• Neu
Sidebottom | Der wahnsinnige Kaiser | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Sidebottom Der wahnsinnige Kaiser

Elagabal und der Niedergang Roms

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

ISBN: 978-3-534-61062-4
Verlag: Theiss in Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



8. Juni 218 n. Chr. Ein 14-jähriger syrischer Junge, angetrieben von seiner Großmutter, führt ein Heer in die Schlacht gegen die Truppen des amtierenden römischen Kaisers Macrinus. Wider Erwarten ist er siegreich: Varius Avitus Bassianus, bekannt als Heliogabalus oder Elagabal, wird zum Kaiser ausgerufen. Die vier Jahre seiner Herrschaft suchen ihresgleichen in der römischen Geschichte: Er brüskiert die konservative Führungsschicht und befördert Männer niederer Herkunft in hohe Ämter. Er erschüttert die römische Staatsreligion, indem er Jupiter von seinem Thron verdrängt und ihn durch den Sonnengott seiner Heimatstadt Emesa ersetzt. Er heiratet eine Vestalin, hat Sex mit Frauen wie Männern und prostituiert sich sogar. Legendär sind seine extravaganten Gelage.
Harry Sidebottom erzählt mitreißend die Geschichte von Elagabals Aufstieg und Scheitern. Gleichzeitig vertieft er vor dem Hintergrund der Biografie Fragen, die für die römische Kaiserzeit zentral waren. Er diskutiert Themen wie Rassismus und Identität, Sexualität, Religion und Macht und widmet sich auch der bunten Rezeptionsgeschichte, die Elagabal erfahren hat.
Sidebottom Der wahnsinnige Kaiser jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


