen; wirklich feudaler Sitz, städtischer Komfort verbunden mit den Annehmlichkeiten des Landlebens, unbelästigt von Schnüfflern . . .«
»Das wohl, Herr Baron! Zu uns kommt fast niemand.«
»Geradezu ideal! Wenn möglich, möchte ich mich in der Nähe ankaufen.«
»Wie? In unsrer entsetzlichen Moorgegend? Unbegreiflich! Ich trachte mit Händen und Füßen fortzukommen; habe es nie begriffen, wie sich Durchlaucht der Fürst just hier im Moor hatte festsetzen und bauen können.«
»Vielleicht ebenso Sonderling wie ich. Wenn gnädiges Fräulein die gehorsamste Bitte gestatten, würde ich das Ersuchen zu Füßen legen, mir einen Führer durch die Brauerei zu bewilligen.«
»Sehr gern. Ich werde Haferditzel beauftragen! Wenn es Ihnen genehm, begleite ich Sie.«
»Zu gütig, gnädiges Fräulein! Wird der Gang aber nicht eine Unordnung verursachen?«
»O nein! In keiner Weise!« Sie bat den Besucher, den Mantel im Salon zu lassen. Von Olga begleitet, begab sich der Besucher vor das Schloß, und im Hof rief die Tochter des Hauses mit scharfer metallisch klingender Stimme: »Haferditzel!«
Überrascht fragte der Baron, was der sonderbare Ruf zu bedeuten habe.
»Ein schöner Name, jawohl, unser Braumeister heißt Haferditzel! Netter Name, nicht?!«
Von Dienern verständigt, kam der bärenstarke, von Gesundheit strotzende Braumeister angelaufen. Er stellte sich dem Fräulein zur Verfügung, zugleich den fremden, eleganten Herrn begrüßend.
Fast barsch sprach Olga: »Herr Baron Hodenberg wünscht die Brauerei zu sehen. Sie übernehmen die Führung, ein Braubursch folgt uns und schließt hinterdrein ab. Avanti! Darf ich bitten, Herr Baron!«
Hodenberg konnte den Blick nicht abwenden von der graziösen, bezaubernden Gestalt Olgas, ihre Körperreize fesselten seine Sinne in besonderem Maße; doch wenn der Baron den verunstalteten Mund sah, die großen vorstehenden Zähne, mußte er sich zwingen, um den Widerwillen nicht merken zu lassen. Auf die technischen Erläuterungen des Braumeisters achtete Hodenberg in keiner Weise, ihn beschäftigten andre Gedanken. Im nahen Städtchen Landsberg hatte er davon gehört, wie gut situiert Tristners seien, ferner, daß die Tochter eine Schönheit wäre ohne die beklagenswerte Verunstaltung im Oberkiefer, eine geradezu glänzende Partie. Diese Mitteilungen reizten den beschäftigungslosen Baron, der, stetig auf Reisen, jede Gelegenheit ergriff, die Zeit totzuschlagen und dabei, wenn irgend möglich, Umschau nach einer passenden, reichen Braut zu halten. Der Wunsch nach Besichtigung der ländlichen Brauerei war Vorwand, ein Mittel, um mit Tristners in Fühlung zu kommen. Das wird allem Anschein wunschgemäß gelingen; es ist überhaupt vieles völlig nach Wunsch, die Abgeschiedenheit des wirklich fürstlichen Ansitzes, frei von jeder Belästigung, die Leute wahrscheinlich ländlich einfach, beschränkten Sinnes, vielleicht um den Finger zu wickeln und dankbar für die Ehre einer Beachtung seitens eines Barons. Aber des Fräuleins Oberkiefer forderte eine Selbstüberwindung, die ihm noch nicht möglich zu sein schien.
»Fachmann sind Sie, Herr Baron, nicht!« spottete Olga, als sie die Teilnahmslosigkeit Hodenbergs bemerkte.
»Doch, gnädiges Fräulein, das heißt: wir hatten, als wir noch auf hannoverschem Boden seßhaft waren, beim Rittergut eine Brauerei. Ich bin jedoch nicht für die Fabrikation ausgebildet worden, es fehlte an Interesse.«
Olga interessierte sich nun lebhaft für hannoversche Verhältnisse und fragte mit einem Eifer, der für Hodenberg bald lästig wurde und ihn veranlaßte, vom landwirtschaftlichen Thema zur Erörterung der persönlichen Verhältnisse überzugehen. Seufzend erzählte der Baron, es sei ihm leider die liebtraute Heimat verschlossen, sein altes, von Heinrich dem Löwen direkt abstammendes, uraltes Adelsgeschlecht sei untereinander schwer verfeindet, der feudale Besitz mußte verkauft werden. Stetig auf Reisen, sei er nach Bayern gekommen, und nun fahnde er nach einer Gelegenheit, sich in absolut ruhiger Gegend ankaufen und seßhaft machen zu können.
»Wie interessant! Es wäre reizend, wenn Sie sich, Herr Baron, in unsrer Nähe niederlassen würden; freilich wüßte ich nicht, welches Gut verkäuflich sein sollte. Zankstein ist nicht feil, die resolute Benedikte klebt an ihrer Scholle, obwohl – nein, ich will nichts weiter sagen.«
»Ist Zankstein ein Rittergut?«
»Das nicht, ein kleiner Besitz weiter drüben am See, einstöckiger Ansitz, der viel Geld schluckt durch ewige Reparaturen. Benedikte dürfte schon ein ganzes Vermögen in das Gut gesteckt haben und dennoch fast keine Rente herausbringen.«
»Nee, ich danke für solche Kaufgelegenheit!«
»Wäre auch nichts für Sie, Herr Baron! Die Abgeschlossenheit ist zeitweilig zu arg. Vielleicht finden wir etwas Passendes später. Aber nun dürfte es genug sein, in den Malztennen ist nichts zu sehen, der...




