E-Book, Deutsch, 216 Seiten
Reihe: zur Einführung
E-Book, Deutsch, 216 Seiten
Reihe: zur Einführung
ISBN: 978-3-96060-027-5
Verlag: Junius Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Autoren/Hrsg.
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Einleitung
Kaum ein Autor ruft so unterschiedliche Reaktionen hervor wie Charles Darwin. Seine Evolutionstheorie besagt, um es auf eine Kurzformel zu bringen, dass sich alle Organismen durch winzige, kleine Merkmale unterscheiden und dass diese, falls erblich, zur Grundlage des Artwandels werden können. Merkmale, die zum Vorteil eines Tiers oder einer Pflanze sind, vergrößern dessen Überlebenschancen oder Fortpflanzungserfolg, nachteilige verringern sie. Darwin hat außerdem die Hypothese aufgestellt, dass Mensch und Tier miteinander verwandt seien und einen gemeinsamen Vorfahren teilen. Eine lange Kette von Generationen, die uns in Form von Fossilien überliefert sind, verknüpft demnach durch Jahrmillionen vergangene Welten mit der unsrigen. An diesem Punkt beginnen die Schwierigkeiten. Für die einen stehen Darwin und sein Name für ein wissenschaftlich aufgeklärtes Weltbild: Ein Darwinist wäre nach dieser Definition eine Person, die von der Richtigkeit der Evolutionstheorie überzeugt ist, Vorgänge in der Natur mit wissenschaftlichen Methoden erklären will und nicht mit Bibellektüre oder der Annahme, Gott greife fortwährend in die Geschichte des Lebendigen ein. Andere aber denken, sobald sie den Namen Darwin hören und insbesondere wenn vom Darwinismus die Rede ist, an eine Art Ideologie, die besagt, dass die Welt so eingerichtet sei, dass der Stärkere siegt und der Schwächere unterliegt. Ein Darwinist wäre nach dieser Definition eine Person, die zum Beispiel Kriege für natürliche Vorgänge hält und Sozialhilfe für Geldverschwendung – letztere Spielart nennt sich auch »Sozialdarwinismus«. Diese widersprüchlichen Definitionen lohnt es sich näher anzuschauen. Kaum ein Werk hat, auch das sei vorausgeschickt, so weit ausgestrahlt wie das von Charles Darwin. Es hat Eingang in Philosophie und Geschichtstheorie gefunden, in Soziologie, Kunstgeschichte oder Ethnologie, und steht noch immer im Zentrum der Biologie. In den Lebenswissenschaften wurde die Evolutionstheorie in den hundertfünfzig Jahren seit dem Erscheinen der Entstehung der Arten in zahlreiche Richtungen weiterentwickelt, man denke etwa an Forschungsfelder wie Genetik oder Soziobiologie. Bis heute spaltet Darwin die Lager: Um Evolution wird sogar, zumindest in den Vereinigten Staaten, vor Gericht gestritten. Seit im amerikanischen Bundesstaat Tennessee 1925 der Naturkundelehrer John Scopes verklagt und schuldig gesprochen wurde, weil er die Evolutionstheorie im Unterricht gelehrt hatte, ziehen immer wieder fundamentalistische Christen vor Gericht, mit wechselndem Erfolg.1 Mit Blick auf die erhitzten Debatten, die das Buch provozierte und die weitreichenden Folgen, politische wie gesellschaftliche, ist Darwins Entstehung der Arten vergleichbar mit Karl Marx’ Das Kapital oder Adam Smiths Der Wohlstand der Nationen. Als ein englischer Verlag vor einiger Zeit die Buchreihe »Books That Shook The World« auflegte, fand sich sein Buch sogar in einer Reihe mit der Bibel und dem Koran. Darwins Schriften, darüber kann kein Zweifel bestehen, sind mehr als nur wissenschaftliche Theorien. Sie sind die Grundlage von Weltanschauungen – der Plural ist hier mit Bedacht gewählt. Es war in der Geschichte keineswegs eindeutig, welche Weltanschauung aus der Evolutionstheorie abgeleitet werden sollte, nur dass eine abgeleitet werden kann, darüber herrschte und herrscht Einigkeit. Verwunderlich ist es nicht: In dem Moment, wo eine wissenschaftliche Theorie nicht nur das Strömungsverhalten von Quecksilber oder das Schub-Gewicht-Verhältnis von Flugkörpern beschreibt, sondern den Anspruch erhebt, für alles Lebendige vom Pantoffeltierchen bis zum Menschen zu gelten, steht sie unweigerlich mit einem Bein in der Moralphilosophie. Grundsätzliche Fragen wie die, was Moral sei oder ob es universelle Werte gebe, sind notwendigerweise Teil einer derart großräumigen Theorie. Sie muss sich damit beschäftigen, und insofern sie darauf Antworten gibt, birgt sie das Potenzial für eine Weltanschauung. Hinter Begriffen und Schlagworten wie »Evolution«, »Darwinismus« oder »Überlebenskampf« versteckt sich also ein Knäuel von Annahmen darüber, was Evolution sei oder was Darwin geschrieben habe, und es wird uns häufig so gehen wie dem Betrachter eines Vexierbildes. Wir erblicken entweder das eine oder das andere: Evolutionstheorie als Wissenschaft oder als Ideologie. Wie bei einem optischen Trick