E-Book, Deutsch, Band 2, 340 Seiten
Reihe: KREUZZUG
Abrahams KREUZZUG 2: KEINE GUTE TAT ...
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-95835-871-3
Verlag: Luzifer-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Endzeit-Thriller
E-Book, Deutsch, Band 2, 340 Seiten
Reihe: KREUZZUG
ISBN: 978-3-95835-871-3
Verlag: Luzifer-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
John Beck starrte in die Flammen. Orangefarben und rot leckten sie in die Luft über dem Lagerfeuer. Schwaden schwarzen Rauchs stiegen in den Himmel auf. Die Hitze traf in Wellen auf sein Gesicht, die gleichzeitig tröstlich und zu heiß waren.
Es war eine Stunde nach Sonnenuntergang und die Temperatur war schon um mindestens zehn Grad gefallen. Er spürte es in der Schulter und in den Knien. Dieser Winter würde die Schmerzen verschlimmern.
Wie lange würde er noch gegen Windmühlenflügel kämpfen können? Wie viele Tage, Monate oder Jahre konnte er noch dem mythischen Gral nachjagen? Sein Körper würde wohl nicht mehr lange durchhalten. Er seufzte und rieb sich das Kinn. Die Stoppeln fühlten sich unter seinen Fingern und der Haut zwischen Zeigefinger und Daumen kratzig an.
In der Ferne hörte er das tiefe Dröhnen und Tuckern eines mit Kohle betriebenen Zugs. Züge waren das einzige verbliebene Massentransportmittel, das von der organisierten Gesellschaftsform übrig war. Doch sie waren gefährlich. Verbrechen waren in ihnen weitverbreitet, daher waren es die Blasen und das langsame Vorankommen wert, zu gehen, statt mit einem Zug zu fahren. Sie waren außerdem auch unzuverlässig. Es gab keine festen Fahrpläne, und die Preise schwankten. Nur verzweifelte oder faule Menschen nahmen Züge. Zumindest sah Beck es so. Es gab bessere Arten, von A nach B zu kommen, wo immer diese Punkte auch sein mochten.
Seine Tochter war dort draußen. Das fühlte er in seinen arthritischen Knochen. Und wenn er auch kurz davor war, zu erfahren, wo sie war, hatte er das Gefühl, dass dieser Ort ebenso gut auf dem Mond sein könnte.
Beck sah durch den wabernden Rauch zu der fahlen Scheibe am klaren Himmel hoch. Bei allem, was sich seit dem Angriff, der die ehemaligen Vereinigten Staaten ohne Strom zurückgelassen und sie zweihundert Jahre zurückgeworfen hatte, verändert hatte, blieb der Mond immer derselbe. Die Sterne auch. Sie waren Konstanten. Er war in Gedanken versunken, als der junge Mann, der neben ihm saß, ihn aus seiner Geistesabwesenheit riss.
»Wie viele Menschen hast du getötet?«
Beck blinzelte, seine Augen brannten von dem Rauch, und sah Lucas an. Der Junge stocherte mit einem Stock im Feuer. »Warum ist das wichtig?«
Lucas warf den Stock fort. Er zuckte mit den Schultern. »Ich habe es mich nur gefragt.«
Beck schätzte die Körpersprache des Jungen ein. Dann sah er die andere Waise an, die er irgendwie auf seiner Reise östlich nach Alabama geerbt hatte. Rebecca schlief zu einem katzenartigen Ball zusammengerollt unter einer dünnen, zerlumpten Decke. Sie schnarchte.
Sie hatte ihr Camp eine Viertelmeile von der Straße auf einer Lichtung tief zwischen dicht stehenden Bäumen aufgeschlagen. Das Feuer war Luxus. In den meisten Nächten vermieden sie alles, was auf ihr Lager hinweisen und Fremde anziehen könnte. Doch da die Temperatur so fiel und Rebecca sehr überzeugend und hartnäckig gewesen war, hatten sie es sich gegönnt.
