E-Book, Deutsch, Band 1, 320 Seiten
Reihe: Die Lying Game
ISBN: 978-3-641-07382-4
Verlag: cbt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kurz vor ihrem 18. Geburtstag macht Emma via Facebook eine überraschende Entdeckung: Sie hat eine eineiige Zwillingsschwester! Doch noch bevor sie Sutton treffen kann, erhält sie die mysteriöse Nachricht, dass ihre Schwester tot ist - und sie ihre Rolle übernehmen soll. Der Beginn eines gefährlichen Lügen-Spiels: Aus Emma wird Sutton, um herauszufinden, was wirklich geschehen ist. Dabei übernimmt sie nicht nur Suttons Leben als makelloses Upperclass- Girl, die teuflischen Glamour-Freundinnen und Boyfriend Garret - sondern gerät auch in tödliche Gefahr. Denn nur der Mörder weiß, dass Emma nicht Sutton ist ...
Sara Shepard hat an der New York University studiert und am Brooklyn College ihren Magisterabschluss im Fach Kreatives Schreiben gemacht. Sie wuchs in einem Vorort von Philadelphia auf, wo sie auch heute lebt. Ihre Jugend dort hat die »Pretty Little Liars«-Serie inspiriert, die in 22 Länder verkauft wurde und die, ebenso wie ihre Reihe »Lying Game«, zum New York Times Bestseller wurde. Inzwischen wurde »Pretty Little Liars« mit großem Erfolg als TV-Serie weltweit ausgestrahlt.
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1 – Wie aus dem Gesicht geschnitten Emma Paxton trug ihre Leinentasche und ein Glas Eistee aus der Hintertür des Hauses ihrer neuen Pflegefamilie, das in einem Vorort von Las Vegas lag. Auf der nahen Autobahn rauschten Autos vorbei, und es roch stark nach Abgasen und der örtlichen Kläranlage. Die einzige Dekoration des Hintergartens bestand aus ein paar staubigen Hanteln, einem rostigen Insektenfänger und kitschigen Terrakottastatuen. Nicht zu vergleichen mit meinem Hintergarten in Tucson, einer gepflegten Wüstenlandschaft mit einer Holzschaukel, auf der ich früher Burgfräulein gespielt hatte. Wie gesagt erinnerte ich mich an die merkwürdigsten und unwichtigsten Details, alles Wichtige war aus meinem Gedächtnis verschwunden. Ich folgte Emma seit einer Stunde und versuchte, mir ein Bild von ihrem Leben zu machen und mich gleichzeitig an meines zu erinnern. Nicht, dass ich eine Alternative gehabt hätte. Wo sie hinging, ging auch ich hin. Mir war auch nicht klar, warum ich so viel über Emma wusste – während ich sie beobachtete, landeten die Fakten in meinem Kopf wie SMS in einem Posteingang. Ich kannte die Einzelheiten ihres Lebens besser als die meines eigenen. Emma ließ die Tasche auf den pseudo-schmiedeeisernen Gartentisch fallen, setzte sich in einen Plastik-Gartenstuhl und reckte das Gesicht zum Himmel. Das einzig Schöne an diesem Hintergarten war, dass er von den Casinos abgewandt lag und den Blick auf ein klares, unverbautes Stück Himmel freigab. Der Mond hing über dem Horizont wie eine aufgequollene blasse Waffel. Emmas Blick wanderte zu zwei hellen, ihr vertrauten Sternen im Osten. Mit neun Jahren hatte Emma den rechten Stern sehnsüchtig den Mom-Stern und den linken den Dad-Stern getauft. Den kleineren, hell strahlenden Punkt direkt unter ihnen hatte sie Emma-Stern genannt. Sie hatte sich viele Märchen zu diesen Sternen ausgedacht und so getan, als seien sie ihre wirkliche Familie, mit der sie eines Tages auch auf der Erde wieder vereint sein würde. Emma hatte den größten Teil ihres Lebens bei Pflegefamilien verbracht. Ihren Dad hatte sie noch nie gesehen, aber sie erinnerte sich an ihre Mutter, bei der sie bis zu ihrem fünften Lebensjahr gelebt hatte. Ihre Mom hieß Becky. Sie war eine grazile Frau, die gerne Glücksrad geschaut und dabei die Antworten gerufen hatte. Sie hatte im Wohnzimmer zu Michael-Jackson-Songs getanzt und Klatschblätter mit Storys wie »Kürbis gebiert Baby!