Roman
E-Book, Deutsch, 368 Seiten
ISBN: 978-3-641-33122-1
Verlag: Penguin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
DIE ZEIT
1955, in einer Vorstadt nahe New York: Hinter dem gepflegten Vorgarten tobt ein Ehekrieg. Frank und April Wheeler, einst ein junges, hoffnungsfrohes und vielversprechendes Paar, drohen unter dem Druck der allgemeinen Erwartungen an eine glückliche Ehe und ein erfolgreiches Berufsleben zugrunde zu gehen. Harmlose Äußerungen entzünden sich zu Hasstiraden und steigern sich zu bedrohlicher Wortlosigkeit.Richard Yates' Debütroman machte ihn in den USA schlagartig bekannt und sorgte auch in Deutschland dafür, dass Jahre nach dem Tod des Autors das Yates-Fieber ausbrach.»Das eindringliche Psychogramm einer Ehe, die von Beginn an den Virus des Scheiterns in sich trägt. (...) Eine Tragödie hinter pastellfarbenen Fassaden.« Brigitte
Richard Yates wurde 1926 in Yonkers, New York, geboren und lebte bis zu seinem Tod 1992 in Alabama. Obwohl seine Werke zu Lebzeiten kaum Beachtung fanden, gehören sie heute zum Wichtigsten, was die amerikanische Literatur des 20. Jahrhunderts zu bieten hat. Wie Ernest Hemingway prägte Richard Yates eine Generation von Schriftstellern. Die DVA publiziert Yates' Gesamtwerk auf Deutsch, zuletzt erschien der Roman 'Eine strahlende Zukunft'. Das Debüt 'Zeiten des Aufruhrs' wurde 2009 mit Leonardo DiCaprio und Kate Winslet in den Hauptrollen von Regisseur Sam Mendes verfilmt. 'Cold Spring Harbor', zuerst veröffentlicht 1986, ist Yates' letzter vollendeter Roman.
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Zwei
Franklin H. Wheeler zählte zu den wenigen, die gegen den Strom schwammen. Er tat dies mit zaghafter Bedächtigkeit und, wie er hoffte, mit Würde; vorsichtig schritt er zwischen den Sitzreihen hindurch zur Bühnentür, nickte mit den Worten »Verzeihung ... Entschuldigung« lächelnd einigen bekannten Gesichtern zu und hielt dabei die Hand in der Hosentasche, um seine Knöchel zu verbergen und abzutrocknen, nachdem er die ganze Aufführung hindurch an ihnen herumgekaut hatte. Er war adrett und kräftig, ein paar Tage weniger als dreißig Jahre alt, hatte kurzgeschorenes schwarzes Haar und verfügte über jenes unaufdringlich gute Aussehen, das einem Werbefotografen zur Darstellung eines kritischen Konsumenten von gutgemachter, aber preisgünstiger Ware dienen könnte. Doch trotz des Mangels an hervorstechenden Zügen war sein Gesicht ungewöhnlich wandelbar: mit jedem Wechsel des Ausdrucks ließ es plötzlich eine völlig andere Person erkennen. Wenn Frank Wheeler lächelte, war er ein Mann, der sehr wohl wußte, daß man sich über das Scheitern einer Laienaufführung nicht viel Kopfzerbrechen zu machen brauchte, ein liebenswürdiger, vernünftiger Mann, der genau die richtigen Trostworte für seine Frau hinter der Bühne finden würde; aber in den Momenten, in denen er nicht lächelte, während er sich durch die Menge schob, deutete sich in seinen Augen das schwache chronische Fieber der Verwirrtheit an, und da schien es eher, als hätte er selbst Trost nötig. Das Problem war, daß er am Nachmittag in der Stadt, wie gelähmt von dem, was er als den »denkbar ödesten Job« bezeichnete, die ganze Zeit über seine Kraft aus der Vorstellung von Szenen bezogen hatte, die an diesem Abend noch ablaufen sollten: wie er nach Hause eilen, lachend seine Kinder in die Luft schwingen, einen Aperitif hinunterkippen und bei einem frühen Abendessen mit seiner Frau plaudern würde, wie er sie anschließend, seine beruhigende Hand auf ihrem straffen, warmen Schenkel (»Wenn ich doch bloß nicht so nervös wäre, Frank!