E-Book, Deutsch, 290 Seiten
Abreu Was geschah wirklich mit Dulce Veiga?
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-86034-524-5
Verlag: Edition diá
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Low-Budget-Roman
E-Book, Deutsch, 290 Seiten
ISBN: 978-3-86034-524-5
Verlag: Edition diá
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Caio Fernando Abreu, geboren 1948, studierte Literatur und Theater in Porto Alegre und lebte seit 1968 als freier Autor in São Paulo. Wie kein Zweiter beschrieb er die zahllosen Widersprüche des urbanen Brasilien. Zweimal erhielt er den bedeutendsten brasilianischen Literaturpreis Prêmio Jabuti. Sein Werk umfasst Romane, Erzählungen, Theatertexte, Songtexte und Drehbücher. 1996 starb er an den Folgen seiner HIV-Infektion. Onde andará Dulce Veiga? ist außer ins Deutsche auch ins Englische, Französische, Italienische, Niederländische und Spanische übersetzt worden.
Weitere Infos & Material
Bevor ich sie überhaupt sah, schlug mir ein heftiger Schwall Trockeneis durch die Tür entgegen, die sie öffnete und gleich wieder schloss. Sie blieb vor mir stehen wie die Hohepriesterin, die einen Schatz bewacht. Eine mindestens eins achtzig große Hohepriesterin, nicht viel älter als zwanzig und dem Aussehen nach einer dieser langbeinigen Vögel, die auf den Ökokalendern am Rand der Sümpfe weilen. Sie hätte ganz witzig wirken können, wenn sie bloß nicht so krampfhaft auf ernst machen würde.
Patricia trug eine Brille, wie ich mir gedacht hatte. Keine runde, riesengroße, um zu betonen, dass sie viel las, auch keine mit bunter Fassung, um klarzustellen, dass sie trotz des vielen Lesens keine Langweilerin war. Eine Schmetterlingsbrille aus den Fifties von irgendeinem Edeltrödler im Stadtviertel Jardins. Das krause, fast blonde Haar hing in wüsten Kaskaden bis zum Hosenbund der knallengen Jeans. Die natürlich zerfranst war. An den Füßen schleppte sie schwere Stiefel, wie Soldaten oder Bergsteiger sie tragen. Sie machte den Eindruck, als wäre es ihr vollkommen egal, ob sie hübsch, nett oder manierlich aussah. Vielleicht hatte diese Ausstrahlung einer problematischen Oberschülerin deshalb etwas so Hilfloses.
Ich konnte den Blick einfach nicht von ihrem T-Shirt abwenden. Auf der Brust war etwas, das aussah wie die Zeichnung eines senkrecht geöffneten Mundes, ein bordeauxroter, blutähnlicher Fleck auf weißem Grund. Zwischen den violett getönten Lippenkonturen dieses Angst einflößenden Schlundes drohten zwei Zahnreihen, gezackt wie Haifischzähne. Und als ich an Lippen dachte, mit gerecktem Kopf, um besser zu sehen, fiel endlich der Groschen. Dies war eine Vagina dentata. Aber Gewissheit hatte ich erst, als Patricia sich umdrehte und ich auf ihrem Rücken den Namen der Gruppe lesen konnte.
Sie musterte mich gelangweilt, an mir war nichts Besonderes. Eine Jeans genau wie ihre, aber ohne Löcher, und ein weißes T-Shirt ohne Aufdruck, weder Vagina noch Phallus. Kein Ohrring, keine grüne Strähne im Haar. Eine Uniform, Kriegspfad oder Tarnung. Und unsichtbar sein wollte ich schon lange.
Sie fragte mich:
"Bist du der Typ von der Zeitung?"
"Ja."
"Du siehst wahnsinnig spießig aus."




