E-Book, Deutsch, 240 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 190 mm
ISBN: 978-3-374-05007-9
Verlag: Evangelische Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Historikerin Elke Strauchenbruch erzählt vom Familienleben im Hause Luther und berichtet, was aus den Kindern des großen Reformators wurde, der die 'Kleinen' für die 'schönste und größte Freude im Leben' hielt.
Das Buch ist ein spannendes Lesevergnügen mit vielen überraschenden Einsichten in den Alltag von vor rund 500 Jahren.
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
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Kapitel 1
Die Kinder des Ehepaares Katharina und Martin Luther JOHANNES (HANS) LUTHER
Martin Luthers erstes Kind Johannes kam am 7. Juni 1526 zur Welt. Die Eltern empfanden die Geburt als ein wunderbares Geschenk zu ihrem bevorstehenden ersten Hochzeitstag. Abb. 1 Das Vischer-Taufbecken der Stadtkirche, in dem die Lutherkinder getauft wurden Wollet auch von meinetwegen Agricola sagen, das meine Käthe von großer Gotts Gnaden einen Hansen Luther geboren hat gestern um zwei.6 Das Baby wurde, gemäß der Sitte, noch am Tage seiner Geburt gegen 16 Uhr in der Wittenberger Stadtkirche von Diakon Georg Rörer getauft. Die von dem berühmten Bronzegießer Peter Vischer aus Nürnberg geschaffene wunderbare Taufe wird hier noch heute benutzt. Paten des kleinen Johannes Luther waren Johann Pfister, Johannes Bugenhagen, der ihn aus der Taufe hob, Justus Jonas, der Hofmaler Lucas Cranach, die Bürgermeistergattin Benedikta Hohndorf und der Jurist und spätere kursächsische Vizekanzler Christian Beyer. Der aus Nürnberg gekommene ehemalige Augustinermönch Johann Pfister7 studierte in Wittenberg Theologie und hatte dem Ehepaar Luther bei deren Hochzeitstafel als Mundschenk gedient. Später erhielt er ein Pfarramt in Fürth. Die Paten Kaspar Müller und der in Straßburg lebende Nikolaus Gerbel8 waren bei der Taufe ebensowenig zugegen wie die Wöchnerin.9 Lange Wege waren wegen der üblichen raschen Taufe eines Neugeborenen und dessen ungewissen Geburtszeitpunktes in so kurzer Zeit nicht zu bewältigen und die Mütter lagen nach den oft schweren Geburten noch einige Tage im Wochenbett. Alle Paten und selbst der Geistliche stammten aus dem engsten Kreis um den Vater gewordenen Reformator, der just im Geburtsjahre seines Ältesten, 1526, in seinem Taufbüchlein über die Rolle der Paten für den Täufling geschrieben hat. Auch sollen alle Paten und die umher stehen mit dem Priester die Worte seines Gebetes zu Gott im Herzen sprechen … Deshalb ist es auch wohl billig und recht, dass man nicht trunkene und rohe Pfaffen taufen lasse, auch nicht lose Leute zu Gevattern nehme, sondern feine, sittige, ernste, fromme Priester und Gevattern, von denen man erwarten kann, dass sie die Sache mit Ernst und rechtem Glauben behandeln.10 Interessant ist, dass Luther bei der Wahl der Paten für seine Kinder keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen machte. Beide Geschlechter seien für die Erziehung der Kinder zum rechten Glauben berufen und so finden sich auch in den Tauflisten seiner nachgeborenen Kinder Männer und Frauen. Eine weitere Aufgabe von Paten ist die Sorge um verwaiste Patenkinder. Da Luther stets in Erwartung seines baldigen Todes lebte, war die Wahl der Paten durch ihn immer mit deren möglichen und in seinen Augen sehr wahrscheinlichen Aufgaben bei der Sorge um seine verwaisten Kinder verbunden, zumal nach damaligem Recht die Mutter und Witwe ohne Vormund nicht rechtsfähig war. Die hohe Geburtenzahl in Wittenberg bedingte auch zahlreiche Patenschaften. Am 20. Januar 1539 wurden neun Kinder auf einmal getauft. Luther, Melanchthon, Bugenhagen und viele andere ehrsame Leute wurden häufig Gevattern, Luther zahllose Male. Einmal hatte er vergessen, wem alles er dafür eine Zusage gegeben hatte und musste seinen Famulus losschicken, es auszukundschaften. Abb. 2 Das Lutherhaus und der Hof im Frühjahr 2014 Luther war noch immer krank, als die Pest in die Stadt einzog. Die Universität wurde nun eilends nach Jena verlegt. Am 10. August traf ein Schreiben im Lutherhause ein, in dem der sich noch in Torgau aufhaltende Kurfürst Johann der Beständige den Professor besorgt aufforderte, sich mit der Familie ebenfalls nach Jena zu begeben und so sein Leben vor der Seuche zu schützen. Doch Luther und Bugenhagen harrten bei den Wittenbergern und den wenigen nicht aus der Stadt geflohenen Studenten aus. In der trügerischen Hoffnung, so der Krankheit weniger ausgesetzt zu sein, zog Stadtpfarrer Bugenhagen mit seiner Familie