E-Book, Deutsch, Band 77, 432 Seiten, Format (B × H): 155 mm x 230 mm
Eine interkulturelle Studie
E-Book, Deutsch, Band 77, 432 Seiten, Format (B × H): 155 mm x 230 mm
Reihe: Arbeiten zur Praktischen Theologie (APrTh)
ISBN: 978-3-374-06260-7
Verlag: Evangelische Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
[Changing views. Prophetic Preaching, an Integrative Study]
What is prophetic preaching? Is it the sermon of a charismatic exceptional human being or are we all empowered to preach prophetically? Is it authoritarian or can it be questioned, is it cutting off dialogue or can it initiate it instead? Is it a speech shaped by its certain moment in history or culture (so it will not be found in democratic societies or is not even wanted), or do we need prophetic preaching now to be or become the church? The author examines prophetic preaching from all angles: Exegetically, dogmatically, homiletically, from the perspective of those who preach and those who listen to the preaching. In order to do so she takes the readers on a journey to South Africa, the USA and Germany. She states that it is the ›changing of views‹ that makes the preaching prophetic and that makes such preaching necessary today.
Autoren/Hrsg.
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II.DREI ZUGÄNGE ZUM BEGRIFF DES PROPHETISCHEN PREDIGENS
1PROPHETENBILDER
»Ich predige auf der Kanzel der Martinskirche. Die Kirche ist brechend voll. Ich höre mich sagen: In Südafrika geschieht unsägliches Leid. Botha ist ein Schwein, er hat viele Menschen auf dem Gewissen. Er darf nicht länger regieren. Die Menge tobt und applaudiert, die Kirchenmauern werden transparent und sind weg. In der ganzen Umgebung bis hin zu den Bergen jubeln die Leute: Endlich einmal ganz klar die Wahrheit gesagt! Unter der Kanzel steht die Kirchenleitung. Ihnen ist es zu unruhig, ich soll herabgezerrt werden, sie kommen hoch. Ich trete auf den Boden der Kanzel, sie wirkt wie ein Trampolin, ich schwebe hoch, niemand kann nach, ich lache sie aus. Ich lande auf dem Dachfirst der Kirche, frei, unbeschwert. Um wieder auf Gottes Erdboden zu kommen, springe ich auf die Sakristei, sie federt mich ab, ein weiterer Sprung, ich stehe auf dem Boden. Vor mir steht jemand und sagt: Willkommen im Kreis der Revolutionäre. Wir reden nicht vom Brudersein, wir praktizieren es. Wir stehen jeder für jeden mit seinem Leben ein. Wenn du dazugehören willst, brauchen wir deine Parole. Ich antworte: ›Ich warte auf das Reich Gottes‹ und erwache.«1 Wer prophetisch predigen will, hat Bilder von Prophetie im Kopf. Es sind Bilder, die sich die Predigerin z.B. durch das Studium der Bibel erarbeitet hat, aber auch solche, die sie über bestimmte dogmatische Konzepte, Unterricht, Kindergottesdienst, künstlerische Darstellungen und dem Gebrauch der Worte Prophet und Prophetie in der säkularen Sprache mehr oder weniger bewusst in sich aufgenommen hat. Prophetenbilder sind nicht nur einfach Material, das in das theologische Verständnis der biblischen Prophetie einfließt und darüber die Predigt beeinflusst. Sie prägen die pastorale Existenz. Manfred Josuttis schreibt 1991: »Der Pfarrer will Prophet sein.