« und »Fledermaus-Mensch lebt!« gelesen. Becky hatte für Emma in der Wohnanlage, in der sie lebten, Schnitzeljagden veranstaltet und ihr als Preis entweder einen gebrauchten Lippenstift oder ein Mini-Snickers gegeben. Sie hatte Emma im Secondhand-Shop Tutus und Spitzenkleider zum Verkleiden gekauft. Sie hatte Emma vor dem Schlafengehen aus Harry Potter vorgelesen und sich für jede Figur eine andere Stimme ausgedacht. Aber Becky war wie ein Rubbellos gewesen: Emma hatte nie gewusst, was sie von ihr zu erwarten hatte. Manchmal lag Becky den ganzen Tag mit verzerrtem und tränenüberströmtem Gesicht weinend auf der Couch. Manchmal zerrte sie Emma zum nächsten Kaufhaus und kaufte ihr alles doppelt. »Warum brauche ich zwei Paar gleiche Schuhe?«, fragte Emma dann. Und Becky antwortete mit abwesendem Gesichtsausdruck: »Falls das erste Paar schmutzig wird, Emmy.« Becky konnte auch sehr vergesslich sein – einmal ließ sie Emma versehentlich im Supermarkt zurück. Nach Luft ringend hatte Emma das Auto ihrer Mutter auf dem flirrend heißen Highway davonfahren sehen. Der Verkäufer an der Kasse hatte ihr ein Orangen-Wassereis gegeben, sie auf die Kühltruhe vor dem Laden gesetzt und dann ein paar Anrufe getätigt. Als Becky endlich zurückkam, hob sie Emma hoch und drückte sie fest an sich. Ausnahmsweise beschwerte sie sich auch nicht, als Emma ihr Kleid mit orangefarbenem Eismatsch bekleckerte. In einer Sommernacht nicht lange danach übernachtete Emma bei Sasha Morgan, ihrer Kindergartenfreundin. Als sie am Morgen erwachte, stand Mrs Morgan mit elendem Gesichtsausdruck an ihrer Tür. Offenbar hatte Becky einen Zettel unter der Haustür der Morgans durchgeschoben, auf dem stand, sie mache »einen kleinen Ausflug«. Ein ziemlich großer Ausflug, wie sich herausgestellt hatte – er dauerte nun schon dreizehn Jahre. Als niemand Becky finden konnte, übergaben Sashas Eltern Emma an ein Waisenhaus in Reno. Aber adoptionswillige Paare hatten kein Interesse an Fünfjährigen – sie wollten Babys, die sie in Miniaturversionen ihrer selbst verwandeln konnten –, also lebte Emma in Heimen und dann in Pflegefamilien. Obwohl sie ihre Mutter immer lieben würde, vermisste sie sie eigentlich nicht – zumindest nicht die depressive, manische oder verrückte Becky, die sie im Supermarkt vergessen hatte. Sie vermisste aber das Konzept einer Mutter: einer stabilen und verlässlichen Person, die ihre Vergangenheit kannte, sich auf ihre Zukunft freute und sie bedingungslos liebte. Emma hatte die Sternfamilie am Himmel nicht auf ihre Erinnerungen gegründet, sondern auf eine tiefe Sehnsucht. Die Glasschiebetür öffnete sich und Emma wandte den Kopf. Travis, der achtzehnjährige Sohn ihrer neuen Pflegemutter, stolzierte auf die Veranda und ließ sich auf dem Gartentisch nieder. »Sorry, dass ich vorher so ins Bad geplatzt bin«, sagte er. »Schon okay«, murmelte Emma düster und rutschte langsam von Travis’ ausgestreckten Beinen weg. Sie war ziemlich sicher, dass es Travis nicht leidtat. Er versuchte schon seit einiger Zeit mit beinahe sportlichem Eifer, sie nackt zu erwischen. Heute trug Travis eine blaue, tief ins Gesicht gezogene Baseballkappe, ein übergroßes Karohemd und weite Jeans-Shorts, deren Schritt ihm beinahe in den Kniekehlen hing. Lückenhafte Bartstoppeln bedeckten das Kinn seines spitznasigen, schmallippigen Gesichts mit den erbsengroßen Augen. Er war nicht männlich genug für richtigen Bartwuchs. Seine blutunterlaufenen braunen Augen waren lüstern zusammengekniffen. Emma