Von den Anfängen bis zum 3. Jahrhundert n. Chr.
E-Book, Deutsch, 167 Seiten
ISBN: 978-3-534-74166-3
Verlag: wbg Academic in Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Michael Tilly, geb. 1963, studierte Evangelische Theologie in Mainz und Heidelberg und ist Professor für Neues Testament und Antikes Judentum und Leiter des Instituts für antikes Judentum und hellenistische Religionsgeschichte an der Eberhard Karls Universität Tübingen.
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II. Die Vor- und Frühgeschichte Israels
Überblick Die Region, in der sich die Geschichte Israels überwiegend abgespielt hat und auch noch abspielt, ist die südliche Levante. In der Bronzezeit konzentrierte sich die Bevölkerung vor allem auf die Küstengebiete, das Bergland hingegen war nur spärlich besiedelt. Während des ägyptischen Neuen Reiches (18.–20. Dynastie, ca. 1550–1069 v. Chr.) beherrschten die Pharaonen große Teile der Levante. Der Stadtkönig von Jerusalem war einer von vielen ägyptischen Vasallen. Pharao Merenptah unternahm um 1200 v. Chr. einen Feldzug nach Kanaan, worüber er eine Siegesinschrift schreiben ließ. Darin wird „Israel“ zum ersten Mal erwähnt, und zwar als ein in der Region ansässiger Stamm, der besiegt wurde. Nach dem Ende der ägyptischen Oberherrschaft über die Region veränderte sich die Siedlungsstruktur in der südlichen Levante erheblich. Die Bevölkerung in den Stadtstaaten der Küstenebene ging zurück, dagegen entstanden im ephraimitischen und judäischen Bergland im Laufe des 11. Jahrhunderts sehr viele kleine Siedlungen. 1650–1550 Zweite Zwischenzeit in Ägypten/Herrschaft der „Hyksos“ 1550–1069 Neues Reich: Dauerhafte ägyptische Oberherrschaft in der Levante 1479–1425 Thutmosis III.: Kriegszüge in die Levante 1352–1336 Amenophis IV. Echnaton/Amarnabriefe/Abdu-?eba von Jerusalem 1279–1213 Ramses II.: Kriegszüge in die Levante 1213–1203 Merenptah: Erwähnung von „Israel“ auf der Siegesstele 1184–1153 Ramses III.: Ansiedlung der Philister in der Südlevante ab ca. 1100 Niedergang der ägyptischen Oberherrschaft in der Levante und des kanaanäischen Stadtstaatensystems; Aufsiedlung im palästinischen Bergland 1069–664 Dritte Zwischenzeit in Ägypten 1. „Israel“ – Volk, Staat und Land
Der Name „Israel“ Der Begriff „Geschichte Israels“ bezeichnet den Inhalt der vorliegenden und anderer Darstellungen nur ungenau, er wird aber beibehalten, weil er seit Langem in der Wissenschaft etabliert ist. Tatsächlich geht es um die Geschichte zweier eng aufeinander bezogener Größen, Israel und Juda. In den Königebüchern des Alten Testaments bezeichnet „Israel“ das nördliche Königreich, dessen Hauptstadt Samaria war, während das südliche Königreich mit seiner Hauptstadt Jerusalem als „Juda“ bezeichnet wird. Gleichwohl wird der Ausdruck „Israel“ in vielen Texten des Alten Testaments auch auf das Volk angewandt, das in diesen beiden Regionen ansässig ist oder ansässig werden soll. In den programmatischen Texten des Pentateuch bezeichnet „Israel“ das gesamte Volk und das Gemeinwesen, das dieses Volk im verheißenen Land etablieren wird. Diesen Sprachgebrauch findet man auch in zahlreichen anderen Texten ab der Babylonierzeit. Als Bezeichnung für ein bestimmtes Territorium wird der Ausdruck „Israel“ im hier behandelten Zeitraum nicht verwendet; dafür stehen der moderne geographische Begriff „südliche Levante“, die ursprünglich ägyptische Bezeichnung „Kanaan“ oder der römische Name „Palästina“. Ausdehnung des Landes Das Land, in dem sich die Geschichte Israels abspielt, ist im Westen durch das Mittelmeer begrenzt. Im Osten bilden der Jordan sowie seine Fortsetzung im Toten Meer und im Trockental der Araba eine gewisse, aber nicht absolute Grenze, da sich ein Landstrich östlich des Jordans zeit- und teilweise auch unter israelitischer bzw. judäischer Herrschaft befunden hat. Im Süden stellen die Wüstenlandschaft des Negev eine natürliche und die Kleinstaaten der Philisterstädte am Mittelmeer eine politische Grenze dar. Im Nordwesten endet Israel am Herrschaftsgebiet der Phönizierstädte im heutigen Libanon, im Nordosten am Herrschaftsgebiet des Aramäerstaates von Damaskus. Damit ist aber lediglich ein grober Rahmen benannt; tatsächlich haben die beiden Königreiche und später