Guter Unterricht durch starke Lehrkräfte
E-Book, Deutsch, 180 Seiten
ISBN: 978-3-17-036694-7
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
3 Strukturierende Unterrichtsgestaltung/kognitive Aktivierung
»Die prozessuale Strukturierung impliziert die Schaffung und Aufrechterhaltung eines schwungvollen Lerntempos, reibungslose Übergänge von einer zur nächsten Unterrichtsaktivität, die Mobilisierung und Beschäftigung möglichst vieler Schülerinnen und Schüler […] und die Vorbereitung des Unterrichtsinhalts, des Materials und des Raums« (Gold, Hellermann & Holodynski, 2016, S. 104). Dieses Zitat zeigt, dass ganz im Sinne der Präsenz einer Lehrkraft auch ihre Unterrichtgestaltung ohne sog. Kunstpausen geschehen soll. Hilfreich hierfür sind eine wohl choreografierte/inszenierte Unterrichtsplanung, bei der einzelne Elemente sinnvoll aufeinander folgen ( Kap. 4.1), und die aktive und adaptive Einbeziehung der ganzen Klasse ( Kap. 4.2). Man kann den Punkt auch mit »kognitiver Aktivierung« überschreiben. Zurückgehend auf Aebli, aufgegriffen von Oser unterscheidet man heute bei Unterricht sog. Sicht- oder Oberflächenstrukturen von Tiefenstrukturen. Ganz wörtlich verstanden: Auf der Oberflächenstruktur sind alle Handlungsmuster des Unterrichts sichtbar wie Sozialformen, Artikulationsstufen, Medieneinsatz, Methoden (vgl. Streber, 2018). Für die Unterrichtsqualität und den Lernerfolg jedoch sehr viel entscheidender sind die Tiefenstrukturen, die als Basisdimensionen der Unterrichtsqualität gelten. Hierzu zählen Classroom Management (Sicherung und Nutzung von Zeit), konstruktive Unterstützung (Rückmeldung, Wertschätzung) und kognitive Aktivierung. »Die Dimension der kognitiven Aktivierung bezeichnet den intellektuellen Anforderungsgehalt im Unterricht« (Kunter & Trautwein, 2013, S. 86). Heymann (2015) schlüsselt diese Dimension näher auf: Kognitive Aktivierung • … zielt darauf ab, aktive Denk- und Problemlöseprozesse in Gang zu setzen • … führt zu einer aktiven geistigen Auseinandersetzung mit dem Lernstoff • … erlaubt eine intensivere gedankliche Durchdringung des Lernstoffs (größere Verarbeitungstiefe) • … fördert das Einbetten der zu lernenden Sachverhalte in größere Zusammenhänge und das Verstehen • … dient dem Aufbau gut vernetzter und transferfähiger Wissensstrukturen • … erleichtert die Anwendung des Gelernten in neuen Zusammenhängen (S. 7). Kleinknecht geht bei seiner Definition explizit auf die Aufgabe ein. Unter kognitiver Aktivierung »werden Aspekte des Lehrerhandelns subsumiert, die auf ein eigenaktives und anspruchsvolles Lernen zielen und vertiefte Denkprozesse ermöglichen. … Problemhaltige Aufgabenstellungen bilden dabei den Kern des Unterrichts« (Kleinknecht, 2011, S. 72). Die Bedeutung der Lehrkraft bei der kognitiven Aktivierung und damit ihre Führungskraft verdeutlicht Heymanns abschließender Satz: »Lehrer, denen es gelingt, ihre Schüler kognitiv zu aktivieren, bieten ihnen die Chance auf ein vertiefendes, verstehendes und vernetzendes Lernen. Schüleraktivierung ohne damit verbundene kognitive Aktivierung läuft Gefahr, in Leerlauf zu münden« (2015, S. 9). 3.1 Choreografierte Unterrichtsplanung
Das folgende Unterrichtsbeispiel wird deshalb hier gewählt, da das wesentliche Problem die mangelnde Schülermitarbeit und damit zusammenhängend eine mangelnde Schüleraktivierung ist. Es handelt sich um einen wahren Fall, der von einer Lehrkraft so geschildert wurde. Kritik an der Unterrichtsplanung (aus Kiel u. a., 2011, S. 44)
