Velikic | Bonavia | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

Velikic Bonavia

Roman

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

ISBN: 978-3-446-24580-8
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)



Belgrad, um die Jahrtausendwende: Der Krieg in Jugoslawien liegt gerade so lange zurück, dass er noch auf alles seinen Schatten wirft. Alle treibt die gleiche Frage um: Bleibt man, oder ist es besser zu gehen? Marko, verhinderter Literat, besucht seinen Vater Miljan in Wien, der ihn vor Jahren in Serbien zurückgelassen hat. Marija, seine Frau, die Lebenskünstlerin, lässt sich treiben. Ihre Freundin Kristina unterhält sich mit ihrer verstorbenen Jugendliebe. Zufällig kommen die drei zum gleichen Zeitpunkt nach Wien, und diese Reise wird für alle zum schicksalhaften Wendepunkt. Velikic erzählt von einer Generation, die den Zerfall ihres Landes miterlebt hat und sich neu orientieren muss – und von der unentrinnbaren Macht der Familie ...
Velikic Bonavia jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


1 Zurück am Ort des Verbrechens, dachte er. Könnte man Gedanken lesen, es wäre die Hölle! Sie saß neben ihm. Gedankenverloren, geistesabwesend. Das Taxi bog in die steile Mikó-Straße, Richtung Burg. Die Baumkronen hielten trotz der für April ungewöhnlichen Hitze die Morgenkühle in ihrem noch frischen Grün. »Da hat Sándor Márai gewohnt.« Er bedauerte seine Worte, noch bevor er den Satz beendet hatte. Ihr Blick war schneidend. »Was willst du damit sagen? Wer zum Kuckuck ist Sándor Márai?« »Ein ungarischer Dichter.« »Ach, kein japanischer?« »Sehr witzig! Vor zwei Jahren habe ich dir seine Tagebücher gegeben … Nein, inzwischen sind es drei …« »Ich erinnere mich, ein unglaublicher Mist. Ganz nach deinem Geschmack. Jeden Ersten ein anderes Versteck suchen. Nichts Eigenes aufbauen. So bist du!« »Übertreib nicht«, sagte er reflexartig und dachte insgeheim, dass sie recht hatte. Das Taxi fuhr durchs Burgtor und bog erst rechts, dann links ab, durch ein Spalier schmucker, geduckter Fassaden mit Geranien vor den Fenstern, vorbei an Restaurants, Cafés, Souvenirgeschäften. Breite Torbögen gewährten Einblick in die Höfe. Marko saß neben dem Fahrer. Mit den Augen verschlang er jedes Detail. Seine Aufregung war für Marija nichts Neues. So war er auf Reisen. Sie wusste sogar, was er gerade dachte: Dass er sich liebend gern in diesen Traum, dieses Gewirr aus Zauberei und Banalität einspinnen würde. Wenn es doch weder Anfang noch Ende hätte! Das Trugbild vom verschlafenen Provinznest löste sich jäh auf, als sie den Szentháromaság-Platz erreichten. Das Taxi wendete und hielt vor einem stattlichen Gebäude. Gegenüber lag die Matthiaskirche, und unmittelbar dahinter, im grellen Licht, erstreckte sich Pest bis zum Horizont. »Das ehemalige Finanzministerium …« Er murmelte es nur, konnte sich die Bemerkung aber nicht verkneifen. Sie grinste, war also wieder versöhnt; der lang herbeigesehnte Moment hatte sie in den Bann gezogen. Ihr Mienenspiel verriet Zufriedenheit, während sie sich zum Platz umwandte. Das war wieder die Marija von vor sechs Jahren, die in der Schlange vor dem ungarischen Konsulat in Belgrad für ein Visum anstand. Er riss sich zusammen, um ihren Blick nicht zu kommentieren: Da hinten ist das Café Miró, weißt du noch? Natürlich wusste sie es noch. An jenem schwülen Septembernachmittag hatten sie sich am Vörösmarty-Platz getroffen, im Café Gerbeaud. Ihre beste Freundin war nach Amerika ausgewandert, sie hatte sie zum Flughafen gebracht und sich, zurück im Hotel, in den Sessel fallen lassen. Ihr ganzes Leben verklumpte zu einem einzigen bitteren Brocken, der ihr schwer und schwerer im Magen lag. Sie hätte heulen mögen, aber es ging nicht. Nicht in dieser muffigen Absteige