springt die Wahrnehmung vor und zurück; wir können zwar von einer Sehweise zur anderen wechseln, beides auf einmal in den Blick zu nehmen scheint aber unmöglich. Die vorliegende Einführung möchte jedoch eben dies tun. Evolutionstheorie hat eine Geschichte, und der Blick zurück kann uns dabei helfen zu verstehen, welche Verbindungen Darwins Werk mit Forschung, Politik und Kultur eingegangen ist und welche Bedeutung diese für seine Theorie haben. Wie Evolution und Weltanschauung miteinander verknüpft sind, ist ein durchlaufendes Thema dieses Buchs. Es ist zugleich eine Frage, mit der wir häufig konfrontiert sind: In den Medien melden sich vermehrt Wissenschaftler zu Wort, die für sich in Anspruch nehmen, mit der Evolutionstheorie erklären zu können, was wir als schön empfinden, woher Gewalt kommt, ob Gott existiert. Diese Art des Argumentierens ist historisch relativ neu, sie kam mit der Evolutionstheorie auf, auch wenn die Antworten meistens nicht von Darwin stammen. Um solche Deutungsansprüche einschätzen zu können, ist es notwendig, die Evolutionstheorie zu kennen. Sie gehört deshalb zu unserer Allgemeinbildung. Das vorliegende Buch führt in das notwendige Grundwissen ein und will darüber hinaus zu einem souveränen Umgang mit ihr ermutigen. Eine zweite Eigenart, die neben der weltanschaulichen Bedeutung der Evolutionstheorie auffällt, ist deren enge Kopplung mit Darwins Person. Er ist nach wie vor untrennbar mit ihr verbunden, bereits im 19. Jahrhundert führten Bücher, die Anhänger der Evolutionstheorie verfasst hatten, seinen Namen im Titel. Der amerikanische Botaniker Asa Gray veröffentlichte 1876 Darwiniana. Essays and Reviews Pertaining to Darwinism, im Jahr 1889 folgte der Engländer Alfred Russel Wallace mit dem auch ins Deutsche übertragenen Essayband Der Darwinismus. Eine Darlegung der Lehre von der natürlichen Zuchtwahl und einiger ihrer Anwendungen. Bis heute wird Darwin in biologischen Fachzeitschriften zitiert, was für eine hundertfünfzig Jahre alte Theorie in den Naturwissenschaften ungewöhnlich ist. Zugleich gehen die Meinungen darüber, worin sein Vermächtnis besteht, weit auseinander – auch innerhalb der Wissenschaft. Der Identifikation mit dem Begründer der Evolutionstheorie scheint dies keinen Abbruch zu tun: Darwins Anhänger vertreten häufig widersprüchliche Positionen, eine Unschärfe, die auch in der Vielschichtigkeit von Darwins Werk begründet liegt. Um es vorweg zu sagen: Darwins Werk ist nicht unschuldig. Der Autor überarbeitete seine Schriften häufig mehrfach, allein die Entstehung der Arten durchlief seit 1859, dem Erscheinungsjahr, sechs Auflagen. Die Abstammung des Menschen ging von 1871 an durch drei autorisierte Fassungen. In jede dieser Auflagen arbeitete Darwin Kritik ein, nahm neue Forschung auf oder strich strittige Passagen. Wie einschneidend diese Änderungen sein können, soll ein kurzes Beispiel zeigen: Auf der letzten Seite der ersten englischen Auflage der Entstehung der Arten schreibt Darwin 1859, dass der Keim des Lebens »wenigen, vielleicht auch nur einer einzigen Urform eingehaucht worden sei« (OS1, 490).2 In der zweiten Auflage erweiterte er dieselbe Stelle um ein folgenreiches Wort, indem er nun sagt, »dass der Schöpfer den Keim alles Lebens, das uns umgibt, nur wenigen oder nur einer einzigen Form eingehaucht hat« (OS2, 490; EA1, 494). Zwischen beiden Aussagen liegen Welten. Die passivische Form der ersten Fassung von 1859 lässt offen, wie aus unbelebter Materie belebte wurde, die zweite Fassung legt den Anfang in die Hände eines Schöpfergottes. Es kann also nicht verwundern, dass sich die Auslegungen von Darwins Werk nur selten deckten. Die sogenannte »Darwin Industry« produziert jedes Jahr neue Bücher – über die Grenzen von Geistes- und Naturwissenschaften hinweg –, in denen sich die Ansichten zu Darwin und zur Evolutionstheorie wie in einem Spiegelkabinett unüberschaubar vervielfachen. Diese Einführung wird nicht das Original dazu liefern können. Aber sie wird die Mehrdeutigkeiten oder Brüche in Darwins Werk benennen und anhand der historischen Entwicklung, der Weise, wie der Autor sein Werk zeitlebens um- und weiterarbeitete, nachvollziehen. Um zu verstehen, auf welche Fragen des 19. Jahrhunderts die Evolutionstheorie Antworten gegeben hat, werden Darwins Schriften an zeitgenössische Debatten zurückgebunden. Ein paar Worte zur Gliederung dieser Einführung: Das erste Kapitel handelt von der Person Darwin, seinem sozialen und wissenschaftlichen Umfeld, der Art, wie er arbeitete und forschte. Das anschließende zweite Kapitel befasst sich mit Darwins Schaffen bis 1859, dem Jahr, in dem die Entstehung der...