die beiden Provinzen stets nur Teile des umrissenen Gebietes umfasst. Landschaftsformen Dieses Gebiet, das im Wesentlichen dem Territorium des heutigen Staates Israel unter Einschluss der Westbank entspricht, ist geographisch stark gegliedert. Im Westen erstreckt sich die Küstenebene von Süden nach Norden und wird nur auf Höhe des heutigen Haifa durch den Karmel unterbrochen, einen in Ost-West-Richtung verlaufenden Bergrücken, der sich bis an das Meer vorschiebt. Auf die Küstenebene folgt das Hügelland, das in seinem südlichen Teil „Schefela“ genannt wird. Dieses wird in östlicher Richtung vom Bergland abgelöst, im Süden vom Judäischen Gebirge, im Mittelteil vom Gebirge Ephraim und im Norden von den Bergen Galiläas. Zwischen dem mittleren und dem nördlichen Gebirge liegt die Jesreel-Ebene, die direkt in das Jordantal übergeht. Vor allem im Süden fällt das Gebirge relativ schroff zum Jordantal hin ab. Auf der östlichen Seite des relativ breiten Jordantales wiederum steigt das Gelände schnell steil an. Niederschlag und Vegetation Die Niederschlagsmenge ist im Norden und generell auf der dem Mittelmeer zugewandten Westseite wesentlich höher als im Süden und auf der dem Jordangraben zugewandten Ostseite. Die Vegetationsfülle ist im Norden (Libanon, Hermon, Galiläa, See Genezareth) relativ hoch und sinkt, je mehr man nach Südosten (Totes Meer, Araba, Negev) kommt. Das Jordantal bietet um den See Genezareth herum ein Bild üppigsten Wachstums, während sich flussabwärts im Gebiet um das Tote Meer eine ausgetrocknete und unwirtliche Landschaft ausbreitet. Die Landschaften des Alten Israel und seiner Nachbarregionen Bevölkerung Die Bevölkerung des Gesamtgebiets einschließlich Israels und Judas ist überwiegend westsemitisch-kanaanäischen Ursprungs. Die Philister im Südwesten sind am Ende des 2. Jahrtausends aus dem Mittelmeerraum eingewandert, haben sich danach aber recht schnell kanaanäisch akkulturiert. Im Nordosten siedelten sich zu Beginn des ersten Jahrtausends die aus dem nordsyrischen Raum stammenden Aramäer an. 2. Die südliche Levante in der mittleren und späten Bronzezeit
Kanaanäisches Stadtstaatensystem Die südliche Levante ist seit Jahrtausenden besiedelt, aber wegen ihrer kleinräumigen Gliederung haben sich nur selten ausgreifende Territorialherrschaften gebildet. Vielmehr war die Region in der Spätbronzezeit (bis etwa 1100 v. Chr.) von einer Vielzahl von kleinen und kleinsten Stadtstaaten geprägt. Man spricht daher vom „Kanaanäischen Stadtstaatensystem“, das sich vor allem in der Küstenebene und im Hügelland ausbildete. Das judäische und ephraimitische Bergland, wo später die beiden Königreiche Israel und Juda entstehen sollten, war zunächst nur sehr dünn besiedelt. Das „Mittlere Reich“ Ägyptens Seit jener Epoche der ägyptischen Geschichte, die man das „Mittlere Reich“ nennt (11.–12./13. Dynastie, ca. 2055–1773 v. Chr.), war die Levante immer wieder Ziel von Feldzügen der Pharaonen. Sie errichteten während des Mittleren Reiches dort jedoch keine permanente Herrschaft. Vielmehr kehrten die Ägypter mit Tributen und Kriegsgefangenen wieder in ihr Reich zurück, ohne im Norden eine Besatzung zurückzulassen. In einer ägyptischen Quelle aus dem 19./18. Jahrhundert, den sogenannten Ächtungstexten, taucht zum ersten Mal der Name der Stadt Jerusalem auf („Rušalimum“, vgl. HTAT 003), die offensichtlich zu jener Zeit im ägyptischen Machtbereich lag. Über die bloße Erwähnung des Namens hinaus ist aber nichts bekannt. Die Politik des Ausgreifens in die Levante hatte jedoch auch den umgekehrten Effekt, dass vor allem im Nildelta vermehrt Kanaanäer ansässig wurden. Die „Zweite Zwischenzeit“ und die Hyksos Auf das Mittlere Reich folgte die sogenannte „Zweite Zwischenzeit“. Die Zwischenzeiten der ägyptischen Geschichte zeichneten sich dadurch aus, dass es keinen Monarchen gab, der das gesamte Land von Theben im Süden bis in das Nildelta im Norden unter seiner Herrschaft vereinigen konnte. Vielmehr herrschten in diesen Epochen oft mehrere Regionalfürsten gleichzeitig, die gelegentlich auch einen gewissen Teil des Landes unter ihre Kontrolle bringen konnten. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts gelang es einem dieser Regionalfürsten, der der kanaanäischen...