E-Book, Deutsch, 455 Seiten
Abrahams Missing Code - Verlorene Spur
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-503-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller
E-Book, Deutsch, 455 Seiten
ISBN: 978-3-98952-503-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Peter Abrahams ist ein renommierter amerikanischer Autor zu dessen weltweiter Leserschaft auch Stephen King gehört, der ihn als seinen »liebsten amerikanischen Spannungsromanautor« bezeichnet. Einige seiner Werke wurden mit hochkarätigen Stars wie Robert De Niro für die große Leinwand adaptiert. Die Website des Autors: www.peterabrahams.com/peter-abrahams/ Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine Standalone-Thriller »Der Nachhilfelehrer«, »Der ideale Ehemann«, »Der Häftling«, »Das Wunschkind«, »Dear Wife«, »Blacked Out - Gefährliche Erinnerung«, »Missing Code - Verlorene Spur« und »Hard Rain - Schleier aus Angst«.
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Kapitel 1
Freitag, der elfte April, war für Beth Hunter in doppelter Hinsicht ein besonderer Tag. Zum einen war es ihr Hochzeitstag. Zum zweiten erschien der Bräutigam nicht. Das bedeutete, daß Beth abgesehen von anderen Dingen auch nicht erfuhr, welche Pläne er für die Flitterwochen hatte.
Später, als es darauf ankam, sich an die Einzelheiten ihrer letzten gemeinsamen Wochen zu erinnern, war Beth imstande, sich den Augenblick zu vergegenwärtigen, in dem sie erstmals festgestellt hatte, daß Teddy etwas Besonderes plante. Das hatte sich zwei Wochen vor dem Hochzeitstag, an einem kühlen, sonnigen Februarmorgen ereignet.
Beth war den Abend zuvor ziemlich lange auf gewesen, hatte Abhandlungen junger Studenten über die Inquisition zensiert und auf Teddys Rückkehr von einer Konferenz in Washington gewartet. Die Beurteilung dieser Arbeiten hatte ihr Zeit gekostet, die sie für ihre Doktorarbeit benötigte, doch zuerst war es amüsant gewesen (»Die Inquisition: Pro und Contra«). Dann wurde es ärgerlich (»Da ich glaube, daß die Inquisition für unsere Zeit nicht von großer Bedeutung ist, habe ich beschlossen, stattdessen über Essen und Trinken im Mittelalter zu schreiben.«) Und schließlich wurde es zur Plackerei (»Die acht Ursachen für die Inquisition sind ...«) Beth erwachte, wobei ihr der Satz »Die Inquisition in Lied und Erzählung« durch den Kopf ging. Sie konnte sich nicht daran erinnern, ob sie das gelesen oder geträumt hatte.
»Wie wär ‘s mit einer Inquisitions-Fernsehserie?« sagte sie. »So Richtung Barney Miller, aber mit Kostümen.« Sie öffnete die Augen. Niemand hörte zu. Teddy war bereits aufgestanden. Er hatte eine Vertiefung neben ihr im Bett hinterlassen, die sich warm anfühlte. Beim Aufstehen bemerkte Beth eine Gleichung, die mit Filzstift auf den geblümten Kopfkissenbezug geschrieben war: x-X(s,t)f(s,t) = u[X(s,t)t]. Der letzte Teil verlor sich auf dem Laken. Gleichungen wie diese fanden sich überall im Apartment – auf den Titelseiten von Büchern, auf Weinflaschenetiketten, an der Wand über der Badewanne. Teddy schrieb sie mit dem nieder, was er gerade zur Hand hatte, wenn sie ihm einfielen.
Runter auf den Boden. Fünfzig Rumpfbeugen. Zwanzig Liegestütze auf den Zehenspitzen; die letzten drei oder vier waren wackelig. Beth hatte den Körper einer Schwimmerin, mit diesen langen, sich verjüngenden Muskeln, die viel stärker sind als sie aussehen. Sie schwamm noch immer jede Woche dreimal, aber ihr Körper war nicht mehr so schlank, wie er vor einigen Jahren gewesen war. Sie führte Krieg mit ihrem Gewicht, das in italienischer Pasta einen Verbündeten gefunden hatte. Sie hängte noch fünf weitere Liegestütze dran, nahm dann das Kissen vom Bett und ging, um nach Teddy zu schauen.