EINLEITUNG
Die Rosen des Heliogabalus
      Bild 1: The Roses of Heliogabalus von Alma-Tadema   Die falsche Decke bewegte sich und die Rosenblätter begannen herabzufallen. Gab es für die Festgäste eine Vorwarnung – ein Klicken, das Surren eines Räderwerks oder vielleicht irgendeine Andeutung des jungen Kaisers? Angespannt waren sie auf jeden Fall. Elagabals Festmähler waren für ihre Überraschungen berüchtigt. Häufig waren es entwürdigende oder furchteinflößende. Die Liegen waren so präpariert, dass sie die Benutzer platt auf den Boden warfen. Wilde Tiere wurden zwischen den Tischen losgelassen. Das kaiserzeitliche Rom hatte eine mal erfreuliche, mal düstere Tradition, wonach Abendessen unter Scheindecken stattfanden. Ein Esszimmer in Neros Goldenem Haus besaß drehbare Paneele, durch die Parfüm und Blüten auf die Gäste herabregnen konnten. Unter der Herrschaft des Tiberius schlichen sich Denunzianten in den Zwischenraum zwischen eingebauter und echter Decke, um Senatoren zu belauschen, die der Wein und ihre vertrauenswürdigen Gefährten zu verräterischen Plaudereien verlockte.1 Wann merkten Elagabals Gäste, dass sie in Gefahr waren? Wie schnell wurde aus dem Geriesel der Blütenblätter eine Flut, die sie zu ersticken drohte? Wann begannen sie um sich zu schlagen, um ihr Leben zu kämpfen? Wann begriffen sie, dass sie sterben mussten? The Roses of Heliogabalus von Sir Lawrence Alma-Tadema wurde erstmals 1888 in der Londoner Royal Academy ausgestellt.2 Auf dem Bild wirken alle merkwürdig ruhig. Elagabal in der Mitte der Empore, in goldene Gewänder gehüllt, schaut unbeteiligt zu. Sein Interesse scheint weniger geweckt als das der anderen, die in Sicherheit rund um den besten Tisch liegen: Sie beugen sich zumindest vor, um besser sehen zu können. Noch seltsamer sind die Reaktionen der Opfer unter ihnen. Zwei Frauen in der Mitte bewegen sich zwar, aber nur träge – eher so, als wollten sie sich in den Blumen aalen, als um dem Ersticken zu entgehen. Zwei weitere Frauen blicken den Betrachter an. Ihre Gesichter, alles andere als entsetzt, verraten nicht den Hauch eines Gefühls. Vielleicht dämmert ihnen die schreckliche Wahrheit noch nicht. Allerdings: Das kommt einem unwahrscheinlich vor, weil die Frau, die auf der linken Bildseite herausschaut, schon so tief begraben ist, dass ihr rosa Gesicht beinahe im Rosa der Blüten verschwunden ist. Eher soll man ihre Reaktionslosigkeit wohl als Endergebnis römischer Dekadenz verstehen. Sie sind allesamt so übersättigt mit Luxus und Sinnlichkeit, dass jede neue Erfahrung, selbst die Todesnähe, nichts als Langeweile auslöst – das überaus viktorianische Gefühl des Ennui. Ganz egal, dass The Roses of Heliogabalus komplett erfunden ist. Alma-Tadema hatte die Geschichte von einem spätantiken historischen Romancier. Die „Veilchen und anderen Blumen“ des Originals (HA Heliog. 21,5) machte er zu Rosen und ersetzte die mechanische Decke gleich noch durch einen Baldachin. Für Viktorianer standen Rosen für Sinnlichkeit und Verfall zugleich. Alma-Tadema, der stets obsessiv detailgenau war und in der Kälte eines englischen Novembers arbeiten musste, ließ sich für Unsummen Tausende frischer Blumen ins Atelier bringen – eine Extravaganz, die ganz nach seinem Thema riecht. Seine Quelle, der unbekannte Autor der als Historia Augusta bekannten Sammlung von Kaiserbiografien, hatte die Anekdote aus einem Festmahl Neros, das er bei Sueton beschrieben fand, ließ das Parfüm weg und fügte die Todesfolge hinzu. Über The Roses of Heliogabalus gibt es viel zu sagen und wir werden im letzten Kapitel auf das Bild zurückkommen. (Vielleicht möchten Sie sich schon einmal die Ausstattung des Raumes und den Mann auf der rechten Seite mit der ausgefallenen Frisur ansehen – und eventuell auch die Landschaft.) Vorläufig genügt die Bemerkung, dass Alma-Tademas Gemälde, so sehr es eine komplizierte, vielschichtige Fiktion ist, perfekt die viktorianische Sicht auf die Dekadenz des kaiserzeitlichen Rom und die finstersten Seiten des jungen Kaisers abbildet. Springen wir über hundert Jahre nach vorn ins 21. Jahrhundert, stellen wir fest, dass die römische Dekadenz insgesamt immer noch gut im Geschäft ist. Die Grausamkeit und Abartigkeit eines Caligula und Nero sind Teil des populären Geschichtsbilds – Beweise gibt’s massenhaft im Internet. Elagabal jedoch ist fast vollkommen verschwunden (und auch diesem Verschwinden werden wir im nächsten Kapitel nachgehen). Finden lässt sich der junge Kaiser noch in den Abhandlungen einiger Gelehrter, zwischen Haufen aus Fußnoten und babylonischen Büchertürmen – einiger weniger Gelehrter, muss