Mitte August in das Haus des noch immer leidenden Freundes ein. In diesen Tagen und Wochen der Sorge füllte sich das Lutherhaus immer weiter mit Freunden und Gästen, Gesunden und Kranken. Geboren werden und sterben, alles das fand hier plötzlich statt; alles das mit einem schwer erkrankten Hausherrn und einer hochschwangeren Hausfrau, die beide wohl sehr viel weniger Zeit und Kraft für ihr nun gut eineinhalbjähriges Söhnlein Johannes hatten. Zu ihrem Entsetzen erkrankte Hänschen Ende Oktober an schwerem Fieber. Luther berichtete am 4. November 1527: Ich weiß eigentlich nicht, was ich schreiben soll, mein lieber Jonas, ich, der ich vor Unruhe und Kleinmut kaum Atem holen kann. … Da nun alle vor Furcht zittern, habe ich den Pfarrer (Bugenhagen) mit seiner Familie in meinem Haus aufgenommen. Meine Käthe ist bis jetzt stark im Glauben und gesund. Mein Hänschen liegt schon acht Tage an einer noch ungeklärten Krankheit darnieder (wie ich beinahe vermute, an der Krankheit dieser Zeit), es sollen die Zähne sein, und so glaubt man es. Nach der Frau des Kaplans gab es gestern und heute keinen Sterbefall. Christus möge bewirken, dass diese Pest aufhört. In der Fischervorstadt ist sie zwar schon abgeklungen, und sie beginnen dort wieder mit Hochzeiten und nehmen ihre Vergnügungen wieder auf. Etwas Gewisses kann man jedoch nicht sagen. Denn vor acht Tagen hatte die Pest in der Stadt beinahe aufgehört, so dass noch nicht einmal an jedem Tag ein Todesfall war, aber plötzlich änderte sich die Luft. Innerhalb von zwei Tagen gab es an einem Tag gleich 12 Tote, wenn freilich auch zum größten Teil Kinder. Die Frau Augustins (Anna Moschwitz?, Ehefrau Augustin Schurffs, Prof. der Medizin, Leibarzt des Kurfürsten und Luthers Freund) lag acht Tage und länger krank an einem inneren Geschwür. Man vermutete natürlich nichts anderes als die Pest, aber sie erholte sich wieder. Margarete von Mochau liegt ebenso bei mir darnieder, man spricht von einer Menstruationskrankheit, befürchtet jedoch die Pest. Siehst Du nur die Vermutung, lebe ich in meinem Hause inmitten der Pest; wenn Du die Sache in Wahrheit betrachtest, sind es Leben und Heil, allerdings unter Versuchungen. … Meine Frau Käthe grüßt Dich und beklagt sich, dass Du uns nicht besuchst, da doch in unseren Grenzen Frieden herrscht. Dich grüßt Pomeranus (Bugenhagen), der heute zur Reinigung seines Leibes ein Abführmittel genommen hat …17 Dreimal habe ich im Hause die Pest gehabt; über acht Tage war mein Söhnchen krank, aß nichts und lebte nur vom Trinken, dass ich verzweifelte; jetzt fängt es an, ihm wieder besser zu gehen.18 Hoffnung wuchs in dem Vater erst am 11. November und er teilte Jonas mit: Mein Hänschen kann dich wegen seiner Krankheit noch nicht grüßen, aber er bittet dich, für ihn zu beten. Heute sind’s zwölf Tage, dass er nichts gegessen hat und nur durch Trinken einigermaßen ernährt worden ist. Jetzt fängt er wieder an ein wenig zu essen. Wunderbar, wie gern das Kind nach seiner Weise fröhlich und stark sein möchte, aber er ist noch zu schwach dazu.19 Hänschen erholte sich und konnte zum Jahreswechsel nicht nur stehen, sondern auch die ersten Schritte machen, konnte nicht nur lallen, sondern erste Worte sprechen. Überdies wurde ihm am 10. Dezember ein Schwesterchen geschenkt, Elisabeth. Jahre später wird Hans darüber nachgedacht haben, wie die Eltern das wohl alles durchgestanden haben. Abb. 3 Kinderklapper aus dem Besitz der Familie Luther Man soll die Kinder Lesen und anderes Wissen lehren, solange sie jung sind und Zeit haben, geeignet und begierig dazu sind.23 Doch die unbeschwerte Zeit der Kindheit des kleinen Hans neigte sich schon um seinen 4. Geburtstag herum ihrem Ende zu. Der auf Zuverdienst angewiesene Theologiestudent Hieronymus Weller zog ins Lutherhaus und wurde Hänschens erster Lehrer. Damit war das Kind natürlich privilegiert, denn Gleichaltrige hatten oftmals schon zum Leben der Familie beizutragen. Sie mussten kleinere Geschwister beaufsichtigen, beim Spinnen helfen, sich als Gänsehüter verdingen oder im Haushalt, im Handwerk des Vaters, im Garten, im Weinberg und auf dem Acker helfen. In Mühlhausen in Thüringen wurde sogar einmal eine Mutter vom Stadtgericht zur Rechenschaft gezogen weil ihr Sohn als Hütejunge versagt hatte.24 Kinder unter fünf bis höchstens sieben Jahren hatten bei der Getreideernte den ersten Halm zu schneiden oder das erste Strohseil zu winden und selbst das erste Obst, das ein junger Baum trägt, ließ man möglichst von einem kleinen Jungen pflücken, denn das versprach im Volksglauben für die...