Er war nicht im Wohnzimmer. Sie hatte erwartet, ihn dort auf dem alten Cordsofa liegend, mit einer Tasse Kaffee und der Chronicle zu finden. Silbernes Morgenlicht erfüllte das ruhige Zimmer, fiel auf die Ölportraits von Beth und Teddy über dem Kamin. Der Künstler, von einem Freund empfohlen, wurde jetzt berühmt, doch Beth hielt sein Bild von Teddy fast für mißlungen. Mit der Form der Stirn und den feinen Knochen um die Augen hatte er etwas von Teddys Intelligenz eingefangen, doch den Ausdruck düsterer, konfuzianischer Würde, der auf dem gemalten Gesicht lag, hatte Teddy in Wirklichkeit nicht.
Trotz einiger Ungenauigkeiten war das Bild von Beth dem Künstler besser gelungen. Ihr Haar war zu hell – in Wirklichkeit war es so dunkel, wie Haar, das man eben noch blond nennen kann, sein kann; und ihre Augen waren nicht so blau – fast jeder, der blaue Augen hatte, hatte blauere als Beth. Aber er hatte sie nicht zu Doris Day gemacht. Die ausgeprägten Gesichtszüge waren da, und sie wirkte, als wolle sie etwas sagen, das sie lieber nicht sagen sollte: etwas, das für die höfliche Gesellschaft zu bissig war. Das hatte sie von ihrem Vater.
Beth ging auf den Balkon. Der Nordwind blies ein oder zwei mutige Segelboote über die Bucht. Die Luft war sehr klar. Sie konnte weiße Seemöwen über den Berkeley Hills auf der anderen Seite des Wassers schweben sehen. Teddy saß in einem sich auflösenden Korbsessel und las einen Brief. Er trug eine lange rote Unterhose und einen Samtumhang.
»Bist du verrückt?« sagte Beth. »Es ist eiskalt.«
Teddy schaute zu ihr hoch. »Es ist eiskalt, weil du nackt bist.« Er sah sie aufmerksamer an. »Nackt.«
»Nimm dich in acht.« Sie hob das Kissen. »Ist das wichtig?«
»Nur wenn du am frühen Morgen keinen steifen Hals haben willst«, erwiderte Teddy. Sie warf das Kissen auf ihn. Er bückte sich, schützte den Brief.
»Was ist das?«
»Nur ein Brief.«
»Von wem?«
Teddy antwortete mit unergründlichem Gesichtsausdruck: die Augen halb geschlossen, die Lippen zu einem verschmitzten Lächeln verzogen.
»Überanstreng dich bloß nicht mit deiner unergründlichen Miene«, sagte Beth. »Es sei denn, du versuchst einen auf Warner Oland zu machen, der den Tränen nah ist.«
Teddy Wu war als Chinese nicht sehr gut: er konnte nicht unergründlich aussehen, beherrschte die Sprache nicht und verlangte in Chinarestaurants immer nach einer Gabel. »Ich bin eben dumm«, pflegte er immer dann zu sagen, wenn Beth ihn an diese Unzulänglichkeiten erinnerte.
Beth drängte sich an den Korbsessel, legte ihre Arme um Teddy und versuchte, über seine Schulter zu lesen. »Heimtückisch«, sagte er, faltete den Brief und steckte ihn in seinen Umhang.
»Erzähl mir, was drinsteht.«
»Das würde alles vereiteln.«
»Heißt das, es soll eine Überraschung sein?« Sie schob ihre Hand unter seinen Umhang.
»Nicht in dem Sinne.«
»So was wie ein Hochzeitsgeschenk?«
»Nee.«
»Oder eine Reise? Eine Hochzeitsreise, ganz weit weg?«
Teddys Augen flackerten, aber er beobachtete nur eine vorbeifliegende Möwe. »Frag, was du willst«, sagte er. »Ich rede nicht.«
»Du brauchst auch nicht zu reden. Ich werde dir tief in die Augen schauen und Namen nennen. Ich weiß, wann ich richtig liege.« Sie blickte ihm tief in die Augen. »Paris. Rio. Fiji. Athen. Nairobi.«
»Daly City.«
»Jetzt stirbst du.« Beth schob ihren Unterarm unter sein Kinn. Er entzog sich ihrem Griff und ging hinein, um sein Kaffeeritual zu zelebrieren.
