E-Book, Deutsch, Band 202, 108 Seiten
Reihe: MUSIK-KONZEPTE
E-Book, Deutsch, Band 202, 108 Seiten
Reihe: MUSIK-KONZEPTE
ISBN: 978-3-96707-842-8
Verlag: edition text+kritik
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kodálys Kompositionen, seine Chorwerke und Lieder, aber auch Orchester- und Klavierwerke sowie Kammermusik vereinen die autochthone ungarische Volksmusik mit der Tradition der europäischen Kunstmusik, sodass mit Anna Dalos von einer "Dualität des National-Ungarischen und des Europäischen" gesprochen werden kann. Musikalische und literarische Aspekte seines Schaffens, seine Beziehung zu Erno (Ernst von) Dohnányi und Freundschaft zu Béla Bartók begegnen den Leserinnen und Lesern bei der Lektüre des Bandes.
Mit Beiträgen von Klaus Aringer, Anna Dalos, Veronika Kusz, Peter Laki, Tibor Tallián und László Vikárius.
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LÁSZLÓ VIKÁRIUS Bartók und Kodály
Eine Musikerfreundschaft von historischer Bedeutung1
»als wir vor dem Reformationsdenkmal spazierten (…) haben
Sie mir, mit dem Finger auf die strenge Silhouette von Calvin zeigend,
gesagt: ›Der ist Bartók‹, und auf das wohlgefutterte Gesicht
von Théodore de Bèze hinweisend, ›und der dort, das bin ich‹.
Aber dann haben Sie lächelnd hinzugefügt, im Leben sei es
eher das Gegenteil gewesen.«2 Die früheste Aufnahme von Bartóks Klavierspiel ist auf einem Phonographen-Zylinder erhalten. Er spielt darauf zwei kleine Stücke, als erstes »Lumpácka«, eine slowakische Volksliedbearbeitung, die als Finalstück das dritte Heft der Für Kinder-Reihe abrundet. Der Ton des Stückes passt zu der mutmaßlichen Gelegenheit, für die die Aufnahme wohl gemacht wurde. Wie László Somfai, Herausgeber aller Klaviereinspielungen Bartóks, bemerkte, soll das in Kodálys Nachlass erhaltene Phonogramm aus dem Jahre 1910 zweifelsohne ein Hochzeitsgeschenk für Zoltán und Emma gewesen sein.3 Auf dem Phonogramm, aufgrund der zeitlichen Kürze des Zylinders leider ohne den ätherischen Schlussklang, erklingt noch Nr. 3 aus der Reihe Esquisses, die laut der Eintragung nach dem letzten Taktstrich »Emma und Zoltán, August 1910« gewidmet ist. Wurde die dritte Skizze so eindeutig als Hochzeitsgeschenk bezeichnet, dann war sicherlich auch die als Phonogramm überreichte Aufnahme (damals noch eine echte Rarität) so gemeint. War das Stück vielleicht als Porträt von Zoltán Kodály gedacht? Oder könnte es hier eher um die Begegnung zweier Geister gehen, wie dies die schwer gewonnene Harmonie am Ende erahnen lässt? Sowohl Komposition als auch Aufnahme sind Zeugnis einer ganz besonderen, einmaligen Beziehung. Das Studium der beiden späteren Freunde an der Budapester Akademie der Musik fing mit nur einem einzigen Jahr Differenz an. Dieses eine Jahr war jedoch dafür verantwortlich, dass sie keine Gelegenheit hatten, sich damals wirklich zu begegnen und kennenzulernen. Bartók trat seine Kompositions- und Klavierstudien an der Musikakademie 1899 an. Der seine Kompositionsstudien ein Jahr später beginnende jüngere Student besuchte gleichzeitig die Universität und das sogenannte Eötvös-Kollegium für hochbegabte Studierende. Gerade als Kodály seine Studien antrat, hatte Bartók eine schwere Lungenerkrankung, seine letzte Jugendkrankheit, die vorübergehend sogar die Möglichkeit einer anstrengenden