Abbas | Die Erfindung der deutschen Grammatik | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 100 Seiten

Abbas Die Erfindung der deutschen Grammatik

Geschichten

E-Book, Deutsch, 100 Seiten

ISBN: 978-3-944543-30-7
Verlag: mikrotext
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Die Geschichten der jungen syrischen Autorin Rasha Abbas sind eine selbstironische Persiflage des Ankommens in Deutschland und in der deutschen Grammatik, voller popkultureller Referenzen. Witzig, abgedreht und oft ziemlich surreal.

Rasha Abbas nähert sich in ihren Geschichten der verflixten deutschen Sprache und allen anderen deutschen Strukturen mit Humor. Sie verwebt die stinknormalen Erfahrungen des Einlebens in Berlin beim Asylantrag, im Jobcenter, beim Sprachkurs, zwischen Künstler-Inflation und Hipster-Invasion gekonnt mit anderen Genres: Slapstick, Zombiefilm, Cartoon, Computerspiel. Bewaffnet mit einer Narrenkappe erzählt sie die Wahrheit über „uns Deutsche“, aber auch über „die Flüchtlinge“. Endlich wissen wir, warum die deutsche Sprache so schwierig ist und wie Videogames beim Jobcenter oder in der Ausländerbehörde behilflich sein können.

„Ein modernes Narrenschiff.“ FAZ

„Humorvoller Bericht über das Neusein in Deutschland.“ Deutschlandradio Kultur

„Erfrischend grotesk.“ Elektroprint

„Gelungenes Komödiendebüt. Es gibt eine Geschichte, die so komisch ist, dass sie einem Tränen in die Augen treibt.“ der Freitag

„Rasha Abbas schafft es, den Alltag vieler Flüchtlinge zwischen Lageso, Jobcenter und Integrationskurs humorvoll unter die Lupe zu nehmen.“ Edition F
Abbas Die Erfindung der deutschen Grammatik jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


