Tschiersch | Grüner wird's nicht, sagte der Gärtner und flog davon | E-Book | sack.de
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E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Tschiersch Grüner wird's nicht, sagte der Gärtner und flog davon

Roman

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-641-11784-9
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Schräg, charmant und herzerwärmend – die unglaubliche Reise eines Gärtners, der in sein Flugzeug stieg und verschwand.Georg Kempter ist Gärtner in einer Allgäuer Kleinstadt: jeden Tag schuftet der maulfaule Schorsch bis zum Umfallen, aber das Geld ist knapp. Seine Tochter will Kunstmalerin werden, der Vater humpelt meckernd zwischen den Beeten herum, und mit seiner Frau Monika spricht Schorsch nur noch das Allernötigste. Das Einzige, was ihm Freude macht, ist seine alte Piper J3, mit der er jeden Sonntag durch die Gegend fliegt. Das könnte ewig so weitergehen, doch dann missfällt dem Chef des Golfplatzes, den Schorsch angelegt hat, der Grünton: Schorsch bleibt auf seiner Rechnung sitzen. In aller Herrgottsfrühe hockt er sich in sein Flugzeug und fliegt einfach davon. Es beginnt eine Reise, die ihn an ungekannte Orte führt – und mit jedem Start und jeder Landung öffnet der Gärtner ganz langsam sein Herz wieder für das, was man eine Ahnung von Glück nennt ...
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1 Halt’s Maul!« – nahezu nie wäre der Allgäuer Gärtnersgattin Monika Kempter so eine Verbalinjurie über die Lippen gekommen, schon gar nicht bei ihrem Mann Schorsch, obwohl der ihr mit seinem Maul oft genug Kummer und Ärger machte, nicht durch Daherreden von Bockmist etwa, sondern einfach dadurch, dass er dieses sein besagtes Maul so gut wie nie aufbrachte. Auch den heutigen sonnigen Juli-Sonntag, ihren einzigen halbwegs freien Tag in der Woche, hatte Schorsch ihr wieder, als Folge seiner Maulfauligkeit, grundlegend versaut. Die Mittagssonne brannte gnadenlos auf die Westallgäuer Kuhwiesen hernieder, Monika saß ganz hinten im 15er-Regionalbus, der vom Bahnhof Hergatz nach Wangen fuhr, über Itzlings, Wigratzbad und Wohmbrechts-Schule, und genau da musste Monika hin, wobei von Wollen nach Wohmbrechts keine Rede sein konnte. Erst hatte es der DB-Regio-Zuckelzug geschafft, auf den fünfzehn Kilometern von Lindau nach Hergatz glatte dreizehn Minuten Verspätung herauszuzuckeln, und Monika hatte rennen müssen, um den soeben am Bahnhof Hergatz losfahrenden Bus nur durch einen kräftigen Schlag auf die hintere Tür nochmals zum Halten zu bringen. So schlau, vielleicht an einem Sonntagmittag auf den einzigen im Nirgendwo verorteten Bahnhof Hergatz ankommenden Zug zu warten, war der Busfahrer nicht gewesen, offenbar ein junger gepiercter Volltrottel mit sächsischem Akzent: Als ob es im Allgäu nicht genügend einheimische Trottel mit Nasenringen gäbe, die man am Sonntag ans Steuer eines leeren Regionalbusses setzen konnte. Monika hatte dem Kerl, nachdem er sie als einzige Fahrgästin doch noch gnädig in seinen Bus hatte einsteigen lassen, beim Bezahlen laut und deutlich gesagt, sie wolle bis »Wohmbrechts-Schule«. Er hatte daraufhin, kaum verständlich, irgendwas dahergenuschelt, heute sei ja »goor keene Schuule ni«, und war glatt an der Haltestelle »Wohmbrechts-Schule« vorbeigerammelt, ohne Ansage, versteht sich, weil an einem Sonntagmittag in den Sommerferien natürlich niemand von Wohmbrechts-Schule aus mit dem 15er-Regionalbus nach Wangen wollte. Monika war aufgesprungen und hatte gerufen, er solle sofort halten, aber der Heini hatte nur grinsend auf das Schild über seinem Fahrersitz gezeigt »Bitte den Fahrer während der Fahrt nicht ansprechen« und war weitergefahren bis zur nächsten