Pianisten-Laufbahn infrage stellte, und musste so das ganze akademische Jahr 1900/01 ausfallen lassen. Stattdessen durfte er mit seiner Mutter vier Monate in der am südlichsten gelegenen Kurstadt der Monarchie, Meran (heute Merano in Italien) verbringen. Aber kann es sein, dass der nach seinen Gymnasialjahren in Nagyszombat (heute Trnava, Slowakei) in die Hauptstadt übergesiedelte Kodály über den schon damals als großes Talent erachteten Pianisten- und Komponistenstudenten nichts gehört hat? Das ist eher unwahrscheinlich. Möglicherweise beruht sogar eine Bemerkung in seiner Gedenkschrift »Der Mensch Béla Bartók« auf einer eigenen persönlichen Erinnerung von damals.4 In dieser 1946, zuerst als Vortrag verlesenen Schrift setzt er mit einer anscheinend ganz empfindungslosen Beschreibung der Persönlichkeit seines nun verstorbenen Freundes mit der Präzision und Objektivität eines Naturwissenschaftlers an, indem er sich auf die psychologische Charakterologie von Ernst Kretschmer bezieht. Zusammenfassend meint er, »Bartók könnte wirklich das Schulbeispiel für die schizothyme seelische Verfassung sein«.5 Etwas später und ganz nebenbei erwähnt er aber noch: »allerdings kam er aus Meran so füllig zurück, daß die Charakterologie ihn damals unter die Pykniker eingereiht hätte«.6 Seine Beschreibung macht den Eindruck, die krasse, wenn auch temporäre Veränderung in der Physiognomie des aus Meran an die Musikakademie zurückkehrenden Bartók persönlich erlebt zu haben.7 Kodály erwähnt gewöhnlich jedoch nur: »seit 1900 studierten wir zusammen an der Musikakademie. Begegneten uns jedoch nie. Bartók ging immer an anderen Tagen als ich. Übrigens war Bartók sehr zurückgezogen, er hegte nicht einmal mit seinen Kommilitonen Freundschaft.«8 Es gibt allerdings einige Erinnerungstexte, in denen sich Kodály nicht so kategorisch über die Anfänge der Bekanntschaft äußerte. So sagte er in seinem langen Gespräch mit Lutz Besch: »Wir beide haben zwar dieselbe Schule besucht, aber in getrennten Klassen; er war in einer höheren, und so haben wir uns nur selten gesehen, höchstens einmal bei einem Konzert.«9 Dille zufolge erwähnte Kodály sogar, er habe einmal ein Gespräch zwischen Bartók und einem anderen Studenten während der Pause eines Konzerts mitgehört.10 Eine nähere Bekanntschaft ließ allerdings auf sich warten. Während der letzten Jahre von Kodálys Studienzeit 1904/05 lebte Bartók wegen seiner Pianisten-Karriere meistens im Ausland: Er wohnte hauptsächlich in Wien, verbrachte jedoch Monate in Berlin, und vom Spätsommer 1905 an verweilte er anlässlich des Rubinstein Wettbewerbs längere Zeit in Paris. Noch davor hatten sie sich jedoch endlich einmal kennengelernt. Nach den Angaben von Béla Bartók Junior, dem Sohn des Komponisten, sollen sie sich erstmals im März 1905 getroffen haben, und zwar bei Frau Emma Gruber.11 Anscheinend fand gleich eine heftige politische Debatte zwischen den zwei jungen Komponisten statt. Auf jeden Fall könnte eine flüchtige Bemerkung in einem Brief Emmas darauf hingewiesen haben, als sie schrieb: »ich belästige Sie nicht mit Fragen der Politik – einmal war schon genug von Zoltán.