»Was hast du auf dem Herzen?«, fragte Beck.
Er machte sich keine Sorgen, dass er Rebecca wecken könnte. Sie konnte alles verschlafen, einschließlich der Schießerei, die sie zwei Tage zuvor überlebt hatten. Man hatte ihnen in der Nähe von Newton, Mississippi, aufgelauert. Beck vermutete, dass dieser Zusammenstoß der Grund für Lucas‘ Frage war.
»Nichts«, sagte Lucas. »Ich meine, ich habe mich nur gefragt, ob es dich bedrückt. All die Toten. Das Blut.«
Beck atmete tief durch. Der Geruch des brennenden Eichenholzes füllte seine Nasenlöcher. »Es bedrückt mich. Wir haben schon mal darüber gesprochen, Junge.«
»Stimmt. Du hast gesagt, dass du deswegen nicht schlafen kannst. Das weiß ich. Ich habe mich nur gefragt, was es ist, das dich wachhält. Welcher Teil davon?«
Beck war ein Mann mit Dämonen. Er hatte ein hitziges Temperament. Probleme mit der Impulskontrolle. Aber er genoss Gewalt nicht. Er hatte damit zu kämpfen, dass es nötig war, zu verletzen und zu töten, damit er überlebte und seine Suche fortsetzen konnte.
»Ich sehe sie, wenn ich versuche zu schlafen«, sagte er. »Ihre Gesichter. Alle ihre Gesichter. Als würde man durch ein Kartenspiel blättern, so blitzt eins nach dem anderen auf. Einige sind Fremde, andere haben Namen. Aber alle nagen an mir. Sie bringen die Dämonen zum Plappern.«
»Die Dämonen, die dir zuflüstern?«
»Ja. Diese Dämonen.«
»Was sagen sie?«
Beck knirschte mit den Zähnen und versuchte, ruhig zu bleiben. Genau dieses Gespräch hatte er schon dreimal mit Lucas geführt. Oder sogar schon viermal. Oder fünfmal. Er war wie ein Kleinkind, das dieselbe Gute-Nacht-Geschichte jeden Abend hören wollte.
Beim Kämpfen war Lucas ein Mann. Unerschütterlich, genau, unbarmherzig. Seinem Alter voraus. Doch nachdem der letzte Schuss oder das Wimmern eines sterbenden Mannes verklungen war, verwandelte er sich wieder in den typischen Teenager. Unsicher, ohne inneren Halt, mit Angst vor der Zukunft.
Beck ermahnte sich, dass Lucas nur ein Junge war, der sich wahrscheinlich kaum daran erinnerte, wie das Leben vor dem Angriff vor über vier Jahren gewesen war. Er entspannte seinen Kiefer, atmete tief durch und zwang sich zu einem unbehaglichen Lächeln. Beck hatte kein natürliches Lächeln.
»Die Dämonen sagen Dinge, bei denen ich mich selbst infrage stelle. Sie erinnern mich an all die schlechten Dinge, die ich getan, die Fehler, die ich begangen habe, die Menschen, die ich …« Beck brach ab, als er das Knacken eines Zweiges hörte. Er wandte sich dem Geräusch zu. Es war nah. Zu nah.
»Hast du das gehört?«, flüsterte Lucas.
Beck legte einen Finger auf die Lippen und wies auf Rebecca.
Lucas nickte und schob sich dichter an das Mädchen heran. Beide Männer zogen ihre Waffen. Beck trug eine Glock Gen. 4, 9 mm. Lucas zog eine Ruger, die er einem Möchtegern-Räuber in Typer, Texas aus der noch warmen, toten Hand genommen hatte.
Das Feuer knackte, das Holz brach unter der Hitze. Noch ein Geräusch kam aus der Dunkelheit, noch näher. Beck verfluchte sich dafür, dass Feuer angezündet zu haben. Die Dämonen flüsterten. Es war zu spät, um etwas wegen des Feuers zu unternehmen.