«2 Sein »Anderssein« als Prophet ist beabsichtigt und gehört zu seiner Identität, an deren Konstruktion er sich beteiligt.3 Und da er »Pfarrer ist, indem er predigt« hat er den Anspruch, prophetisch zu predigen.4 Josuttis beschreibt die intrinsische Motivation dieser Berufung: »Der Pfarrer will Prophet sein«. Aber dem Selbstanspruch entspricht in den evangelischen Landeskirchen der EKD auch eine äußere Berufung, die sich in der Ordination und in der auf sie bezogenen gottesdienstlichen Einführung einer Pfarrerin und eines Pfarrers manifestiert: Schließt die Berufung zum »Hirten-und Verkündigungsamt«,5 so wie die gemeinsame Einführungsagende von UEK und VELKD formuliert, auch das »prophetische Amt« mit ein? Luther entwickelte nur ein priesterliches und ein königliches Amt, erst über Calvin und Bullinger dringt ein ›prophetisches Amt‹ in die protestantische und auch die katholische Theologie ein. In der Einführungsagende der UEK wird dennoch ein solches Amt nicht erwähnt. Verweigert sich die prophetische Rede einem ›Amt‹? Lässt sie sich vielleicht gar nicht institutionalisieren?6 Kann man überhaupt von einem von der Kirche legitimitierten Auftrag zum prophetischen Reden, vielleicht sogar von einer ›prophetischen Sukzession‹ sprechen?7 Und spricht die Pfarrerin auch dann noch im Auftrag der Kirche, wenn sie wie Josuttis’ Theologe im Traum die Kirche verlässt und ihr ›auf’s Dach steigt‹: Schließt diese Rede, wie W.H. Schmidt es fordert, die »Selbstkritik des Glaubens« (und der Kirche) ein?8 Oder kann sie überhaupt nur prophetisch reden, wenn sie einen Standpunkt außerhalb der Institution(en) einnimmt? Woher nimmt sie (dann) ihre prophetische Legitimation: aus einem exklusiven Offenbarungserlebnis? Predigerinnen einer African Independant Pentecostal Church würden hier zustimmen; sie werden darum Propheten genannt. Auch für das ›prophetic preaching‹ im ›African American Pulpit‹ spielt der Geistempfang – ›anointing‹ genannt – eine wichtige Rolle, der hier aber nicht nur die Predigerin, sondern auch die Gemeinde erfasst.9 Im Bereich der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) sind wir vorsichtiger. Nach Josuttis wird oder soll der Pfarrer nicht Prophet sein, »der Pfarrer will Prophet sein«. Stimmt diese Aussage, dann legitimiert er seinen prophetischen Auftrag jeweils selbst, und es hängt allein von ihm ab, ob er ihn ausführt. Ein völlig anderes Bild zeigt die Mehrzahl der – allerdings deutlich stilisierten – prophetischen Berufungserzählungen: Die Berufenen wollen nicht Prophet sein: Jeremia findet sich zu jung (Jer 1,6), Jona fürchtet Gottes Sinneswandel und sorgt sich um seinen prophetischen Ruf (Jona 4,2), und Jesaja wehrt die Berufung ab, weil er sich als Teil seines Volkes so in ein System von Schuld verflochten sieht, dass er außerstande ist, das »reine« Wort Gottes zu sprechen (Jes 6,5). Die Propheten der hebräischen Bibel wie des Neuen Testaments können sich wenigstens im Grundsatz legitimieren10: Ihre Botschaft, die es schwer hat, geglaubt zu werden, findet in der äußeren Berufung Grund und Halt. Die Kirchen der EKD ordinieren nicht explizit in ein prophetisches Amt, aber eine der Lesungen zur Einführung eines Pfarrers und einer Pfarrerin in der EKD zeigt doch einen prophetischen Auftrag an: »Der Geist des HERRN ist auf mir, weil der HERR mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen Freiheit, den Gebundenen, dass die frei und ledig sein sollen; zu verkündigen ein gnädiges Jahr des HERRN [und einen Tag der Vergeltung unseres Gottes, zu trösten alle Trauernden, zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauerkleid, Lobgesang statt eines betrübten Geistes gegeben werden, dass sie genannt werden ›Bäume der Gerechtigkeit‹, ›Pflanzung des HERRN‹, ihm zum Preise].