E-Book, Deutsch, 238 Seiten
Die Lulu-Doppeltragödie
E-Book, Deutsch, 238 Seiten
Reihe: Frank Wedekind - Werke in Einzelbänden.
ISBN: 978-3-8353-4588-1
Verlag: Wallstein
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lulu scheint aus dem Nichts zu kommen. Ihr Wesen betört die Männer - egal, ob Arzt, Künstler oder Zuhälter - rasch so sehr, dass sie ihr verfallen und tragisch enden. Ist diese geheimnisvolle Frau deshalb so begehrt, weil jeder Mann in ihr sich selbst und sein eigenes Wunschbild lieben kann? In den Lulu-Dramen führt Frank Wedekind die Gestalt jedenfalls nicht nur bei ihrem strahlenden Aufstieg, sondern auch in ihrem Verfall vor. Sie gerät erst in die Prostitution und schließlich in die mörderischen Hände des Serienkillers Jack. Es stellt sich die Frage: Ist Lulu die männerfressende Femme fatale oder Opfer männlich geprägter Machtverhältnisse?
Mit seinem Lulu-Dramen hat Frank Wedekind eine hellsichtige Analyse der Geschlechterbeziehungen, aber auch der Wirtschafts- und Machtstrukturen seiner Zeit geschrieben, die nichts an Aktualität verloren hat. Die Lulu-Dramen 'Erdgeist' und 'Die Büchse der Pandora' zählen immer noch zu den bekanntesten deutsch-sprachigen Dramen und werden weltweit gespielt. Lulus Erotik und Gleichgültigkeit, Stärke und Schwäche wirken noch heute verführerisch und verstörend - auf jeden Fall faszinierend.
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Erster Aufzug
Geräumiges Atelier. – Rechts hinten Entreetür, rechts vorn Seitentür zum Schlafkabinett. In der Mitte ein Podium. Hinter dem Podium eine spanische Wand. Vor dem Podium ein Smyrnateppich. Links vorn zwei Staffeleien. Auf der hinteren das Brustbild eines jungen Mädchens. Gegen die vordere lehnt eine umgekehrte Leinwand. Vor den Staffeleien, etwas gegen die Mitte vorn, eine Ottomane. Darüber ein Tigerfell. Rechts an der Wand zwei Sessel. Im Hintergrund eine Trittleiter. Erster Auftritt
SCHWARZ und SCHÖN.
SCHÖN (auf dem Fußende der Ottomane sitzend, mustert das Brustbild auf der hinteren Staffelei) Wissen Sie, daß ich die Dame von einer ganz neuen Seite kennen lerne? SCHWARZ (Pinsel und Palette in der Hand, steht hinter der Ottomane) Ich habe noch niemanden gemalt, bei dem der Gesichtsausdruck so ununterbrochen wechselte. – Es war mir kaum möglich, einen einzigen Zug dauernd festzuhalten. SCHÖN (auf das Bild deutend, ihn ansehend) Finden Sie das darin? SCHWARZ Ich habe das Erdenklichste getan, um durch meine Unterhaltung während der Sitzungen wenigstens etwas Ruhe in der Stimmung hervorzurufen. SCHÖN Dann verstehe ich den Unterschied. SCHWARZ (taucht den Pinsel ins Ölnäpfchen und überstreicht die Gesichtszüge). SCHÖN Glauben Sie, es wird dadurch ähnlicher? SCHWARZ Man kann nicht mehr tun, als es mit der Kunst so gewissenhaft wie möglich nehmen. SCHÖN Sagen Sie mal … SCHWARZ (zurücktretend) Die Farbe ist auch wieder etwas eingeschlagen. SCHÖN (ihn ansehend) Haben Sie jemals in Ihrem Leben ein Weib geliebt? SCHWARZ (geht auf die Staffelei zu, setzt eine Farbe auf und tritt auf der anderen Seite zurück) Der Stoff ist noch nicht genügend abgehoben. Man sieht noch nicht recht, daß ein lebender Körper darunter ist. SCHÖN Ich zweifle nicht daran, daß die Arbeit gut ist. SCHWARZ Wenn Sie hierher treten wollen. SCHÖN (sich erhebend) Sie müssen ihr wahre Schauergeschichten erzählt haben. SCHWARZ So weit wie möglich zurück. SCHÖN (zurücktretend, stößt die an die vordere Staffelei gelehnte Leinwand um) Pardon … SCHWARZ (den Rahmen aufhebend) O bitte … SCHÖN (betroffen) Was ist das … SCHWARZ Kennen Sie sie? SCHÖN Nein. SCHWARZ (setzt das Bild auf die Staffelei. Man sieht eine Dame als Pierrot gekleidet mit einem hohen Schäferstab in der Hand.) Ein Kostümbild. SCHÖN Die ist Ihnen aber gelungen. SCHWARZ Sie kennen sie? SCHÖN Nein. Und in dem