Kodifizierte Genustheorie des Barock und alternative Normenbildung in poetologischen Paratexten
E-Book, Deutsch, 475 Seiten, Gewicht: 10 g
Reihe: ISSN
ISBN: 978-3-484-97054-0
Verlag: M. Niemeyer
Format: PDF
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Zielgruppe
Academics, Institutes, Libraries / Wissenschaftler, Institute, Bibliotheken
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
- Geisteswissenschaften Literaturwissenschaft Literaturtheorie: Poetik und Literaturästhetik
- Geisteswissenschaften Literaturwissenschaft Literaturwissenschaft
- Geisteswissenschaften Literaturwissenschaft Literarische Gattungen
- Geisteswissenschaften Literaturwissenschaft Literarische Strömungen & Epochen
- Geisteswissenschaften Literaturwissenschaft Deutsche Literatur
Weitere Infos & Material
1;Inhaltsverzeichnis;5
2;1. Einleitung;9
3;2. Literarhistorische und poetologische Kontexte;14
4;3. Lyrische Formen in der kodifizierten Poetik: Reim-, Versund Strophenlehre als Musterfall der ars poetica;52
5;4. Lyrische Formen in den Vorreden: Verlängerung der Poetik mit anderen Mitteln;113
6;5. Bühnendichtung in der kodifizierten Poetik: Festlegung barocker Standards auf der Folie antiker Modelle;170
7;6. Bühnendichtung in der Vorredenpoetik: Legitimation von Regelverstößen;220
8;7. Narrative Formen in der kodifizierten Poetik: Vernachlässigung der Prosaformen zugunsten des Versepos;283
9;8. Narrative Formen in der Vorredenpoetik: Alternative Definitionen der Erzählprosa;316
10;9. Fazit;417
11;10 Literaturverzeichnis;432
12;Personen- und Werkregister;467
6 Bühnendichtung in der Vorredenpoetik: Legitimation von Regelverstößen (S. 212-213)
6.1 Historische und religiöse Trauerspiele
Da etliche Dramenvorreden einen zwar durchaus avancierten, aber wertkonservativen theoretischen Anspruch vertreten, sind hier poetologische Grundsatzerklärungen, wie sie in den Lyrikvorreden fast immer erfolgen, höchst selten anzutreffen. Freilich ergreift Martin Opitz auch in der Vorrede zu seinen als Musterstück konzipierten Trojanerinnen (1625) die Gelegenheit, einmal mehr den Beginn einer deutschsprachigen Kunstdichtung zu proklamieren, die allerdings noch mit anfänglichen Schwierigkeiten zu kämpfen habe: »vnd wir schreiben nunmehr Deutsch / da es erstlich einer kleinen Erklerung wil von nöthen seyn / biß wir vns etwas besser werden eingerichtet haben / wo es Gott verleihet«.1
Nur sporadisch finden sich vor Christian Weise und seiner Pragmatik des Schultheaters prinzipielle Infragestellungen der seit der Antike anerkannten Genusstandards. Statt dessen geht es vor allem um einzelne wirkungsästhetische Besonderheiten sowie um punktuelle Streitfragen und Abweichungen von geltenden Regeln. Nicht selten verzichten die Trauerspielvorreden sogar ganz auf programmatische Einlassungen, insbesondere, wenn die Stücke vermeintlich keine eklatanten Verstöße oder Neuerungen gegenüber der aristotelischen Poetik aufweisen.
Sehr blaß bleibt die Dichtungsprogrammatik beispielsweise bei Johann Klaj, der in der Vorrede zu seinem Trauerspiel Bellemperie (1680) nur kurz den iberischen Stoff erläutert, um ansonsten nur mitzuteilen, daß es sich bei seinem Drama um die Bearbeitung eines Vorgängertextes aus Amsterdam mit dem Titel Don Hieronymo handele, der aber »so voller Fehler« sei, daß er »kaum ein Blat darvon« habe verwenden können, was ihn letztlich genötigt habe, eine »ganz neue Erfind- und Ordnung« herzustellen.
Unterschwellig klingt hier zwar eine gewisse Verpflichtung des barocken Trauerspiels auf bestimmte Regeln der Invention und Disposition an, aber davon abgesehen verzichtet Stieler darauf, die Besonderheiten seiner Bellemperie mitsamt dem als Stück-im-Stück integrierten Siegesfestspiel im generischen Kontext der Rachetragödie nach dem Vorbild von Thomas Kyds The Spanish Tragedy (vor 1592) zu lokalisieren.
Augenfällig ist fernerhin die Tatsache, daß weder in den Kodizes noch in den Paratexten eine weitergehende Differenzierung der hohen und ernsten Schauspiele nach weltlichen oder geistlichen Stoffen stattfindet. Obwohl das Märtyrerdrama mit seiner genuskonstituierenden Abweichung vom Hamartia- Prinzip gerade keinen tragischen Untergang der Helden bietet, gehören zum Trauerspiel nach zeitgenössischer Auffassung ebenso selbstverständlich wie die historischen Dramen auch biblische Stücke wie Opitz’ Judith (1635) oder Johann Klajs Redeoratorium
Der Leidende Christus (1645), dessen Untertitel In einem Trauerspiele vorgestellet die damalige Genuszuordnung ebenso vergegenwärtigt wie sein Herodes der Kindermörder (1645), den er mit dem Titelzusatz Nach Art eines Trauerspiels ausgebildet generisch einordnet. Offenbar erscheint es nicht einmal notwendig, diese geistliche Form des Redeaktus poetologisch zu begründen oder vom Geschichtsdrama abzugrenzen, denn die Vorrede bleibt in dieser Hinsicht völlig unergiebig. Klaj merkt nur lapidar an: »Zwar soll ich die Warheit sagen / so ist das Werk an ihm selbsten menschlich / aber der Inhalt Göttlich.«