am Ostbahnhof, in der sich die Freundinnen drei Tage zuvor eingemietet hatten. Marko wüsste noch Namen und Adresse des Hotels und hätte sich darüber hinaus das Gesicht des Mannes an der Rezeption, die Frühstückszeiten, das Bänkchen im Aufzug, die Farbe der Handtücher, die Schaufenster der umliegenden Geschäfte und den Fahrplan an der Straßenbahnhaltestelle gemerkt. Er wusste immer, wann die letzte Bahn fuhr. Die Uhrzeit teilte er ihr mit dem siegesgewissen Lächeln eines Mannes mit, den nichts überraschen kann, der jeden Schritt absichert, gegen alle Unwägbarkeiten gefeit ist, die den Unvorsichtigen und Unvorbereiteten drohen. Waren sie unterwegs, übernahm er die Führung, strebte zielsicher in eine Tram, drängte urplötzlich zum Umsteigen, bestand auf einem bestimmten Weg, wollte unbedingt in dem und dem Gasthaus ein Bier trinken, in dem schon der und der einst verkehrt hatte, einer, dessen Name ihr nichts sagte. Was für ein Typ! So anders als die, an die sie ihre Jugend verschwendet hatte, ohne sich groß was dabei zu denken, wie man eben ist, wenn man jung ist, wie er es, zugegeben, bis heute war. Da lag das Problem nicht, sondern in dem unverhohlenen Stolz und der Zufriedenheit, ja, dem fast bedingungslosen Glück, mit dem er den Raum mied, der eigentlich das Leben sein sollte. Sie hatte es vom ersten Tag an geahnt und war trotzdem all die Jahre bei ihm geblieben, in der Hoffnung, ihre Verbindung würde den Versuchungen standhalten – doch bisweilen war das schwer vorstellbar. Finanzministerium, dachte sie und sah zu, wie er das Taxi bezahlte und hektisch das Gepäck aus dem Kofferraum holte, Schweißperlen auf der Stirn. Als käme er ständig zu spät. Bestimmt würde er auch diesen Augenblick nicht vergessen. Irgendwann wird er sie an den dicken Mann mit dem aufgeknöpften Hemd erinnern. O ja, die Szene nistete sich bestimmt bereits in einem Spalt des nächsten Tages ein. Er beschäftigte sich obsessiv und permanent mit sinnlosen Dingen, die jeder normale Mensch sofort wieder vergisst. Marko merkte sie sich nicht nur, sondern hegte und pflegte sie wie seltene Pflanzen. Aus lauter Banalitäten knüpfte er ein Netz, das mit den Jahren immer dichter und undurchdringlicher wurde, und verstrickte sich selbst darin. Ein Gärtner verpasster Möglichkeiten. In der monumentalen Eingangshalle des Hotel Kulturinnov ließ er mit Blick auf die breite, sanft geschwungene Treppe die Bemerkung fallen, der rote Läufer sei nicht da. »Vielleicht wird er gerade gereinigt«, antwortete Marija. »Unwahrscheinlich. Eine Rolle von zwanzig Metern schleppt man nicht in die Reinigung …« Sie blieb unvermittelt stehen, er ebenfalls, den Koffer in der einen, die Reisetasche in der anderen Hand. »Marko, müssen wir uns ausgerechnet jetzt mit Teppichen beschäftigen? Hast du denn keine Augen für diese Schönheit?«, fragte sie und zeigte auf die hohen Jugendstilfenster zum Innenhof. »Manchmal kommst du mir total abgestumpft vor.« »Nein, Liebling, im Gegenteil, ich bin zu empfindsam, ich versinke in all den Eindrücken«, sagte er und lachte. »Du begeisterst dich doch nur für Blödsinn.« Resigniert seufzend ging sie die Treppe hinauf, die zur Rezeption im ersten Stock führte. In einem schlauchartigen Gang wurden sie von zwei Hotelangestellten in Uniformen begrüßt, die zweifelsohne noch aus der Zeit stammten, in der ein Stockwerk des ehemaligen Finanzministeriums zum Hotel umgebaut worden war. Dem trotz allen Putz- und Pflegeaufwands reichlich abgeschrammten Mobiliar nach musste das Anfang der sechziger Jahre gewesen sein. Da sprach Marko in ihr. Und wie immer, wenn sie sich dabei ertappte, auf seine Art, mit seiner Stimme zu denken, war sie nicht wütend, sondern wurde von einer Woge tiefer Zuneigung erfasst. Manchmal fragte sie sich, ob sie