«), zur High School fahren würde, wie er gebannt und stolz dasitzen, dann aufstehen und bei fallendem Vorhang in den donnernden Beifall einstimmen würde, wie er sich begeistert und aufgewühlt durch die jubelnde Menge hinter der Bühne durchkämpfen und seiner Frau den ersten tränenreichen Kuß abfordern würde (»War es wirklich gut, Liebling? War es wirklich gut?«) und wie sie schließlich beide, in der bewundernden Gesellschaft von Shep und Milly Campbell, irgendwo auf einen Drink Station machen und, unter dem Tisch einander die Hände haltend, das Ganze noch einmal durchsprechen würden. Nirgends in diesen Vorstellungen hatte er das Gewicht und den Schock der Realität vorausgesehen; nichts hatte ihn davor gewarnt, daß er von dem faszinierenden, strahlenden Anblick eines Mädchens, das er seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, überwältigt sein würde, daß dessen Blicke und Gebärden ihm vor Sehnsucht die Kehle zuschnüren würden, und daß dieses Mädchen vor seinen Augen dann wieder vergehen und sich in das reizlose, leidende Geschöpf verwandeln würde, dessen Existenz er jeden Tag seines Lebens zu leugnen versuchte, das er jedoch ebenso gut und schmerzlich kannte wie sich selbst, eine magere, verklemmte Frau, deren gerötete Augen vorwurfsvoll blitzten, deren falsches Lächeln beim Applaus ihm so vertraut war wie seine Füße, seine klamme, immer nach oben rutschende Unterwäsche und sein herber Geruch. An der Tür blieb er stehen, nahm die Hand aus der Hosentasche und begutachtete sie; eigentlich hatte er damit gerechnet, daß sie zu einem Klumpen aus Blut und Knorpel verformt war, aber sie wies nur ein paar rosarote Flecken auf. Schließlich zog er die Jacke zurecht, schritt durch die Tür und ging die Treppe hinauf in einen hohen, staubigen, vom grellen Schein einer nackten Glühbirne und tiefen Schatten erfüllten Raum, wo die Laurel Players, deren Schminke glänzte, in weitläufig verteilten Zweier- und Dreiergrüppchen umherstanden und aufgeregt mit ihren bleichen Besuchern sprachen. »Nein, im Ernst«, sagte jemand. »Habt ihr mich gehört oder nicht?« Und jemand anders sagte: »Was soll’s, auf jeden Fall war’s ein Riesenspaß.« Der Regisseur, umgeben von einer kleinen Schar New Yorker Freunde, zog gierig an einer Zigarette und schüttelte den Kopf. Shep Campbell, mit Schweißperlen bedeckt, hatte noch sein Maschinengewehr in der Hand, war aber eindeutig wieder er selbst; er stand neben der Vorhangschnur, hatte den freien Arm um seine kleine, zerzauste Frau gelegt, und beide demonstrierten ihre Entschlossenheit, das Ganze mit einem Lachen abzutun. »Frank?« Milly Campbell hatte sich winkend auf die Zehenspitzen gestellt und rief seinen Namen durch die zu einem Trichter geformten Hände, als wäre die Menschenmenge größer und lauter, als sie in Wirklichkeit war. »Frank! Wir sehen dich und April dann nachher noch, ja? Auf einen Drink!« »In Ordnung!« rief er zurück. »In ein paar Minuten!« Er winkte und nickte Shep zu, als dieser in gespieltem Salut das Maschinengewehr hob. In der Ecke sah er einen der kleineren Gangster im Gespräch mit einem molligen Mädchen, das im ersten Akt eine dreißig Sekunden währende Unterbrechung verursacht hatte, weil ihm das Stichwort entfallen war; es hatte offenkundig geweint, doch nun schlug es sich aufgekratzt an die Stirn und sagte: »Mein Gott! Ich hätte mich umbringen können!«; der Gangster wischte sich die fettige Schminke vom Mund und sagte: »Ach wo, ich finde, es war trotzdem ein Riesenspaß, oder nicht? Und das ist doch bei so was die Hauptsache.