Er gab Lucas ein Zeichen und entfernte sich vom Feuer Richtung Lichtungsrand. Sein Finger fand den Abzug und er ließ die Waffe an seiner Seite. Sie hatten so etwas schon mal gemacht.
Becks Herz hämmerte, sein Adrenalinspiegel stieg. Er verschwand im Wald und ließ Lucas und Rebecca im Licht des Feuers allein.
Er drückte sich gegen einen Baum und wartete. Obwohl es immer kälter wurde, waren seine Stirn und sein Nacken feucht vor Schweiß. Er brachte seine Atmung unter Kontrolle. Ein und aus. Ein und aus.
Ein weiteres Geräusch schärfte seine Sinne. Dieses Mal waren es Stimmen. Drei, alles Männer, die nur wenige Meter von ihm entfernt gedämpft miteinander sprachen. Er schlich auf sie zu, ihre schattenhaften Gestalten tauchten zwischen einer Gruppe von Gestrüpp und hohen, schmalen Golfküstenbäume.
Sie waren bewaffnet, hatten Gewehre.
Beck wappnete sich, hob seine Waffe und verfolgte die Männer. Er behielt sie im Blick und vertraute darauf, dass Lucas seinen Job erledigte.
Als die Männer sich aus dem Unterholz auf die Lichtung schoben, war Beck ihnen auf den Fersen. Er hielt einen vernünftigen Abstand und passte seine Schritte ihren an, um seine Annäherung zu verschleiern. Er stand am Rand der Lichtung, verborgen in der Dunkelheit.
Zwei Männer standen Schulter an Schulter, während ein dritter sich an Rebecca heranschob. Sie war allein beim Feuer. Becks Blick schoss von einer Bedrohung zur anderen, dann fand er Lucas ihm gegenüber. Er versteckte sich einen Schritt von der Lichtung entfernt, die Waffe gehoben und bereit.
Die beiden, die nebeneinanderstanden, trennten sich. Einer näherte sich einem der Bündel und ging in die Hocke. Er durchsuchte es, während der Mann, der Rebecca am nächsten war, die Decke zurückzog. Niemand sagte etwas.
Beck und Lucas sahen sich an und, als hätten sie gegenseitig ihre Gedanken gelesen, bewegen sich gleichzeitig.
Bevor sie einen Schuss abfeuerten, jaulte der Mann bei Rebecca wie ein Hund auf und fiel nach hinten ins Feuer, wo er um sich schlug, als er Feuer fing.
Die anderen beiden erstarrten vor Schreck und konnten nicht schnell genug reagieren. Beck und Lucas eröffneten das Feuer. Beide schossen mehrere Kugeln in die Fremden. Es war vorbei, bevor es angefangen hatte.
Der Mann im Feuer wurde still. Er zischte. Der stechende Geruch brennenden Haars mischte sich mit dem Duft nach Eiche.
Rebecca setzte sich unter der Decke auf. Sie rollte sich auf die Knie und stand auf. Das Metall eines Schlagrings glänzte im ersterbenden Licht des Feuers.
Lucas lief zu ihr. »Ist alles in Ordnung?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Mir geht’s gut. Und dir?«
»Mir auch.«
Sein Adrenalinspiegel sank wieder langsam und Beck ging zum Feuer. Er betrachtete die drei Leichen und zuckte bei dem Geruch zusammen.
»Wir haben den Stolperdraht vergessen«, sagte Lucas. »Das ist meine Schuld.«
»Es ist meine Schuld, dass wir das Feuer angezündet haben«, erwiderte Beck. »Ich hätte es besser wissen sollen.«
Rebecca stand auf und zog den Schlagring von den Fingern. »Es ist nicht Schuld. Das weiß ich.«
Beck wies auf den Schlagring. »Woher hast du den?«
»Der...




