Psychische Gesundheit als Social-Media-Trend
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-552-07570-2
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lebenskrisen, emotionale Verletzungen und Phasen der Ineffizienz sind seit jeher Teil des Menschseins. Doch im digitalen Zeitalter zeigt sich eine immer größere Entschlossenheit, derartige Zustände krankhaft zu deuten. Social-Media-Plattformen sind voll mit psychiatrischen Diagnosen. Begriffe wie »Trauma«, »triggern« und »toxisch« werden inflationär verwendet. Eigen- und Fremddiagnosen gehen leicht von den Lippen. Wo aber liegt die Grenze zwischen Enttabuisierung und Verherrlichung? Präzise analysiert die Soziologin Laura Wiesböck die Ursachen und Folgen des Trends um »Mental Health«. Ein zeitgemäßes Buch und ein Plädoyer für das Aushalten emotionaler Ambivalenzen.
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Die Inflation von psychologischen Begriffen
Pathologisierende Kategorisierungen von unangenehmen Zuständen, Verhaltensweisen oder Empfindungen sind auf Social-Media-Plattformen omnipräsent: Wir leben in einer »narzisstischen Gesellschaft«, die Freundin agiert »borderline-crazy«, das eigene Umfeld gerne ordentlich und sauber zu haben, ist »typisch OCD«. Psychologische Fachbegriffe finden immer häufiger Eingang in die Alltagssprache und sind in bestimmten Milieus mittlerweile zu einem selbstverständlichen Teil des Umgangsjargons geworden. Der New Yorker Literaturkritiker Lionel Trilling nannte das Verwenden therapeutischer Begriffe außerhalb des Therapiekontextes den »Slang unserer Kultur«, die Autorin Jessica Bennett spricht von einer »TikTok-pseudo-psychology«. Unabhängig davon, wie man es bezeichnen mag, handelt es sich dabei nicht bloß um einen terminologischen Trend, sondern vielmehr um eine Nebenerscheinung der allgemeinen Verbreitung einer »psychotherapeutischen Kultur«.1 Mit der Popularisierung psychologischer Konzepte und der zunehmenden Inanspruchnahme psychotherapeutischer und psychiatrischer Behandlungen ist ein immer größerer Teil der Gesellschaft mit therapeutischem Vokabular vertraut geworden. Obwohl eine stärkere Sensibilisierung für psychische Belange in vielerlei Hinsicht förderlich ist, gilt es, die selbstverständliche Veralltäglichung eines Krankheitsvokabulars auch kritisch zu betrachten. Das inflationäre Auftreten eines therapeutischen Sprachgebrauchs kann zu einer Sinnentleerung von psychopathologischen Begriffen führen und damit zu einer Desensibilisierung gegenüber tatsächlichen Belastungen von Erkrankten. Denn die Konzepte dienen dazu, ernstzunehmende psychische Prozesse zu beschreiben. ADHS stellt beispielsweise eine substanzielle Belastung für die Betroffenen und ihr Umfeld aus Lehrer:innen, Eltern, Mitschüler:innen dar. Wird die Diagnose zu einer gebräuchlichen Floskel für kleine Unachtsamkeiten im Alltag, so leiden Glaubwürdigkeit und Ernsthaftigkeit der tatsächlichen Fälle sowie die Anstrengungen aller Beteiligten und Mitwirkenden. Die therapeutische Fachsprache suggeriert Zuspitzungen und Übertreibungen, da sie oft an den Grenzen menschlicher Erfahrungen arbeitet, dort wo Menschen klinische Schwierigkeiten haben. Die Alltagsrealität findet aber in einem weiten Feld zwischen derartigen Eindeutigkeiten statt. Es gibt unzählige Abstufungen innerhalb und jenseits der vorgegebenen Schemata und Kategorisierungen. So kann sich jemand zum Beispiel auch egoistisch verhalten, ohne eine narzisstische Persönlichkeitsstörung zu haben. Für jene Nuancen »dazwischen«, wie auch die Offenheit dafür, Verhaltensweisen wahrzunehmen, die über jene fixen Zuordnungen hinausgehen, bleibt in diesem Diskurs allerdings wenig Platz. Darüber hinaus birgt die Veralltäglichung von therapeutischem Vokabular auch die Gefahr, als »Waffe« eingesetzt zu werden, um Kontrolle in Beziehungen auszuüben. Ein prominentes Beispiel dafür ist der Fall des US-amerikanischen Schauspielers Jonah Hill und der Profi-Surferin Sarah Brady. In Textnachrichten, die Brady veröffentlicht hat, soll ihr damaliger Partner Jonah Hill geschrieben haben, dass sie nicht mit Männern surfen, keine Bilder von sich im Badeanzug posten, nicht modeln und keine Freundschaften mit Frauen schließen dürfe, die sich in »unstable places« befinden, da dies seine »boundaries for a romantic relationship« sind. Die Aktivistin und Autorin Gina Martin schlug daraufhin auf Instagram vor, das Wort »Grenzen« (»boundaries«) in diesem Zusammenhang gegen »frauenfeindliche Ultimaten« auszutauschen. Der Schauspieler war selbst viele Jahre