«12 Emma Gruber, geborene Schlesinger, die zum Freundeskreis von István Thomán, dem Klavierprofessor Bartóks gehörte, begegnete der junge Komponist 1901. Dem 20-Jährigen erschien sie während eines ersten Besuchs als »eine sehr freundliche, kultivierte, sehr musikalische und sehr aufrichtige halbältere Dame«.13 Als er dann Kodály bei ihr begegnete, gehörte sie schon zu den engsten Freunden Bartóks. Er widmete ihr mehrere Kompositionen. Die Briefstelle bezüglich der Debatte mit »Zoltán« war ihre Danksagung für die Dedikation der Rhapsodie für Klavier. Dille hatte wohl Recht, als er meinte, die Begegnung mit Kodály sei für Bartók entscheidend gewesen. Ihm zufolge soll Kodálys Einfluss hinter dem plötzlichen Ende von Bartóks frühem und naivem Patriotismus stehen. (Bartók selbst benannte seine damalige Einstellung im Nachhinein als Teil der »chauvinistische[n] politische[n] Strömung«.14) Dille betonte die Bedeutung dieses Zusammentreffens mit den folgenden gewichtigen Worten: »Von dieser Begegnung an wird Bartók graduell zu jener Persönlichkeit, die vielleicht in der ganzen Musikgeschichte ohnegleichen ist«.15 Auch Kodály selbst erwähnt einen »naiven Patriotismus« in Bezug auf Bartók. In einer aphoristischen Aufzeichnung stellt er die Laufbahnen der beiden folgenderweise dar: »Gegensätzlicher Ausgangspunkt (…) 1896 faszinierte mich noch das Millennium, aber 1909 [1904?] fand ich das Programm von ›Kossuth‹ zu belächeln.«16 Die Formulierung bezüglich des gegensätzlichen Ausgangspunkts drückt sehr sensibel aus, wie wenig Bartók am Anfang seiner Karriere vom Nationalen geahnt oder zu wissen gewünscht haben mag. Gerade deswegen rief diese Idee für eine Weile eine richtige Leidenschaft in ihm hervor. In einem an Stefi Geyer gerichteten Brief kann man Bartóks Hochachtung für den jüngeren Kodály am stärksten und eindeutigsten spüren: »Seither ist ein anderes wichtiges Ereignis passiert: Sie haben den wertvollsten Menschen kennengelernt, den ich bislang als solchen weiß: Z. K. Haben Sie gespürt, dass Sie mit einem höheren Wesen reden? Haben Sie an ihm jene gewaltige Überlegenheit über das Gesindel der Philister gespürt?«17 Kodály hatte eine kaum zu überschätzende Wirkung auf seinen Kollegen. Sein Einfluss auf den älteren, aber seit seinem siebten Lebensjahr vaterlos aufgewachsenen Bartók konnte sowohl stark als auch heilsam sein. Er trug wesentlich zur endgültigen Reife und zum Erwachen der Persönlichkeit Bartóks bei, der gelegentlich sogar Äußerlichkeiten oder Manieren seines Freundes übernahm und nachahmte.18 Aber bereits Kodálys Brief an Bartók aus der frühen Zeit der Bekanntschaft zeigt die leitende Haltung des jüngeren Kollegen, als er Bartók zur Ernennung zum Lehrer an der Musikakademie gratuliert: »Viel Glück zur Professur, an der Akademie erkenne man den Professor, nicht am Professor die Akademie.«19 Und doch war Bartók nicht nur älter, sondern in vielerlei Hinsicht auch führend und Wegbereiter. Es ist kein Wunder, dass er als Unterschied zwischen Kodály und ihm selbst sein eigenes »savoir vivre« hervorhob.20 Er war sicherlich Antreiber der Organisierung ihrer ersten Doppel-Abendkonzerte im März 1910, anlässlich derer er die gesamte Klaviermusik und die Klavierpartien von Kammermusikwerken der beiden Konzerte aufführte. Es war ganz natürlich, dass er zum Präsidenten der kurzlebigen Neuen Ungarischen Musik-Vereinigung (UMZE) gewählt wurde. Bartók wurde ebenfalls früher zum Professor an der Musikakademie...