man sagen, denn der akademische Betrieb ignoriert ihn weithin. Ansonsten hat er sich an den Rand zurückgezogen. Ab und zu erscheint er in der Gegenkultur in den wilderen Ausläufern der LGBT+-Community. Hin und wieder erwischt man einen Blick auf ihn (stets durch die Linse von Alma-Tademas Bild) in der zeitgenössischen Kunst und deren oft so schwülstiger Kritik. Alle Jubeljahre schleift man ihn (wiederum immer vermittelt durch The Roses of Heliogabalus) durch die geistlose Publicity mancher Modehäuser. Aber im Mainstream hat sich Elagabal – wie ein Gott, den seine Gläubigen verlassen haben – in Luft aufgelöst. In der römischen Welt ist Elagabal immer im Rampenlicht geblieben. Das ist ironisch, schließlich wurde sein Andenken nach seinem Tod förmlich verdammt.3 Damnatio memoriae ist zwar, wie die Forschung uns häufig erinnert, ein moderner Begriff. Das Konzept selbst jedoch war römisch, und im Fall Elagabals wurde die Strafe mit aller Härte vollzogen. Manche seiner Statuen wurden entfernt und in Lagerhäuser verbracht, wo sie darauf warteten, in jemand anderen umgearbeitet zu werden; der Rest wurde verstümmelt. Die Hammerschläge zielten auf die Sinnesorgane – Augen, Ohren, Nase und Mund. Danach schleifte man die übel zugerichteten Statuen weg, verwendete sie als Baumaterial oder warf sie in Schande auf den Müll. Elagabals offizielle Namen – Marcus Aurelius Antoninus – wurden ganz oder teilweise aus Inschriften ausgemeißelt und in Papyri durchgestrichen. Selbst seine Münzen blieben nicht verschont. Einige, die überdauert haben, wurden mit der Initiale seines Nachfolgers gegengestempelt. Manche wurden wie die Inschriften mit spitzen Werkzeugen entstellt. Paradoxerweise hat gerade diese gründliche damnatio memoriae dazu beigetragen, die Erinnerung an den Kaiser zu bewahren. Seine Abwesenheit war es, die ihm eine bedeutsame Anwesenheit verlieh: der leere Statuensockel und der Freiraum auf der Inschrift. In der römischen Fantasie blieb der tote Kaiser überaus lebendig. Er legte sich eine ganze Menge Spitznamen zu. Obwohl seine Herrschaftszeit so kurz war (218–222 n. Chr.), kennen wir viele davon, mehr als für jeden anderen Kaiser. Sie alle sind abschätzig und verhöhnen seine illegitime Herkunft, seine Effeminiertheit, sein Sexualverhalten, seine ethnische Zugehörigkeit und Religion sowie das Schicksal seiner Leiche: Pseudo-Antoninus, unheiliger kleiner Antoninus, Gynnis („weibischer Mann“), Bassiana (die weibliche Form eines Familiennamens), Koryphos („Jungfrauenschänder“ oder vielleicht auch „Lustknabe“), Assyrer (also „Orientale“), Sardanapalus (nach einem sagenhaften Assyrerkönig), Tractitius („der Geschleifte“, weil das mit seiner Leiche geschah), Tiberinus (nach dem Fluss, in den seine Überreste geworfen wurden), Elagabalus und Heliogabalus (beide abgeleitet von Elagabal, dem Gott, den er verehrte).4 Das ist ein guter Zeitpunkt, um innezuhalten und über die Namen des Kaisers nachzudenken. Als Kind war er höchstwahrscheinlich Sextus (oder Gaius) Varius Avitus Bassianus. Als er auf den Thron kam, wurde er zu Marcus Aurelius Antoninus. Nach seinem Tod bekam er diese ganzen anderen Namen. Soweit man ihn in der modernen Welt überhaupt noch kennt, ist er normalerweise Elagabal(us) oder Heliogabalus. Ein einsamer Forscher hat vorgeschlagen, ihn „Varius“ zu nennen.5 Das hat den Nachteil, dass weder seine Untertanen noch jemand heute weiß, wer damit gemeint sein soll. Elagabal, die Bezeichnung, die die Forschung normalerweise gebraucht (und die auch in dieser Übersetzung verwendet wird), ist andererseits nicht oder nur durch Hinweise von der Gottheit Elagabal zu unterscheiden. Im Leben dieses Kaisers wird das nicht die letzte Mehrdeutigkeit bleiben … Literatur fiel übrigens nicht unter die damnatio memoriae. Das ist seltsam, wenn man einen Augenblick überlegt. Manchmal drückten antike Autoren ihren Widerwillen aus, die Laster schlechter Kaiser festzuhalten, und gleich danach vertieften sie sich mit der Berufsethik eines Sensationsjournalisten in alle Feinheiten der Verdorbenheit. „Mein Blatt ist schmutzig, so wie sein Leben war; aber mein Leben ist rein“ – so hätten sie die Standardausrede lateinischer Erotikdichter erweitern können. Zu Elagabal sind drei wichtige Texte erhalten, die allesamt in verschiedenen Abstufungen schlüpfrig sind. Zwei davon stammen von Zeitgenossen. Der erste ist Cassius Dio, der eine Geschichte Roms von der Ankunft des Aeneas und der Gründung der Stadt bis in sein eigenes Leben unter Elagabals Nachfolger schrieb. Anders als den Großteil des Textes, der nur in späteren Kurzfassungen erhalten ist,...