Kostüm? SCHWARZ Es fehlt noch die ganze Ausführung. SCHÖN Na ja. SCHWARZ Was wollen Sie. Während sie mir steht, habe ich das Vergnügen, ihren Mann zu unterhalten. SCHÖN Sagen Sie … SCHWARZ Über Kunst natürlich, um mein Glück zu vervollständigen. SCHÖN Wie kommen Sie denn zu der reizenden Bekanntschaft? SCHWARZ Wie man dazu kommt. Ein steinalter, wackliger Knirps fällt mir hier herein, ob ich seine Frau malen könne. Nun natürlich, und wenn sie runzlig wie Mutter Erde ist. Andern Tags Punkt zehn fliegen die Türen auf, und der Schmerbauch treibt dies Engelskind vor sich her. Ich fühle jetzt noch, wie mir die Knie schwankten. Ein stocksteifer, saftgrüner Lakai mit einem Paket unter dem Arm. Wo die Garderobe sei. Denken Sie sich meine Lage. Ich öffne die Tür da (nach rechts deutend). Nur ein Glück, daß schon alles in Ordnung war. Das süße Geschöpf huscht hinein, und der Alte postiert sich als Schanzkorb davor. Zwei Minuten darauf tritt sie in diesem Pierrot heraus. (Den Kopf schüttelnd) Ich habe nie so was gesehen. (Geht nach rechts und starrt an die Schlafzimmertür hin.) SCHÖN (der ihm mit dem Blick gefolgt) Und der Schmerbauch steht Schildwache? SCHWARZ (sich umwendend) Der ganze Körper im Einklang mit dem unmöglichen Kostüm, als wäre er darin zur Welt gekommen. Ihre Art, die Ellbogen in die Taschen zu vergraben, die Füßchen vom Teppich zu heben – mir schießt oft das Blut zu Kopf … SCHÖN Das sieht man dem Bild an. SCHWARZ (kopfschüttelnd) Unsereiner, wissen Sie … SCHÖN Hier führt das Modell die Konversation. SCHWARZ Sie hat den Mund noch nicht aufgetan. SCHÖN Ist’s möglich! SCHWARZ Erlauben Sie, daß ich Ihnen das Kostüm zeige. (Nach rechts ab.) SCHÖN (allein, vor dem Pierrot) Eine Teufelsschönheit. (Vor dem Brustbild) Hier ist mehr Fond. (Nach vorn kommend) Er ist noch etwas jung für sein Alter. SCHWARZ (kommt mit einem weißen Atlaskostüm zurück) Was das für Stoff sein mag? SCHÖN (den Stoff befühlend) Atlas. SCHWARZ Und alles in einem Stück. SCHÖN Wie kommt man denn da hinein? SCHWARZ Das kann ich Ihnen nicht sagen. SCHÖN (das Kostüm bei den Beinen nehmend) Diese riesigen Hosenpfeifen! SCHWARZ Die linke rafft sie hinauf. SCHÖN (auf das Bild sehend) Bis übers Knie! SCHWARZ Sie macht das zum Entzücken. SCHÖN Und transparente Strümpfe? SCHWARZ Die wollen nämlich gemalt sein. SCHÖN Oh, das können Sie. SCHWARZ Dabei von einer Koketterie! SCHÖN Wie kommen Sie auf den entsetzlichen Verdacht? SCHWARZ Es gibt Dinge, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen läßt. (Trägt das Kostüm in sein Schlafzimmer.) SCHÖN (allein) Wenn man schläft … SCHWARZ (kommt zurück, sieht nach der Uhr) Wenn Sie übrigens ihre Bekanntschaft machen wollen … SCHÖN Nein. SCHWARZ Sie müssen im Augenblicke hier sein. SCHÖN Wie oft wird denn die Dame noch sitzen müssen? SCHWARZ Ich werde die Tantalusqual wohl noch ein Vierteljahr zu erdulden haben. SCHÖN Ich meine die andere. SCHWARZ Entschuldigen Sie. Dreimal höchstens. (Ihn zur Tür geleitend) Wenn mir die Dame dann nur ihre Taille dalassen will. SCHÖN Mit Vergnügen. Lassen Sie sich bald wieder bei mir sehen. (Stößt in der Tür auf Dr. Goll und Lulu) In Gottes Namen! Zweiter Auftritt
DR. GOLL. LULU. DIE VORIGEN.
SCHWARZ Darf ich vorstellen … GOLL (zu Schön) Was treiben denn Sie hier? SCHÖN (Lulu die Hand küssend) Frau Medizinalrat. LULU Sie wollen doch nicht schon gehen? GOLL Welcher Wind führt denn Sie hierher? SCHÖN Ich habe mir das Bild meiner Braut angesehen. LULU (nach vorn kommend) Ihre Braut ist hier? GOLL Sie lassen hier also auch arbeiten? LULU (vor dem Brustbild) Sieh da! Bezaubernd! Entzückend! GOLL (sich umsehend) Sie halten sie wohl hier irgendwo versteckt? LULU Das ist also das süße Wunderkind, das Sie zu einem Menschen gemacht … SCHÖN Sie sitzt meistens am Nachmittag. GOLL Und davon erzählen Sie...