in Therapie und hat darüber sogar den Film Stutz auf Netflix veröffentlicht — was jedoch nicht unbedingt bedeuten muss, dass die professionelle Therapieerfahrung dafür verantwortlich ist, wie er mit seiner Ex-Partnerin gesprochen haben soll. Populär geworden in der allgemeinen Sprachanwendung sind nicht nur ausgewählte Fachbegriffe, die ihre frühen Wurzeln in der Psychotherapie haben wie »Trauma« und »triggern«, sondern auch bestimmte »Internetbegriffe«, die nicht im ursprünglichen Sinne psychopathologische Wurzeln haben, alltagssprachlich jedoch so verwendet werden, wie »toxisch«. Und diese lohnt es sich zusammengenommen näher zu betrachten. Welche ursprüngliche Bedeutung liegt hinter den Begrifflichkeiten? Wie ist die gesellschaftliche Durchsetzungskraft der Ausdrücke zu deuten? Welche sozialen Dynamiken sind mit der alltäglichen Verwendung verbunden, und was verrät es über den gesellschaftlichen Zustand, in den diese eingebettet sind? »Toxisch« als endgültiges Urteil und Ausschlussgrund
Im Jahr 2018 wurde »toxic« vom Oxford Dictionary zum Wort des Jahres gewählt, mit der Begründung, dass ihm eine »kulturelle Bedeutung« auf lange Zeit prophezeit wird. Tatsächlich wird der Begriff bis heute allumfassend verwendet: von »toxischer Männlichkeit« und »toxischen Beziehungen« bis hin zu »toxischem Ehrgeiz« und »toxischer Positivität«. »Toxisch« gilt in der Alltagssprache als Etikett für eine Sammlung negativer Eigenschaften, wie »schlecht«, »schädlich« oder bezugnehmend auf Personen auch »egoistisch«, »manipulativ« oder »verletzend«. Ursprünglich bezeichnete der Ausdruck »toxikòn phármakon« im Altgriechischen das Gift, in das Krieger:innen ihre Pfeilspitzen tunkten. Auch gegenwärtig signalisiert Toxizität eine giftige Wirkung, der man sich besser entzieht. Wirft man jemandem vor, toxisch zu sein, hat das Gegenüber nur geringe Chancen, überzeugend dagegen zu argumentieren. Denn Toxizität liegt im Auge der Betrachter:innen. Dabei zeigen sich paradoxe Machtverhältnisse: Einerseits schreibt man sich selbst eine hohe Deutungshoheit zu darüber, wer ein »vergiftender Täter« ist. Andererseits geht ein hoher Einfluss und Wirkungsgrad von der als »toxisch« betitelten Person aus. Diese hat die Fähigkeit, alle, die mit ihr zu tun haben, zu kontaminieren, so dass der einzige Weg, davon verschont zu bleiben, darin liegt, sich von ihr fernzuhalten. Damit werden Menschen zu »wandelnden Giftschleudern«2 und Toxizität zu einer Art Stigma. Umgekehrt wird diese Strahlkraft nicht angenommen. »Ungiftige« Menschen können andere nicht entgiften oder immunisieren. Wie bei tatsächlichem Gift stellt sich allerdings die Frage, in welchem Verhältnis Dosis und Wirkung stehen. Um eine Analogie herzustellen: Schöllkraut ist eine Pflanze aus der Familie der Mohngewächse, die in großen Dosen giftig ist, in kleinen Mengen aber sogar therapeutische Effekte erzielt. Toxizität bedeutet in diesem Sinne ein Mengenrisiko, neben der Chance auf die Verbesserung des Ausgangszustands bei maßvoller Dosierung. In sozialen Kontexten werden dieses Potenzial und diese Ambiguität allerdings kaum suggeriert. Die Zuschreibung hat hier vielmehr eine gewisse Endgültigkeit, da sie sich nicht immer auf ein konkretes Verhalten in einer bestimmten Situation bezieht, sondern durchaus auf eine gesamte Person. Das bietet vielfältige individuelle Vorteile. In erster Linie kann die inflationäre Verwendung des Begriffs »toxisch« dazu dienen, zwischenmenschliche Ambivalenzen und Konflikte zu umgehen. Menschen als »toxisch« zu bezeichnen, kann ein Gefühl von Macht und Kontrolle über eine feindlich wahrgenommene Umgebung verleihen, von der eigenen Verantwortung entlasten und eigene Gefühle oder Umstände rechtfertigen. Es ermöglicht, sich von als »problematisch« wahrgenommenen Personen fernzuhalten bzw. zu entfernen und sich nicht mehr mit ihnen auseinandersetzen zu müssen. Als eine Art vereinfachender Abwehrmechanismus hilft es, schnell und eindeutig zu handeln und zukünftige, in Relation zu den Personen stehende Herausforderungen, Befürchtungen oder Ängste zu vermeiden. Denn durch die binäre Feindmarkierung in gut/böse, Täter/Opfer werden klare Verhältnisse geschaffen, widerspruchsfreie Urteile gefällt und eindeutige Handlungsanweisungen bereitgestellt. Damit gehen Feinheiten verloren. Das vorherrschende Bedürfnis nach Eindeutigkeit und die Praxis, menschliche Ausdrucksweisen möglichst klar und einfach zuordenbar zu machen und einer unmissverständlichen Bewertbarkeit zu unterwerfen, kann als »Angriff auf die Nuance« gesehen...