Wie der Versuch, einen deutschen Superhelden zu erschaffen, scheiterte
Es gab eine Sache, die ich mir beim besten Willen nicht erklären konnte: Dass bis heute niemand einen berühmten deutschen Superhelden erschaffen hat. Mit Superheld meine ich natürlich das Gängige, so etwas wie Superman & Co., also einen Mann, der eine Unterhose über einer Leggins trägt und gegen Bösewichte kämpft. Ich fand, dass diese Mammutaufgabe nicht länger warten konnte, und nahm die Sache selbst in die Hand. Ich wollte dem Land, das mich aufgenommen hatte, etwas zurückgeben. Es war mir unverständlich, warum meine Mitmenschen meiner Begeisterung für diese Idee fast so etwas wie Mitleid entgegenbrachten. Sie sagten mir, ich könne ja ruhig anfangen, schon einmal das erste Abenteuer jenes Superhelden zu schreiben, solle mich dann aber nicht wundern, falls  „der hiesige Lebensstil“ die Handlung eventuell ein wenig behinderte. Was sollte das denn bitte heißen. Superhelden haben alle den gleichen Lebensstil: Sie retten Unschuldigen das Leben und lassen sich dabei von nichts aufhalten. Es fiel mir nicht schwer, die Figur zu entwerfen. Bald schon hatte ich eine erste Skizze des deutschen Helden gezeichnet: mit breitem Kinn und makellos blondem Haar. Ich nannte ihn Jan, denn dies war der erste deutsche Name, den ich mir gemerkt hatte. Und siehe da, es war auch der perfekte Zeitpunkt für seinen ersten Einsatz, denn gerade war eine Bande von Straßenflegeln dabei, einer Dame auf der gegenüberliegenden Straßenseite die Handtasche zu stehlen. Jan jedoch blieb störrisch auf seiner Straßenseite stehen und weigerte sich, zum Tatort zu eilen. Aber Jan, was hindert dich denn? Er begnügte sich damit, mir einen verächtlichen Blick zuzuwerfen und mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die Fußgängerampel zu zeigen, die rot war. Ja, aber Jan! Ist es denn sinnvoll, dass du jetzt hier solange wartest, bis die Ampel grün wird? Die Bande hat es mittlerweile geschafft, sich die Handtasche zu schnappen, einer von ihnen hatte sich des Lippenstifts darin bemächtigt und sich die Lippen geschminkt, ein paar Ohrringe herausgenommen, sich an die Ohren gesteckt und ein Selfie geschossen, während die Dame weinend am Boden la.. Jan erwiderte nichts. Er verschränkte die Arme fest vor der Brust und verweigerte jeglichen Kommentar. Bis die Ampel schließlich grün wurde. Die Bande hatte sich inzwischen längst aus dem Staub gemacht, und es gab nicht mehr viel für Jan zu tun, außer der Dame wieder aufzuhelfen und sie zur nächsten Polizeistation zu begleiten. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Als Jan niedergeschlagen von seinem missglückten Abenteuer heimkehrte, versuchte ich, ihn wieder aufzubauen, indem ich ihm dieses Sprichwort in eine Sprechblase schrieb. Aber Jan blies sie weit von sich fort. Die einzige Möglichkeit, ihn zu motivieren, wäre eine erfolgreiche Heldentat. So könnte ich ihm glaubhaft machen, dass er für diese Art Leben geschaffen wurde. Ich beeilte mich, ein Quadrat zu zeichnen, worin sich das Kundenservice-Center einer Bank befand. Dann fügte ich einen maskierten Bankräuber hinzu, der eine Bankangestellte mit einer Pistole bedrohte. Zum Glück stand Jan diesmal keine Ampel im Weg, denn ich hatte ihn direkt vor einer Fußgängerunterführung platziert. Es gab also nichts, das ihn hindern konnte, wie ein Turmfalke zur Bankfiliale zu stürzen und den Überfall zu verhindern. Gespannt hielt ich den Atem an und wartete, was passieren würde, während ich Jan dabei zusah, wie er das Bankgebäude stürmte und den Dieb fest am Kragen packte. Plötzlich wurde die Szene von einer Bankangestellen unterbrochen, die mit einem Stift und einem Stapel Unterlagen an den Schalter kam. An Jan gewandt sagte sie: „Guten Tag, entschuldigen Sie die Störung: Sie sind sicher der Herr, den man beauftragt hat, die Bankfiliale vor dem Überfall zu retten, richtig?“ „Ja, der bin ich.“ „Haben Sie denn auch eine Bankrettungsgenehmigung?“ „Nein, was soll das überhaupt sein?“ „Kein Problem. Ich bräuchte nur schnell ein paar Informationen von Ihnen. Dann lasse ich Sie auch gleich wieder zur Tat schreiten.“ „Natürlich.“ „Könnten Sie bitte dieses Formular ausfüllen? Ich brauche Ihren Vor- und Nachnamen und bitte hier auch die Postleitzahl.“ Jan hängte den Einbrecher an einen Kleiderständer und schrieb die Informationen in das Formular. Dann gab er es der Dame hinter dem Schalter wieder und wollte gerade den Einbrecher vom Haken nehmen. „Oh, Verzeihung, es gäbe doch noch ein paar Dinge. Dürfte ich mir eine Kopie von Ihrer Anmeldebescheinigung machen?“ Jan zog das Papier aus der Brusttasche seines Superheldenanzugs und überreichte es der Angestellten, die damit für einige Minuten verschwand. Als sie wieder da war, sagte sie: „Vielen Dank. Hier haben Sie Ihre Anmeldung wieder, und jetzt noch eine allerletzte Sache: Sie müssten mir noch Ihre Steuernummer geben. Und Ihre Rentenversicherungsnummer bräuchte ich auch noch. Dann lass ich Sie auch wirklich ungehindert zurück an Ihre Arbeit, versprochen.