Beth erhob sich und starrte auf das Wasser hinaus. Eines der Segelboote, das vor dem Wind lief, setzte einen hellroten Spinnaker. Er flatterte einen Augenblick leicht, blähte sich dann wie eine schwere Brust. Beth ging hinein zu Teddy. Er stand am Küchentisch, schüttete seine Spezialmischung in die neue deutsche Kaffeemühle.
»Laß uns wieder ins Bett gehen«, sagte sie.
»Ich kann nicht.« Wieder flackerten Teddys Augen; dieses Mal war keine Möwe da. »Ich muß ins Büro.«
Das war ungewöhnlich. Teddy hatte ein Büro in Berkeley, wo er Mathematikprofessor war, aber er ging selten dorthin. Es war fast zwei Jahre her, seit er etwas veröffentlicht hatte. Beth hatte seine letzte Arbeit gesehen: »Betrachtungen zu Mordells Konjektur.« Sie bestand aus einem Einleitungssatz, zwei Seiten mit Gleichungen und einem zusammenfassenden Satz und war ihr unverständlich. Für diese Arbeit hatte Teddy den Crafoord Preis bekommen, den Nobelpreis für Mathematik. Die Time hatte einen Artikel über Teddy veröffentlicht, worin er als einer der drei oder vier wichtigsten Mathematiker des Jahrhunderts bezeichnet wurde, und dann die Bedeutung seiner Arbeit auf eine Art erklärt, daß Teddy beim Lesen nur noch die Augen verdrehte. Beth verstand auch nicht viel mehr von dem, was er tat, aber sie konnte sich vorstellen, warum er so reagierte.
»Ein Beweis ist ewig«, hatte er ihr einmal erzählt.
Als er aber andererseits einmal zu erklären versucht hatte, woran er gerade arbeitete, hatte sie seine Ausdrucksweise nicht verstanden. Teddy war daran gewöhnt. »Macht ja nichts«, sagte er. »Dafür weiß ich nicht, wer die Schlacht von Anghieri gewonnen hat.«
»Ich auch nicht.«
Das hatte ihn überrascht. Die Unterhaltung hatte, kurz nachdem sie sich im Gang eines Hallenbades in Berkeley kennengelernt hatten, stattgefunden, und ihm war noch nicht bewußt, auf welche Art Beth sich mit Geschichte befaßte. Das hatte mit Kriegen, Verträgen und Machtpolitik wenig zu tun – oder mit Einheiten pro Hektar, Überschüssen und Wirtschaftsmacht. Beth wollte vielmehr wissen, wie es beispielsweise wäre, die Tür eines Bauernhauses in Vaucluse 1423 zu öffnen und einen Blick hineinzuwerfen. Was würde da auf dem Feuer gekocht werden? Wie roch es? Wie waren die Menschen gekleidet? Was sagten sie zu ihren Kindern? Worüber sprachen sie mit dem Dorfgeistlichen? Was dachten sie über den Herrn droben auf dem Hügel? Beths Arbeit bestand nicht darin, über all dies zu phantasieren, obwohl sie es manchmal tat, seit ihrer Kindheit getan hatte. Als Historikerin bestand ihre Aufgabe darin, sich an Fakten zu halten. Beharrlichkeit zählte. Und Kreativität. Das war das Wort, das Profis benutzten, wenn sie Phantasieren meinten.
In der Küche streckte Beth ihre Hand aus. »Komm, Teddy. Zurück ins Bett. Nur für fünf Minuten.«
»Fünf Minuten!« Er sah bestürzt aus. »Nicht mal im Traum fiel's mir ein, dich so zu beleidigen.«
Beth versuchte es anders.
»Okay«, sagte Teddy nach ein oder zwei Minuten.
Sie begaben sich ins Schlafzimmer, ließen den Duft frisch gemahlener Kaffeebohnen hinter sich und Teddys Umhang. Und wieder genoß Beth die Weichheit seiner Haut, die Kraft seines schlanken Körpers, das Schimmern, das in seinen Augen leuchtete, als er erregter wurde. Keuchen, ihres und seines, und Gefühle, die kaum lange zu ertragen waren.
Danach lagen...