Haltestelle in Zwiesele, das aus drei einzelnen Bauernhöfen bestand. Auf Monikas Frage, wie sie jetzt bitte von Zwiesele nach Wohmbrechts kommen solle, hatte der Kerl mit den Schultern gezuckt und gesagt, da könne er sich nicht drum kümmern, er habe schließlich einen Fahrplan einzuhalten. Da war der Monika dann doch herausgerutscht, dann solle er das mal tun und gefälligst sein blödes Maul halten. All das war natürlich nur passiert, weil ausgerechnet an diesem Wochenende ihr kleiner Daihatsu in der Werkstatt war und ihr Mann Schorsch, wie jeden Sonntag, mit dem Toyota-Pick-up zum Flugplatz gefahren war. Zu Fuß war Monika dann in der Sommerhitze die gut fünf Kilometer zurück nach Wohmbrechts gegangen. Zeit genug, den Ärger hinunterzuschlucken, sich zu diesem Termin übertölpeln lassen zu haben, und sich so etwas wie eine Strategie zurechtzulegen: Sie würde sich erst einmal anhören, was dieser Dr. Starcke zu sagen hatte. Der zugereiste Rechtsanwalt war der Chef einer ominösen Golfplatz-Holding, die auf die Kuhwiesen bei Wohmbrechts noch einen überflüssigen Golfplatz draufgebatzt hatte, dessen landschaftsgärtnerische Gestaltung die Firma Kempter übernommen hatte. Ein halbes Jahr lang hatte ihr Schorsch an dem Golfplatz geschuftet, und nun gab es Unstimmigkeiten mit der Schlussrechnung. Monika kümmerte sich um die Buchhaltung beim Gärtnerei-Familienbetrieb, fast täglich hatte sie den Anwalt in den letzten Tagen wegen der offenen Rechnung angerufen, aber immer nur den Anrufbeantworter erwischt, mit der verlogenen Zusage, Herr Dr. Starcke würde sich umgehend melden. Starcke hatte sich nicht gemeldet, geschweige denn umgehend. Aber heute, kurz nachdem Schorsch wie jeden Sonntag in Richtung Flugplatz aufgebrochen war, hatte der Herr Doktor plötzlich zurückgerufen und ganz frech gefragt, ob Monika nicht am Nachmittag auf einen Sprung zu ihm ins neue Clubhaus nach Wohmbrechts kommen wolle, um noch über ein paar Details zu sprechen, und zwar mit einer Selbstverständlichkeit, mit der man vielleicht einen alten Freund zum Kaffee einlud, aber bestimmt nicht die Frau eines Handwerkers, dem man noch einen Haufen Geld schuldete. Starcke hatte Monika mit seiner Freundlichkeit am Telefon regelrecht überrumpelt, und er hatte sie gebeten, vielleicht etwas Zeit mitzubringen. Monika lief der Schweiß herunter, das Gehen fiel ihr schwer, weil sie sich ein wenig schick gemacht und ausgerechnet die einzigen Schuhe mit Absatz angezogen hatte, die sie besaß. Aber nach dem Stöckelschuhmarsch von Zwiesele nach Wohmbrechts würde sie gerade in der richtigen Laune sein, diesem Herrn Dr. Starcke mal ordentlich die Meinung zu geigen und ihm dann eine letzte Frist zu setzen. Der sollte sich bloß nicht einbilden, dass er mit einer gestandenen Allgäuer Geschäftsfrau umspringen konnte wie mit einem Schulmädchen, das man ins Rektorenzimmer einbestellte. An dem Clubhaus, bei dem noch der Außenputz fehlte, gab es auch keine Klingel, also klopfte Monika, ein wenig zu heftig, und schürfte sich dabei die Knöchel der rechten Hand ganz leicht auf. Dr. Starcke öffnete sofort und empfing sie quasi mit ausgebreiteten Armen, mit einer solchen Freundlichkeit und Höflichkeit, dass Monika vor lauter Nettigkeit die mitgebrachte Wut für einen Moment abhandenkam. Starcke war ein paar Jahre jünger als Schorsch, ein bisschen größer und blasser und wirkte mindestens drei Handelsklassen vornehmer und geschmeidiger als Monikas schweigsamer Gärtnergatte. Lachend begrüßte er Monika wie eine alte Freundin, bugsierte sie auf die Couch und fuhr Espresso und Torte auf, schließlich war heute Sonntag. Seine kleinen braunen Augen blitzten unter der schwarzen Hornbrille hervor, der Föhnfrisur war eine Strähne entsprungen, die ihm