“ Jan zog wieder Unterlagen hervor, die er der Bankangestellten übergab. Während sie die Daten in das Formular eintrug, nutzte er die Gelegenheit, einen verstohlenen Blick auf den Kleiderständer zu werfen. Der war jetzt leer. Schließlich kam die Bankangestellte zurück und gab ihm das gestempelte Formular: „Vielen Dank für Ihre Mitarbeit, Herr Jan. Mit dieser von uns beglaubigten Genehmigung haben Sie jetzt komplette Bewegungsfreiheit bei der Rettung unserer Bank vor dem Überfall.“ Bevor sie wegging, drehte sie sich noch einmal zu ihm um und sagte mit einem Lächeln: „Ich habe mich persönlich dafür eingesetzt, dass Sie eine bessere Bankschutzgenehmigung bekommen. Das ursprüngliche Formular, das wir hier in der Filiale hatten, hätte Sie nämlich nur berechtigt, die Hauptfiliale zu retten, und das auch nur innerhalb der nächsten drei Monate. Dann habe ich ein wenig Druck auf die Kollegen ausgeübt, dass sie die Genehmigung doch bitte auf alle Filialen erweitern mögen. Ja, und jetzt ist sie ganze sechs Monate gültig. Ab jetzt wird Ihr Briefkasten zugespamt – Pardon! – will sagen, durch die regelmäßige Post, die wir ab jetzt an Ihre Adresse schicken werden, haben Sie die einmalige Chance, all unsere Angebote und Sonderaktionen im Detail mitzuverfolgen.“ Jan reagierte auf keinen meiner Versuche, mit ihm zu kommunizieren, während er wütend, die Fäuste in den Hosentaschen seiner Leggins geballt, davon stapfte. Es war offensichtlich: Die Sache war für ihn ein für allemal erledigt. Ab heute würde er nicht mehr Teil des Projekts sein wollen. Ich sah ihm hinterher, wie er lief und lief, bis er an der U-Bahnhaltestelle ankam, von der aus er nach Hause fahren würde. Ich dachte mir, dass dies wohl das letzte Mal sein würde, dass ich ihn sah. Ich war kurz davor, das Handtuch zu schmeißen, als mir plötzlich eine letzte Idee kam, die mein Projekt vielleicht doch noch würde retten können. Schnell stellte ich drei böse Jungs vor den Eingang zur U-Bahn, die sofort einem Kleinkind die Schokolade aus der Hand rissen. Das Kind fing an zu weinen, während die Bande mit der Beute floh. Diesem Ruf würde Jan unmöglich widerstehen können, gibt es doch nichts, was das Gerechtigkeitsempfinden eines Menschen so in Wallung bringen kann, wie die zarte Unschuld der Kindheit. Tatsächlich war Jan gleich Feuer und Flamme und begann, der Bande hinterherzurennen. Doch, Moment, was geschah jetzt? Wieso blieb er plötzlich stehen? Die Bande sprang mit einem Satz in die gleich abfahrende U-Bahn. Währenddessen versuchte Jan nervös, Münzen in den Fahrkartenautomaten zu stecken. Das hatte ich nicht bedacht. Natürlich würde Jan nicht akzeptieren, Bösewichte in einem U-Bahn-Waggon zu verfolgen, ohne selbst vorher eine Fahrkarte entwertet zu haben. Doch bis er die Karte aus dem Automaten gezogen und abgestempelt hatte, war die U-Bahn mitsamt der Bande längst abgefahren und hatte Jan zurückgelassen, wie er, seine Fahrkarte in der Hand haltend, verwirrt dem Zug hinterherblickte, während im Hintergrund weiter das Weinen des bestohlenen Kindes zu hören war. An dieser Stelle klappte ich mein Zeichenheft zu. Ich setzte mich wütend ins Wohnzimmer und rauchte. Ich sah, wie die Rauchwolken dichter und dichter wurden, und sagte mir selbst einmal wieder, dass ich endlich mit dem Rauchen aufhören sollte. Oder wenigstens nicht so viel rauchen. Plötzlich löste sich aus dem Qualm eine Figur, die mir wohlbekannt war. Eine Figur, deren Abenteuer ich stets verfolgt hatte. Ich konnte nicht glauben, dass er jetzt wirklich hier vor mir stand, heftig hustend von all dem Rauch. Vor lauter Verwunderung fiel mir die Zigarette aus dem Mund, während ich ihn anstarrte. „Oh mein Gott, Superman! Erscheinst du mir jetzt etwa auch, wie du es bei den allergrößten Cartoonisten tust, wenn sie in einem Schlamassel stecken?“ „Also, um ehrlich zu sein: Nein. Ich bin gerade zufällig hier vorbeigeschwebt und wäre fast erstickt bei all dem Qualm, der von hier aufsteigt. Deshalb bin ich schnell hergeflogen, um den Brand zu löschen und die Unschuldigen zu retten. Wo ist denn das Feuer?“ „Hier ist kein Feuer, Superman. Ich habe nur geraucht.“ „Oh, ich sehe“, sagte er gleichsam beeindruckt und angewidert. „Vielleicht solltest du mit dem Rauchen aufhören. Hattest du gerade erwähnt, dass du Comics zeichnest und Schwierigkeiten hattest?“ „Ja, Superman.“ „Ich bitte dich, nenne mich einfach ‚Man‘, ohne das ‚Super‘. Ich mag es nicht so förmlich.“ „Okay, Man. Mein Problem ist Folgendes: Ich habe versucht, einen Superhelden zu zeichnen, aber irgendetwas...


Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.