sich einfach mit dem Status quo arrangiert hatte. Gab sie auf? Natürlich nicht. Er versetzte noch immer jede Saite in ihr in Schwingung. Die Erfüllung, die er ihr gab, mochte man wohl Glück nennen – ein Rauschzustand, der sie gegenüber allem und jedem zärtlich stimmte und einen Frieden empfinden ließ, der sich wellenförmig ausbreitete. Stimmt, ständig verdarb er ihr mit seinem dummen Geschwätz Augenblicke, die sie gern schweigend genossen hätte. Er gab mit Sachen an, die kein anderer freiwillig preisgegeben hätte. In diesen sinnlosen Zwistigkeiten wirkte Marko so banal, ein Komparse, gefangen in kleinbürgerlichen Vorstellungen. Aber jedem Wutanfall folgte unfehlbar eine Welle der Liebe, die jedes Zerwürfnis fortspülte, die Anwandlung wegwischte, er sei nicht der Richtige. Der Richtige? Das ist doch auch nur dummes Zeug. Sie war selbst voll davon. Die beiden uniformierten Frauen begannen gleichzeitig zu lächeln. Marija trat ans Fenster und sah auf den Platz, dessen Namen sie sich nicht merken konnte. Dort unten hatten sie sich in jener schwülen Septembernacht geküsst. Sie waren vom Café Miró aufgebrochen, wie trunken war sie an seiner Seite gegangen. Die Anspannung des herzzerreißenden Tages, der Abschied von der Freundin am Flughafen, die öde Leere des Hotelzimmers, in das sie allein zurückgekehrt war, die Einsamkeit, die Betäubung der Seele, all das war verflogen. Dabei hatte es denkbar unwahrscheinlich angefangen: Ihr Handy klingelte. Eine unbekannte Belgrader Nummer, sie überlegte, ob sie drangehen sollte, und drückte dann auf Annahme. Ein Redeschwall, eine angenehme Stimme. Langsam baute sich in ihrem Kopf das Bild des Mannes auf, der in der Schlange im ungarischen Konsulat hinter ihr gestanden hatte. Ja, ja, sie erinnere sich. Aber woher hatte er ihre Nummer? Von dem Formular, das sie in der Hand gehalten hatte!? Sie lachte. Was, wo sie sei? In Budapest. Sie hatte den Straßennamen nicht parat, wusste nur, sie ist in der Nähe des Ostbahnhofs. Sich auf einen Kaffee treffen? Ja, wo ist er denn? Auch in Budapest. Sie überlegte. Ja, die Váci-Straße sei ihr ein Begriff. Wie bitte? Vörösmarty-Platz? Sie vergaß den Namen sofort. Sah auf die Uhr. Gut, um fünf im Café Gerbeaud am Wereschmor… wie hieß der Platz noch mal? Vörösmarty tér. Während der kurzen Taxifahrt zum Gerbeaud – sie nahm wie immer ein Taxi, ignorierte die ganzen Ratschläge und Wegbeschreibungen, mit denen er sie am Schluss des Telefonats überschüttet hatte – war Marija freudig erregt, als hätte sie der lang ersehnte Anruf eines mehr als geliebten Menschen erreicht. Aber natürlich war der Unbekannte aus der Schlange vorm ungarischen Konsulat nur der Rettungsring im Strudel eines scheußlichen Tages, mit dem sie sich so weit wie möglich vom Jetzt, vom Augenblick entfernen, sich in den steilen Schlund des Vergessens stürzen wollte. Kaum dass sie aus dem Wagen gestiegen war und sich der Nebenstraße zuwandte, in der das Gerbeaud laut Taxifahrer lag, erblickte sie ihn. »Ich wusste, dass Sie hier ankommen, ab hier ist...


Velikic, Dragan
Dragan Velikic, 1953 geboren, lebt als freier Schriftsteller in Belgrad. Seine Bücher wurden in sechzehn Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien sein Roman Bonavia (2014). Für Jeder muss doch irgendwo sein erhielt er zum zweiten Mal den NIN Preis, die höchste literarische Auszeichnung Serbiens.

Döbert, Brigitte
Brigitte Dobert, 1959 geboren, ist seit 1996 als freie Übersetzerin für bosnische, kroatische, serbische und englische Literatur und als Lektorin und Autorin tätig. 2012 stand sie auf der Shortlist für den Brücke-Berlin-Preis, 2016 wurde sie mit dem renommierten Straelener Übersetzerpreis der Kunststiftung NRW ausgezeichnet.


Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.