«11 (Jes 61,1–3) Jede innere und jede äußere Berufung erheben den Anspruch, dass prophetische Rede geschieht. Die Frage stellt sich erneut: Was macht den prophetischen Auftrag aus, und welches Konzept des Propheten und der Prophetie ist hinter dem Auftrag erkennbar? In der Agendenformulierung ist die prophetische Rede Zuspruch, Auftrag und Verheißung zugleich: Der Prophet wird gesendet, in Gottes Namen gute Botschaft zu bringen, zerbrochene Herzen zu verbinden, Gefangenen Freiheit zu verkündigen, ein gnädiges Jahr des Herrn zu verkündigen u.a. Aber schon der Abschnitt der Agende, der mit den Worten »Tag der Vergeltung« (hebräisch ›Tag der Rache‹) beginnt, wird in Klammern gesetzt. Drückt die Einführungsliturgie bereits aus, dass eine Gerichtspredigt für christliche Predigerinnen eine ›uneigentliche‹ Option ist? Welche dogmatischen und hermeneutischen Entscheidungen liegen dieser Einschränkung zugrunde? Die Predigt von Josuttis’ Theologen und das, was die Pfarrerin der Lesung in ihrer Einführung nach tun soll, scheinen weit auseinander zu liegen: Hier das unverblümte und – aus heutiger Sicht karikierende – Gerichtswort (»In Südafrika geschieht unsägliches Leid. Botha ist ein Schwein. Er hat viele Menschen auf dem Gewissen. Er darf nicht länger regieren.«), dort der poetische Auftrag, Heil zu bewirken: gute Botschaft zu bringen, Gnade zu verkündigen, Trauernde zu trösten u.a.12 Oder sieht sich Josuttis’ Theologe gerade in der Flucht dieses Heilswortes, indem er den Rücktritt Bothas fordert, der »gute Botschaft« für die schwarze Bevölkerungsmehrheit in Südafrika gewesen wäre? Welches Prophetenbild leitet Josuttis’ Theologen? Im Traum steht der Theologe auf der Kanzel und hat die Gemeinde unter sich. Seine Predigt ist ethisch und besteht aus einer ›Zeitansage‹. Sie ist ein persönliches, politisches Statement in Prosaform, das im Aufruf zum Umsturz gipfelt. Der Theologe scheut vor Polemik nicht zurück. Die Gemeinde applaudiert ihm und macht aus dem lokalen Prediger einen Star, der auf der Woge des Erfolges die Grenzen der Kirche überschreitet. Sein eigentlicher Widersacher aber ist nicht ›Botha, das Schwein‹, sondern die eigene Kirchenleitung, der es »zu unruhig« wird. Als er ihr entkommt, fühlt er sich »frei« und »unbeschwert«. Dennoch ahnt er, dass sich sein Revolutionär-Sein nicht im Reden erschöpft. Am Ende schließt er sich einer Gruppe an, die ›Bruderschaft praktiziert‹, und wartet mit ihr auf das Reich Gottes. Der Vergleich mit der Predigt Tutus lässt die Linien des hinter diesem Traum befindlichen Prophetenbildes deutlicher zu Tage treten: Beide Predigten sprechen die Situation im Südafrika der Apartheid an. Beide Predigten wünschen den baldigen Regierungssturz. Beide Prediger lassen eine gewisse Vollmacht erkennen: Tutu legitimiert sich mit »I serve a God who will not be mocked«; die Vollmacht des Theologen bei Josuttis kann man an seinen übernatürlichen Kräften ablesen. Tutus Gegner sind die südafrikanischen Sicherheitspolizisten. Sie befinden sich im Kirchraum. Tutu anerkennt ihre demonstrierte Macht (»You are powerful. You are very powerful«) und anerkennt damit auch das Leid, das sie der anwesenden Gemeinde – die hier für die schwarze Bevölkerung steht – zufügt. Erkennbar hat Tutu beide Gruppen im Blick. Josuttis’ Theologe spricht ebenfalls von einem Repräsentanten Südafrikas, aber er adressiert seine Predigt weder an Botha (er ist ja auch nicht anwesend) noch an die Gemeinde. Warum er die...