Ein Referendar unterrichtet Deutsch in einer fünften Klasse Hauptschule. Von Zeit zu Zeit besucht ihn sein Betreuungslehrer, um seinen Unterricht zu beobachten und ihm anschließend Tipps zu geben. In einer Lesestunde mit dem Thema »Lesen und Verstehen einer Geschichte« behandelt der Referendar eine Geschichte über zwei Personen, die ständig miteinander konkurrieren. Der Schwächere gleicht die Stärke des anderen mit Witz und Intelligenz aus. Ziel der Stunde ist es, die Lesefertigkeit zu fördern und den vorgelegten Text hinsichtlich der Kernaussagen zu bewerten. Dem Betreuungslehrer fällt auf, dass der Unterricht des Referendars nicht die gesamte Klasse anspricht, es melden sich immer dieselben Schüler. Einige Schüler fangen während der Stunde an zu schwätzen. Am Ende der Sitzung sollen sich die Schüler zu den Kernaussagen des Textes äußern, was allerdings nur sehr oberflächlich geschieht. In einem Gespräch nach der Sitzung weist der Betreuungslehrer den Referendar auf die mangelnde Schülermitarbeit hin. Der Referendar bestätigt diese Beobachtung, gibt an, dass er selbst mit dem Stundenverlauf nicht zufrieden gewesen sei, und fragt seinen Mentor, wie man eine höhere Schüleraktivität erreichen könne. Der Betreuungslehrer weist darauf hin, dass man Schüler auch durch eine entsprechende Unterrichtsplanung besser motivieren könnte. Anhand des Unterrichtsverlaufsmodells des Referendars überlegen die beiden, wo Ansatzpunkte für eine vermehrte Schülermitarbeit gegeben sein könnten. Im Folgenden ist der Unterrichtsverlauf aufgezeichnet: Tab. 1: Modell des Referendars zum Unterrichtsverlauf »Lesen und Verstehen einer Geschichte« (Kiel u. a., 2011; 2017, S. 45) Die Frage, wie eine Unterrichtsstunde aus zeitlicher Sicht gestaltet werden kann, wird in der Literatur unter dem Begriff der Artikulation oder der Verlaufsformen behandelt. Es geht folglich um die Einteilung des Unterrichts in Phasen, um die zeitliche Strukturierung einzelner Lehr-Lern-Schritte zu gewährleisten. 3.1.1 ARIVA-Schema
Aus der Fülle unterschiedlicher Modelle wird hier das ARIVA-Schema behandelt (Städeli, Grassi, Rhiner & Obrist, 2010). Mit ihm liegt ein einfach zu handhabendes Modell vor, das der Unterstützung bei der Strukturierung des Unterrichts im Rahmen der Unterrichtsplanung dient. Das Akronym ARIVA bezeichnet die folgenden fünf Phasen: • Ankommen • Reaktivieren • Informieren • Verarbeiten • Auswerten. Ankommen und einstimmen (A)
In dieser Phase soll die Aufmerksamkeit der Schüler auf den Lerngegenstand gelenkt werden. Eine Einstiegsmotivation ist das Ziel. Eine klassische Variante des – in diesem Fall kognitiven – Ausrichtens ist der sogenannte informierende Unterrichtseinstieg, in dem die Lehrkraft einen Überblick über die kommende Stunde gibt und kurz über Thema, Lernziele und Arbeitsschritte aufklärt. Eine weitere Möglichkeit des kognitiven Ausrichtens kann in Form eines »stummen Impulses« erfolgen, bei dem man die Schüler ohne weitere Angaben mit einem nonverbalen Impuls (z. B. einem Gegenstand, einem Bild, einem Experiment) konfrontiert und möglichst frei assoziieren lässt. Eine eher affektive Variante des Unterrichtseinstiegs ist es z. B., die Schüler mit einem Widerspruch oder einer Provokation zu irritieren und damit eine Reaktion der Schüler herauszufordern. Im obigen Unterrichtsbeispiel ist diese Phase mit dem Impuls einer Bildgeschichte umgesetzt, wie im Modell zum Unterrichtsverlauf deutlich wird. Vorwissen aktivieren (V bzw. R: Reaktivieren)
In dieser Phase sollen das Vorwissen und die Vorerfahrungen angesprochen werden. Dies kann z. B. über ein Brainstorming oder eine Mindmap geschehen und ermöglicht es den Schülern, sich dem neuen Sachverhalt auf der Basis von bekanntem Wissen und Können zu öffnen. Auf diesem Weg werden vorhandene kognitive Strukturen aktiviert, und es wird die Voraussetzung dafür geschaffen, altes und neues Wissen verknüpfen zu können. Diese Phase kann entweder am Anfang oder auch am Ende stehen. So könnten die Schüler die Kernaussagen der Geschichte auf ihre eigenen Stärken und Schwächen beziehen, auf Konkurrenzsituationen, auf ihre Lebenswelt usw. Informieren (I)
In dieser Phase sollen die Einzelheiten zum Lerngegenstand aufgenommen werden. Hier geht es primär um die Vermittlung neuer Inhalte. Dies kann durch eine Einzel- oder Gruppenarbeit, durch eine darbietend-aufnehmende oder eine zusammenwirkende Arbeits- und Aktionsform geschehen. In dieser Phase...