Fündling, Jörg
Dr. Jörg Fündling vertritt die Professur für Kirchengeschichte am Institut für Katholische Theologie der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Historia-Augusta-Forschung, die politische und die Kulturgeschichte des Prinzipats sowie die literarische Rezeption der Antike. Er veröffentlichte u. a. Biografien über Marc Aurel, Sulla und Philipp II. Seine Biografie über Marc Aurel wurde mit dem Prix Bordin der französischen Académie des inscriptions et belles-lettres ausgezeichnet.

Sidebottom, Harry
Harry Sidebottom wuchs in den Rennställen von Newmarket auf, wo sein Vater als Trainer arbeitete. Dennoch entschied er sich für eine Laufbahn als Historiker – er promovierte in Alter Geschichte in Oxford und lehrt Alte Geschichte am Lincoln College in Oxford.
Seit der Veröffentlichung von Fire in the East im Jahr 2008 hat er jedes Jahr einen Historischen Roman geschrieben und veröffentlicht, die alle zu Sunday-Times- Bestsellern wurden, einige sind bei Heyne auf Deutsch erschienen. Seine Reihe Warrior of Rome wurde in 14 Ländern veröffentlicht. Er ist außerdem Herausgeber der Blackwell Encyclopaedia of Ancient Battles.
The Mad Emperor ist sein erstes Sachbuch für den allgemeinen Markt und verbindet das erzählerische Gespür des Schriftstellers mit einer tiefgehenden  historischen und kulturellen Analyse.

Harry Sidebottom wuchs in den Rennställen von Newmarket auf, wo sein Vater als Trainer arbeitete. Dennoch entschied er sich für eine Laufbahn als Historiker – er promovierte in Alter Geschichte in Oxford und lehrt Alte Geschichte am Lincoln College in Oxford.
Seit der Veröffentlichung von Fire in the East im Jahr 2008 hat er jedes Jahr einen Historischen Roman geschrieben und veröffentlicht, die alle zu Sunday-Times- Bestsellern wurden, einige sind bei Heyne auf Deutsch erschienen. Seine Reihe Warrior of Rome wurde in 14 Ländern veröffentlicht. Er ist außerdem Herausgeber der Blackwell Encyclopaedia of Ancient Battles.
The Mad Emperor ist sein erstes Sachbuch für den allgemeinen Markt und verbindet das erzählerische Gespür des Schriftstellers mit einer tiefgehenden  historischen und kulturellen Analyse.
Dr. Jörg Fündling vertritt die Professur für Kirchengeschichte am Institut für Katholische Theologie der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Historia-Augusta-Forschung, die politische und die Kulturgeschichte des Prinzipats sowie die literarische Rezeption der Antike. Er veröffentlichte u. a. Biografien über Marc Aurel, Sulla und Philipp II. Seine Biografie über Marc Aurel wurde mit dem Prix Bordin der französischen Académie des inscriptions et belles-lettres ausgezeichnet.


Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.