frech über die Stirn hing. Monika lächelte, aber sie war auf der Hut: Schwarzwälder Kirsch essend versuchte sie aus ihrem aalglatten Gastgeber schlau zu werden, der sich auch nicht einmal den Hauch eines Schuldgefühls ob des noch offenen fünfstelligen Betrags anmerken ließ. Starcke zog sein Jackett aus, auf den Kragen seines Hemdes unter der Anzugweste war ein kleiner Golfschläger aufgestickt. Fast widerwillig stellte Monika fest, dass Starcke angenehm roch. Zumindest anders als Schorsch, der sich jeden Morgen nach dem Rasieren sein penetrantes Old Spice ins Gesicht klatschte, und zwar seit sie ihn kannte. In diesem Moment hörte Monika das Geräusch eines Flugzeugs am Himmel, das sie nach all den Jahren doch relativ zweifelsfrei identifizieren konnte. Sie rückte ein wenig auf der Couch auf die Seite, um durch die luxuriöse Frontverglasung des Clubhauses einen kurzen Blick auf den blauen Himmel zu erhaschen. Natürlich hatte sie sich nicht getäuscht, dort oben flog die kleine Piper J3C, mit der ihr Schorsch immer sonntags mutterseelenallein durch die Lüfte knatterte, wenn es nicht gerade Schweine regnete, wie er immer sagte. Aber heute war Heldenwetter, und Schorsch hatte, wie jeden Sonntag, seinen Flieger alleine aus der Halle geschoben, von Hand den Motor am Propeller angeworfen und die Piper nach ein paar Metern von der buckligen Startbahn in die Luft steigen lassen. Unter den Rädern sah er die kleine Luftaufsichtsbaracke, drinnen saß, wie immer, der Luggi Fimpel, seine heisere Fistelstimme quäkte aus Schorschs Funkgerät: »Wo fliegen wir denn heut hin, Schorsch?« »Wir schon gar nicht, und überhaupt’s geht dich das einen gerieb’nen Frischkäs an«, grummelte Schorsch, ohne sein Mikrofon auch nur anzurühren. »Dann schreib ich halt Lokalflug, Schorsch.« Schorsch drehte den Funk ab, der Fimpel war sowieso der schlimmste von den Flug-Klugscheißern, die beim Fliegenden Bauern herumhockten, dem kleinen Flugplatz mit seiner 300-Meter-Grasbahn auf einer buckligen Wiese am Alpenrand mitsamt Luftaufsichtsbaracke und Ausflugs-Biergarten. Schorsch flog nicht, um drüber zu reden oder damit anzugeben, sondern um zu fliegen. Was die da unten über ihn dachten, war ihm egal, hier oben schon dreimal, in 1000 Fuß Höhe über den Allgäuer Sommerwiesen, die Sonne im Rücken und den Propeller vor den Augen. In der Piper hatte Schorsch Kempter vor den gesammelten Schlauschwätzern in Bodenhaltung wenigstens am Sonntag ein paar Stunden Ruhe, trotz der 86 Dezibel, mit denen sein 65-PS-Continental-Vierzylinder-Boxer mit 2000 Umdrehungen seine Arbeit tat, laut, aber loyal wie ein Uhrwerk. Rechts vor ihm lag die Wiese, wo er vor neunzehn Jahren als verliebter junger Mann heimlich gelandet war, als auf dem hinteren Sitz seine damalige Freundin Monika gesessen hatte, die seinem Lachen und seinen Sprüchen dann doch auf den Flugplatz und in die kleine Flugzeugkabine gefolgt war. Und wenn man ein bissel rechnen wollte, mussten Schorsch und Monika genau da unten ihre gemeinsame Tochter Miriam herbeigeliebt haben. Kurz nach der Hochzeit war der unselige Mist dann passiert, der Schorsch die Sprache verschlagen hatte und ihn seine Worte sparen ließ wie andere Leute ihr Geld. Silbe für Silbe legte er auf sein inneres Sparbuch, als könnte er irgendwann mit den Zinsen und Zinseszinsen der verkniffenen Worte den geplatzten Kredit seiner Lebensfreude abbezahlen. Fleißig,...


Tschiersch, Jockel
Jockel Tschiersch wurde 1957 in Weiler im Allgäu geboren und begann seine Karriere vor über 25 Jahren auf Münchner Kabarett-Bühnen. Er arbeitet als Schauspieler bei Film und Fernsehen sowie in Gastrollen auch im Theater. Jockel Tschiersch lebt heute in Berlin.


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