spürte seinen Blick auf ihrem engen T-Shirt, ihren nackten, gebräunten Armen und ihren langen Beinen. Mit einem Grunzen griff Travis in seine Brusttasche, zog einen Joint heraus und zündete ihn an. Als er eine dicke Rauchwolke in ihre Richtung blies, erwachte der Insektenfänger zum Leben und vernichtete mit einem blauen Lichtblitz zischend einen weiteren Moskito. Wenn sich doch nur Travis auch so leicht loswerden ließe. Verpiss dich, du stinkst übelst, hätte Emma gerne gesagt. Kein Wunder, dass dich kein Mädchen zweimal anschaut. Aber sie biss sich auf die Zunge. Die Retourkutsche würde in ihren Ungesagte-Retourkutschen-Ordner wandern, eine Liste, die sie in einem schwarz gebundenen Notizbuch führte. Die Retourkutschen-Liste, kurz UR, bestand aus schlagfertigen, gehässigen Bemerkungen, die Emma gerne zu Pflegemüttern, gruseligen Nachbarn, gemeinen Klassenkameradinnen und einer Menge anderer Kandidaten gesagt hätte. Meist hielt Emma aber ihre Zunge im Zaum – es war einfacher, zu schweigen, keinen Ärger zu machen und sich in die jeweilige Art von Mädchen zu verwandeln, die eine Situation erforderte. Im Laufe der Jahre hatte Emma so ein paar beeindruckende Überlebensstrategien entwickelt: Als Zehnjährige hatte sie ihre Reflexe trainiert, um den Gegenständen auszuweichen, die ihr temperamentvoller Pflegevater Mr Smythe bei Wutanfällen um sich warf. Als Emma in Henderson bei Ursula und Steve gelebt hatte, zwei Hippies, die ihr eigenes Gemüse anbauten, aber keine Ahnung hatten, wie man es zubereitete, hatte Emma widerwillig den Küchendienst übernommen und gelernt, wie man Zucchinibrot, Gemüsegratin und leckere Pfannengerichte kochte. Emma war erst vor zwei Monaten bei Clarice eingezogen, einer alleinerziehenden Mutter, die als Barkeeperin in der VIP-Abteilung des M-Resort-Casinos arbeitete. Seitdem hatte Emma den Sommer damit verbracht, zu fotografieren und stundenlang Minesweeper auf dem alten BlackBerry zu spielen, den ihr ihre Freundin Alex noch in Henderson geschenkt hatte. Außerdem hatte sie einen Teilzeitjob. Sie bediente die Achterbahn im New-York-New-York-Casino. Und ansonsten versuchte sie, Travis so gut als möglich aus dem Weg zu gehen. Dabei hatte alles so gut angefangen. Zuerst hatte Emma versucht, sich mit ihrem neuen Pflegebruder anzufreunden. Nicht alle Pflegefamilien waren mies, und sie hatte schon mehrmals mit den anderen Kids Freundschaften geknüpft. Es hatte sie allerdings immer eine Menge Kraft gekostet. Sie hatte Interesse an all den YouTube-Videos geheuchelt, die Travis sich anschaute, meistens Anleitungen für Kleinkriminelle: Wie schließt man ein Auto mithilfe eines Handys kurz? Wie knackt man einen Getränkeautomaten? Wie öffnet man ein Vorhängeschloss mit einer Bierdose? Emma hatte sich schweren Herzens mit Travis ein paar Ultimate-Fighting-Showkämpfe im Fernsehen angeschaut und sogar versucht, sich das Wrestling-Vokabular anzueignen. Ihre Versuche, nett zu sein, endeten allerdings eine Woche später, als Travis versuchte, sie zu befummeln, während sie vor dem offenen Kühlschrank stand. »Du warst so nett zu mir«, hatte er ihr ins Ohr gemurmelt, bevor Emma ihm »versehentlich« in die Eier trat. Sie wollte hier nur ihr letztes Schuljahr überstehen. Heute war Labor Day, und die Schule fing am Mittwoch wieder an. Sie hatte die Option, nach ihrem achtzehnten Geburtstag in zwei Wochen bei Clarice auszuziehen, aber das würde bedeuten, die Schule aufzugeben, sich eine Wohnung zu suchen und einen Vollzeitjob anzunehmen, um die Miete zu bezahlen. Clarice hatte Emmas Sozialarbeiterin gesagt, sie könne bis zu ihrem Schulabschluss...