« »Verzeihung«, sagte Frank Wheeler und drückte sich an den beiden vorbei zur Tür der Garderobe, die sich seine Frau mit ein paar anderen teilte. Er klopfte und wartete einen Moment; als er sie »herein« sagen zu hören glaubte, öffnete er die Tür und spähte vorsichtig nach drinnen. Sie war allein, saß kerzengerade vor einem Spiegel und rieb sich die Schminke ab. Ihre noch immer geröteten Augen blinzelten; sie bedachte ihn kurz mit einem Lächeln, wie sie es bereits auf der Bühne gezeigt hatte, und wandte sich dann wieder dem Spiegel zu. »Hallo«, sagte sie. »Schon fertig zum Aufbruch?« Er schloß die Tür und trat auf sie zu, die Mundwinkel so gestrafft, daß seine Miene, wie er hoffte, Liebe, Humor und Mitgefühl ausdrückte; eigentlich wollte er sich zu ihr niederbeugen, sie küssen und sagen: »Hör mal, du warst wunderbar.« Doch durch ein fast unmerkliches Schulterzucken gab sie ihm zu verstehen, daß sie nicht angefaßt werden wollte, worauf er nicht wußte, wohin mit den Händen, bis ihm schließlich der Gedanke kam, daß »du warst wunderbar« das falscheste war, was er sagen konnte – es wäre herablassend oder zumindest unreif, sentimental und viel zu pathetisch gewesen. »Tja«, sagte er statt dessen. »Das war ja wohl nicht grad ein durchschlagender Erfolg, wie?« Er steckte sich lässig eine Zigarette zwischen die Lippen und zündete sie mit einem Schwung seines klickenden Zippos an. »Wahrscheinlich nicht«, sagte sie. »Ich bin gleich fertig.« »Schon gut, laß dir nur Zeit.« Er schob beide Hände in die Hosentaschen, zog die Zehen ein und sah auf seine Füße hinunter. Hätte er vielleicht doch lieber »du warst wunderbar« sagen sollen? Fast alles, so schien es nun, wäre besser gewesen als das, was er gesagt hatte. Aber darüber würde er später nachgrübeln müssen; im Augenblick blieb ihm nichts weiter übrig, als dazustehen und an den doppelten Bourbon zu denken, den er sich mit den Campbells irgendwo auf dem Heimweg genehmigen würde. Er betrachtete sich im Spiegel, spannte die Wangenmuskulatur an und drehte den Kopf ein wenig zur Seite, um sein Gesicht straffer und gebieterischer wirken zu lassen, wie er es seit seiner Jugend schon öfter vor dem Spiegel getan und wie es bisher noch kein Foto exakt wiedergegeben hatte – bis er schließlich erschrocken feststellte, daß sie ihn beobachtete. Ihre Augen im Spiegel ruhten einen unangenehmen Moment lang auf seinen, dann senkte sie den Blick und starrte den mittleren Knopf seiner Jacke an. »Hör mal«, sagte sie. »Kannst du mir einen Gefallen tun? Das Problem ist ...« Es war, als benötigte sie ihre ganze Kraft, um ihre Stimme nicht zittern zu lassen. »Das Problem ist, Milly und Shep wollten mit uns nachher noch irgendwohin. Würdest du ihnen sagen, daß wir nicht können? Vielleicht wegen der Babysitterin oder so.« Er wandte sich von ihr ab und blieb mit hochgezogenen Schultern, die Hände in den Hosentaschen, steifbeinig stehen – wie ein Anwalt in einem Bühnenstück, der sich gerade ein feinsinniges, moralisches Argument durch den Kopf gehen läßt. »Na ja«, sagte er, »das Problem ist, ich hab schon zugesagt. Das heißt, ich hab sie grad draußen getroffen und gesagt, daß wir mitgehen.« »Oh. Würde es dir dann was ausmachen, nochmal rauszugehen und das Ganze für ein Mißverständnis zu erklären? Wär doch bestimmt nichts dabei.« »Hör mal«, sagte er. »Jetzt fang bloß nicht so an. Ich hab einfach gedacht, es wär doch recht lustig, sonst nichts. Außerdem säh das doch ziemlich unhöflich aus, oder? Oder nicht?« »Das heißt also, du machst es nicht.« Sie schloß die Augen. »Na schön, dann sag ich’s ihnen. Vielen Dank.« Ihr nacktes, von Creme glänzendes Gesicht im Spiegel wirkte wie das einer Vierzigjährigen und so verhärmt, als litte es körperlichen Schmerz. »Moment mal«, sagte er. »Immer mit der Ruhe, bitte. Das hab ich doch gar nicht gesagt. Ich hab bloß gesagt, sie würden das verdammt unhöflich finden, sonst nichts. Und sie würden’s unhöflich finden. Ich kann nichts dafür.« »Na...